Sommerhitze: Droht uns ein Versorgungsengpass?

Niedrigwasser und Brände blockieren zentrale Transportwege für den Güterverkehr

Das akute Niedrigwasser der Flüsse belastet die Binnenschifffahrt. Waldbrände führen zu Ausfällen im Bahnverkehr. Das kann in Zeiten von ohnehin gestörten Lieferketten weitreichende Folgen für die Wirtschaft und damit auch für die Verbraucherpreise haben.

Fluss mit deutlich gesunkenem Wasserpegel und ausstehenden Sandbänken

Aufgrund der anhaltend hohen Temperaturen tragen viele Flüsse in Deutschland sehr wenig Wasser. Da die Frachtschiffe wegen der Gefahr der Grundberührung immer weniger laden können, könnten sich die Fahrten bald nicht mehr lohnen. Viele von ihnen sind derzeit mit weniger als der Hälfte der üblichen Ladung unterwegs, auf manchen Teilen des Rheins nur noch mit einem Drittel oder einem Viertel.

Allein im Jahr 2021 beförderte die deutsche Binnenschifffahrt rund 195 Millionen Tonnen Güter. Mehrere Industriezweige hängen besonders von ihr ab: Das betrifft die Stahl- und die chemische Industrie ebenso wie die Mineralölwirtschaft und die Kohlekraftwerke. Für viele Unternehmen sind die Kapazitäten gerade entlang der Wasserstraßen kurzfristig nicht zu ersetzen. Sie müssen ihre Fracht nun auf mehrere Schiffe verteilen. Darüber hinaus haben sich die Kosten zum Teil verfünffacht: So stiegen die Preise auf manchen Strecken Anfang August 2022 auf etwa 94 Euro pro Tonne. Noch im Juni lag der Preis bei rund 20 Euro pro Tonne.



Neben Flüssen auch Schienen und Straßen betroffen

Die Hitze ist aber nicht nur für die Flüsse problematisch. In fast allen deutschen Bundesländern lodern seit Wochen Waldbrände und behindern den Transport auf der Schiene. Das betrifft sowohl den Personen- als auch den Güterverkehr. Die Auswirkungen sind zwar nicht so drastisch wie für den Binnenverkehr auf den Flüssen. Dennoch kommt es immer wieder zu Umleitungen, Unterbrechungen und anderen Verzögerungen.

Die Konsequenzen der Hitze können sich für den Bahnverkehr noch sehr viel weitreichender auswirken: Liegen die Temperaturen über einen längeren Zeitraum auf hohem Niveau, können sich die Schienen verbiegen. Das stört langfristig die Betriebsabläufe. Außerdem leidet bei Asphaltstraßen vor allem die oberste Schicht der Fahrbahnbefestigung. Sie kann sich bei anhaltender Hitze verformen und Spurrinnen bilden.

Was das genau für Menschen und Unternehmen in Deutschland heißt, erklärt Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank.

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3 Fragen zu Geld an
Dr. Ulrich Kater
Chefvolkswirt der Deka

Herr Dr. Kater, die Hitze soll bis in den September hinein anhalten und erst im Herbst soll es wieder öfter regnen. Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung für die Wirtschaft und damit auch für die Menschen in Deutschland?

Die Hitzewelle verschärft die aktuellen Probleme Deutschlands einer hohen Inflation bei gleichzeitig schwachem Wachstum. So führt beispielsweise das Niedrigwasser zu einer eingeschränkten Versorgung der Industrie mit Vorprodukten und damit zu Produktionsdrosselungen. Gleichzeitig hemmt es die Energieerzeugung, weil Energierohstoffe nicht in ausreichendem Maße bei den Kraftwerken ankommen, und weil zudem weniger Kühlwasser aus den Flüssen entnommen werden kann. Dies alles belastet das schwache Wachstum zusätzlich. Zugleich wird die Inflation durch die steigenden Binnenfrachtraten wie auch die dürrebedingten Ernteausfälle zusätzlich befeuert.

Welche alternativen Transportwege gibt es? Sind sie preislich mit der Binnenschifffahrt vergleichbar?

Grundsätzlich besteht die Möglichkeit, zumindest Teile der Fracht über die Schiene oder die Straße zu transportieren. Es gilt aber zu beachten, dass man für die Verladung eines Schubverbands mit 7000 Tonnen auf die Schiene 175 Waggons benötigt. Auf der Straße wären 280 LKWs notwendig. Die Transportkosten würden bei Verlagerung auf die Schiene oder Straße zunehmen.

Auf welches Szenario müssen wir uns in den kommenden Jahren einstellen?

Der Klimawandel führt dazu, dass die starken Westwinde in der Höhe, Jetstream genannt, an Kraft verlieren. Dadurch kommt es im Sommer zu länger anhaltenden, gleichbleibenden Witterungsphänomen, also langen Hitze- oder langen Regenperioden. Man muss sich darauf einstellen, dass Hitzeperioden wie 2018 oder die aktuelle ein wiederkehrendes und häufigeres Phänomen sein werden.

(Stand: 23.08.2022)


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