Virusmutante aus Indien: Sind die geplanten Corona-Lockerungen gefährdet?

Wie ansteckend die Variante B.1.617 ist, ob die Impfungen schützen, was Experten sagen

Die sogenannte indische Corona-Variante B.1.617 ist laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) inzwischen in mehr als 40 Ländern angekommen – auch in Deutschland. In Großbritannien beispielsweise breitet sie sich immer stärker aus. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) steigt der Nachweis der Mutante seit ein paar Wochen auch hierzulande kontinuierlich – bisher aber auf niedrigem Niveau. Seit Kurzem wird die Variante als besorgniserregend eingestuft. Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten zu B.1.617 zusammengetragen.

FAQ Coronavirus-Mutation

Das Wichtigste in Kürze:

  • Alle Viren mutieren, aber nicht alle Mutanten sind gefährlich.
  • Die sogenannte indische Virusvariante B.1.617 verbreitet sich rasant.
  • Auch in Deutschland steigt ihr Nachweis – der Anteil ist aber noch gering.
  • Ob B.1.617 resistenter gegen vorhandene Impfstoffe ist, wird noch untersucht. Der Virologe Christian Drosten und andere Expertinnen und Experten sind aber optimistisch.
  • Öffnungsschritte in Deutschland hängen vom weiteren Verlauf der Ausbreitung von B.1.617 ab.

Warum gibt es Virusmutationen?

Viren mutieren, das ist ganz normal. Sie haben zwei Ziele: sie wollen überleben und sich vermehren. Bei der Vermehrung wird ein Virus ständig kopiert. Dabei passieren Kopierfehler. In der kopierten Virusvariante sind dann zufällige Veränderungen zu finden, die sogenannten Mutationen. Viele dieser kopierten Virusvarianten sind schwächer als das Original-Virus und verschwinden ohne nennenswerte Auswirkungen wieder. Einige Mutationen setzen sich aber gegen das Original-Virus durch. Sie können dann z. B. mehr Menschen anstecken oder sind resistenter gegen vorhandene Impfstoffe. So eine Mutation hat seine Ziele Vermehrung und Überleben erreicht – das ist gut für das Virus, aber gegebenenfalls schlecht für die Menschen.

Auch das Coronavirus SARS-CoV-2 ist seit Beginn seiner Zirkulation im Menschen bereits vielfach mutiert. Einige Variationen dieser Mutanten stehen aufgrund ihrer Eigenschaften unter Beobachtung oder werden als besorgniserregend eingruppiert.

Wann wird eine Coronavirus-Mutation als besorgniserregende Virusvariante (Variants of Concern, VOC) eingestuft?

Seit dem 11. Mai 2021 zählt die WHO auch die indische Variante B.1.617 inklusive ihrer Untervarianten B.1.617.1; B.1.617.2 und B.1.617.3 zu den VOC.

Nach Angaben der WHO werden Virusvarianten in die Kategorie besorgniserregende Virusvariante eingeteilt, wenn sie verschiedene Mutationen mit besonderen Eigenschaften aufweisen, die sich von den herkömmlichen Virusvarianten unterscheiden. Das kann beispielsweise eine:

  • höhere Übertragbarkeit und somit eine schnellere Ausbreitung,
  • Veränderung des klinischen Erscheinungsbildes oder
  • reduzierte Empfindlichkeit gegenüber Impfstoffen sein.

Bekannte Varianten von Sars-CoV-2, die als besorgniserregend eingestuft werden:

  • Variante B.1.351: Erstmalig nachgewiesen im Mai 2020 in Südafrika
  • Variante B.1.1.7: Erstmalig nachgewiesen im September 2020 in Großbritannien
  • Variante B.1.617: Erstmalig nachgewiesen im Oktober 2020 in Indien
  • Variante B.1.1.28.1: Erstmalig nachgewiesen im November 2020 in Brasilien

Wie verbreitet ist die indische Variante derzeit in Deutschland?

Die zuerst in Indien entdeckte Corona-Variante B.1.617 wird nach einem Bericht des RKI vom 19. Mai 2021 zunehmend auch in Deutschland nachgewiesen. Bisher ist die Verbreitung mit einem Anteil von 2 Prozent an den untersuchten positiven Proben aber gering, wie das RKI schreibt. In der Vorwoche waren es 1,5 Prozent.

Dagegen ist die britische und hierzulande schon länger dominierende Variante B.1.1.7 mit einem Anteil von 87 Prozent leicht zurückgegangen. Die Variante wird ungefähr bei 9 von 10 positiven Fällen festgestellt und bleibt die derzeit am häufigsten gefundene.

Ist die indische Virusvariante deutlich ansteckender als andere Varianten?

Laut WHO gebe es Hinweise, dass die Virusvariante B.1.617 ansteckender und eventuell auch stärker gegen Antikörper gewappnet sei.

Laut dem Expertengremium SAGE (Scientific Advisory Group for Emergencies), das die britische Regierung berät, könnte die indische Variante um bis zu 50 Prozent ansteckender sein als die bisher in Großbritannien dominierende und als sehr ansteckend geltende britische Mutante B.1.1.7. Die Zahl der positiv bestätigten Fälle mit B.1.617 hat sich in Großbritannien innerhalb einer Woche fast verdreifacht. Expertinnen und Experten mutmaßen, dass sich die Variante dort bald als dominant durchsetzen wird.

Muss ich mit einem schwereren Krankheitsverlauf rechnen, wenn ich mich mit B.1.617 infiziere?

Bisher deuten die verfügbaren Daten aus Indien bei Infektionen mit B.1.617 auf keinen schwereren Krankheitsverlauf oder auf höhere Sterblichkeit hin. Die erhöhte Sterblichkeit in Indien könnte laut WHO auch auf die Überlastung der Kliniken zurückzuführen sein.

Wie bewerten Experten die Impfwirkung gegen die indische Virusvariante?

Kein Impfstoff wirke zu 100 Prozent. Ob B.1.617 tatsächlich eine höhere Resistenz gegen Impfstoffe aufweise, ist derzeit aufgrund der dünnen Datenlage noch nicht eindeutig festzustellen. Nach Einschätzung der Virologin Sandra Ciesek könnte die indische Virusvariante die Wirkung der Corona-Impfung schwächen. Von einem „vollständigen Versagen der Impfungen“ geht sie aber derzeit nicht aus, wie sie im NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update“ sagte.

Auch der Biontech-Chef Ugur Sahin vermutet, dass das BioNTech/Pfizer-Vakzin gegen die indische Variante B.1.617 wirkt.

Der Virologe Christian Drosten äußerte sich im NDR-Podcast optimistisch, was die nächsten Impfstoffgenerationen angeht. Ihm zufolge reiche „ein leichtes Update“ der bestehenden Vakzine, um „die meisten Immunescape-Mutanten“ (umgehen menschliche Immunabwehr, Anm. d. Red.) zu erfassen.

Neil Ferguson, Epidemiologe am Imperial College London, sagte im BBC Radio, dass die derzeit verfügbaren Impfstoffe auch bei der indischen Mutante gegen einen schweren Krankheitsverlauf schützen würden.

Europa-Direktor der WHO, Hans Kluge, betonte am 20. Mai 2021 auf einer Pressekonferenz, dass die bisher zugelassenen Corona-Impfstoffe gegen alle derzeit grassierenden Varianten des Covid-19-Erregers wirksam seien – egal ob indisch, britisch oder brasilianisch.

Sind die geplanten Öffnungsschritte in Deutschland durch B.1.617 gefährdet?

Ob die indische Virusvariante die geplanten Öffnungsschritte hierzulande ähnlich wie in Großbritannien ausbremsen könnte, ist laut Virologin Ciesek derzeit noch ungewiss. Die Ausbreitung der Mutation in Deutschland müsse weiter beobachtet werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnte zur Vorsicht: Öffnungsschritte sollten gut durchdacht werden, da sich die indische Variante B.1.617 schneller ausbreite als die derzeit dominierende britische Variante B.1.1.7.

(Stand: 21. Mai 2021)


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