Corona: Vier-Punkte-Plan für den Exit aus der Zwangspause

So kann die Rücknahme der Eindämmungsmaßnahmen nachhaltig gelingen

Die Debatte über den Exit aus den Corona-Maßnahmen ist in vollem Gange. Viele Menschen und vor allem Wirtschaftsvertreter wünschen sich die Rückkehr zur Normalität. Aber Bundeskanzlerin Angela Merkel und führende Virologen warnen vor „leichtfertigen Schritten“. Die Landesbank Baden-Württemberg hat einen Vier-Punkte-Plan entwickelt, wie der Exit gelingen kann.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Die jüngsten Zahlen stimmen hoffnungsvoll: Die Reproduktionsrate liegt in Deutschland bei unter 1,0.
  •  Erste Lockerungen vereinfachen das Leben der Menschen und beleben die Wirtschaft.
  • Kanzlerin Merkel und Virologen warnen aber vor einer neuen Infektionswelle.
  • Volkswirte hingegen mahnen eine Rückkehr zur Normalität an, um die Wirtschaft vor einem Zusammenbruch zu bewahren.
  • Landesbank Baden-Württemberg legt Szenario zur Konjunkturbelebung vor, ohne Eindämmung zu riskieren.

Ausgangssituation

Die Corona-Infektionswelle hat in Deutschland mittlerweile deutlich nachgelassen. Laut Informationen des Robert-Koch-Instituts liegt die Anzahl der Personen, die ein Corona-Infizierter im Durchschnitt ansteckt (Reproduktionsrate), bei 0,9. Seit dem 22. März lag der Wert um 1.

Damit befinden wir uns in dem von der Bundesregierung vorgegebenen Rahmen, der die Aufnahme bestimmter Wirtschaftstätigkeiten wieder ermöglicht. In den vergangenen Tagen sind die Stimmen nach weiteren Lockerungen aber immer drängender geworden.

Menschen demonstrierten dafür sogar in der Öffentlichkeit. Doch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Virologen warnen, dass eine zu schnelle Rücknahme der Maßnahmen weiterhin massiv Menschenleben gefährden könnte.

„Wir leben nicht in der Endphase der Pandemie“

Angesichts der Zahlen des Robert Koch-Instituts sprach Merkel in der ersten Regierungserklärung im Bundestag seit Beginn der Corona-Krise zwar von einem Zwischenerfolg. Doch dieser sei zerbrechlich: „Wir bewegen uns auf dünnem Eis“, sagte sie und warnte davor, sich zu schnell in falscher Sicherheit zu wiegen.

„Wir leben nicht in der Endphase der Pandemie“, betonte die Bundeskanzlerin. Die Bevölkerung werde sich noch lange mit dem Virus und den Einschränkungen im öffentlichen Leben arrangieren müssen.

Corona-Experte befürchtet neue Infektionswelle

Der Virologe Professor Christian Drosten befürchtet sogar, dass die erreichten Verbesserungen der vergangenen Wochen wieder verspielt werden könnten. „Wir gehören zu den ganz wenigen Ländern weltweit, bei denen die Zahlen wirklich rückläufig sind“, betont Drosten.

Durch den Umgang der Menschen mit den ersten Lockerungen würde es ihn aber nicht wundern, „wenn wir im Mai und in den Juni hinein eine Situation haben, die wir nicht kontrollieren können.“

Zwangspause führt Deutschland in schwere Rezession

Volkswirte und Wirtschaftsvertreter betonen hingegen, die Corona-Zwangspause fordere ihren Preis in Form einer schweren Rezession:

  • Noch Mitte April hatte der Sachverständigenrat Wirtschaft der Bundesregierung bei einer schnellen Erholung mit einem Einbruch der Wirtschaft im laufenden Jahr von minus 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gerechnet.
  • Ende des Monats bewertet die Bundesregierung die Lage ganz anders und rechnet mit einem Rückgang des BIP um 6,3 Prozent.
  • Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hält hingegen sogar ein Minus von nahezu 30 Prozent für möglich.
  • LBBW Research, die Forschungsabteilung der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), geht derzeit von minus sieben Prozentpunkten aus. Jeder weitere Monat verringere das BIP aber um zusätzliche 2,5 Prozentpunkte.

Zur Einordnung: Im Zuge der Finanzkrise 2008/2009, der bis dahin größten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit, sank Deutschlands BIP 2009 um 5,7 Prozent.

Balkendiagramm: Bruttoinlandsprodukt-Einbußen verschiedener Länder

Konjunktur neu starten – ohne auf Schutz und Vorsorge zu verzichten

In ihrer Studie „Wann und wie der Exit aus der Zwangspause gelingen kann“ urteilen die LBBW-Analysten daher, dass der Konjunkturmotor so schnell wie möglich wieder angelassen werden müsse. Da die Wirtschaft aber nicht ohne Rücksicht auf die Gesundheit wieder hochgefahren werden könne, müsse zuvor ein Maßnahmenbündel für Schutz und Vorsorge bereitstehen.

Die Beispiele China und Südkorea zeigen LBBW Research zufolge, dass eine Eindämmung mit einer sinkenden Anzahl an Infizierten auch bei allmählichem Hochfahren der Produktion gelingen kann. Die Zahl der bestätigten Erkrankten auf der Welt nehme insgesamt zwar weiter rasch zu. Aber die Zahl der Neuinfizierten in China, Südkorea und einigen Ländern Europas zeigt erfreuliche Stabilisierungstendenzen.

Grafik: Entwicklung der Pandemie in verschiedenen Ländern

Das Vier-Punkte-Exit-Szenario

Die schrittweise Rückkehr zur Normalität für Menschen und Wirtschaft ist LBBW Research zufolge dann möglich, wenn

  • neue Infektionen schnell erkannt und eingedämmt werden können und
  • sichergestellt ist, dass das Gesundheitssystem auch mit erst einmal wieder ansteigenden Fallzahlen zurechtkommt.

Wie das konkret aussehen kann, haben die Analysten in ihrem Exit-Szenario erarbeitet:

Der Vier-Punkte-Plan der LBBW für den Ausstieg

  1. Im ersten Schritt werden Wirtschaftsbereiche mit niedriger Ansteckungsgefahr sowie mit einer großen Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft ausgewählt. Diese Geschäfte und Betriebe dürften zuerst wieder öffnen – begleitet von Schutzmaßnahmen zur Ansteckungsvermeidung wie der Begrenzung der Zahl der Kunden in einem Geschäft oder einer Tragepflicht von Mundschutz.
  2. Großflächige Screenings der Bevölkerung müssen zeigen, ob dadurch die Infektionszahlen wieder ansteigen. Sie ermöglichen, neue lokale Infektions-Cluster rasch zu erkennen und mit lokalen Ausgangssperren oder neuerlichen Schulschließungen zu isolieren.
  3. Weiterhin sollen die Menschen am Social Distancing im Privatleben festhalten, um das Risiko zu senken, dass Risikogruppen gefährdet oder der Virus in die Betriebe eingeschleppt werde.
  4. Ebenso wichtig ist deshalb, die Bevölkerung regelmäßig über die Bedeutung von Kontaktvermeidung und Hygienemaßnahmen zu informieren.

Ein endgültiges Ende der Corona-Krise wird es den Analysten zufolge erst bei einer breiten Impfung der Bevölkerung geben. Das heißt, ein Impfstoff muss entwickelt, freigegeben und in ausreichender Menge produziert werden. Damit ist ihrer Ansicht nach im ersten Halbjahr 2021 zu rechnen.

„Wir brauchen klare Regelungen und Vorgaben um einen Rückschlag zu verhindern“

Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW)
Interview zu einem erfolgreichen Exit aus der Zwangspause
Uwe Burkert
Chefvolkswirt der LBBW

Die Bundes- und Landesregierungen sind sich noch uneins über die nächsten Schritte einer Rücknahme der Corona-Maßnahmen. Halten Sie weitere Lockerungen für sinnvoll?

Ja, ich halte sie für sinnvoll und möglich. Voraussetzung ist aber neben einer Maskenpflicht im öffentlichen Raum eine Tracking-App, die hilft, lokale Infektionsherde auch lokal zu isolieren. Wenn wir hier nicht Ja sagen, können wir auch nicht Ja sagen zu weiteren großzügigeren Öffnungsschritten.

Andere Länder haben diesen Schritt bereits gewagt. Kann sich Deutschland daran orientieren?

Zunächst sind wir Vorbild in Sachen Intensivbettenversorgung, was eine wesentliche Voraussetzung für eine Lockerung überhaupt ist. Aber wir können von Südkorea einiges lernen. Das Land ist sehr erfolgreich in Sachen lokaler Infektionseindämmung.

Das Zusammenwirken aus Schutzmaßnahmen und Tracking eröffnet die Chance für zielgerichtetes, schnelles, konsequentes Handeln. Gerade Südkorea zeigt aber auch, dass immer wieder mit Rückschlägen zu rechnen ist. Die Situation dort ist brüchig stabil.

Wann ist Ihrer Meinung nach der richtige Zeitpunkt für weitere Lockerungen?

Die Bundesregierung entscheidet ja aktuell im zwei Wochen-Rhythmus. Dies ist der Inkubationszeit geschuldet, da man immer erst nach rund zwei Wochen erkennt, ob Maßnahmen greifen oder ob es wieder schlimmer wird. Das ist eine sehr lange Zeit.

Wir müssen umfassend und bis dahin repräsentativ testen, um die Wirkung besser und vor allem früher abschätzen zu können. Das bedeutet, dass wir bis dahin immer nur scheibchenweise weitergehen können oder eben auch wieder Maßnahmen – hoffentlich nur lokal – zurücknehmen müssen.

Um die Nachfrage sicherzustellen, sollte die Beschäftigungslage weitestgehend stabil bleiben.
Uwe Burkert, Chef-Volkswirt der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW)

Welche Vorteile und welche Risiken sehen Sie in einer Lockerung?

Die Vorteile liegen in der Normalisierung des öffentlichen Lebens, damit der Wiederbelebung der Nachfrage und somit des Wirtschaftsgeschehens. Die Nachteile bestehen in einem Rückschlagrisiko, das zu einem wiederholten völligen Stillstand führen könnte.

Dieses Risiko gilt es auf der einen Seite mit Disziplin und gegenseitigem Respekt voreinander zu verringern, und wo das nicht passiert, entsprechend mit staatlichen Sanktionen dieses aus gesundheitlichen Gründen erwünschte Verhalten durchzusetzen.

Wie kann der Exit aus der Zwangspause gelingen?

Für Dienstleistung und Handel muss größtmögliche Transparenz und Verlässlichkeit seitens der Politik und der Behörden hergestellt werden. Klare Regelungen, aber auch klare Vorgaben, auch was das Testen der Belegschaft angeht. Dann kann der Betrieb – zwar eingeschränkt, aber doch stetig – wieder aufgenommen werden.

In der Produktion müssen die Lieferketten verlässlich stehen. Hierzu ist eine ausreichende Lagerbildung notwendig, aber auch ein europäischer Grundkonsens über die Bedeutung und Vorrangigkeit der Lieferketten.

Um die Nachfrage sicherzustellen, sollte die Beschäftigungslage weitestgehend stabil bleiben, das öffentliche Leben mit Maskenpflicht absolviert werden und eine Tracking-App verpflichtend zu nutzen sein.

Wie sieht Ihre Prognose aus: Wann kehren wir zurück zur Normalität?

Eine Normalität, wie wir sie noch Ende 2019 hatten, werden wir nicht wiederbekommen. Corona beschleunigt Trends, die sich schon vorher abgezeichnet haben, zum Beispiel in der Digitalisierung oder in der Globalisierung.

Corona führt aber auch dazu, dass das bisherige System hinterfragt wird. Ich befürworte eine Rückkehr zu einer ordo-liberalen Marktwirtschaft: Sie sorgt durch starke Leitplanken für sozialen Ausgleich und umweltpolitische Vernunft. Damit wäre die Krise gleichzeitig eine riesige Chance, um wieder mehr Dynamik zu entfalten.

(Stand: 28.04.2020)


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