„Es ging nicht ums Geld, sondern um den Kick“

Die ehemaligen Meisterfälscher Helene und Wolfgang Beltracchi im Podcast „Reden ist Geld“ von Sparkasse und detektor.fm

Die Beltracchis sind die erfolgreichsten Kunstfälscher unserer Zeit. Wolfgang malte Bilder, die das Paar als verschollene Werke weltberühmter Künstler ausgab. Helene erfand Sammlungen, aus denen die Bilder stammen sollten und übernahm den Vertrieb. Sie verdienten Millionen. Dann flog alles auf. Es folgten Gefängnis und Privatinsolvenz. Im Interview sprechen sie über diese Zeit und wie es ihnen heute geht.

„Reden ist Geld" – der Podcast

Über Geld spricht man nicht? Pah! Im Podcast „Reden ist Geld" trifft sich Nina Sonnenberg mit bekannten Personen, um mit ihnen über das Thema zu sprechen, über das selten jemand öffentlich reden will. Hier hört ihr ganz persönliche Geschichten. Können wir nicht alle von mehr Offenheit beim Thema Geld profitieren?

Statt Kunststudium hieß es: Sex, Drugs und Pinsel

Wolfgang Beltracchi fing schon früh mit dem Malen an. Mit 12 Jahren malte er äußerst überzeugend einen Picasso nach. Sein Vater, selbst Kirchenmaler, war so verblüfft, dass er  zwei Jahre lang keinen Pinsel mehr anrührte. Mit seinen eigenen Werken war Wolfgang bereits als junger Mann erfolgreich: „Bis zu 10.000 DM habe ich damals für ein Bild bekommen, das war in den 70ern sehr viel Geld“, berichtet er.

Er studierte Kunst, brach das Studium ab, es langweilte ihn. Mit den Unterschriften berühmter Maler unter seinen Bildern konnte er mehr Geld verdienen als mit den eigenen – die wilde Zeit begann. Wolfgang wohnte in Kommunen, war immer unterwegs: „Von 1968 bis 1980 war ich ein Freak“, sagt er. Wenn er Geld brauchte, malte er ein Bild, verkaufte es auf dem Flohmarkt und reiste weiter.

Der Grund für die Kunstfälschungen war nicht das Streben nach Reichtum: „Um Geld zu verdienen, brauchte ich nicht zu fälschen. Es machte mir Spaß. Nur von meiner eigenen Kunst zu leben, war langweilig“, erinnert er sich.

Wolfgang machte sich ein dickes Stück Kuchen mit Sahne und erzählte mir, was sein wahrer Job ist.
Helene Beltracchi

Komplizin aus Liebe

1992 begegneten sich Helene und Wolfgang und verliebten sich. „Ich war seit zehn Jahren in einer Beziehung und fuhr in eine Einbahnstraße. Dann lernte ich diesen Typen kennen und dachte: Wow, der ist aber spannend, den will ich haben“, erinnert sich Helene.

Nach einer Woche erzählte Wolfgang ihr von seinem kriminellen Beruf. Sie hätte ihn anzeigen können. Helene war aber so fasziniert von ihm, dass sie blieb. Ein Jahr später heirateten sie: „Ich war davor ein ganz normaler, konservativer Mensch. Ich hatte mein Sparkonto, mein abbezahltes Auto, ein gutes Einkommen, eine Ausbildung“, erzählt sie.

In Frankreich können sie nackt auf den Tisch springen, aber jemanden fragen, woher er sein Geld hat, wäre ein absoluter Affront.
Wolfgang Beltracchi

Von nun an täuschten sie den Kunstmarkt jahrzehntelang gemeinsam – mit über 300 Bildern. Helene übernahm den Vertrieb, erfand Gemäldesammlungen, unter anderem die „Sammlung Werner Jägers“, der ihr Großvater war. Wolfgang füllte die Sammlungen mit dem Pinsel, mit vermeintlich signierten Bildern von Max Ernst, Heinrich Campendonk oder Max Pechstein. Die Beltracchis verdienten Millionen mit den Fälschungen. Sie zogen nach Frankreich, genossen den Luxus auf ihrem mondänen Anwesen mit endlosen Gelagen im Garten und gaben sehr viel Geld für das Pflanzen Tausender Bäume aus. Wie genau sie zu so viel Geld gekommen sind, fragte damals keiner.

Es war schon eine Form von Anarchie – die ist familiär bedingt.
Helene Beltracchi

Mit der falschen Farbe flog alles auf

2010 war das schöne Leben vorerst vorbei. Überführt von modernem Titanweiß, das Beltracchi bei einem Bild verwendet hatte, dass es zur angeblichen Entstehungszeit eines bestimmten Werkes aber noch gar nicht gab. Sie gingen als Millionäre in U-Haft und kamen Monate später wieder aus dem Gerichtssaal heraus: privatinsolvent, in der Tasche nur 7,50 Euro für den Bus zum Sozialamt.

„Wir hatten keine Wohnung, kein Auto, keine Kreditkarten, kein Bankkonto, kein Telefon und 20 Millionen Euro Schulden – die bringen dich im Knast auf Null“, sagt Wolfgang.

Ich habe Bärchen gehäkelt – in einer Runde von Mörderinnen.
Helene Beltracchi

Verurteilt wurde er zu sechs, sie zu vier Jahren – im offenen Vollzug. Die Zeit im Gefängnis erlebten beide unterschiedlich. Wolfgang war immer recht gelassen, wie er sagt, er zeichnete Mitgefangene und hatte dadurch viele Unterstützer.

Helenes Erfahrungen waren andere: „Bei den Frauen war alles strenger, die hatten viel weniger Freiheiten – weil sie im Strafrecht nicht vorkommen. Zusätzlich fehlt dir der wichtigste Mensch. Du weißt nicht, wann du ihn wiedersiehst. Und das tut richtig weh.“

Die Schweizer zahlen bar

Das Paar lebt heute in einem kleinen Dorf in der Schweiz. Es ist so etwas wie eine kleine Pilgerstätte für Neugierige geworden, erzählen sie. Die Menschen, die vorbeikommen, wollen sehen, wie die Beltracchis wirklich sind.

Seit der Freilassung verdienen sie wieder viel Geld – unter anderem mit Bildern, Büchern, Dokumentationen und Fernsehauftritten. Damit zahlen sie ihre Schulden ab. „Ich habe noch nie so viel gearbeitet wie in den vergangenen zehn Jahren“, sagt Wolfgang. Jetzt verkauft er die Bilder auf legale Art und Weise – mit seiner eigenen Unterschrift.

Ums Geld kümmert sich heute hauptsächlich Helene. „Ich beschäftige mich nicht mit so profanen Dingen. Ich brauche ja nie Geld“, sagt Wolfgang. In der Schweiz spielt Geld noch eine andere Rolle, erzählt Helene: „Wenn ich in der Sparkasse um die Ecke Bargeld hole, stehen am Montag häufig die Geschäftstreibenden mit Eimern voll Bargeld in der Schlange. Die laden da einige Hunderttausend Franken auf die Theke.“

Ich verkaufe jedes Bild
Wolfgang Beltracchi

Heutzutage erzielt Wolfgang Beltracchi für seine eigenen Bilder Summen zwischen 100.000 und 180.000 Euro. Für große Bilder sogar bis zu 300.000 Euro.

Welche Bedeutung Ringe aus Kaugummiautomaten in ihrem Leben haben, warum sie die Kinder allein unterrichteten und welche Rolle Geld im Gefängnis spielt, auch darüber sprechen sie mit Nina Sonnenberg im Podcast-Interview.

Hören Sie doch mal beim Podcast „Reden ist Geld“ von Sparkasse und detektor.fm rein.

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