Deutschland in Sorge: Der Herbst naht, das Coronavirus bleibt

Was ist dran an den Warnungen vor einer zweiten Infektionswelle?

Deutschland konnte durch die früh ergriffenen Maßnahmen die Corona-Welle in diesem Frühjahr vergleichsweise gut kontrollieren. Der zeitige und relativ kurze Lockdown hat der Wirtschaft viel Schaden erspart. Nun steigen die Infektionszahlen wieder – wenn auch bei einer steigenden Zahl an Tests und mit ihnen die Angst vor neuen Einschränkungen. Was bedeutet das für uns und für die Wirtschaft?

Leeres Cafe mit hochgestellten Stühlen

Infektionszahlen im Fokus

In vielen Ländern steigen die Infektionszahlen derzeit – unterschiedlich stark und häufig lokal – wieder an. Das Auswärtige Amt hat am Freitagabend ganz Spanien – mit Außnahme der Kanaren – zum Risikogebiet erklärt. Betroffen ist somit auch die beliebte Urlaubsinsel Mallorca. Auch Frankreich verzeichnet neue Rekordzahlen seit dem Ende der Ausgangssperren.

In Australien und Südkorea dachte man bereits, das Virus überstanden zu haben. Plötzlich verzeichnen diese Länder so hohe Fallzahlen, dass die Regierungen den Notstand ausriefen.

Die Ausbreitung des Coronavirus ist nach wie vor unberechenbar und das Virus nicht weniger gefährlich als am Anfang der Pandemie.

Auch die zum Teil riesigen Unterschiede im Infektionsgeschehen zwischen einzelnen Ländern können Virologen nicht immer nachvollziehen.

Wie alles zusammenhängt und welche Vorgehensweisen gegen das Virus schließlich am erfolgreichsten sein werden, wird man wohl erst in ein paar Jahren wissen. Zugelassene Medikamente oder Impfstoffe gegen Covid-19 existieren bisher nicht.

Das ist keine Welle, das ist ein großes Durcheinander.
Medizinstatistiker Gerd Antes im Gespräch mit "SWR Aktuell"

Erste, zweite, dritte oder Dauerwelle: Wo steht Deutschland?

Auch Deutschland verzeichnet seit ein paar Wochen wieder vermehrt Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Im ganzen Land gebe es inzwischen viele kleinere und größere Ausbrüche, bei denen die Ansteckungswege nicht mehr so einfach nachzuverfolgen seien, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn im Deutschlandfunk.

Das Robert Koch-Institut (RKI) gibt die heutige Zahl (Stand: 14.08.2020) der Neuinfektionen innerhalb eines Tages mit 1.449 an. Das ist der höchste Stand seit drei Monaten. Bei rund 83 Millionen Einwohnern in Deutschland ist die Zahl aber gering. Wichtig ist, die Infektionsraten klein zu halten und ein exponentielles Wachstum unbedingt zu vermeiden.

Als Gründe für den Anstieg werden unter anderem vermutet: Reiserückkehrer aus Risikogebieten, mehr Tests, weniger Sorgfalt der Menschen bei präventiven Maßnahmen wie Hände waschen und den (richtigen) Gebrauch einer Mund-Nase-Bedeckung.

Angesichts dieser Tatsachen warnt die Bundesregierung vor nachlassender Wachsamkeit. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, man sei wegen der Entwicklung der Zahlen besorgt. Vor allem seien unter den Infizierten deutlich mehr Jüngere, die das Virus schnell weitertragen könnten.

Was bedeutet das hinsichtlich einer möglichen zweiten Welle?

Laut Ärzteverband Marburger Bund steckt Deutschland bereits in der zweiten Corona-Welle. „Wir befinden uns ja schon in einer zweiten, flachen Anstiegswelle“, sagte die Verbandsvorsitzende Susanne Johna der "Augsburger Allgemeinen in der vergangenen Woche." Allerdings sei diese nicht vergleichbar mit den Zahlen von März und April.

Der Weltärztebund sieht Deutschland weniger in einer zweiten Corona-Welle als vielmehr in einer dauerhaften Infektionswelle.

Dem schließt sich der Virologe Hendrik Streeck an. Er will nicht von einer zweiten Welle sprechen, sondern findet den Begriff einer kontinuierlichen oder Dauerwelle passender, wie er der „FAZ“ sagte. Denn den Begriff einer „zweiten Welle“ gebe es wissenschaftlich gar nicht. Streeck sehe eher ein Auf und Ab wie bei allen anderen endemischen Coronaviren.

Der Freiburger Mathematiker und Medizinprofessor Gerd Antes sieht in allem eher „ein großes Durcheinander“, wie er im Gespräch mit „SWR Aktuell“ sagt. Von einer zweiten Welle der Corona-Pandemie in Deutschland zu reden, sei grob irreführend. "Wir verstehen nicht, was da wirklich passiert, wir sitzen ganz klar auf einem Pulverfass", so Antes.

In einem Punkt sind sich aber alle Experten einig: Es ist wichtig, die steigende Zahl an Infektionen in den Griff zu bekommen, damit die Situation nicht außer Kontrolle gerät.

Fakt ist: Die Behörden sind beunruhigt. Und viele Menschen in der Bevölkerung sind es ebenso. Verschärft sich die Lage, werden neue Einschränkungen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens erforderlich sein, denen viele mit Sorge entgegenblicken.

Auch ein zweiter Lockdown würde irgendwann überstanden sein. Die Wirtschaft wird sich davon erholen.
Dr. Ulrich Kater

Können wir uns einen zweiten Lockdown leisten?

Viel wichtiger als die Diskussion um die zweite oder dritte Welle: Wie würden  wir mit wiederkehrenden starken Einschränkungen umgehen?

Ein zweiter Lockdown – im Ausmaß ähnlich wie der erste – würde für viele Firmen das Aus bedeuten. Unzählige Unternehmen sind aufgrund des ersten Lockdowns stark angeschlagen und bereits jetzt hoch verschuldet.

Auch die Hoffnungen auf eine schnelle Konjunkturerholung würden durch einen erneuten Lockdown zunichtegemacht.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund warnt aktuell vor den Folgen eines möglichen zweiten Lockdowns. Verbandspräsident Ralph Spiegler (SPD) sagte am Donnerstag, dass sich die Kommunen einen zweiten Lockdown wirtschaftlich nicht leisten könnten. Die finanziellen Folgen für Städte und Gemeinden seien deutlich gravierender als nach der globalen Finanzkrise von 2008.

Hoteliers und Wirte bangen

Geschäfte, Hotels und das Gastgewerbe müssten wieder schließen. Der noch nicht mal vollständig wieder angelaufene Reiseverkehr käme erneut zum Erliegen. Eine Katastrophe für die Branche, in der laut Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) über die Hälfte um ihre Existenz bangen. Auch die Industrie müsste die gerade angelaufene Produktion womöglich erneut herunterfahren.

Aufschwung von anderen Ländern abhängig

Das größere Problem für die Wirtschaft stellt das Exportgeschäft dar. Geraten wichtige Abnehmerländer in die nächste kritische Corona-Phase, schwinden die Absatzmöglichkeiten für deutsche Exporteure. Ein dauerhafter Aufschwung kann für die Exportindustrienation Deutschland nur dann gelingen, wenn die Eindämmung des Coronavirus mindestens europaweit erfolgreich ist.

Lockdown light?

Ein Szenario wie im ersten Lockdown wünscht sich niemand. Die Reserven vieler Unternehmen sind restlos aufgebraucht, unzählige bereits verschuldet oder insolvent. Aber es besteht Konsens: Wir sind dieses Mal besser vorbereitet.

Gesundheitsminister Jens Spahn hält auch bei weiter steigenden Infektionszahlen ein erneutes Herunterfahren wie im Frühjahr für unwahrscheinlich: „Wir haben viel gelernt über das Virus, auch, wo es sich schnell ausbreitet. Das ist der Hauptfokus, auf den wir achten müssen. Mit dem, was wir wissen glaube ich nicht, dass man noch mal so umfangreich Geschäfte schließen würde.“ so der Minister.

Auch der Virologe Christian Drosten verweist auf die Erfahrungen, die bislang gesammelt wurden und die es ermöglichen, für den Ernstfall gezieltere, weniger flächendeckende Maßnahmen zu ergreifen, wie „Spiegel Online“ berichtet.

Zudem sind viele Unternehmen heute besser vorbereitet, sollte es zu einer erneuten kritischen Phase kommen. Grundlegende Infektionsschutzmaßnahmen, Einhalten der Abstandsregeln und Möglichkeiten für Homeoffice könnten Betriebsschließungen vorbeugen.

Ausblick

Die Bundesregierung will zukünftig die Infektionsketten mithilfe vieler Tests und konsequenter Überprüfung der Kontakte von Infizierten brechen.

Die EU-Kommission setzt auf das Vernetzen der Corona-Warn-Apps verschiedener Länder, auf das frühere Bekämpfen lokaler Hotspots und eine bessere Zusammenarbeit im Gesundheitswesen, um Corona-Infektionswellen zu kontrollieren oder zu verhindern, wie der Deutschlandfunk berichtet.

In der Bevölkerung muss zudem das Krisenbewusstsein wachgehalten werden, wie das RKI betont. Eine weitere Verschärfung der Situation müsse unbedingt vermieden werden, heißt es im aktuellen Situationsbericht. So lange die Pandemie nicht gebannt ist, müssen die Verhaltens- und Hygieneregeln dringend eingehalten und eine Mund-Nasen-Bedeckung korrekt getragen werden.

Mit dieser Disziplin wird Deutschland auch weiterhin gut durch die Krise kommen.

(Stand: 14.08.2020)

Dr. Kater
Im Gespräch mit
Dr. Ulrich Kater
Chefvolkswirt der Deka

Weltweit haben sich inzwischen mehr als 20 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Neuinfektionen. Urlaubsrückkehrer, Schulöffnungen und bald wieder beheizte Räume: Wie viel Sorge haben Sie, wenn Sie auf den Herbst blicken?

Tatsächlich liegt die Anzahl der Länder, die sich in der zweiten Corona-Welle befinden, weltweit bereits bei über 50. Dazu kommen noch die Länder, in denen die erste Welle gar nicht richtig verebbt ist.

Zwar ist die zweite Welle längst nicht so heftig wie die erste, aber das Infektionsgeschehen wird großflächiger. Wir müssen aufpassen, dass die Zahlen nicht wieder in exponentielles Wachstum übergehen. Insbesondere die USA spielen da mit dem Feuer.

Es wäre sehr schade, wenn jetzt ein zweiter Lockdown notwendig wäre, da Wirtschaft und Konsumenten immer besser lernen, sich auf die gegenwärtigen Umstände einzustellen.

Laut ARD-„Deutschlandtrend“ ist die Furcht vor einer zweiten Corona-Welle in der Bevölkerung groß. Der Hälfte der befragten Deutschen bereiten die steigenden Infektionszahlen Sorge. Was würde ein zweiter Lockdown für uns bedeuten?

Nochmals erhebliche Kosten für die Wirtschaft und eine weitere heftige Zumutung für die Bevölkerung. Daher ist auch die Hürde für die Politik höher als beim ersten Mal, einen zweiten Lockdown zu verhängen.

Die Aktienmärkte würden wohl mit einem deutlichen Rückgang reagieren, den sich viele gegenwärtig schon fast erhoffen, weil sie in den vergangenen Wochen keine Positionen aufgebaut haben und das nachholen wollen.

Aber auch ein zweiter Lockdown würde irgendwann überstanden sein. Die Wirtschaft wird sich davon erholen. Hier gilt die alte Weisheit: Es muss ja weitergehen.

Die Arbeitslosenzahlen steigen, jeder zweite Gastronom sieht sich in seiner Existenz bedroht. Gleichzeitig sind die Menschen genervt von den Corona-Maßnahmen. Die Unvernunft wächst. Können wir uns einen zweiten Lockdown gesellschaftlich und wirtschaftlich überhaupt leisten?

Der Protest gegen die bisherige Politik ist zwar laut, aber nicht groß. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist für ein rationales Vorgehen gegen die Gesundheitskrise, aber auch für eine offene Diskussion über Maßnahmen und Kosten.

Während wir die Folgen des ersten Lockdowns durch die finanz- und geldpolitischen Maßnahmen einigermaßen gut in den Griff bekommen, würden bei einem zweiten Lockdown die negativen wirtschaftlichen Folgen deutlicher sichtbar werden. Die Erholung würde auf das Jahr 2022 verschoben, mehr Unternehmen und Arbeitsplätze verloren gehen.

Laut Creditreform ist das Zahlungsverhalten der Unternehmen aktuell so schlecht wie noch nie seit Beginn der Erhebung im Sommer 2015. Ist das der Vorbote einer Insolvenzwelle?

Für schwache Unternehmen sind viele Konsequenzen der Corona-Krise durch die temporäre Entschärfung im Insolvenzrecht nach hinten verschoben worden. Im kommenden Jahr ist damit zu rechnen, dass schwächere Unternehmen aufgeben müssen. Das betrifft solche, deren Geschäftsmodell durch Corona zu lange unmöglich gemacht wird, aber auch solche, die auch ohne die Corona-Krise irgendwann hätten aufgeben müssen.

Die Antragspflicht für Insolvenzen ist derzeit ausgesetzt. Die Regierung denkt über eine Verlängerung der Regelung nach und will damit überschuldeten Unternehmen mehr Luft verschaffen. Haben wir bald jede Menge Zombie-Unternehmen?

Natürlich sind auch Unternehmen geschont worden, die selbst ohne Corona kein ausreichendes Geschäftsmodell gehabt hätten. Das Thema der Zombie-Unternehmen durch Corona wie durch die Geldpolitik ist allerdings auch in der akademischen Wirtschaftsdiskussion sehr umstritten.

Wie sieht Ihr Worst-Case-Szenario aus – und was müssen wir tun, um es zu verhindern?

Das Worst-Case-Szenario liegt weiterhin zum einen in einer wirtschaftlichen Infizierung des Finanzsystems, und zum anderen in einer verschärften Rückkehr des Coronavirus, unter Umständen sogar mit gefährlicheren Eigenschaften.

Das Finanzsystem ist bislang durch Geld und Finanzpolitik in guten Händen. Die Gesundheitskrise wird man am besten vermeiden, indem die Infektionszahlen bis zur Entwicklung von Behandlungsmethoden und anderen Gegenmitteln niedrig gehalten werden.


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