Goldene 20er – Gedanken einer neuen Generation

„Wie soll ich bitte ohne Auto zur Arbeit kommen?“

Ich bin in meinen Zwanzigern, wir leben in den Zwanzigern und vor hundert Jahren waren die Zwanziger golden. Heute sieht das ein wenig anders aus. In meiner Generation der goldenen Zwanziger geht es nicht immer nur bergauf. Es geht steil rauf und mindestens genauso steil wieder runter. Wie ich das meine? Erfahrt ihr hier. 

Von Katrin Sonja Dirscherl

Goldene 20er: Auto-Shaming

Katrin Sonja Dirscherl wurde 1997 in einer Kleinstadt in Bayern geboren und lebt seit 2015 in ihrer Wahlheimat Berlin. Neben aktuellen Themen, Romanen und der täglichen Frage, ob sie sich nicht doch eine Katze anschaffen möchte, beschäftigt sich unsere Jung-Kolumnistin mit den Gedanken ihrer Generation – den Problemen der Arbeitswelt, Klimaschutz, Gender Equality und mehr. 


Warum Auto-Shaming nichts bringt

Collage: Auto-Shaming

Ich besitze ein Auto – jetzt ist es raus. Bam. Beichte. Ich besitze ein Auto, obwohl ich in der größten Stadt Deutschlands mit den meisten Anbindungsmöglichkeiten lebe. Berlin – hier fällt zwar mindestens viermal am Tag irgendwo eine S-Bahn aus, aber nicht so schlimm. Schließlich gibt’s noch die U-Bahn. Oder die Tram. Oder, wenn’s sein muss, den Bus. Trotzdem besitze ich ein Auto – und zwar aus dem simplen Grund, weil ich es brauche. So wie ganz viele andere Menschen auch. Meine Familie und die meines Freundes sind hunderte Kilometer von Berlin und voneinander entfernt. Schnell mit dem Zug hin und zurück? Ist nicht drin.

Eine Freundin von mir lebt in einem kleinen Örtchen im nordöstlichen Bayerwald. Auch sie besitzt ein Auto. Allerdings aus anderen Gründen. Zu ihrer Arbeit fährt sie etwa dreißig Kilometer, meist um sechs Uhr morgens. Erstaunlicherweise gibt es einen Bus – allerdings fährt der erst um sieben. Anschließend mittags. Und abends gar nicht. Fahrgemeinschaft ist ebenfalls nicht drin. Die Kolleginnen und Kollegen wohnen über den ganzen Landkreis verteilt. Umziehen? Ganz schlecht. Ein selbstgebautes Haus verlässt man nicht so leicht. Wäre eventuell auch etwas viel verlangt. Ihre einzige Lösung: den Job an den Nagel hängen und im Garten zur Selbstversorgerin werden.

Für gut 55 Millionen Menschen fehlt von einem ausreichenden Nahverkehrsnetz jede Spur

Viele von uns würden auf ein Auto verzichten – wenn es ginge. Wenn es gute und preiswerte Alternativen gäbe. Komfortabel noch dazu. Aber zwischen der Illusion eines autofreien Deutschlands und der Realität liegen eben leider noch immer Welten. Für rund 55 Millionen Menschen fehlt von einem ausreichenden Nahverkehrsnetz jede Spur. Das stellt die Deutsche Bahn-Tochter ioki in einer Analyse von Oktober 2021 fest. Und 93,5 Prozent der Bevölkerung haben zwar eine Bushalte in 600 Metern Entfernung, allerdings meist nicht genügend Busse. 

Das Problem ist also kein neues. Anbindung war schon immer ein Riesenthema. Wer früher ab vom Schuss Wurzeln schlug und kein Auto besaß, hatte genau zwei Alternativen: rauf aufs Radl und treten – oder trampen. Daumen hoch und ab geht die Post. Was früher zur Normalität gehörte, lässt jetzt alle Alarmglocken schrillen. Zu Fremden ins Auto steigen? Ein No-Go. 

Das Auto – vom Luxusgut zur Grundausstattung

Heutzutage steht vor jeder Garage mindestens ein Auto. Vom Luxusgut zur Grundausstattung. Was allerdings neu ist, ist das schlechte Gewissen. Die Freundin aus dem Bayerwald, mein Freund und ich versuchen deshalb, es anders zu kompensieren. Wir ernähren uns vegan. Immerhin da können wir CO2 sparen. Fakt ist, ohne Auto geht’s für viele nicht – besonders außerhalb der Städte im Grünen. Grünes, das einem manchmal das Gefühl gibt, von der schnelllebigen Welt abgeschottet zu sein. Da helfen auch weder Carsharing noch Sammeltaxis. Die sind nämlich auf dem Land wie die Nadel im Heuhaufen – fast unauffindbar. 

(Stand: 16.02.2022)