Da dachte er: „Ist es nun so weit? Werde ich jetzt ein Spießer?“

Die größte Angst des Weltenbummlers

Sven Kraja hat fast sein ganzes Leben mit Abenteuern verbracht. Nun muss er loslassen und ein anderes Leben führen. Eine wichtige Sache will er aber an seine Mitmenschen weitergeben.

Sven Kraja  fuhr vor Schreck zusammen, als aus der Dunkelheit ein Mann erschien und an die Fensterscheibe seines Vans klopfte.  Der Norddeutsche  war mit einer Freundin in Neuseeland unterwegs, und sie brauchten unbedingt einen Platz zum Übernachten. Sie hatten sich für ein abgelegenes Waldstück entschieden. Campen in der Wildnis ist in Neuseeland aber verboten. Oft genug kam der Abenteurer damit durch. Nicht in dieser Nacht.

 

Kraja kurbelte das Fenster herunter. „Was machen Sie denn da?! Sie können hier nicht parken“, schmetterte der Mann ihm entgegen. Er stellte sich nach einigem hin und her als Brian vor. Brian war kein untergetauchter Sträfling, obwohl Uhrzeit und  Abgeschiedenheit des Ortes einen solchen Gedanken nahelegten. Er war ein Abgeordneter im neuseeländischen Parlament. Kraja und seine Reisegefährtin hatten aus Versehen nahe seines Grundstückes geparkt. Und in Neuseeland verteidigen Politiker ihr Land selbst und tragen Anzüge auch nur, wenn es nicht anders geht. „Schlafen Sie doch lieber bei uns“, bot Brian an. Am Ende wohnten sie für zwei Wochen als Gäste bei dem Volksvertreter.

 

Sven Krajas Leben ist voller Anekdoten wie dieser. Der 46-Jährige hat Freunde in der ganzen Welt und treibt viele Sportarten. Er ist Weltmeister im Strandsegeln, eine Segelvariante, bei der die Athleten in einem selbstgebauten Buggy fahren. Einmal verschiffte er einen kompletten umgebauten Linienbus in die USA, nur um dort mit der deutschen Strandsegel-Nationalmannschaft in der Salzwüste von Nevada zu fahren. Er surfte auch auf Fidschi und fuhr Snowboard in den Rockies. 

Er wollte sich nur eine Thermoskanne besorgen…

Als Teenager hätte Kraja es niemals für möglich gehalten, dass sich sein Leben so entwickeln würde, wie es passiert ist. Kraja machte als junger Mann eine Lehre zum Tischler in einer Werft für Yachten. Dort traf er auf Typen, die über den Atlantik paddeln wollten oder mit dem Rad durch argentinisches Ödland gefahren sind. Kraja hat sich auf sie eingelassen.

 

Irgendwie finden diese Menschen, die etwas anders ticken als der Rest der Welt, auf unwahrscheinlichen Wegen zusammen. Kurz vor seinem Trip nach Neuseeland – es war sein erstes eigenes großes Abenteuer – wollte Kraja sich nur eine Thermoskanne in einem Geschäft auf der Insel Norderney kaufen, dort wohnte er damals. Er erzählte einer Frau davon, die auch gerade einkaufen ging. Ein paar Tage später  hatte er einen Brief bei sich zu Hause  – er war von ihr. Ob er sie nicht mitnehmen könne? Das tat er. Sie reisten über mehrere Monate zusammen. Es entstand eine neue Freundschaft, inklusive einer Bekanntschaft mit einem namhaften Landespolitiker aus Ozeanien.

 

Kraja will heute weitergeben, was er an bedingungsloser Gastfreundschaft erfahren hat. Die Tochter seiner Ex-Freundin, die in Australien wohnt, reist nun ebenfalls um die Welt – so wie er zwanzig  Jahre zuvor. Kraja und seine jetzige  Frau werden der 18-Jährigen anbieten, bei ihnen in der norddeutschen Stadt Schleswig Station zu machen. „Meine Freunde aus aller Welt haben jederzeit einen Platz bei mir zu Hause. Man kann immer bei mir schlafen, mein Auto benutzen und etwas zu Essen bekommen“, sagt Kraja.

Die größte Angst des Weltenbummlers

Sven Kraja stellt in seiner Werkstatt in Schleswig hochwertige Segel her.

„Ist es nun so weit? Werde ich jetzt ein Spießer?“

Entsprechend hat er auch sein Haus in Schleswig gestaltet. Mit seiner jetzigen Partnerin baute der Sparkassen-Kunde Kraja auf dem Fundament eines jahrhundertealten Gebäudes seinen jetzigen Wohnsitz. „Schon in der Planung kam immer ein Gästezimmer vor, damit alle meine Besucher immer eine Schlafmöglichkeit haben, so wie ich es früher auf meinen Reisen hatte.“

 

Einen Teil des ehemaligen Fischerhauses hat Kraja entkernt – „was einer Ausgrabung gleichkam“, scherzt er. Weil er sich mit Holz besser auskennt, als mit Stein, baute Kraja ein Holzständerwerkhaus auf die Grundmauern – die meiste Arbeit haben er und Freunde selbst gemacht. In diesem Haus wird Kraja wohl auch bis ins hohe Alter wohnen. „Ich habe alles hier. Ich wüsste nicht, warum ich wegziehen sollte“, sagt er.

 

Ein Ziel hatte er sich gesetzt, als er jünger war: „Im Alter von 40 Jahren zu wissen, wie mein Leben später einmal aussehen soll.“ Er hielt den Pakt mit sich selbst. Auch wenn es am Anfang hart war. „Als ich zurück in Deutschland war, schlief ich die ersten Monate auf einer Luftmatratze vor dem Bett. Ich konnte einfach nicht mehr in einem Bett liegen, weil ich das auf Reisen auch nicht getan hatte.“

 

Ursprünglich wollte er zur späteren Altersvorsorge mit einer finanziellen Beteiligung in einer Firma einsteigen, für die er einige Zeit nach seiner Rückkehr arbeitete. Jedoch wurde daraus nichts. Er gründete stattdessen seine eigene Firma namens Frog Sails, die hochwertige Segel herstellt. Mittlerweile liefert er an Kunden in der ganzen Welt. Seine Immobilie und der Wert seines eigenen Unternehmens decken nun Krajas Altersvorsorge ab. Aber mit Planänderungen können Weltreisende so gut umgehen, wie kaum andere. Auch, wenn es bei Kraja jetzt manchmal um Dinge von materiellem Wert geht – nicht mehr um das reine Abenteuer.

 

Als er sich kürzlich ein neues Auto – es war ein Neuwagen – kaufte, dachte er: „Ist es nun so weit? Werde ich jetzt ein Spießer? Wie bleibe ich der Neuseeland-Typ?“ Er will sich zwingen, das zu bewahren.

 

Aber die Biographie des abenteuerlustigen Segel-Typs kann ihm ohnehin keiner mehr nehmen. Der Abenteurer hat jetzt bloß eine Homebase.