„Wir werden uns digitaler bewegen“

Über die Risiken und die Zukunft von Bitcoin und Kryptowährungen

Bitcoin hat viele Anhänger. Vor zwei Jahren schien sein Wert zu explodieren. Dann der jähe Absturz – doch zuletzt schnellte der Bitcoin-Preis wieder nach oben. Wie geht es weiter mit der Kryptowährung? Wie sprechen mit der Professorin Dr. Michaela Hönig von der University of Applied Science in Frankfurt und Direktorin im Vorstandsstab der DekaBank.

Bitcoin
Im Gespräch mit
Prof. Dr. Michaela Hönig
University of Applied Science in Frankfurt und Direktorin im Vorstandsstab der DekaBank

2018 war ein bitteres Jahr für den Bitcoin. Der Wert der Kryptowährung stürzte vom Spitzenwert von mehr als 20.000 US-Dollar auf unter 3.000 Dollar ab. Viele Anleger haben mit dem Kauf eine Menge Geld verloren. Ist der Hype vorbei?

Ja, der Hype – so wie wir ihn Ende 2017 hatten  – ist vorbei. 2018 waren große Kurseinbrüche bei allen Kryptowährungen zu verzeichnen, es war merklich leiser geworden.

Im April machte auf Social Media das Gerücht die Runde, dass ein Großinvestor für mehr als 100 Millionen Dollar Bitcoin gekauft habe; die Orders seien an drei Börsen platziert, hieß es. Dies sowie Wetten auf fallende Kurse führten zu dem plötzlichen Kursanstieg. Es sind also eher ungewöhnliche Marktbewegungen und eine in dem Markt sehr hohe Volatilität, die dem Bitcoin zum Kurssprung verhalf.   

Illustration Bitcoin

Warum haben Sie sich mit dem Thema beschäftigt?

In den Medien gab es ab 2017 täglich Schlagzeilen dazu: Super-Rendite, Bitcoin ist das neue Geld, Bitcoin ist das digitale Gold von morgen und so weiter. Meine Studenten und ich wollten wissen: Wie funktioniert der Handel wirklich? Im Wintersemester 2017/2018 starteten wir ein Forschungsprojekt zum Segment Kryptowährungen, Bitcoin und Initial Coin Offering (ICO). 60 Studenten arbeiteten an dem Thema mit. 

Was ist der Mehrwert von Bitcoin?

Bitcoin beziehungsweise Initial ICOs sind neue Formen der Kapitalbeschaffung. Wenn ich Geld für Investitionen benötige, nehme ich normalerweise bei einer Bank einen Kredit auf, oder ich beschaffe mir mein Geld am Kapitalmarkt, indem ich Aktien oder Anleihen ausgebe.

ICOs stellen ihre Investitionsvorhaben über das Internet ein und versuchen Gelder über die virtuelle Ausgabe von Kryptowährungen einzusammeln. Das ist ähnlich wie bei einem Börsengang. Mit dem Unterschied, dass der Kunde keine Aktien, sondern virtuelle Anteile in Form von Tokens oder Coins kauft.

Diese neue Form der digitalen Kapitalbeschaffung wird bestehen bleiben. Das ist ihr Mehrwert. Es ist wie bei einer Autobahn, auf der wir momentan drei Spuren befahren: ICO ist einfach eine neue, vierte Spur.

Bitcoin vermehrt sich

Zuletzt stieg der Bitcoin-Preis an der Börse wieder sprunghaft an und erreichte Höchststände von mehr als 7.000 US-Dollar. Sollen wir jetzt alle Bitcoins kaufen?

Ich rate davon ab. Der Bitcoin hat keinen intrinsischen Wert, also keinen inneren Wert. Wenn Sie die Aktie eines Unternehmens kaufen, steht ein Unternehmen dahinter, das etwas produziert. Bitcoin und Kryptowährungen sind hochvolatil, intransparent und noch nicht ausreichend reguliert. Diese Risiken sollten die Anleger bedenken. 

Wer sollte sich mit Kryptowährungen auseinandersetzen? Für wen ist die Entwicklung wichtig?

Kryptowährungen locken mit sehr hohen Renditen, teilweise von 30 bis 40 Prozent. Ein Investor sollte wissen, dass es Kryptobörsen gibt und sich darunter etwas vorstellen können. Für Unternehmen oder Fintechs, die in die Blockchain-Technologie investieren ist das Segment interessant. Für normale Anleger sind die Risiken derzeit noch sehr hoch und ein hoch spekulatives Feld. 

Facebook arbeitet laut Medienberichten an einer eigenen Kryptowährung für Whatsapp. Auch auf dem neuen Samsung-Smartphone soll eine Crypto Wallet implementiert werden. Machen Kryptowährungen jetzt einen wichtigen Schritt in Richtung Mainstream?

Ja, absolut. Das ist die nächste Stufe der Krypto-Entwicklung. Der neue Mainstream ist die Digitalisierung: Wenn ich bestimmte Dienste in Anspruch nehme, sei es über das Smartphone oder die sozialen Medien, dann bieten diese ihre eigenen Tokens an, eben ihre eigene Kryptowährung. Was sie dafür brauchen, ist die Wallet, also die digitale Geldbörse.

In der Vergangenheit war das noch sehr unsicher. Die Aufbewahrung der Tokens und Coins in den Wallets wurden schnell gehackt, ebenso waren viele Kryptobörsen das Ziel von Cyberangriffen. Inzwischen haben die Entwickler sehr viel an der Sicherheit und der Aufbewahrung der Tokens gearbeitet. 

Bitcoin verschwindet in einem Loch

Würden Sie so einen Dienst in Anspruch nehmen?

Das hängt davon ab, wer Bitcoin akzeptiert. Ich hatte vor zwei Jahren gedacht, dass wir heute mit Bitcoin weiter wären. Aber Bitcoins sind kein gesetzliches Zahlungsmittel. Selbst in den USA nicht, obwohl es dort mehr Akzeptanzstellen gibt. Sicher ist: Der Trend geht immer mehr zur digitalen Form des Bezahlens.

Wäre es denn denkbar, dass Bitcoin die bestehenden Währungen ablöst?

Ganz klar: Nein.

Warum nicht?

Kryptowährungen erfüllen die Kernfunktionen von Geld: Wertspeicher, Zahlungsmittel und Recheneinheiten – nur sehr bedingt.

Ich betrachte Bitcoin als Recheneinheiten, da beim Mining der Nummernkreis eines Codes um 12,5 Bitcoins fortgeschrieben wird. Das ist nichts anderes als ein Hinzuaddieren von Zahlen. Aus meiner Sicht sind digitale Recheneinheiten derzeit weder aus ökonomischer noch aus ökologischer Sicht effizient. Das Segment entwickelt sich aber sehr schnell weiter.  

Bitcoin-Kette verschwindet in einem Loch

Immer wieder erschüttern Betrugsskandale den Markt für Kryptowährungen. Sind digitale Währungen besonders anfällig für kriminellen Missbrauch?

Wir haben in unserer Studie mehr als 500 Kryptowährungen untersucht. 80 Prozent davon waren unseriös. Der Bitcoin- und Kryptohandel ist immer noch nicht reguliert. Bitcoin wird bevorzugt als Zahlungsmittel im Darknet verwendet. Das Darknet wird überwiegend von jenen benutzt, die ihre Identität beim Benutzen des Internets nicht preisgeben wollen.

Die zweite Gefahr ist das Thema Daten. Wenn Sie sich als Nutzer in der Welt der Bitcoins und Kryptowährungen bewegen, müssen Sie sich an Kryptomarktplätzen elektronisch registrieren. Diese sind überwiegend im Ausland angesiedelt. Sie müssen sehr viele Daten über sich preisgeben, gegebenenfalls Ihre Kreditkarte oder einen „proof of residence“ hinterlegen sowie Ihren Personalausweis einscannen und hochladen.

Es wissen also alle Beteiligten, wo Sie wohnen und was Sie machen. Sie haben keine Transparenz darüber, wer Ihre Daten hat und wofür diese noch verwendet werden.

Ist es also aus Ihrer Sicht notwendig, den Markt zu regulieren?

Bitcoin verschwindet in einem Loch

Es wäre gut, wenn es EU-weit mehr Regulierung gäbe. So ließe sich das kriminelle Business im Darknet, also in den illegalen und abgeschirmten Bereichen des Internets, eindämmen. Bis heute gibt es noch keine Regulierung oder Gesetzesinitiative, die für den gesamten EU-Raum oder die USA gilt. China hat den Bitcoin bereits 2017 verboten.

Auf der anderen Seite sind solche Innovationen wie Wasser: Sie finden immer irgendwie ihren Weg. Es gibt mittlerweile zwischen 10.000 und 15.000 Kryptowährungen. Viele Vorhaben existieren nur drei, vier Monate, und so schnell, wie sie im Markt aufgetaucht sind, verschwinden sie auch wieder. Der Markt reguliert sich selbst. Es überleben nur einige große Player.

Der Einsatz der zahlreichen Computer zum Schürfen von Bitcoins benötigt viel Energie. Sind Bitcoins Umweltsünder?

Ja. Das Bitcoin-Schürfen ist aus meiner Sicht eine Form von Umweltverschmutzung. Um einen Block Bitcoins zu rechnen, das haben wir errechnet, wird so viel Strom verbraucht, wie die Stadt Frankfurt in drei Stunden benötigt.

Deswegen stehen die meisten Rechenzentren, die Bitcoins schürfen - so genannte Minerfabriken - in Asien, weil dort die Kosten für Strom sehr niedrig sind. In Deutschland wäre das überhaupt nicht möglich. Teilweise gibt es diese Minerfabriken auch auf Grönland und Island. Das spart die Kühlung für die Rechenzentren.

In welche Richtung wird die Zukunft gehen?

Wir werden immer digitaler bezahlen und weniger mit Bargeld. Die Kapitalbeschaffung über ICO wird es als neue Form weitergeben. Die Technik, die Aufbewahrung und die Sicherheit müssen weiterentwickelt werden. Aus meiner Sicht werden auf keinen Fall die Standardwährungen wie US-Dollar, Schweizer Franken oder Euro dadurch abgelöst werden.

Ich kann mir vorstellen, dass wir zukünftig über elektronische Speicher wie Smartphhone oder eine elektronische Uhr Geld transferieren. Wenn ich mit Geld oder Bitcoins zahle, halte ich sie nur noch an den ein Terminal, aktiviere sie mit meinem Finger oder meiner persönlichen Identität, dann wird der Betrag abgebucht.

Ich denke, wir werden in fünf oder zehn Jahren schon so weit sein, dass wir kaum noch Bargeld benötigen. Wir haben entweder einen Chip oder einen anderen Speicher, worüber Geld oder Bitcoins transferiert werden.

Bitcoin wächst durch eine Kette

Wo geht die Entwicklung bei der Blockchain hin?

Wir sprechen aktuell hier von Blockchain 3.0 und der Tokenisierung. Sie können letztendlich alles über Token abbilden, auch Anteile an Immobilien, Aktien, Anleihen, Anteile an einem Gemälde, an Unternehmen. Das ist der nächste Trend. Die Kreditinstitute und Banken arbeiten bereits daran. 

Haben Sie viel Geld verloren?

Nein. Ich habe nur mit geringen Beträgen an Krypto-Börsen gehandelt mit der Zielsetzung, das System, die Prozesse und die Abläufe zu verstehen. 

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