Bitte ein Bit?

Kryptowährungen auf dem Prüfstand

Bitcoins und Co. gelten immer mal wieder als attraktive Finanzanlage. Ihr Wert scheint zu explodieren. Zeitweise. Doch dann stürzen die Kurse ab. Um dann wieder zuzulegen. Diese Schwankungen können das Interesse der Anleger an den Kryptowährungen aber nicht beeinträchtigen. Dennoch: Sind Bitcoins ihr Geld wirklich wert?

Die Zeitungen sind voll von Meldungen über Bitcoins und andere digitale Währungen. Sogar konservative Nachrichtensendungen berichten wechselweise von dem Hype – und dann wieder von den Einbrüchen ihrer Kurse.

Immer mehr Menschen investieren, angelockt in der Hoffnung auf schnellen Reichtum – und treiben so die Preise in die Höhe. Seit Mitte Dezember 2017 wird der Bitcoin nicht nur an Kryptomärkten, sondern auch an einer Terminbörse, der Chicago Mercantile Exchange (CME), gehandelt.

Achterbahnfahrt ohne absehbares Ende

Allein 2017 legte der Bitcoin über 1.700 Prozent zu. Zeitweise war er sogar mehr als 20.000 Dollar wert. Dann stürzte sein Kurs zuerst unter die Marke von 10.000 Dollar ab. Kurzzeitig notierte er sogar nur noch bei 3.000 Dollar. Doch dieser Einbruch galt unter vielen Marktexperten als Konsolidierung.

Seitdem hat der Bitcoin wieder kräftig zugelegt: Mitte August 2020 erreichte der Preis für die weltweit führende Kryptowährung trotz Corona-Crash 12.400 Dollar. Um dann gegen Ende des Monats bei rund 11.300 Dollar zu notieren.

Dennoch sind viele Analysten optimistisch. Sie sehen den Bitcoin nun die Marke von 14.000 Dollar ins Visier nehmen. Trotz aller Risiken kommen Bitcoin und andere Kryptowährungen immer stärker bei Privatanlegern an. Manche wollen sogar ihre Altersvorsorge via Bitcoin finanzieren.

Zwischen digitaler Münze und virtueller Wertsteigerung

Der Bitcoin (abgekürzt BTC) entstand 2009. Er ist in den vergangenen Jahren (fälschlicherweise) zu einem Synonym für andere digitale Währungen wie Ethereum, Ripple, Litecoin oder Peercoin geworden.

Der Begriff Bitcoin stammt aus dem Englischen. Auf Deutsch heißt er „digitale Münze“. Im Gegensatz zu Euro, Dollar oder Pfund existieren digitale Währungen lediglich virtuell. Um sie besser zu verstehen, helfen einige zentrale Punkte:

  • Bitcoins und Co. sind dezentrale virtuelle Währungen.
  • Sie sollen einen Gegenentwurf zu dem heute bestehenden Geldsystem darstellen.
  • Es gibt daher keine Zentralbank, die diese „Währungen“ in Umlauf bringt. Vielmehr werden sie von Privatpersonen oder privaten Institutionen geschaffen.
  • Auch das ihnen zugrundeliegende Zahlungssystem wird ausschließlich virtuell abgewickelt.
  • Bitcoins werfen keine Zinsen ab. Ihr Wert hängt – bei einer festgelegten Geldmenge von 21 Millionen – allein von der Nachfrage ab.
  • Der Bitcoin-Quellcode ist öffentlich. So kann theoretisch jeder Mensch eine eigene virtuelle Währung nach diesem Vorbild erstellen.
  • Neue Einheiten der digitalen Währungen können unter sehr hohem Strom- und Rechenaufwand auf privaten Computern erzeugt werden. Das bezeichnet man als Bitcoin-Mining.
  • Neben dem Mining können Nutzer an Bitcoin kommen, indem sie ihn als Zahlungsmittel für ein Produkt oder eine Dienstleistung akzeptieren.
  • Oder man tauscht reale Währungen auf einer der Handelsplattformen im Internet für Kryptowährungen in Bitcoin.
  • Nutzer können bei Überweisungen oder beim Handel anonym bleiben.
  • Dieser Umstand erleichtert nach Auffassung vieler Kritiker die kriminelle Nutzung in Form von Geldwäsche.

Anonymität, Tesla und andere Mythen

Als Bitcoin-Erfinder gilt ein gewisser Satoshi Nakamoto. Dieser Name ist aber ein Pseudonym, möglicherweise inspiriert von einem japanischen Philosophen aus dem 17. Jahrhundert. Wer wirklich dahinter steckt? Niemand weiß es.

Das britische Wirtschaftsmagazin „Economist“ schrieb vor einigen Jahren, ein Australier namens Craig Steven Wright sei der Erfinder der Kryptowährung. Man habe ihn durch gestohlene Dokumente und E-Mails enttarnt. Zeitweise galt auch der Gründer von Tesla, Elon Musk, als möglicher Bitcoin-Erfinder. Das dementierte Musk jedoch.

Wer auch immer hinter der Erschaffung des Bitcoin-Systems steckt – er nannte vor allem zwei Gründe dafür: die unbegrenzte Geldschöpfung der Zentralbanken sowie die fehlende Anonymität gegenüber Banken und Aufsichtsbehörden bei Banküberweisungen.

Daher ist die Menge der Bitcoins zum einen auf 21 Millionen begrenzt. Zum anderen treten die Nutzer bei Überweisungen ausschließlich über kryptografische Schlüssel (Kombinationen aus Zeichen und Buchstaben) in Verbindung. So soll die Anonymität gegenüber staatlichen Behörden gewahrt werden.

Doch: Alle Bitcoin-Transaktionen sind öffentlich und dauerhaft im Netzwerk gespeichert. Das bedeutet: Jeder kann den Saldo und die Transaktionen jeder Bitcoin-Adresse einsehen. Und jeder Bitcoin, der jemals versendet wurde, kann bis zu dem Zeitpunkt seiner Schürfung zurückverfolgt werden.

Die Blockchain: Das digitale Grund- und Orderbuch ist überlastet

Bitcoin ist nicht nur eine digitale Währung mit einem weltweit verwendbaren, dezentralen Zahlungssystem. Sondern es ist auch die weltweit bekannteste Blockchain-Anwendung.

Wie alle anderen Blockchains besteht auch sie aus einer dezentral organisierten Datenbank, die von zahlreichen Parteien betrieben wird. Man spricht auch von einem digitalen Grund- und Orderbuch. Alle bisherigen Transaktionen sind darin in „verketteten“ Blöcken dokumentiert – und neue Transaktionen werden in neuen Blöcken hinzugefügt.

Mit jedem neuen Block aktualisiert sich die Kette auf jedem Knoten im Blockchain-Netz. Damit verfügt jeder Teilnehmer des Netzwerks über die gleichen Informationen und Voraussetzungen, um am System teilzunehmen und neue Informationen hinzuzufügen.

Allerdings leidet die Bitcoin-Blockchain unter technischen Problemen. Schon seit mehreren Jahren gilt sie aufgrund ihrer Größe und Komplexität als überlastet.

Außerdem ist sie (ebenso wie Bitcoin und die anderen digitalen Währungen selbst) immer wieder ein beliebtes Angriffsziel von Hackern. Sowohl Privatanleger als auch Handelsplätze leiden darunter.

Virtuelle Währungen – reale Steuern

Ein schnell übersehener Aspekt beim digitalen Geldverdienen ist das Thema Steuern: Bitcoins und andere Kryptowährungen stellen einen wirtschaftlichen Vorteil dar. Deswegen gelten die steuerlichen Regelungen, die auch bei realen Währungen greifen. Das heißt, sie sind zwar umsatzsteuerfrei. Aber ihre Besitzer müssen unter Umständen Ertragssteuer zahlen.

Für die Ermittlung der Steuer sind Anschaffungspreis und -zeitpunkt ausschlaggebend. Daher sollte man immer notieren, wann man die Währung kauft und zu welchem Preis. Diese Informationen kann das Finanzamt jederzeit nachfragen.

Der Verkauf von Kryptowährungen ist dann steuerpflichtig, wenn er innerhalb eines Jahres nach ihrem Ankauf erfolgt. Hier findet ein Paragraf (§ 23 EStG) Anwendung, der auch bei Immobilien greift. Und: Wird die Freigrenze von 600 Euro erreicht, ist jeder Euro Gewinn steuerpflichtig.

Steuerfrei hingegen ist der Verkauf, wenn seit der Anschaffung mindestens ein Jahr vergangen ist. Oder wenn der Gewinn aus solchen Geschäften insgesamt weniger als 600 Euro beträgt. Um das gegenüber dem Finanzamt nachweisen zu können, sind die eigenen Aufzeichnungen so wichtig. Daher sollten die Belege aufbewahrt werden.

Da es zu einer Abweichung von diesen Grundsätzen kommen kann, empfiehlt sich die Rücksprache mit einem Fachmann, am besten einem Steuerberater.

Einstieg in Kryptowährungen weiterhin stark umstritten

Nach dem Schritt der Chicagoer Terminbörse prüfen auch große Finanzunternehmen, Produkte rund um den Bitcoin und andere Kryptowährungen anzubieten: Dazu sollen unter anderem ETFs (börsengehandelte Fonds, die einen Index nachzeichnen) gehören. Damit scheint der Handel mit digitalen Währungen noch mehr Fahrt aufzunehmen.

Aber Gilbert Fridgen, der an der Universität Bayreuth zur Blockchain-Technologie und Bitcoin forscht, empfiehlt, nur mit kleinen Beträgen einzusteigen. „Privatanleger müssen bei einem Einstieg in Bitcoin immer mit einem Totalverlust rechnen“, betont der Professor. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin sieht das ähnlich.

Auch einer der ehemaligen fünf Wirtschaftsweisen aus dem Sachverständigenrat der Bundesregierung, Professor Peter Bofinger, hat seine Bedenken: Er erkennt zwar an, dass sich für Bitcoin und die anderen Kryptowährungen ein Markt entwickelt hat. Zugleich gibt er zu bedenken, „ob ein System mit Privatwährungen tatsächlich ein stabiles Geldwesen schaffen kann“.

„Des Kaisers neue Kleider“?

Zudem kritisiert der Professor, dass digitale Währungen „keinerlei inneren Wert“ haben. Solange das niemandem auffalle, könnten sie zwar – wie bislang geschehen – „enorm im Kurs steigen“. Aber, so Bofinger, wie beim Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ bedürfe es „nur eines kleinen Anlasses, dass das Ganze auffliegt“.

Er räumt ein, dass es zwar „auch für staatliche Banknoten kein Einlösungsversprechen durch die Notenbanken“ gebe. „Doch sie haben gegenüber den privaten Währungen den entscheidenden Vorzug“, betont Bofinger. „Sie dürfen als ‚gesetzliches Zahlungsmittel‘ von Verkäufern nicht abgelehnt werden. Und man kann damit jederzeit seine Steuern bezahlen.“

Facebook und Zentralbanken wollen Kryptowährungen einführen

Dennoch zieht das Thema digitale Währungen immer weitere Kreise: Mitte 2019 kündigte Facebook an, gemeinsam mit anderen Unternehmen aus der Finanz- und Digitalbranche eine eigene Währung einführen zu wollen. Den Libra.

Damit traf Facebook zwar weltweit auf den Widerstand vieler Politiker, Regulierungs- und Finanzaufsichtsbehörden. Doch im April 2020 beantragte das Unternehmen bei der Schweizer Finanzaufsicht Finma eine Lizenz für das neue Zahlungssystem. Nun spricht es von einer Einführung noch bis Ende 2020.

Außerdem verkündete die chinesische Regierung Ende Mai 2020, bald das erste Land der Welt zu sein, das eine digitale Zentralbankwährung herausgibt. Man arbeite an einer eigenen Digitalwährung, der CBDC (Central Bank Digital Currency).

Bereits Anfang des Jahres 2020 hatte die Europäische Zentralbank (EZB) bekannt gegeben, digitales Zentralbankgeld einführen zu wollen. Diese Ankündigung gilt vor allem als Reaktion auf Facebooks Libra-Pläne.

Um die Gefahr einer solchen privaten Konkurrenz für ihre Währungen abzuwenden, hat sich die EZB mit den Zentralbanken von Schweden, Kanada, Großbritannien und der Schweiz zusammengetan und mit der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich eine Arbeitsgruppe gebildet. Sie soll die Voraussetzungen und die optimale Ausgestaltung von digitalem Zentralbankgeld untersuchen.

Ein konkretes Datum für die Einführung des Libra oder der staatlichen Digitalwährungen gibt es noch nicht. Aber an der Zukunft der virtuellen Währungen als fester Bestandteil des Zahlungs- und Finanzsystems scheint offensichtlich niemand mehr zu zweifeln.

Bitcoins - das sind die Vorteile:

  • begrenzte Anzahl führt zu starker Wertsteigerung
  • Anonymität
  • dezentrale Währung
  • in der Vergangenheit sehr hohe Rendite innerhalb kurzer Zeit
  • hohe Transparenz
  • dezentrale Struktur bedeutet Unabhängigkeit von Banken
  • unabhängig von Finanzmarktkrisen

Bitcoins - das sind die Nachteile:

  • sehr risikobehaftetes Spekulationsobjekt
  • keine echte Währung
  • kein gesetzliches Zahlungsmittel
  • bislang noch geringe Akzeptanz
  • private Erzeugung der digitalen Münze
  • Software muss verbessert werden
  • schwieriges Vertrauensverhältnis
  • starke Volatilität
  • nicht durch Finanzaufsicht reguliert
  • Gefahr durch Hacker-Attacken

Die 5 wichtigsten Fragen und Antworten zu Bitcoin und Co.

Dafür gibt es vor allem zwei Möglichkeiten: Sie können Bitcoins und andere Kryptowährungen auf Internet-Marktplätzen erwerben. Dafür müssen Sie dort zunächst ein Konto erstellen. Sobald es freigeschaltet ist, müssen Sie es mit einem Bankkonto verbinden. Danach können Sie Bitcoins kaufen und verkaufen.

Die zweite Variante ist der Kauf über eine Bitcoin-Börse. Dort erfolgt der Handel im Gegensatz zu den Marktplätzen automatisch und Sie können auch andere Kryptowährungen kaufen.

Ende Juli 2020 waren laut der deutschen Statistikdatenbank Statista rund 18,45 Millionen Bitcoins im Umlauf. Diese Zahl ändert sich angeblich etwa alle zehn Minuten. Die Gesamtanzahl an Bitcoins, die es jemals geben kann, ist 21 Millionen.

Eine Einschätzung über die Seriosität ist bislang noch immer schwierig. Bitcoin wurde als eine dezentrale Währung ohne Kontrolle durch Dritte geschaffen. Bitcoins gibt es weder als Münzen noch als Scheine, sie existieren nur virtuell. Neue Bitcoins werden von den Nutzern selbst mithilfe von mathematischen Verfahren erstellt.

Laut Bundesbank entspricht eine einzige Bitcoin-Transaktion dem monatlichen Stromverbrauch eines Einfamilienhaushalts in Deutsch-land. Das bedeutet eine immense Belastung für Klima und Umwelt. Wie gravierend dieses Problem tatsächlich ist, zeigt das Beispiel Island: Laut dem Energieunternehmen HS Orka verbrauchen die dort ansässigen Bitcoin-Produzenten in einem Jahr mehr Strom als alle Privathaushalte zusammen.

Eine Währung, egal ob real oder virtuell, sollte sich zur Wertüber-tragung eignen. Das ist bei Bitcoin angesichts der heftigen Kurs-schwankungen nicht möglich.

Aufgrund der starken und unvorhersehbaren Kursschwankungen ist eine Investition in Bitcoins sehr riskant. Für den Kurseinbruch von 20.000 auf 11.000 Dollar galt unter anderem die Schließung einer Bitcoinbörse in Südkorea als verantwortlich.

Aber vor allem verlieren digitale Währungen immer wieder massiv an Wert, weil Hacker eine der Handelsplattformen leerräumen. Selbst Privatanleger müssen damit rechnen, dass ihre Computer gehackt werden, wenn darauf Bitcoins gespeichert sind.

Die starken Kursschwankungen haben aber zwei Seiten: Gehen sie in wenigen Tagen teilweise um mehr als 50 Prozent bergauf oder bergab, ist das ebenso eine große Chance, in kurzer Zeit hohe Gewinne zu erzielen, wie es die Gefahr schmerzlicher Verluste bedeutet. Alle Anleger, die mit virtuellen Währungen handeln, sollten sich dieser Vor- und Nachteile bewusst sein.

Die Prognosen für die weitere Kursentwicklung sind derzeit eher positiv. Manche sehen den Bitcoin bald wieder bei mehr als 20.000 Dollar. Andere sogar bei über 100.000 Dollar. Doch dafür gibt es keine Garantie. Das heißt, es kann jederzeit in die andere Richtung gehen.

So sorgte die Ankündigung, dass Facebook Libra auf den Markt bringen will, zuerst für starken Auftrieb bei allen digitalen Währungen. Aber als dann klar wurde, dass das Projekt mehr Kritiker als Fans hatte, stürzten die Kurse wieder ab.

Die Tatsache, dass viele Notenbanken an der Schaffung eigener digitaler Währungen arbeiten, zeigt jedoch eines deutlich: Sie werden in Zukunft einen festen Platz im weltweiten Zahlungs- und Finanzsystem einnehmen.


"Wir werden uns digitaler bewegen"

Über die Risiken und die Zukunft von Bitcoin und Kryptowährungen

Bitcoin hat viele Anhänger. Vor zwei Jahren schien sein Wert zu explodieren. Dann der jähe Absturz – doch zuletzt schnellte der Bitcoin-Preis wieder nach oben. Wie geht es weiter mit der Kryptowährung? Wir sprechen mit der Professorin Dr. Michaela Hönig von der University of Applied Science in Frankfurt und Direktorin im Vorstandsstab der DekaBank.

Bitcoin
Im Gespräch mit
Prof. Dr. Michaela Hönig
University of Applied Science in Frankfurt und Direktorin im Vorstandsstab der DekaBank

2018 war ein bitteres Jahr für den Bitcoin. Der Wert der Kryptowährung stürzte vom Spitzenwert von mehr als 20.000 US-Dollar auf unter 3.000 Dollar ab. Viele Anleger haben mit dem Kauf eine Menge Geld verloren. Ist der Hype vorbei?

Ja, der Hype – so wie wir ihn Ende 2017 hatten  – ist vorbei. 2018 waren große Kurseinbrüche bei allen Kryptowährungen zu verzeichnen, es war merklich leiser geworden.

Im April machte auf Social Media das Gerücht die Runde, dass ein Großinvestor für mehr als 100 Millionen Dollar Bitcoin gekauft habe; die Orders seien an drei Börsen platziert, hieß es. Dies sowie Wetten auf fallende Kurse führten zu dem plötzlichen Kursanstieg. Es sind also eher ungewöhnliche Marktbewegungen und eine in dem Markt sehr hohe Volatilität, die dem Bitcoin zum Kurssprung verhalf.   

Illustration Bitcoin

Warum haben Sie sich mit dem Thema beschäftigt?

In den Medien gab es ab 2017 täglich Schlagzeilen dazu: Super-Rendite, Bitcoin ist das neue Geld, Bitcoin ist das digitale Gold von morgen und so weiter. Meine Studenten und ich wollten wissen: Wie funktioniert der Handel wirklich? Im Wintersemester 2017/2018 starteten wir ein Forschungsprojekt zum Segment Kryptowährungen, Bitcoin und Initial Coin Offering (ICO). 60 Studenten arbeiteten an dem Thema mit. 

Was ist der Mehrwert von Bitcoin?

Bitcoin beziehungsweise Initial ICOs sind neue Formen der Kapitalbeschaffung. Wenn ich Geld für Investitionen benötige, nehme ich normalerweise bei einer Bank einen Kredit auf, oder ich beschaffe mir mein Geld am Kapitalmarkt, indem ich Aktien oder Anleihen ausgebe.

ICOs stellen ihre Investitionsvorhaben über das Internet ein und versuchen Gelder über die virtuelle Ausgabe von Kryptowährungen einzusammeln. Das ist ähnlich wie bei einem Börsengang. Mit dem Unterschied, dass der Kunde keine Aktien, sondern virtuelle Anteile in Form von Tokens oder Coins kauft.

Diese neue Form der digitalen Kapitalbeschaffung wird bestehen bleiben. Das ist ihr Mehrwert. Es ist wie bei einer Autobahn, auf der wir momentan drei Spuren befahren: ICO ist einfach eine neue, vierte Spur.

Bitcoin vermehrt sich

Zuletzt stieg der Bitcoin-Preis an der Börse wieder sprunghaft an und erreichte Höchststände von mehr als 7.000 US-Dollar. Sollen wir jetzt alle Bitcoins kaufen?

Ich rate davon ab. Der Bitcoin hat keinen intrinsischen Wert, also keinen inneren Wert. Wenn Sie die Aktie eines Unternehmens kaufen, steht ein Unternehmen dahinter, das etwas produziert. Bitcoin und Kryptowährungen sind hochvolatil, intransparent und noch nicht ausreichend reguliert. Diese Risiken sollten die Anleger bedenken. 

Wer sollte sich mit Kryptowährungen auseinandersetzen? Für wen ist die Entwicklung wichtig?

Kryptowährungen locken mit sehr hohen Renditen, teilweise von 30 bis 40 Prozent. Ein Investor sollte wissen, dass es Kryptobörsen gibt und sich darunter etwas vorstellen können. Für Unternehmen oder Fintechs, die in die Blockchain-Technologie investieren ist das Segment interessant. Für normale Anleger sind die Risiken derzeit noch sehr hoch und ein hoch spekulatives Feld. 

Facebook arbeitet laut Medienberichten an einer eigenen Kryptowährung für Whatsapp. Auch auf dem neuen Samsung-Smartphone soll eine Crypto Wallet implementiert werden. Machen Kryptowährungen jetzt einen wichtigen Schritt in Richtung Mainstream?

Ja, absolut. Das ist die nächste Stufe der Krypto-Entwicklung. Der neue Mainstream ist die Digitalisierung: Wenn ich bestimmte Dienste in Anspruch nehme, sei es über das Smartphone oder die sozialen Medien, dann bieten diese ihre eigenen Tokens an, eben ihre eigene Kryptowährung. Was sie dafür brauchen, ist die Wallet, also die digitale Geldbörse.

In der Vergangenheit war das noch sehr unsicher. Die Aufbewahrung der Tokens und Coins in den Wallets wurden schnell gehackt, ebenso waren viele Kryptobörsen das Ziel von Cyberangriffen. Inzwischen haben die Entwickler sehr viel an der Sicherheit und der Aufbewahrung der Tokens gearbeitet. 

Bitcoin verschwindet in einem Loch

Würden Sie so einen Dienst in Anspruch nehmen?

Das hängt davon ab, wer Bitcoin akzeptiert. Ich hatte vor zwei Jahren gedacht, dass wir heute mit Bitcoin weiter wären. Aber Bitcoins sind kein gesetzliches Zahlungsmittel. Selbst in den USA nicht, obwohl es dort mehr Akzeptanzstellen gibt. Sicher ist: Der Trend geht immer mehr zur digitalen Form des Bezahlens.

Wäre es denn denkbar, dass Bitcoin die bestehenden Währungen ablöst?

Ganz klar: Nein.

Warum nicht?

Kryptowährungen erfüllen die Kernfunktionen von Geld: Wertspeicher, Zahlungsmittel und Recheneinheiten – nur sehr bedingt.

Ich betrachte Bitcoin als Recheneinheiten, da beim Mining der Nummernkreis eines Codes um 12,5 Bitcoins fortgeschrieben wird. Das ist nichts anderes als ein Hinzuaddieren von Zahlen. Aus meiner Sicht sind digitale Recheneinheiten derzeit weder aus ökonomischer noch aus ökologischer Sicht effizient. Das Segment entwickelt sich aber sehr schnell weiter.  

Bitcoin-Kette verschwindet in einem Loch

Immer wieder erschüttern Betrugsskandale den Markt für Kryptowährungen. Sind digitale Währungen besonders anfällig für kriminellen Missbrauch?

Wir haben in unserer Studie mehr als 500 Kryptowährungen untersucht. 80 Prozent davon waren unseriös. Der Bitcoin- und Kryptohandel ist immer noch nicht reguliert. Bitcoin wird bevorzugt als Zahlungsmittel im Darknet verwendet. Das Darknet wird überwiegend von jenen benutzt, die ihre Identität beim Benutzen des Internets nicht preisgeben wollen.

Die zweite Gefahr ist das Thema Daten. Wenn Sie sich als Nutzer in der Welt der Bitcoins und Kryptowährungen bewegen, müssen Sie sich an Kryptomarktplätzen elektronisch registrieren. Diese sind überwiegend im Ausland angesiedelt. Sie müssen sehr viele Daten über sich preisgeben, gegebenenfalls Ihre Kreditkarte oder einen „proof of residence“ hinterlegen sowie Ihren Personalausweis einscannen und hochladen.

Es wissen also alle Beteiligten, wo Sie wohnen und was Sie machen. Sie haben keine Transparenz darüber, wer Ihre Daten hat und wofür diese noch verwendet werden.

Ist es also aus Ihrer Sicht notwendig, den Markt zu regulieren?

Bitcoin verschwindet in einem Loch

Es wäre gut, wenn es EU-weit mehr Regulierung gäbe. So ließe sich das kriminelle Business im Darknet, also in den illegalen und abgeschirmten Bereichen des Internets, eindämmen. Bis heute gibt es noch keine Regulierung oder Gesetzesinitiative, die für den gesamten EU-Raum oder die USA gilt. China hat den Bitcoin bereits 2017 verboten.

Auf der anderen Seite sind solche Innovationen wie Wasser: Sie finden immer irgendwie ihren Weg. Es gibt mittlerweile zwischen 10.000 und 15.000 Kryptowährungen. Viele Vorhaben existieren nur drei, vier Monate, und so schnell, wie sie im Markt aufgetaucht sind, verschwinden sie auch wieder. Der Markt reguliert sich selbst. Es überleben nur einige große Player.

Der Einsatz der zahlreichen Computer zum Schürfen von Bitcoins benötigt viel Energie. Sind Bitcoins Umweltsünder?

Ja. Das Bitcoin-Schürfen ist aus meiner Sicht eine Form von Umweltverschmutzung. Um einen Block Bitcoins zu rechnen, das haben wir errechnet, wird so viel Strom verbraucht, wie die Stadt Frankfurt in drei Stunden benötigt.

Deswegen stehen die meisten Rechenzentren, die Bitcoins schürfen - so genannte Minerfabriken - in Asien, weil dort die Kosten für Strom sehr niedrig sind. In Deutschland wäre das überhaupt nicht möglich. Teilweise gibt es diese Minerfabriken auch auf Grönland und Island. Das spart die Kühlung für die Rechenzentren.

In welche Richtung wird die Zukunft gehen?

Wir werden immer digitaler bezahlen und weniger mit Bargeld. Die Kapitalbeschaffung über ICO wird es als neue Form weitergeben. Die Technik, die Aufbewahrung und die Sicherheit müssen weiterentwickelt werden. Aus meiner Sicht werden auf keinen Fall die Standardwährungen wie US-Dollar, Schweizer Franken oder Euro dadurch abgelöst werden.

Ich kann mir vorstellen, dass wir zukünftig über elektronische Speicher wie Smartphone oder eine elektronische Uhr Geld transferieren. Wenn ich mit Geld oder Bitcoins zahle, halte ich sie nur noch an ein Terminal, aktiviere sie mit meinem Finger oder meiner persönlichen Identität, dann wird der Betrag abgebucht.

Ich denke, wir werden in fünf oder zehn Jahren schon so weit sein, dass wir kaum noch Bargeld benötigen. Wir haben entweder einen Chip oder einen anderen Speicher, worüber Geld oder Bitcoins transferiert werden.

Bitcoin wächst durch eine Kette

Wo geht die Entwicklung bei der Blockchain hin?

Wir sprechen aktuell hier von Blockchain 3.0 und der Tokenisierung. Sie können letztendlich alles über Token abbilden, auch Anteile an Immobilien, Aktien, Anleihen, Anteile an einem Gemälde, an Unternehmen. Das ist der nächste Trend. Die Kreditinstitute und Banken arbeiten bereits daran. 

Haben Sie viel Geld verloren?

Nein. Ich habe nur mit geringen Beträgen an Krypto-Börsen gehandelt mit der Zielsetzung, das System, die Prozesse und die Abläufe zu verstehen. 

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