Patienten mit Herzinfarkt behandeln, während man weiß, der Rettungshubschrauber kommt erst in einer halben Stunde

Aus dem Leben eines Hochsee-Sanitäters

Frederik Maaß (23) arbeitet als Notfallsanitäter auf Schiffen und Offshore-Windparks. Er ist dort der einzige medizinische Fachmann. Das Wetter und die Distanz zum Festland machen seine Rettungseinsätze extrem. Wenn er Leben rettet, trifft er Entscheidungen, auf die sich kein Mensch vorbereiten kann.

Er würde dem Mann gleich etwas Furchtbares abverlangen, das wusste Frederik Maaß. Sein Patient schwebte in Lebensgefahr. Die  Bauchspeicheldrüse hatte sich entzündet und er konnte sich kaum bewegen. Es war Winter und sie lagen 90 Kilometer vor der Küste. Maaß klinkte seinen Sicherheitsgurt in das vereiste Gerüst ein, welches sie schnell herbeigeschafft hatten, um auf das andere Schiff zu kommen. Dann sagte Maaß dem schwerkranken Mann, dass sie jetzt beide über diese provisorische Brücke laufen müssen. Es ging nicht anders. „Manchmal muss man auf einige Dinge scheißen, dieses Mal aufs kleinere Übel“, sagt Maaß, als er den Vorfall beschreibt.

 

Der 23-Jährige ist Notfallsanitäter auf See. Mit bis zu 90 Arbeitern an Bord ankern die Schiffe wochenlang, damit die Besatzung an Offshore-Windparks arbeiten kann. Wetter und Isolation sind extrem. Der Lübecker ist der einzige medizinische Fachmann unter den Seeleuten. Im Notfall muss Maaß allein und ohne Absprache mit Kollegen entscheiden:  „Wie hoch dosiere ich die Medikation bei einem schweren Herzinfarkt, wenn ich weiß: Der Rettungshubschrauber kommt erst in einer halben Stunde.“ Medizinisch gesehen sei so etwas eine „total doofe Situation“. Nur jemand mit guten Nerven kann so einen Euphemismus formulieren.

Aus dem Leben eines Hochsee-Sanitäters

Maaß trägt das Tattoo eines Asklepiosstabs.

Auch die Rettung des Arbeiters mit der entzündeten Bauchspeicheldrüse war eine „doofe Situation“. So ziemlich alles lief gegen Maaß und seinen Patienten: Die Temperatur lag am Gefrierpunkt und es war windig. Die deutsche Luftrettung durfte bei diesen Bedingungen nicht fliegen. Sie riefen eine dänische Militärmaschine – die aber konnte auf ihrem Schiff nicht landen, weil sie zu schwer war. Sie mussten also das Schiff wechseln, um eine passende Landeplattform zu haben.

 

So fand sich Maaß in jenem Moment wieder, als er sich zusammen mit seinem schwerkranken Patienten über die Metallbrücke in 30 Metern Höhe schleppte, die beide Schiffe miteinander verband. Auch dort konnte der Militärhubschrauber nicht landen, aber das hatten sie fast schon erwartet. Maaß dachte während des Einsatzes einmal: „Wenn die Maschine nicht kommt, habe ich ein Problem“. Als der erkrankte Mann endlich per Seil zum Militär-Hubschrauber hinaufgezogen wurde, waren sechs Stunden vergangen. Der Mann überlebte. Maaß blieb zurück. „Ich war nur noch froh, dass es vorbei war. Es sind Situationen, auf die sich niemand vorbereiten kann.“

Ohne diese zwei Dinge wäre sein Job nicht machbar

Maaß wusste schon als Kind, dass er einmal Sanitäter werden würde. Weil er später als junger Erwachsener immer zu den Jahrgangsbesten gehörte, wurde ihm die anspruchsvolle Aufgabe der Seerettung ans Herz gelegt. Sogar Medikamente darf er selbst verabreichen.

 

Doch selbst für die Besten ist der Job eine große Belastung. Ewig wird auch er es nicht machen. Das weiß Maaß schon in einem Alter, in dem viele noch nicht einmal die Branche nennen können, in der sie einmal arbeiten möchten. In zwanzig Jahren wird er wohl BWL studiert haben und im Rettungsmanagement unterwegs sein.

 

Menschen, die sich permanent in Extremsituationen begeben, sagen manchmal: Ein Pendel, das stark ausschlägt, muss genauso stark in die andere Richtung zurückschwingen, damit alles in der Balance bleibt. Wenn Maaß aufs Festland zurückkehrt, verbringt er seine Zeit mit seiner Freundin und ihrem Hund. Ihre gemeinsame Wohnung haben sie in Lübeck. Ausgehen ist nichts für ihn. Kürzlich haben sie sich ein Kanu gekauft. Wenn er sein Leben in Lübeck nicht hätte, wäre sein Beruf vielleicht auch nicht auszuüben.

 

Die Wohnung ist für Maaß gleichbedeutend mit einem klassischen Rückszugsort. Der muss dann aber auch wörtlich als solcher zu verstehen sein. „Dann ist Ruhe angesagt“, sagt er. Wenn er sich Gedanken übers Wohnen macht und dabei in die Zukunft blickt, bleibt er konsequent bei diesen Prioritäten.

 

„Später wohnen“ bedeutet für Maaß, der von der Sparkasse Lübeck beraten wird: ein altes Bauernhaus kaufen, es renovieren und dann dort leben. Das junge Paar hat das auch schon so mit dem aktuellen Apartment gemacht, das Teil eines typischen Lübecker Altstadthauses ist. Auf seinen großen Traum vom Bauernhaus arbeitet Maaß derweil mit einem Bausparvertrag hin, in den er gerade einzahlt. Wegen seines gutbezahlten Jobs will er seinen Sparplan jedoch bald zusammen mit seinem Berater neu austüfteln und wird ihn vielleicht sogar verkürzen.

 

Die Biographie von Maaß ist eine besondere und sie hat einen direkten Einfluss auf seine Vorstellung vom Wohnen. Würde man seine Geschichte nicht kennen, fiele das nicht weiter auf. Es lohnt sich also manchmal zu fragen.