Frauen in der Corona-Krise – ein Kassensturz

Sind vor dem Virus alle Menschen gleich?

Die Corona-Krise ist für alle Menschen belastend. Erste Prognosen lassen aber vermuten, dass die Folgen der Krise Frauen sozial und finanziell deutlich härter treffen werden als Männer. Jede vierte Frau verkürzte beispielsweise im Schnitt ihre Arbeitszeit, um die Mehrarbeit aufgrund von Kita- und Schulschließungen zu schultern. Eine Bestandsaufnahme in sechs Punkten.

Zwei Frauen tragen Mundschutz

Zahlen & Fakten

  • Weltweit sind 70 Prozent des Personals in sozialen und Pflegeberufen laut UN-Women Frauen.
  • In der EU sind fast 80 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitssektor weiblich.
  • In Deutschland arbeiten 75 Prozent Frauen in den „systemrelevanten“ Berufen (DIW).
  • In Deutschland arbeitet fast jede zweite Frau in Teilzeit.
  • Jede vierte Frau in Deutschland reduziert in der Corona-Krise ihre Arbeitszeit, bei Männern ist es nur jeder Sechste.
  • Laut Unicef leisten Frauen weltweit schon in normalen Zeiten dreimal mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer: Diese Art der Arbeit steigt durch die Corona-Pandemie laut den Vereinten Nationen (UN) exponentiell an.
  • Rund 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen. Diese sind in der Krise finanziell besonders schwer belastet.
  • Die Altersrente von Frauen ist im Schnitt nur halb so hoch wie die von Männern.
  • Häusliche Isolation aufgrund von Corona fördert Gewalt gegen Frauen: Die UN erwarten 15 Millionen weitere Fälle von häuslicher Gewalt in diesem Jahr.

1. Corona-Krise zementiert soziale Ungleichheiten

Werden bisherige Bestrebungen nach Gleichberechtigung durch die Corona-Krise um Jahrzehnte zurückgeworfen? Die Soziologin und Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung (WZB), Jutta Allmendinger, sprach in einem Gastbeitrag für „Zeit-Online“ von 30 Jahren Rückschritt und einer Retraditionalisierung der Rollenbilder – Frauen sind zurück am Herd und Männer die Versorger.

Was ist dran an diesen Befürchtungen?

Es ist nicht zu leugnen. Die Corona-Krise hat selbst die gelassensten Eltern in Verzweiflung gestürzt. Kita, Schulen, Sportvereine und andere Nachmittagsangebote: Die gesamte Infrastruktur für Kinder war plötzlich weggebrochen. Eltern waren gezwungen, alles gleichzeitig zu kompensieren und mussten meist zusätzlich weiter arbeiten.

Aber wie sieht er aus, der tatsächliche Zeitaufwand, den Väter und Mütter für Familienarbeit und Job während der Krise investieren? Schauen wir uns dazu ein paar Zahlen an:

Jede vierte Frau hat laut einer Befragung der Hans-Böckler-Stiftung aufgrund der Corona-Einschränkungen ihre Arbeitszeit reduziert oder sogar den Job aufgegeben, um die Kinderbetreuung oder andere familiäre Verpflichtungen stemmen zu können. Das heißt: Ihr ohnehin häufig geringeres Einkommen verringerte sich zusätzlich. Bei den Männern verkürzte nur jeder sechste seine Arbeitszeit.

Fast jede zweite Berufstätige in Deutschland arbeitet in Teilzeit oder ist geringfügig beschäftigt. Bei den Männern ist das nur rund jeder Zehnte. Eine extreme Ungleichverteilung der Arbeitszeiten in Deutschland, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke (2019) hervorgeht.

Nur 37 Prozent der Väter gehen Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) von 2019 in Elternzeit. Drei von vier Vätern, die in Elternzeit gehen, nehmen lediglich die zwei Partnermonate, die man zusätzlich beantragen kann.

Frauen gehen dagegen nach der Geburt der Kinder viel länger in Elternzeit und kehren danach oft nur in eine Teilzeitbeschäftigung zurück. Das bedeutet weniger Einkommen, Karriereeinschnitte, weniger Einzahlungen in die gesetzliche Rente und somit eine größere Gefahr für Altersarmut. Eine Falle, aus der Frauen dann kaum noch herauskommen.

Die Gründe dafür sind keine Überraschung: Die Lohnlücke – der Gender Pay Gap – zwischen Männern und Frauen ist noch immer da und liegt in Deutschland laut Statistischem Bundesamt bei 21 Prozent. Männer bringen im Durchschnitt mehr Geld nach Hause. Auf das Einkommen der Frauen kann daher eher verzichtet werden, also stecken diese zurück. Was für sie finanzielle Einbußen und langfristig auch weniger Rente bedeutet.

Vor allem Paare mit wenig Geld können es sich häufig nicht leisten, auf das meist höhere Einkommen des Mannes zu verzichten und haben unter dem Druck der Krisensituation kurzfristig keine andere Wahl.

Das gefährdet vor allem den Erwerbsverlauf der Frauen. Die Möglichkeit, die Arbeitszeit auf das vorherige Niveau aufzustocken, ist nicht immer garantiert. Laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) dürfte sich durch die Corona-Krise die bestehende Lohnlücke zwischen den Geschlechtern weiter vergrößern.

2. Traditionelle Arbeitsteilung spitzt sich in der Krise zu

7,9 Stunden verbringen Frauen im Schnitt mit Aufgaben wie Familienarbeit, Haushalt und Pflege von Angehörigen – ein Fulltimejob mit 2,5 Stunden mehr unbezahlter Sorgearbeit am Tag als bei Männern, wie die Studie „Eltern während der Corona-Krise“ des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigt.

Obwohl Väter laut der Studie in der Krise aufgeholt haben und während der Schließungen von Kita und Schulen mehr Care-Arbeit leisteten als vorher, bleibt die tägliche Mehrarbeit aufseiten der Mütter konstant. Bereits 2018 stand im Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, dass Mütter täglich mindestens 2,5 Stunden mehr Care-Arbeit leisten als Väter.

Die Ergebnisse sind Momentaufnahmen aufgrund der aktuellen Situation. Der Direktor der Studie, Norbert Schneider, geht aber davon aus, dass die Zeit, die Männer für Hausarbeit aufbringen, wieder sinkt, sobald sich die Lage normalisiert.

Symbolbild: Eine Hälfte vom Kuchen
Prozent

Die Anzahl der Paare, die sich vor der Krise die Sorgearbeit ungefähr gleichmäßig aufgeteilt haben, sinkt stark.

Eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung ergab: Von 100 Paaren, die sich die Erziehungs- und Hausarbeit vor der Covid-19-Krise größtenteils teilten, tun das nur noch 62 Prozent auch während der Krise.

Die partnerschaftliche Aufteilung zwischen den Geschlechtern in Deutschland funktioniert nur so lange, wie die Kinderbetreuung staatlich ausgelagert ist, sagt der Politikwissenschaftlers Daniel Dettling. Entfällt die Betreuungsinfrastruktur, fällt die Gesellschaft in alte Rollenmuster zurück.

3. Wichtig, weiblich, unterbezahlt – Frauen in systemrelevanten Berufen

Der Begriff „systemrelevant“ ist in diesem Jahr zum Schlagwort geworden. Genauer gesagt geht es um systemrelevante Berufe, die in der Corona-Krise als unverzichtbar eingestuft wurden. Berufe, die sich aber auch durch schlechte Bezahlung und unbefriedigende Arbeitsbedingungen auszeichnen.
Wer übt diese Berufe größtenteils aus? Frauen. Der Frauenanteil liegt laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in diesen Berufsgruppen bei knapp 75 Prozent.

Vier systemrelevante Berufsgruppen mit hohem Frauenanteil*:

  • Verkaufsberufe: 82 Prozent Frauenanteil
  • Alten- und Krankenpflege: 84 Prozent Frauenanteil
  • Erziehung- und Sozialberufe: 83 Prozent Frauenanteil
  • Reinigungsberufe: 81 Prozent Frauenanteil

*Quelle: DGB-Index Kompakt 01/2020

Dass die Arbeitsleistungen von Frauen nicht erst seit der Krise das Rückgrat unseres Systems bilden, ist aufgrund der Corona-Krise nun noch mehr Menschen klargeworden. Frauen halten den Laden zusammen, wie Angela Merkel neulich sagte. Klingt prima. Wo liegt nun das Problem?

Im System selbst. Fast alle diese Berufe haben gemeinsam, dass sie unterdurchschnittlich bezahlt sind und überdurchschnittlich schlechte Arbeitsbedingungen bieten: Überstunden, Schicht-, Wochenend- und Nachtarbeit. Zudem wird diesen Berufsgruppen eine vergleichsweise geringe Wertschätzung entgegengebracht. Sorgearbeit, die als vorwiegend weibliche Tätigkeit betrachtet wird, wird zu Hause „umsonst“ geleistet und somit in der Arbeitswelt in professioneller Form, zum Beispiel im Pflegesektor, nicht als ökonomisch ausreichend nützlich anerkannt.

Ein doppeltes Dilemma: Da Frauen oft die systemrelevanten und zugleich kontaktintensiveren Jobs wie Krankenschwester, Pflegerin, Erzieherin oder Verkäuferin ausüben, sind sie der Gefahr, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, oft stärker ausgesetzt als Männer.

In den ersten Wochen wurde für die Menschen in systemrelevanten Berufen vielerorts von Balkonen herunter gesungen und geklatscht, als Anerkennung für ihre Leistungen in der Krise.

Der nächste Schritt könnte sein, die professionelle Sorgearbeit auch durch angemessene Entlohnung und verbesserte Arbeitsbedingungen stärker wertzuschätzen. Ab 1. Juli 2021 steigt immerhin der Mindestlohn für Pflegekräfte auf bis zu 15,40 Euro an.

Vielleicht hilft dieses durch die Corona-Krise verstärkte Bewusstsein für die systemrelevanten Berufe, zu ändern, was seit Jahren von vielen Seiten gefordert wird.

4. Auswirkungen der Arbeitseinschränkungen durch Corona

Kurzarbeit soll die Krise am Arbeitsmarkt abfedern, um den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie entgegenzuwirken und Kündigungen zu vermeiden. Das Kurzarbeitergeld ersetzt einen Teil des durch vorübergehenden Arbeitsausfall weggefallenen Nettoeinkommens – maximal zwei Drittel. Unter bestimmten Voraussetzungen gibt es Erhöhungen.

Frauen und Männer sind in Deutschland während der Corona-Pandemie annähernd gleich häufig von Kurzarbeit betroffen. Frauen bleibt in der Krise am Ende des Monats aber vielfach weniger Geld im Portemonnaie als Männern. Dafür gibt es mehrere Gründe:

1. Minijobs

Beschäftige in Minijobs sind nicht durch Kurzarbeit geschützt. Über 60 Prozent der geringfügig Beschäftigten in Deutschland sind weiblich.

2. Kleinselbstständige

Auch Selbstständige sind von der Corona-Krise viel stärker bedroht als zum Beispiel Beschäftigte im Öffentlichen Dienst oder in der Industrie. Unter den Kleinselbstständigen finden sich viele Frauen: Frisörinnen, Buchhändlerinnen, Schneiderinnen, Physiotherapeutinnen, Künstlerinnen. Ihnen ist aufgrund der wochenlangen Kontaktbeschränkungen und vorübergehenden Schließungen vielfach die komplette wirtschaftliche Basis weggebrochen.

3. Teilzeitbeschäftigung

Fast jede zweite Frau in Deutschland arbeitet in Teilzeit. Bei den Männern sind es gerade mal ungefähr acht Prozent. Das bedeutet für Frauen von vornherein weniger Einkommen. Im Falle von Kurzarbeit kommen viele Frauen somit an ihre finanziellen Grenzen.

4. Aufstockung des Kurzarbeitergeldes

Das Kurzarbeitergeld wird im Schnitt bei Frauen etwas seltener aufgestockt als bei Männern. Das ergab eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung (2020). Zum Teil kommen diese Unterschiede dadurch zustande, dass Frauen häufiger in kleineren Dienstleistungsbetrieben ohne Tarifvertrag arbeiten, in denen generell weniger bezahlt wird.

5. Hohe Versteuerung durch Ehegattensplitting

Aufgrund der immer noch bestehenden Lohnlücke zwischen Männern und Frauen verdienen Ehemänner in den meisten Fällen deutlich mehr als ihre Ehefrauen. Für viele verheiratete Frauen bedeutet das eine hohe Besteuerung nach der ungeliebten Steuerklasse V. Von ihrem ohnehin geringeren Einkommen bleibt nur wenig übrig. Kurzarbeitergeld verstärkt diesen negativen Effekt zusätzlich.

5. Gleichstellung – Deutschland im Vergleich

Deutschland landet beim Gleichstellungsindex der EU-Kommission von 2019 auf Platz 12. Dieser misst, wie nah die EU-Staaten an der Verwirklichung einer geschlechtergerechten Gesellschaft sind. Viele Länder, die auch in der Corona-Krise politisch erfolgreich regieren, sind bei der Gleichstellung der Geschlechter deutlich weiter als Deutschland. Spitzenreiter ist seit Jahren Island.

Auch bei den Quoten für mehr Geschlechtergerechtigkeit in Führungspositionen schneidet Deutschland im Vergleich zu 31 anderen europäischen Ländern schlecht ab.

Dabei haben Länder und Unternehmen, die auf Vielfalt und Gleichberechtigung achten, gute Erfahrungen gemacht. Sie sind vielfach wirtschaftlich erfolgreicher, insgesamt widerstandsfähiger und somit besser auf Krisen vorbereitet.

Auch die Rentenlücke zwischen Frauen und Männern ist im Ländervergleich hoch. Die Altersrente von Frauen ist in Deutschland im Schnitt fast zur Hälfte niedriger als bei Männern. Ursache ist vor allem der hohe Teilzeitanteil von Frauen in Deutschland. Das heißt, Frauen verdienen im Leben nur halb so viel wie Männer. Im OECD-Vergleich ist Deutschland hier Schlusslicht.

Mitverantwortlich daran sind auch die großen Lohnunterschiede in Deutschland. Der Lohnabstand zwischen Frauen und Männern liegt über dem Schnitt der OECD-Staaten. Laut Statistischem Bundesamt beträgt er derzeit 21 Prozent.

6. Die Krise als Chance

Die Corona-Pandemie macht deutlich: Wir fallen nicht in Rollenbilder zurück, die es vor 30 Jahren gab, wie Jutta Allmendinger befürchtet. Doch es gibt Anzeichen, dass sich vorhandene Ungleichheiten aufgrund der Krise verfestigen.

Frauen schultern in der Krise oft die Mehrarbeit und halten die Gesellschaft am Laufen. Vor allem Frauen mit mittlerem und geringem Einkommen, Beschäftigte in systemrelevanten Berufen und alleinerziehende Frauen bekommen die Auswirkungen der Corona-Krise sozial wie ökonomisch am stärksten zu spüren.

Ein System, das schon in Nichtkrisenzeiten nicht selten an der Belastungsgrenze arbeite, wird in der Krise von den Schlechtbezahlten und Doppeltbelasteten zusammengehalten, wie der Deutsche Frauenrat schreibt.

Aus der Corona-Krise lernen heißt, sich nicht nur der Frage stellen, wie sich die wirtschaftlichen Einbrüche durch die Corona-Pandemie erholen. Die Politik sollte sich auch die Frage stellen, ob die durch die Krise zugespitzten sozialen Ungleichheiten im Anschluss wieder korrigiert werden können.

Ansätze für Lösungen gibt es seit Jahren, zum Beispiel vonseiten der Bundesregierung, der Gewerkschaften, von einzelnen Parteien und Frauenvertretungen: innovative Betreuungsmodelle, paritätische Reformierung der Elternzeit, gleicher Lohn für vergleichbare Arbeit, höhere Tarifierung in sogenannten Frauenberufen, Abschaffung von Anreizen für traditionelle Arbeitsteilung bei Paaren.

Die Liste ist lang. Nun könnten Taten folgen. Der Weg zur Geschlechtergerechtigkeit ist nach wie vor weit. Das zeigt sich in der Krise einmal mehr.