Das Phänomen Gamestop: David gegen Goliath?

Nach dem Höhenflug fällt das Wertpapier wieder stark

Mit einer Leerverkaufsattacke haben milliardenschwere Hedgefonds auf den Absturz eines der größten Einzelhändler für Computerspiele gesetzt. Dann organisierten sich Kleinanleger. Sie trieben mit Käufen den Kurs nach oben. Doch nur kurzzeitig – jetzt fällt das Papier wieder stark. Müssen Privatanleger dieses Auf und Ab ernst nehmen?

Frau trinkt Kaffee vor dem Laptop.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Achterbahnfahrt des Gamestop-Aktienkurses hat weltweit an den Börsen zu Irritationen geführt.
  • Kleinanlegerinnen und -anleger organisierten sich, um den von Hedgefonds ausgelösten Kursverfall zu stoppen.
  • Dabei sprang der Wert der Aktie innerhalb eines Monats auf das 17-Fache.
  • Anschließend brach er aufgrund von Gewinnmitnahmen wieder auf ein Drittel ein.
  • Das Gamestop-Phänomen ist für Privatanlegerinnen und -anleger nicht nachhaltig und kann schnell zu Verlusten führen.

Seit Wochen sorgt das organisierte Kaufen der Gamestop-Aktie für Chaos an den Börsen. Im Zentrum steht das Reddit-Unterforum Wallstreetbets, das zum kollektiven Kaufen der Aktie aufgerufen hat. Nun wollen sogar große Hollywoodstudios das Auf und Ab rund um die Gamestop-Aktie verfilmen. Allen voran Netflix.

Was ist passiert?

Die Entwicklung des Gamestop-Aktienkurses ist ein bisschen wie die Geschichte von David gegen Goliath: Amateur-Trader schlossen sich über die Internetplattform Reddit zusammen und sagten im Fall des Videospielhändlers Gamestop den großen Hedgefonds den Kampf an.

In kürzester Zeit kauften sie sehr viele Aktien des Unternehmens. Dadurch stieg der Börsenwert innerhalb kurzer Zeit von 10 US-Dollar auf 400 US-Dollar. Zuletzt soll auch Tesla-Chef Elon Musk mit einem Tweet diese Rally angefacht haben.

In den USA wurde der Handel mit der Aktie sogar kurzzeitig ausgesetzt. Dann nutzten die Anlegerinnen und Anleger den Höhenflug bei Gamestop und verkauften das Papier wieder verstärkt. Anfang Februar notierte der Kurs bei 92 US-Dollar.

Wer sind die relevanten Akteurinnen und Akteure?

Der größte Teil der Kleinanlegerinnen und -anleger, der den unerwarteten Boom ausgelöst hat, nennt sich „Degenerierte“. Sie betrachten sich als „abgehängte, asoziale Kellerbewohner“. Viele von ihnen leben noch bei den Eltern.

Sie gehören zu den heute 2,3 Millionen Mitgliedern des Wallstreetbets-Forums der Internetplattform Reddit. Lange war dieses Forum klein und unbekannt. Seine Mitglieder spekulierten mehr aus Spaß als aus echtem finanziellem Interesse an den Aktienmärkten.

Doch mit der Verbreitung neuer kostenloser Trading-Apps wie „Robinhood“ begannen sie, sich aus Langeweile im Corona-Lockdown zu organisieren – und wurden zu einer Markmacht. Sie kauften in Massen Billigaktien wie die des Autovermieters Hertz oder des Fotokonzerns Kodak.

Als Hedgefonds schon vor einigen Jahren damit begannen, vermehrt sogenannte Leerverkäufe mit der Gamestop-Aktie vorzunehmen – und deren Kurs beträchtlich sank – beschlossen die „Degenerierten“, das Papier massiv zu kaufen. Innerhalb eines Monats – von kurz vor Weihnachten 2020 bis Ende Januar 2021 – stieg der Kurs um knapp 380 Prozent.

Short Squeeze: Hedgefonds am Rand der Pleite

Damit lösten die „Degenerierten“ eine wahre Achterbahnfahrt an der Börse aus. Denn die involvierten Hedgefonds verdienen ihr Geld mit Leerverkäufen, das heißt mit Wetten auf fallende Aktienkurse.

Die unerwartete Kursrally trieb einige der milliardenschweren Fonds an den Rand des Ruins. Sie waren gezwungen, sich sicherheitshalber wieder mit den Aktien einzudecken und trieben den Kurs selbst weiter nach oben. Diese Entwicklung ist ein eher seltenes Börsenphänomen und nennt sich Short Squeeze.

So verlor der milliardenschwere Hedgefonds Melvin Capital, der gegen Gamestop gewettet hatte, im Januar 53 Prozent an Wert. Nur eine Finanzspritze in Höhe von 2,75 Milliarden US-Dollar sicherte dem Fonds das Überleben.

Was sind Leerverkäufe?

Gamestop war einst eine der größten Videospieleketten der Welt. Das Unternehmen verliert aber schon seit einigen Jahren massiv an Kunden und damit an Marktanteilen, weil Onlineplattformen ihre Spiele schneller und günstiger anbieten.

So gelangte Gamestop 2013 in die Aufmerksamkeit der Leerverkäufer, auch Short Trader genannt, der Hedgefonds. Bei einem „Short“ setzen die Händler auf fallende Kurse. Sie leihen sich die Aktien und verkaufen sie. Irgendwann müssen sie diese zurückgeben und hoffen, sie billiger zurückkaufen zu können, wenn der Kurs gefallen ist. Die so entstandene Differenz ist ihr Gewinn.

Mit diesen Leerverkäufen fiel der Kurs von Gamestop von knapp 50 US-Dollar im Jahr 2013 auf kaum drei US-Dollar im Sommer 2019. In dieser Zeit begannen die „Degenerierten“ ebenfalls, das Papier vermehrt zu kaufen. Innerhalb eines guten Jahres stieg es dann auf 10 Dollar – und schließlich auf 400 US-Dollar.

Verzerren organisierte Kleinanlegerinnen und -anleger wie die „Degenerierten“ oder sogar die Hedgefonds mit einer solchen Aktion den Kapitalmarkt?

Leerverkäuferinnen und -verkäufer sind davon überzeugt, dass sie eine bessere Einschätzung eines Unternehmens haben als der Markt. Im Fall von Gamestop hielten die Fonds den Kurs von 50 US-Dollar für deutlich überhöht, da das Unternehmen beständig an Marktanteilen verlor.

In einigen Fällen zeigt sich, dass das Shortselling haltlos ist. Dann geht der Kurs wieder in die Region vor den Leerverkäufen. Häufig sind solche Misstrauensvoten gegenüber einzelnen Firmen aber auch begründet. Das aktuell bekannteste Beispiel ist Wirecard.

Wenn dann aber wie bei Gamestop sehr unterschiedliche Handelsrichtungen aufeinanderprallen, hat das sehr heftige Kursausschläge zur Folge. Eine Verzerrung des Marktes kann man das nicht nennen - eher eine Maximierung in beide Richtungen des Kurspotenzials.

Ist das Vorgehen der „Degenerierten“ ein zukunftsträchtiges Modell oder eher ein einmaliger Vorgang?

Im aktuellen Fall trafen verschiedene Faktoren aufeinander: Den jungen, über das Wallstreetbets-Forum von Reddit organisierten, Tradern ging es nicht primär darum, der Gamestop-Aktie zu ihrem „wahren“ Wert zu verhelfen. Sie hatten aufgrund des Lockdowns Langeweile, und schlossen sich auch deswegen zu dieser Aktion gegen die Hedgefonds zusammen.

Auch die Tatsache, dass viele von ihnen über die Trading-App „Robinhood“ die Aktien kauften, löste eine weltweite Resonanz aus. Denn der Name erinnert an die britische Sagenfigur Robin Hood, den Rächer der Armen und Entehrten.

Aber kaum hatte die Gamestop-Aktie die 400 Dollar erreicht, tätigten viele Anlegerinnen und Anleger wieder Gewinnmitnahmen. Das heißt, sie verkauften die Aktie, um an der Aktion zu verdienen. 

Was bedeutet das jetzt für mich als Anlegerin oder Anleger?

Die Entwicklung zeigt, dass diese Aktion nicht nachhaltig und nur schwer kontrollierbar ist. So schnell die Gewinne entstanden sind, so schnell können sie auch wieder verloren gehen. Um zuverlässig daran zu verdienen, müssen Trader den Handel ständig im Blick behalten.

Für Privatanlegerinnen und -anleger ist dies fast unmöglich, da sie dafür gar nicht die Zeit haben. Außerdem können sie mit Trading-Apps oftmals nicht schnell genug reagieren, wenn sich der Kursverlauf ändert. Damit laufen sie Gefahr, in kürzester Zeit viel Geld zu verlieren. 

Ist das Gamestop-Phänomen eine Eintagsfliege oder wird es sich wiederholen?

Als kurz nach der Gamestop-Rally auch der Preis für Silber deutlich anzog, führten viele Anlegerinnen und Anleger das auf eine Gemeinschaftsaktion wie bei Gamestop zurück. Sie befürchten, dass sich das Phänomen nun öfter wiederholen könnte.

Rohstoffanalysten sehen dafür aber andere Auslöser. Beim Anstieg des Silberpreises seien mehrere Faktoren zusammengekommen, die den Preis in die Höhe trieben: Freies Kapital, das investiert werden musste. Kleinanleger, die sich von den Gerüchten über die nächste Aktion im Stil von Gamestop mitreißen ließen, sowie Großinvestoren, die dieser Welle folgten.

Außerdem war die konzertierte Gamestop-Aktion nicht der alleinige Grund für den exorbitanten Kurszuwachs der Aktie. Organisierte Trader wie die „Degenerierten“ machen mittlerweile rund 20 Prozent des US-Börsenhandels aus. Auch der Short Squeeze hat wesentlich dazu beigetragen. Einen vergleichbaren Short Squeeze wie bei Gamestop gab es zuletzt bei der Volkswagen-Aktie im Jahr 2008.

Insgesamt ist daher eine Wiederholung des Gamestop-Phänomens zwar nicht ausgeschlossen – aber auch nicht sehr wahrscheinlich.



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