„Wenn man Aktienfonds hat, kann einen überhaupt nichts nervös machen“

Warum die Deutschen lieber in Aktien investieren sollten als Lotto zu spielen

Die Deutschen sind Sparweltmeister – und legen ihr Geld trotzdem unverzinst an. De facto verlieren sie Geld, weil die Inflation das Guthaben frisst. Welchen Sinn hat Sparen heutzutage noch? Dr. Holger Bahr, Leiter Volkswirtschaft bei der DekaBank, beantwortet die wichtigsten Fragen.

„Mir ist unbegreiflich, wie man es verantworten kann, einem Neugeborenen heute etwas anderes als einen Aktienfonds-Sparplan zu geben.“
Dr. Holger Bahr, Leiter Volkswirtschaft bei der Deka

Ist Sparen noch sinnvoll? Oder müssen Kinder, die in Zeiten von Negativzinsen ihre Sparschweine zur Sparkassen bringen, bald etwas mitbringen?

Dr. Holger Bahr: Natürlich ist das Sparen sinnvoll – allein schon deswegen, weil man über das Sparen redet. Wenn man Sparen und Konsum hört, klingt das eine schön, während ich mir über das andere Gedanken machen muss. Sparen ist auch Konsum – nur in der Zukunft.

Wenn ich Geld als Altersvorsorge nutze, ist das Zukunftskonsum. Darum ist die Frage, ob sich Sparen lohnt, eine rhetorische Frage. Es sei denn, man möchte von der Hand in den Mund leben oder bis zu seinem letzten Tag arbeiten.

Nun sitzen laut Berechnungen Ihres Hauses die Deutschen auf 6,24 Billionen Euro Sparvermögen…

… und das ist nur das Finanzvermögen privater Haushalte. Dazu kommt noch Immobilienvermögen. Das ist erst einmal schön. Wenn gespart wird, kann investiert werden. Zu einer Wirtschaft passt sparen gut.

Wo ist dieses Geld?

Mehr als 40 Prozent von diesen über 6 Billionen Euro ist Bargeld oder liegt auf Giro- oder Tagesgeldkonten. Sicheren, aber völlig unverzinsten Anlagen, mit denen man nicht einmal die Inflation von zwei Prozent ausgleicht.

Scheuen wir Deutschen einfach das Risiko?

Ja. Aber dazu gibt es überhaupt keinen Grund.

„Die Leute spielen Lotto – trotz einer 97-prozentigen Chance auf Totalverlust“
Illustration: Ein Einarmiger Bandit

Hätten Sie das 2006, also vor der Finanzkrise von 2008, auch so gesagt?

Ja. Die Leute spielen Lotto – trotz einer 97-prozentigen Chance auf Totalverlust. Das schaffen Sie mit Wertpapieren nie – zumindest nicht, wenn Sie seriöse Fonds haben.

Offenkundig ist es so, dass viele Menschen ein unermessliches Problem damit haben, wenn der Wert einer Geldanlage – und wenn auch nur für eine ganz kurze Zeit – sinkt. Dieses Misstrauen resultiert vielleicht aus der Finanzkrise.

Warum hat sich das nicht geändert?

Weil es zu wenige Leute gibt, die auf Menschen zugehen und auch auf offene Ohren stoßen, in dem Sinne, dass Menschen sich mit ihrem Geld beschäftigen.

Eine Umfrage kommt zu dem Ergebnis, dass die Leute lieber zum Zahnarzt gehen als zum Anlageberater. Ich verstehe das nicht: Was gibt es Schöneres, als über das eigene Vermögen zu reden und sich Gedanken zu machen, wie es mehr wird?

Haftet der Aktie beziehungsweise den Bankern noch das Etikett Gier an?

Gier entspricht vielleicht Werbeversprechen von 13 Prozent Jahresrendite mit zweifelhaften Anlagen. Unsere Renditeerwartungen kommen relativ bescheiden daher.

Was ist bescheiden?

Wenn Sie in zehn Jahren ein Plus von durchschnittlich fünf Prozent pro Jahr mit Aktien erzielen, ist das nicht Gier, sondern Vernunft, weil man die Inflationsrate von zwei Prozent übertroffen hat.

„Mehr als 40 Prozent des deutschen Sparvermögens liegt in unverzinsten Anlagen“

Aber damit können Sie oder Ihre Branche offensichtlich nicht überzeugen, sonst würden nicht besagte 6 Billionen Euro nutzlos auf Konten liegen.

Ja, zumindest 40 Prozent davon. Nur jeder Sechste hat Aktien oder einen Aktienfonds. Das ist sehr wenig, denn: Das absolute Argument für Aktien und Aktienfonds ist die Altersvorsorge.

Mir ist unbegreiflich, wie man es verantworten kann, einem Neugeborenen heute etwas anderes als einen Aktienfonds-Sparplan zu geben.

Illustration: Ein Sparschwein und Baby-Ausrüstung

Weil?

Wir kommen in Deutschland extrem stark aus einer Welt, in der man mit Finanzvermögen auch Schiffbruch erleiden konnte, zumindest mit liquiden Mitteln. Denken Sie an die Währungsreform, das ist noch gar nicht so lange her.

Und: Wir haben die gesetzliche Rentenversicherung. Da wurde uns gesagt, die Rente ist sicher. Ist sie auch. Aber ein Drittel der Rente kommt schon heute aus Steuermitteln.

Das heißt: Die Rente wird auch an die nächsten Generationen ausbezahlt, aber einfach weniger. Oder die Rentner der Zukunft müssen länger arbeiten, oder alles zusammen. Das mit der sicheren Rente, das sitzt noch ganz, ganz tief.

Wird die Aktie interessanter, seitdem Strafzinsen fällig werden oder zumindest drohen?

Der Wertpapierbesitz steigt. Aber ich vermisse insgesamt eine Aktienkultur. Es gibt in Deutschland mehr Lebensversicherungen als Einwohner, und sehr viele Bausparverträge.

Wir sind sehr gut abgesichert. Aber man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Mir ist wichtig, dass hinter dem Investieren in Aktien eine innere Haltung steckt, und nicht die Angst vor Strafzinsen.

„Aktien zu haben ist wie reich werden. Nur krasser.“

Angenommen, ich habe 10.000 Euro und frage Sie, was ich damit machen soll. Was raten Sie mir?

Als Volkswirt rate ich Ihnen zu Wertpapieren und zu einer bunten Mischung über die wichtigsten Anlageklassen: Das ist ein ordentlicher Schluck Aktien, dazu auch festverzinsliche Wertpapiere und ein Teil Immobilienfonds – am besten Gewerbeimmobilien.

Und: Eine der günstigsten und einfachsten Absicherungen gegen tägliche Schwankungen ist die Verteilung auf unterschiedliche Anlage-Tage. Auf jeden Fall würde ich dann noch empfehlen, einen Sparplan anzuhängen, und den am besten in Aktien.

Illustration: Der Kurzverlauf eines Aktiensparplan

Sehen Sie steigende Zinsen?

Es wird gegen Ende der Amtszeit von Christine Lagarde sein, dass die EZB die Zinsen erhöht. Also nicht vor 2024. Aus den bisherigen Aussagen ist davon auszugehen, dass wir aber keine weiteren Zinssenkungen mehr erleben.

Das Zinsniveau ist für kein Geldinstitut schön. Aber: Wir möchten auch nicht wissen, was passiert wäre, hätten die Notenbanken anders reagiert und die Zinsen nicht gesenkt.

Wenn man Aktienfonds hat, kann einen jedenfalls überhaupt nichts nervös machen. Vor 100 Jahren stand der Dow-Jones-Index bei 80 Punkten – heute ist er bei 28.000 Punkten. Und in den 100 Jahren ist wirklich sehr viel passiert. Für die nächsten 98 Jahre gibt es eine Prognose von Warren Buffet mit einem Dow-Jones von einer Million. Ich finde, Aktien zu haben ist wie reich werden. Nur krasser.

Dieser Beitrag basiert auf einem mit der Passauer Neuen Presse geführten Interview.

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