Scheiden tut weh. Wie sehr, kann man beeinflussen – gemeinsam

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Nicht nur Trennungen können sehr schmerzhaft sein, sondern auch die Klärung finanzieller Fragen. Denn Scheidungen sind mit sehr vielen Herausforderungen verbunden, auch bei Eheverträgen. Eine Mediation hilft, die eigenen Interessen zu wahren – und dennoch gemeinsam Lösungen zu finden. Wie das funktioniert und welche Punkte zu beachten sind, um sich auch im Hinblick auf Finanzen möglichst einvernehmlich zu trennen, erklärt Dr. Susanne Perker. Als langjährige Mediatorin und Rechtsanwältin für Familienrecht ist sie eine doppelte Expertin für Trennungen und Scheidungen.

 

 

Frau Perker, trotz aller Liebe: Die Trennungsraten in Deutschland sind nach wie vor sehr hoch. Jahr für Jahr werden mehr als 160.000 Ehen von den Gerichten geschieden. Hand aufs Herz, welcher ist der heiklere Punkt bei einer Scheidung: Kinder oder Geld?

 

Dr. Susanne Perker: Mit dem neuen Kindschaftsrecht hat der Gesetzgeber die gemeinsame elterliche Verantwortung als Regelfall festgelegt, wenn ein Paar sich scheiden lässt. Dennoch entstehen viele heftige Konflikte über die Ausübung des Sorge- und des Umgangsrechts bei Trennung und Scheidung. Aber ebenso häufig wird um die Finanzen gestritten.

 

Warum geht es bei den Finanzen oft hart auf hart, wenn sich ehemals Liebende trennen?

 

Bei den Finanzen wird etwas sehr Existenzielles geregelt. Es müssen Entscheidungen getroffen werden, die die persönliche Versorgung betreffen und die weit in die Zukunft reichen. Wenn also die Wohnsituation, der Unterhalt und das Vermögen verteilt werden, werden zugleich die rechtlichen Weichen für die finanzielle Zukunft jedes Einzelnen gestellt.

 

Aber warum werden viele Menschen so hochemotional und fahren die Krallen aus, wenn sie sich scheiden lassen?

 

In jeder Trennung oder Scheidung steckt auch eine herbe Enttäuschung, eine Niederlage. Die Parteien erkennen, dass sie in ihrer Beziehung und Lebensplanung miteinander gescheitert sind – und oft genug auch, dass sie betrogen wurden. Das muss nicht mal unbedingt sexuell der Fall gewesen sein. Oft wiegt der emotionale Betrug noch schwerer, wenn einer von beiden den anderen verlassen will und damit auch das Lebensprojekt einer gemeinsamen Zukunft verrät. So sehen die Betroffenen das häufig. Nicht nur das Zuhause, das ganze Vertrauen ist dann futsch. Andere haben sich in einer unglücklichen Ehe oft jahrelang nur durchgeschlagen und trotz zahlreicher Gespräche und Eheberatung keine wirkliche Veränderung erreichen können. Die ziehen dann irgendwann die Reißleine. Für den Verlassenen ist das trotzdem meist ein Schock.

 

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Dr. Susanne Perker ist langjährige Mediatorin und Rechtsanwältin für Familienrecht.

 

Wie kann man in dieser Situation möglichst konstruktiv miteinander umgehen?

 

Ziel sollte sein, die Bedürfnisse beider herauszufinden, sie zu respektieren und ihnen Rechnung zu tragen. Es gilt, zwei Wahrheiten anzuerkennen. Schuldzuweisungen helfen da nicht weiter. Und dann muss jeder für sich – aber im Idealfall gemeinsam mit dem anderen – klären, wie es jetzt und in Zukunft weitergeht. Das kann in der Mediation im moderierten Gespräch zu dritt gelingen.

 

Welche Rolle spielt die Mediationsarbeit vor diesem Hintergrund? Warum bietet sie sich gerade im Trennungsfall an?

 

In der Mediation richten wir – also die beiden Ex-Partner und ich – den Blick ganz gezielt auf die Zukunft. Dabei berücksichtigen wir zwar die emotionalen Verletzungen, die aus der gescheiterten Beziehung herrühren. Aber sie sollen nicht die Grundlage für den neuen Lebensabschnitt sein. Wir nehmen uns ganz bewusst die Zeit, das Gute aus der Beziehung zu würdigen, aber uns auch  dem Scheitern, der Trauer und der Enttäuschung zu widmen –  um sie zu akzeptieren. Nicht um daran festzuhalten. Es muss ja weitergehen. Und es soll gut weitergehen.

 

Das funktioniert? Wie?

 

Als Mediatorin schaffe ich den Rahmen für ein moderiertes, neutrales und doch vertrauliches und zuweilen auch emotionales Gespräch. Wir schauen, was es braucht, um aus dieser Situation gut herauszukommen und einen akzeptablen  Weg für beide zu finden. Dieser Weg ist für beide erst mal neu. Ich helfe beiden Seiten, verletzte Gefühle zuzulassen und anzuerkennen, dass auch der andere verletzt ist. Das hilft, Lösungen zu finden. Emotionen sind dabei der Schlüssel zur Lösung.

Sobald die Parteien beginnen, Ich-Botschaften zu formulieren, verlassen sie die Anklagebank. Sie beginnen wieder, dem anderen mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen und auch seine Verletztheit zu sehen. Dann können wir uns den Zahlen, Daten und Fakten zuwenden. Ziel ist immer, die Konflikte zu regeln und eine für beide Seiten gute Trennungsvereinbarung hinzubekommen. Die müssen dann auch beide unterschreiben. Häufig ist  eine notarielle Beurkundung notwendig. Damit hat man dann auch gleich einen vollstreckbaren Titel – für alle Fälle.

 

Wie können Mediatoren Streitfälle schlichten, sodass sich ein Paar – auch im Hinblick auf Finanzen – möglichst klar und einvernehmlich trennen kann?

 

In der Mediation soll sich jeder auf die eigenen Bedürfnisse konzentrieren und die Frage beantworten: Was ist mir wichtig, und warum? Was ist mein wirkliches Interesse? Wofür brauche ich das Geld, das Haus, das Auto, hänge ich daran oder geht es mir um den Wert? Wie soll meine weitere Berufstätigkeit aussehen (einschränken oder ausbauen), wie sieht meine zukünftige Lebensplanung aus (Kindererziehung, Hausbau, Karriere, Ruhestand, Wohnmobil oder Reisen)?

 

Wenn man sich das dann mitgeteilt hat, können beide Seiten gemeinsam Ideen entwickeln, welche Möglichkeiten es gibt, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Der große Vorteil der Mediation ist ja, ganz individuelle Lösungen zu finden und zu gestalten, wobei wir auch besprechen, wie wir den Kuchen für alle vergrößern können.

 

Welche Rolle spielen die Kinder bei einer Trennung?

 

Sind Kinder involviert, kommt eine neue Dimension hinzu. Denn als Paar kann man sich trennen, aber Eltern bleibt man ein Leben lang. Auch wenn man sonst versucht, sich aus dem Weg zu gehen; man hat noch lange miteinander zu tun und sieht sich spätestens bei der Konfirmation oder der Heirat der Kinder wieder.

 

Natürlich leiden Kinder immer unter einer Trennung. Wenn die Eltern ihnen aber vorleben, dass sie trotz des Scheiterns und der Konflikte respektvoll miteinander umgehen, ist sehr viel gewonnen. Sie machen es damit aber nicht nur ihren Kindern, sondern auch sich selbst leichter.

 

Gibt es den „richtigen Zeitpunkt“ für eine Mediation?

 

Am besten sucht man sich so früh wie möglich vor oder während des Trennungsprozesses Hilfe durch einen Mediator, damit die Konflikte möglichst nicht eskalieren. Zusätzlich sollte jeder eine rechtliche Beratung einholen.

 

Was sind die Unterschiede zwischen einer Mediation und der Begleitung durch Rechtsanwälte?

 

Das muss kein Widerspruch sein. Nur der Fokus ist ein anderer: Die Rechtsanwälte konzentrieren sich auf die rechtlichen Aspekte und versuchen, für ihren Mandanten das Beste aus der Situation herauszuholen. In der Mediation geht es darum, dass beide die neue Situation gestalten – gemeinsam, aber nicht mehr als Paar und damit das Beste für beide erzielen, also win-win.

 

Man könnte auch sagen, die Mediation fokussiert mehr auf die Zukunft von Beiden, die streitige juristische Vorgehensweise eher auf die Vergangenheit des Einzelnen.

 

Wieviel kostet die Mediation?

 

Jeder Mediator hat andere Stundensätze. Eine Mediation im Trennungsfall dauert zwischen fünf und zehn Sitzungen, je zwei Stunden pro Sitzung. Dabei entsteht ein Betrag, der deutlich niedriger ist als das Honorar, das Anwälte im Streitfall in Rechnung stellen.

 

Dennoch rate ich immer beiden Seiten dazu, auch einen Anwalt hinzuzuziehen, um rechtlich auf jeden Fall gut beraten zu sein, denn sie sollten eine informierte Entscheidung treffen können.

 

Wann würden Sie eine Scheidung als gelungen bezeichnen?

 

Eine Trennung oder Scheidung ist in meinen Augen dann erfolgreich, wenn sie konstruktiv und ohne Eskalationen und weitere Verletzungen verläuft, wenn die persönlichen Interessen beider berücksichtigt sind und die gemeinsam getroffenen Entscheidungen nachhaltig sind. Man sollte sich mit Anstand trennen und immer noch gegenseitig in die Augen schauen können. Im Idealfall kann man sogar noch gemeinsam einen Kaffee trinken – und den Kindern weiterhin ein gutes Vorbild liefern, wie man Konflikte konstruktiv lösen kann, ohne sich zu hassen. Das haben meine Eltern mir bei ihrer Scheidung vorgelebt und dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Dieses Modell hat mich vermutlich zur leidenschaftlichen Mediatorin gemacht.

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