Großbritannien: Trotz Brexit business as usual

Deutsche Firmen sollten Großbritannien trotz Brexit nicht vernachlässigen

Anna-Maria Kassebart ist für die Helaba in London tätig. Sie erlebt unveränderte Aktivität des deutschen Mittelstands nach dem Brexit-Votum.


Das Votum der britischen Wähler für einen Austritt aus der Europäischen Union erschütterte im Juni 2016 die Welt. Auch in der deutschen Wirtschaft sorgte es für Verunsicherung. Kein Wunder: Das Vereinigte Königreich ist Deutschlands drittgrößter Exportmarkt. 2016 führte Deutschland Waren im Wert von 86 Milliarden Euro nach Großbritannien aus.

Anna-Maria Kassebart ist für die Helaba in London am German Desk tätig und ist im S-CountryDesk zuständig für Großbritannien. Im Interview spricht sie über die Folgen des Brexit, die Besonderheiten des britischen Bankensystems und welche Regionen außer London für Investitionen interessant sind. 

Frau Kassebart, 2016 hat Großbritannien für den Austritt aus der Europäischen Union votiert. Wie geht es den deutsch-britischen Wirtschaftsbeziehungen vor diesem Hintergrund heute?

Anna-Maria Kassebart: Der Brexit ist in der Tat das Gesprächsthema Nummer eins in der deutschen Wirtschaft in Bezug auf Großbritannien. Ich kann aber nicht feststellen, dass deutsche Unternehmen sich zurückziehen. Teilweise werden zwar Investitionsentscheidungen verschoben, aber viele deutsche Unternehmen sagen sich, dass sie Großbritannien wegen seiner Wichtigkeit – vor allem als Absatzmarkt – gar nicht vernachlässigen können.

Überrascht Sie, dass kaum Auswirkungen spürbar sind?

Nein, eigentlich nicht. Unternehmen handeln wirtschaftlich und gehen dorthin, wo die Kunden sind. Großbritannien ist weiterhin ein rechtlich sicheres Land mit guten Investitionsbedingungen und bleibt ein sehr wichtiger Markt. Die Stimmung ist: weitermachen und hoffen, dass das Beste für beide Seiten herauskommt.

Dennoch: Der Brexit kommt, die Verhandlungen starten bald und das wird für Veränderungen sorgen ...

Ja, das ist allen bewusst. Es gibt natürlich auch Sorgen: Welche Handelsbarrieren wird es geben? Welche Zölle kommen auf die Lieferketten zu? Doch noch sind das alles Spekulationen – und solange das so bleibt, herrscht weiter Rationalität vor.

Die wichtigsten Kennzahlen Großbritanniens

Internationalisierung Großbritannien

Sie haben die Vorzüge Großbritanniens als Wirtschaftsstandort angesprochen. Welche sind das konkret?

Es gibt weniger bürokratische Hürden als in anderen Ländern und eine gute Infrastruktur. Die Unternehmensgründung beispielsweise ist kein Problem, dazu gibt es viele Hilfestellungen von der Handelskammer vor Ort. Der Arbeitsmarkt ist weniger reguliert; man findet leicht gut ausgebildete Mitarbeiter und kann dank kurzer Kündigungsfristen flexibel agieren. Eine Sache aber ist deutlich komplizierter als in Deutschland.

Welche?

Kontoeröffnungen sind sehr schwierig, viel komplizierter als in Deutschland. Man muss alles offenlegen, zu jedem Gesellschafter, zu jedem Geschäftsführer. Es kann sich über Monate hinziehen, bis alles erledigt ist. Ich erkläre mir das damit, dass in den großen britischen Banken viele Entscheidungen zentral getroffen werden. Regional verankerte Banken mit Fokus auf den Mittelstand, wie die Sparkassen, sind weniger verbreitet.

Gibt es kulturelle Unterschiede, auf die man sich vorbereiten sollte?

Es werden im Geschäftsleben generell immer mehr E-Mails geschrieben und in Großbritannien ist das noch stärker verbreitet. Wir Deutschen sind im E-Mail-Verkehr sehr knapp, sehr pragmatisch. Die Engländer dagegen spicken ihre Mails gern mit Freundlichkeiten. Dies kann zu gegenseitigen Missverständnissen führen.

Aber das ist ein Detail. Insgesamt gibt es viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Briten sind wie wir zielorientiert. Sie nehmen Dinge dabei leichter und humorvoller, die Deutschen sind etwas analytischer. Zusammen ergibt das eine gute Mischung.

Wie wichtig ist es, dass deutsche Unternehmen sich beim Handel mit Partnern in Großbritannien absichern?

Wegen der Fremdwährung ist dies auf jeden Fall wichtig. Beim Abschluss langfristiger Verträge sollte das Währungsrisiko kalkuliert und abgesichert werden. Dabei kann auch die Sparkasse helfen. Sicherer ist man, wenn sowohl Einnahmen als auch Ausgaben in Pfund Sterling sind, was einer natürlichen Absicherung entspricht. 

Ist London oft die erste Anlaufstelle für Unternehmen in Großbritannien?

Ja, die Wirtschaft im Land ist sehr auf London ausgerichtet. Im Südosten des Landes sind rund ein Drittel aller britischen Unternehmen angesiedelt. Dadurch ist die Region auch ein großer Absatzmarkt und für den Dienstleistungssektor wichtig. Für die produzierende Industrie sind die Midlands rund um Birmingham attraktiv. Dort sind vor allem die deutschen Autohersteller aktiv. Ein dritter Schwerpunkt ist die Gegend rund um Liverpool und Manchester.

Wie können die Sparkassen Unternehmen helfen, die in Großbritannien einen Standort aufbauen oder ihre Produkte anbieten möchten?

Die Helaba hier in London hat einen „German Desk“, der exklusiv für Firmenkunden von Sparkassen da ist. Zum Beispiel können Firmenkunden ein britisches Konto bei uns führen. Das löst das eben beschriebene Problem und erleichtert den Zahlungsverkehr mit Kunden und Dienstleistern hier im Land erheblich. Zudem bieten wir Finanzierungen in Pfund Sterling an. All dies wird in Zusammenarbeit mit der Sparkasse umgesetzt.

Am besten ist es, uns über den S-CountryDesk und die Sparkasse so früh wie möglich in Planungen einzubinden, am besten schon lange vor dem geplanten Start der Aktivitäten in Großbritannien. Je eher wir involviert sind, desto besser können wir helfen.