„Frankreichs Wirtschaft ist besser als ihr Ruf“

Der deutsche Mittelstand im Nachbarland

Frankreich-Experte Stephen Peacock glaubt, dass viele das Land falsch einschätzen – und nennt die Stärken von Europas drittgrößter Volkswirtschaft.

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Deutschlands größter Exportmarkt sind zwar die USA, doch auf Platz zwei kommt schon der große Nachbar im Westen: Nach Frankreich führten deutsche Unternehmen 2016 Waren im Wert von 101,4 Milliarden Euro aus.

Stephen Peacock betreut von Köln aus für den S-CountryDesk Unternehmen, die nach Frankreich expandieren wollen oder dort bereits aktiv sind. Er spricht über die Besonderheiten des Landes, die aktuelle politische Situation und darüber, was Franzosen von Deutschen unterscheidet.

Herr Peacock, Emmanuel Macron ist Frankreichs neuer Präsident. Welche Auswirkungen erwarten Sie auf die deutsch-französischen Handelsbeziehungen?

Stephen Peacock: Das ist schwer vorherzusagen. Er ist nicht Mainstream, führt eher eine Bewegung als eine Partei an. Wie er sich als Präsident macht, weiß noch niemand genau.

Für die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Frankreich könnte er für einen Wandel, einen Neustart stehen. Denn in Bezug auf Frankreich gibt es in den letzten paar Jahren vonseiten unserer mittelständischen Kundschaft schon eine gewisse Zurückhaltung. 

Woran liegt diese Zurückhaltung Ihrer Meinung nach?

Die deutschen Unternehmen trauen der französischen Wirtschaft offenbar nicht genug – nicht ganz zu Recht, wie ich finde. Man wird Frankreich nicht gerecht, wenn man sagt, das Land stagniere und führe zu wenige Reformen durch. Ein Beispiel ist das „Loi pour la croissance et l’activité“ (Gesetz für Wachstum und Aktivität), das u. a. Liberalisierungen bei Ladenöffnungszeiten und im Fernbusverkehr gebracht hat. Dazu bietet Frankreich viele Vorteile: Es ist ein reifer Markt – immerhin die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt –, bietet ein sicheres Rechtssystem, eine gute Infrastruktur und gut ausgebildete Mitarbeiter.

Die wichtigsten Kennzahlen Frankreichs

Internationalisierung Frankreich

Was muss ich wissen, wenn ich als Unternehmer nach Frankreich gehe? Was sind Ihre Empfehlungen?

Die Firmengründung funktioniert ähnlich wie in Deutschland, auch das Bankensystem ist sehr ähnlich. Da ist kein Kulturschock zu befürchten. Eine gute Möglichkeit ist, mit einer „virtuellen Präsenz“ zu beginnen. Dann hat man bei einem Dienstleister oder einer Handelskammer eine Adresse oder Telefonnummer, wo man eine Kontaktmöglichkeit anbietet. Andere Unternehmen arbeiten mit Handelsvertretern, um ihre Produkte zu vertreiben. Auch das kann gut für einen Start in Frankreich sein. Beachten sollte man bei ganz gleich welchem Engagement: Die Sprache ist sehr wichtig. Französischsprachige Mitarbeiter sind unabdingbar.

Welche Risiken sind zu beachten?

Bei der Abwicklung von Geschäften sollte man wissen, dass der Mittelstand in Frankreich im Durchschnitt schwächer als in Deutschland ist. Kleine Firmen haben oft nur eine dünne Kapitaldecke. Deshalb ist wichtig, dass man eine Bonitätsauskunft einholt, wenn man bei Transaktionen mit solchen Unternehmen keine Vorauskasse durchsetzen kann oder keinen Scheck möchte. Als Zahlungsform sind alternativ elektronische Wechsel, sogenannte LCR (Lettre de change relevé) sehr verbreitet. Das ist ein sehr gutes und sicheres System. Man muss auch wissen, dass die Zahlung in Frankreich etwas länger dauern kann.

In welchen Regionen Frankreichs sind deutsche Firmen besonders präsent?

Die Pariser Gegend ist da als Erstes zu nennen, dann direkt die Grenzregion Elsass/Lothringen. Im Norden mag Lille nicht gerade zu den klassischen Touristenzielen zählen, aber es ist schon lange eine wirtschaftlich starke Gegend. Dazu gibt es Gebiete wie beispielsweise Rhône-Alpes rund um Lyon, wo der Staat Unternehmen besonders fördert. In diesen Regionen werden auch deutsche Firmen immer aktiver.

Wie konkret sehen die Dienstleistungen des S-CountryDesk aus? Wann ist es am besten, mit Ihnen in Kontakt zu treten?

Das S-CountryDesk ist ein Netzwerk von Banken und Nicht-Banken, die Firmen begleiten. Dadurch können wir nicht nur Bankdienstleistungen anbieten, sondern auch Kontakt zu Steuerberatern, Investmentagenturen, Headhuntern oder Anwaltskanzleien vermitteln. Gemeinsam mit den Kundenbetreuern bei den Sparkassen in Deutschland ist es unser Ziel, so viel wie möglich schon vor dem Start im Zielland auf den Weg zu bringen. 

Kommen die Anfragen denn immer rechtzeitig?

In vielen Fällen nicht früh genug. Unternehmen kommen oft auf uns zu, um Lücken zu schließen: ein Konto zu eröffnen, Tipps zu einer bestimmten Region oder einen Anwalt in einer bestimmten Stadt zu bekommen. Je früher man uns einbezieht, desto besser und ganzheitlicher können wir helfen.