Nie mehr ins Büro: Was vom Homeoffice übrig bleibt

Warum uns mehr hybride Arbeitsmodelle erwarten

Die Corona-Pandemie wirbelte die Arbeitswelt gehörig durcheinander. Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer tauschten über Nacht ihr Büro gegen Homeoffice. Ist diese neue flexible Arbeitswelt wirklich das Modell der Zukunft? Welche Unternehmen gehen voran und welche rechtlichen Besonderheiten gibt es? Ein Überblick. 

Eine Frau sitzt mit Laptop auf dem Schoß auf dem Fensterbrett.

Hurra, es funktioniert! – irgendwie. Diese Erfahrung machten zahlreiche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den vergangenen Wochen im Homeoffice. Und auch bei vielen Firmen ist die Skepsis neuer Zuversicht gewichen.

So planen 73 Prozent der Unternehmen, die während der Pandemie verstärkt auf das Arbeiten von zu Hause setzten, dies zukünftig auszuweiten. Das ergab eine Umfrage des Münchener Ifo-Instituts.

Konkret zeigt sich der Wandel beim Thema Meetings und Konferenzen: Knapp zwei Drittel der Unternehmen (64 Prozent) möchten auch nach der Corona-Pandemie häufiger virtuelle Konferenzen abhalten. 

Der Aufschwung der Videodienstleister

Eine Nachricht, die bei Zoom gut ankommen dürfte. Der Videodienstleister zählt neben Lebensmittelhändlern oder Biotech-Firmen, die gerade unter Hochdruck an der Erforschung eines Corona-Impfstoffs arbeiten, zu den großen Gewinnern der Krise.

Von Mai bis Juni 2020 vervierfachte sich der Umsatz von Zoom von 146 Millionen Dollar auf 663,5 Millionen Dollar. Der Gewinn stieg auf 186 Millionen Dollar und war damit rund 30 Mal höher als im Mai.

Zusätzlich zu geschäftlichen Videokonferenzen gewinnt die Plattform im privaten Umfeld immer mehr Fans. Inzwischen übertragen Kirchen Gottesdienste oder Vereine Sportangebote via Zoom.

Studie: Wachsende Akzeptanz von Homeoffice

Arbeitswelt aus. Dennoch lassen die Erfahrungen der ersten Jahreshälfte tiefgreifende Veränderungen erwarten. Erzwungen durch Covid-19 ist die digitale Arbeitswirklichkeit über Nacht für viele zum New Normal geworden.

Dabei verstehen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Unternehmen die flexibleren Arbeitsformen als Chance – die Akzeptanz steigt, wie eine kontinuierliche Umfrage des Fraunhofer Instituts  zeigt. Die Zufriedenheit im Homeoffice von Teammitgliedern und Führungskräften liegt inzwischen bei 90 Prozent. Im April lag die Zufriedenheit noch bei rund 80 Prozent. Ein wichtiger Grund für die gestiegene Zufriedenheit: Schulöffnungen, die eine geregeltere Haushaltsführung ermöglichten.

Große Unternehmen als Vorreiter des Homeoffice

Solche positiven Erfahrungen mit mobilem Arbeiten in der Corona-Pandemie sorgen in einigen Unternehmen für gravierende Veränderungen. So setzt Siemens künftig verstärkt auf Homeoffice. Per Vorstandsbeschluss wird es für 140.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit zum Standard, dass sie an zwei oder drei Tagen pro Woche mobil arbeiten können Andere Schwergewichte wie Bayer, Deutsche Bank, Telekom oder Allianz gehen ähnliche Wege und wollen ihre bisherigen Arbeitsformen überdenken.

Bye-bye Büro: Nachfrage nach Gewerbeflächen sinkt

Das hat Folgen: Mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice bedeutet langfristig weniger Büroflächen. Das könnte zu einem dauerhaften Nachfragerückgang nach Gewerbeimmobilien führen und den Immobilienmarkt insgesamt verändern.

Einige Unternehmen schaffen bereits Tatsachen, verlängern Mietverträge nicht, kündigen nicht mehr benötigte Flächen oder verzichten ganz auf die Büropflicht wie das Unternehmen Telefonica.

Auf dem Markt der Gewerbeimmobilien lassen sich Entwicklungen wie diese bereits mit Zahlen belegen: Um 59 Prozent ist das Umsatzvolumen des weltweiten Büromarktes im zweiten Quartal zurückgegangen. Hält diese Entwicklung an, dürfte der Wandel der Arbeitswelt langfristig auch das Gesicht der Innenstädte massiv verändern.

Homeoffice per Gesetz?

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Denn obwohl die Pandemie den Großteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ganz praktisch zum spontanen „Experiment Homeoffice“ gezwungen hat, ist der rechtliche Rahmen für die Zeit nach dem Corona-Ausnahmezustand längst nicht hinreichend geklärt.

Zwar kündigte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) bereits im April an, nun im Herbst einen Gesetzesentwurf zum Homeoffice vorzulegen. Doch inzwischen steigt die Skepsis, ob sich dieses Vorhaben tatsächlich umsetzen lässt. Kritiker befürchten, dass ein solches Gesetz die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in zwei Lager spalten würde – in die, bei denen Homeoffice grundsätzlich möglich ist und die, bei denen es nicht umsetzbar wäre. Und auch mit Blick auf bestehendes Arbeitsrecht gibt es nach wie vor zahlreiche offene Punkte.    

Arbeits- und Versicherungsschutz

Die Unsicherheit beginnt schon bei den Arbeitszeiten. Aktuell müssen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eine Ruhezeit von 11 Stunden einhalten, bevor sie sich nach ihrem Feierabend am folgenden Tag wieder an den Rechner setzen dürfen. Nach Meinung der FDP sei solch eine Regelung mit der aktuellen Homeoffice-Realität nicht mehr vereinbar und müsste daher dringend angepasst werden. Zudem scheint die Arbeitsbelastung im Homeoffice zu steigen: Laut einer amerikanischen Studie  arbeiten die Menschen zu Hause rund eine Stunde länger als an ihren regulären Büroarbeitsplätzen. Hinzu kommen ein früherer Arbeitsbeginn und eine höhere Anzahl an geschriebenen E-Mails, die auch länger nach Dienstschluss verfasst werden.  

Auch beim Versicherungsschutz hinkt die bestehenden Gesetzeslage der neuen Arbeitswelt hinterher. Aktuell sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Hause nicht versichert, wenn sie sich während der Arbeit ein Getränk aus der Küche holen und sich verletzen, weil sie zum Beispiel stürzen. Die gesetzliche Unfallversicherung haftet nur für Unfälle, die unmittelbar mit der Ausübung des Berufs in Verbindung stehen.

Wenn im Homeoffice die Grenzen zwischen Job und Privatleben verschwimmen, lautet die entscheidende Frage: Was gehört zur Arbeit und was nicht? Mehr zum Versicherungsschutz im Homeoffice lesen Sie hier

Ergonomisch arbeiten auch im Homeoffice

Ungeklärt sind auch Fragen rund um den Gesundheitsschutz am direkten Arbeitsplatz: Im Büroalltag sind Arbeitgeber dafür verantwortlich, dass Schreibtische, Bürostühle und weitere Arbeitsgeräte ergonomisch gestaltet sind. Diese und andere Errungenschaften des Betriebsrats sind im Homeoffice längst nicht selbstverständlich.

Eine Herausforderung auch für das Recruiting: Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erwarten von ihrem künftigen Arbeitgeber zu Recht, dass er ihnen einen guten Arbeitsplatz zur Verfügung stellt. Wie er das auch im Homeoffice sicherstellen kann, ist aktuell noch völlig offen.

Wie also umgehen mit der schönen neuen Arbeitswelt?

Auf der einen Seite stehen die positiven und lehrreichen Erfahrungen aus den vergangenen „Learning-by-doing“-Homeoffice-Monaten. Der Sprung ins kalte Wasser, der auch schmerzhafte Erkenntnisse bereithielt – etwa, dass Homeoffice und Homeschooling nur schwer vereinbar sind. Auf der anderen Seite stehen zahlreiche Fragen und ungelöste Probleme. 

Von Homeoffice-Hype zu hybriden Arbeitsformen

Unternehmen wie Siemens machten mit ihrer „Zwei-bis-Drei-Tageslösung“ den Anfang. Und geben damit Richtung und Tempo vor. Die Corona-Pandemie zeigt: Videokonferenzen ersetzen so manches Meeting und manche Dienstreise – aber mit Sicherheit nicht jedes persönliche Gespräch. Der Face-to-Face-Austausch der Mitarbeitenden prägt die Unternehmenskultur.

Die Antwort für den Aufbruch in die Arbeitswelt der Zukunft ist kein Entweder-Oder – also nur Homeoffice oder nur Büroarbeit. Letztlich wird jedes Unternehmen die Frage nach dem Verhältnis von Remote- und Präsenzarbeitszeit in den kommenden Monaten ganz individuell beantworten müssen.

Fest steht: Homeoffice ist mehr als ein kurzfristiger Hype. Es ist ein Vorbote für neue, hybride Arbeitsmodelle. Die damit verbundenen Folgen werden uns in den kommenden Jahren beschäftigen. Der Wandel hat gerade erst begonnen.


Ob Zuhause oder im Büro – sichern Sie sich umfassend ab.

Bitte wählen Sie Ihre Sparkasse aus:

Ist das nicht Ihre Sparkasse?