„Frauen sollten ihren Job nicht klein reden“

Frauen in Führung: Weibliche Chefs erobern den Mittelstand

Erfolgreiche Mittelständler setzen auf Frauen: Das hat Vorteile – für beiden Seiten. Dr. Nina Lorea Kley ist unter den vier Geschäftsführern bei der Feldbinder Spezialfahrzeugwerke GmbH in Winsen die einzige Frau. Inwieweit sich Frauen und Männern in ihrer Führung unterscheiden, worauf sie besonderen Wert legt und welchen Fehler Frauen häufig machen, darüber spricht sie im Interview.

Frauen in Führungspositionen sollten heute eine Selbstverständlichkeit sein. Und vielfach ist es das auch – vor allem im Mittelstand. Dort schaffen es Frauen häufiger an die Spitze als in Konzernen, rund 16 Prozent der mittelständischen Unternehmen werden von Frauen geführt. Doch der Trend ist rückläufig. Bei Großunternehmen sind es sogar nur 8 Prozent Frauen in Führungsposition, so eine Studie des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte.

Woran liegt das? Und was können Unternehmen tun, um für mehr weibliche Führungskräfte attraktiv zu sein?

Dr. Nina Lorea Kley, 41 Jahre, ist Geschäftsführerin bei der Feldbinder Spezialfahrzeugwerke GmbH. Das mittelständische Unternehmen in Winsen an der Luhe gehört zu Europas führenden Produzenten von Silo- und Tankfahrzeugen, Bahnwaggons und Spezialcontainer aus Aluminium und Edelstahl. Im April 2018 verabschiedeten sich die Gründerväter Jan Dirk Beckmann und Otto Feldbinder in den Ruhestand. Inzwischen hat die zweite Generation das Zepter übernommen.

Frau Kley, Sie sind Geschäftsführerin in einer klassisch männlich dominierten Branche und neben drei Männern die einzige Frau. Wie fühlt sich das an?

Dr. Nina Kley: Wir leben in einer männerdominierten Welt. Doch hier im Geschäft sind wir alle gleichberechtigt. Im Gegensatz zu den männlichen Geschäftsführern habe ich als Mutter jedoch im privaten Bereich noch eine Menge anderer Themen mit zu organisieren.

Wird man in Ihrer Branche als Frau überhaupt für voll genommen?

Die Fahrzeugbranche ist stark im Wandel. Gerade für Frauen ist es von Vorteil, eine gute Ausbildung zu haben. Das erleichtert den Einstieg und man wird eher ernst genommen. Der entsprechende Abschluss entkräftet mögliche Unterstellungen, man sei als Frau nur aufgrund bestimmter Umstände wie beispielsweise einer Quote in die Geschäftsführung gekommen.

Was meinen Sie: Unterscheiden sich Frauen und Männer in ihrer Art zu führen – und wenn ja, wie?

Ja, davon bin ich überzeugt. Ich glaube, dass Männer eher strukturierter an Themen herangehen. Das heißt, wenn zum Termin eingeladen wird, gibt es eine ganz klare Agenda. Die Punkte werden abgehandelt und es darf nicht länger dauern als geplant.

Das ist bei Frauen teilweise anders. Sie erahnen oft Themen, schon bevor greifbar ist, worum es geht. Sie klären viele Punkte gern vorab in Zweiergesprächen. Vieles wird dann im kleinen Kreis entschieden und auf den Weg gebracht.

Worauf legen Sie besonderen Wert bei Ihrem Führungsstil?

Ich nehme mir ausreichend Zeit für ein Gespräch. Weil ich immer auch mit einbeziehe, dass neben der Sachthematik auch Raum sein muss für das persönliche Miteinander.

Neben der Sachthematik muss immer auch Raum sein für das persönliche Miteinander.

 Ich bin überzeugt, dass es sich oft lohnt, ein bisschen mehr Zeit einzuplanen, weil sich so das ein oder andere Thema ergibt. Und: Ich versuche, vorab darüber nachzudenken, wie ich Themen adressieren kann, damit sie für den anderen akzeptabel sind.

Haben Sie ein Vorbild?

Ich schaue mir sowohl bei Frauen als auch bei Männern vieles ab. Vor allem schätze ich die Reflektion mit älteren Menschen. Wenn diese sich dazu äußern, was hilfreich war in ihrem Leben oder was sie leider erst zu spät begriffen haben, bringt mich das weiter. Oft hilft mir auch meine eigene Lebenserfahrung – einer der positiven Aspekte, wenn man älter wird.

Schweißer, Feldbinder Spezialfahrzeuge GmbH

Gibt es ein besonderes Erlebnis, das Sie in Ihrer Art zu führen geprägt hat?

Ja. Ich habe als junge Rechtsanwältin in einem sehr leistungsorientierten Gebiet gearbeitet, einer englischen Großkanzlei. Dort gab es ein ganz klares, an Zahlen, Ergebnissen und abrechenbaren Stunden orientiertes Erwartungsprofil an die Mitarbeiter. Und dort habe ich gleich am zweiten Tag von meinem Vorgesetzten erfahren: Sollte es bei einem Fall nicht zum Erfolg kommen, würde das an mir hängen bleiben. Im Fall eines Erfolgs hingegen würde er sich dies gerne selbst an die Brust heften.  

Was haben Sie daraus gelernt?

Als junge Mitarbeiterin ist man in so einem Moment sprachlos und überrumpelt. Damals hätte ich eine Führungskraft gebraucht, der meinem Vorgesetzten klar die Grenzen aufzeigt. Frauen lassen sich nach meiner Beobachtung oft zu leicht die Butter vom Brot nehmen.

Frauen lassen sich zu oft die Butter vom Brot nehmen.

Und was ich noch daraus gelernt habe: Vorgesetzte müssen sehr darauf achten, dass es ein faires Miteinander gibt. Der Erfolg muss auch dem zugeschrieben werden, der ihn errungen hat – sich mit fremden Federn zu schmücken ist nicht okay.

Als Führungskraft kann ich zwar das Erledigen von Aufgaben delegieren – jedoch niemals die Verantwortung. Vorgesetzte müssen sich schützend vor ihre Mitarbeiter stellen. Wenn eine Aufgabe misslingt, ist immer auch nach einem möglichen Führungsverschulden zu fragen.

Heute gibt es im Mittelstand mehr Frauen in Führung als bei Großunternehmen. Wie erklären Sie sich das?

Man muss wissen: Mittelständler haben nicht für alles eine riesige Masse an Mitarbeitern, zwischen denen sie sich entscheiden können. Mittelständler haben meist genau einen Mitarbeiter, der in Frage kommt – und da ist das Geschlecht völlig zweitranging.

Im Mittelstand kann man es sich nicht leisten, einem Mann nur aufgrund seines Geschlechts den Vorzug zu geben.

Im Mittelstand kann man es sich schlichtweg nicht leisten, einem Mann nur aufgrund seines Geschlechts den Vorzug zu geben. In Konzernen ist das aufgrund der Vielzahl der potentiellen Kandidaten anders. Es gibt eine viel breitere Menge von Bewerbern. Dann fängt Selektion an. Wer sich am Ende durchsetzt, das ist dann sehr stark davon abhängig, welche Person die Auswahl trifft.

Wie hoch ist der Frauenanteil in Ihrem Unternehmen?

Unser Frauenanteil ist in den Verwaltungsbereichen sehr hoch und ausgeglichen. Im gewerblichen Bereich liegt er leider branchenüblich nur bei zehn Prozent. Das will ich dringend ändern.

Aufgrund der immer kleiner werdenden Jahrgänge ist es absolut wichtig, die Köpfe der Bewerber dahingehend zu öffnen, dass Mädchen auch klassische Jungs- und Männerberufe lernen können. Mit dem Vorteil, dass sie auch anders entlohnt werden als in den typischen Frauenberufen – und damit am Ende ihres Lebens nicht nur sich stets selbst finanzieren konnten, sondern auch eine entsprechend effektivere Altersvorsorge aufgebaut haben.

Allein unter Männern, Feldbinder Spezialfahrzeuge GmbH

Welche Fehler werden im Umgang mit weiblichen Mitarbeitern am häufigsten gemacht?

Mitarbeiterinnen mit ihren geschlechtsspezifischen Bedürfnissen wird oft nicht genug Raum gegeben. Wenn sie es mit Frauen zu tun haben und diese Frauen vielleicht auch Mütter sind, dann muss ich das als Führungskraft berücksichtigen. Dann muss die Frau ihren Job und ihr Muttersein unter einen Hut bringen.

Das bedeutet, dass sie manchmal auch eine Entscheidung zugunsten ihres Kindes treffen wird. In diesem Augenblick ist das dann keine Geringschätzung ihres Jobs, sondern eine Sache lässt sich gerade schlichtweg nicht anders regeln. Aus diesem Grund täten Vorgesetzte gut daran, wenn sie Mitarbeiterinnen ganzheitlich sähen und verstünden.

Wie wichtig sind Netzwerke für Ihren Beruf?

Männer sind extrem gut darin, zum Beispiel sportliche Veranstaltungen mit beruflichen Inhalten zu verknüpfen. In einer gelösten und informellen Atmosphäre kann man viele Themen gut ansprechen und schnell zu einem Ergebnis kommen.

Bei Frauen funktioniert das über die persönliche Verbundenheit. Man trifft sich bei einer Veranstaltung, lernt sich kennen und tauscht ein paar private Eckdaten aus. Dann funktioniert das Netzwerken ganz toll.

Schutzbrille, festes Schuhwerk, Sicherheitskleidung für Frauen, gemischte Teams – wie geht Ihr Betrieb damit um?

Bei uns ist das ein sehr positiv aufgenommenes Thema. Wir haben umgebaut und schöne Umkleideräume gestaltet. Für Frauen ist es wichtig, dass sie sich nach der Arbeit im Blaumann zurückverwandeln können in die Frau, die sich verabredet und ins soziale Leben zurückkehrt. Es gibt durchaus die ein oder andere Mitarbeiterin, die ihre Arbeitshose nochmal zum Schneider bringt, damit diese besser sitzt. Das darf auch gern so sein.

Für Frauen ist es wichtig, dass sie sich nach der Arbeit im Blaumann wieder zurückverwandeln können.

Für die Teams ist es sehr positiv, wenn Frauen in der Werkstatt auftauchen. Es sorgt dafür, dass einschlägige Poster, wie sie früher vielleicht üblich waren, verschwinden, dass die Wortwahl etwas gemäßigter wird. Mit Sicherheit unterbleibt auch die ein oder andere unpassende Bemerkung, was die Qualität eines Gespräches durchaus heben kann.

Das gemeinsame Arbeiten in geschlechtsgemischten Teams sollte für uns alle selbstverständlich werden – egal, ob in der Werkstatt oder im Vorstand.

Das digitale Arbeiten verändert die Art, wie Unternehmen ihre Mitarbeiter führen. Was hat sich in Ihrem Unternehmen verändert?

Wir sind ein produzierendes Unternehmen mit einem hohen Teil an Handarbeit. Natürlich sind die digitalen Techniken wichtig für uns. Durch den Einsatz von Computern in der Fertigung haben wir neue Arbeitsplätze geschaffen. Teilweise ist auch eine freiere Einteilung der Mitarbeiter möglich. Aber am Ende bleibt es ein Betrieb, in dem es auf die Fertigung durch den Menschen ankommt.

Werkhalle, Feldbinder Spezialfahrzeuge GmbH

Investitionen in Personal und Digitalisierung kosten Geld. Eine Ihrer Hausbanken ist die Haspa. Wie gut kann die Sparkasse Sie bei Ihren Fragen unterstützen?

Die Haspa ist ein starker Partner für uns. Es zeichnet eine Hausbank ja aus, dass sie nicht nur ab und zu bei einem bestimmten Investitionsprojekt dabei ist. Wir stehen mit ihr im regelmäßigen Kontakt.

Die Haspa ist bei all unseren finanzierenden Themen dabei: von kurzfristigen Leasingverträgen bis zur langfristigen Planung von Investitionen. Vor allem auch bei der Finanzierung des Auslandsgeschäfts mit Avalen, also Bürgschaften, oder dem Letter of Credit. Dafür brauchen wir eine gute Bank an unserer Seite.

Und was wirklich hilfreich ist bei einer vernetzten, starken und lokalen Bank: Die Sparkassen-Finanzgruppe kann immer wieder Kontakte innerhalb ihrer Kunden herstellen. Zum Beispiel, wenn ein anderer Betrieb etwas sehr gut gelöst hat und wir davon lernen können. Das hilft enorm weiter.

Sie sind promovierte Volljuristin, Geschäftsführerin eines großen Mittelständlers, waren Mitglied im Wirtschaftsbeirat von Sachsen-Anhalt, sind aktiv in der Industrie- und Handelskammer und selbst Mutter von vier Kindern. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Ganz einfach: Ich bin nicht alleine unterwegs, sondern werde von vielen tollen Menschen unterstützt. Ich glaube, dass ich Vertrauen fassen kann zu den Menschen, mit denen ich arbeite und dann auch loslassen kann. Sowohl im beruflichen Bereich als auch bei der Kinderbetreuung. Wenn ich auf die Menschen nicht zählen könnte, denen ich meine Projekte und meine Kinder anvertraue, könnte ich nicht so viel schaffen.

Was ärgert Sie am meisten, wenn Sie Frauen und den Umgang mit ihrer beruflichen Entwicklung sehen?

Wenn Männer meinen, dass man eine Frau nicht ernsthaft in Projekte einbinden könnte, weil sie aufgrund von Teilzeitarbeit nicht zu allen Tages- und Nachtzeiten zur Verfügung steht. Das finde ich schlimm. Auch wenn ein Arbeitgeber nicht alle Möglichkeiten ausschöpft, Frauen zu unterstützen. Es ist oft leicht – und nur eine Frage des Wollens.

Wir tun oft so, als sei eine junge Mutter ein komplett neuer Mensch und ab diesem Zeitpunkt nur noch als Hintergrundspieler einsetzbar.

Wir tun oft noch so, als sei eine junge Mutter ein komplett neuer Mensch und als Mitarbeiterin ab diesem Zeitpunkt nur noch als Hintergrundspieler einsetzbar. Unternehmen schneiden sich wertvolle Ressourcen ab, wenn sie die bei ihnen beschäftigten Mütter auf ein Abstellgleis schieben.

Nachdem jetzt auch immer mehr junge Väter nach aktiver Teilhabe im Familienalltag streben, wird das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf künftig sowieso nicht mehr auf Frauen beschränkt werden können.

Was raten Sie den Frauen?

Die Wichtigkeit ihres Jobs niemals klein zu reden. Wir sind vielschichtige Persönlichkeiten, und unser Beruf ist ein essentieller Teil. Wir haben uns so lange auf unsere Ausbildung konzentriert und täten deshalb gut daran, während einer Job-Auszeit Kontakt zum Unternehmen zu halten. Einfach alle vier Wochen mal anzurufen oder in der Mittagspause vorbeizukommen, gerne auch mit Kind. Zu zeigen, dass einem der Job wichtig ist. Das wäre auch für die anderen Teammitglieder ein gutes Signal und erleichtert den Wiedereinstieg ungemein.

Können wir Ihnen und Ihrem Unternehmen weiterhelfen? Unsere Berater sind gern für Sie da.

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