Unternehmensnachfolge im Weingut

Kontrolle und Loslassen

Das Weingut Heymann-Löwenstein in Winningen an der Mosel ist weltbekannt. Nach anfänglich schwierigen Jahren sind seine Weine seit mehr als dreieinhalb Jahrzehnten ein Begriff für außerordentliche Qualität. Seit 2016 ist Tochter Sarah Löwenstein anteilig eingestiegen und übernimmt Schritt für Schritt das Weingut.

Im Interview erklärt sie zusammen mit ihren Eltern Cornelia Heymann-Löwenstein und Reinhard Löwenstein, wie sie gemeinsam die typischen Fallstricke einer Unternehmensnachfolge umgehen, was das mit ihrem Leben zu tun hat – und was mit ihren Weinen.

Wie muss ein Wein schmecken, damit er für Sie ein guter Wein ist?

Reinhard Löwenstein (RL): Ein Wein ist keine Cola. Das heißt, er sollte kein fixes Geschmacksmuster erfüllen, sondern die Besonderheiten des Orts wiedergeben, von dem er stammt: die Beschaffenheit des Bodens, die Reben, das Klima und das Können des Winzers.

Mit diesem Anspruch ist Ihr Weingut sehr erfolgreich geworden. Aber werden Sie, Frau Löwenstein, dieses Credo weiterhin so umsetzen, wie Ihre Eltern das bislang getan haben?
Winzerin entnimmt Probe aus Weinfass

Sarah Löwenstein (SL): Ja, denn das ist ja gerade ein Credo für Veränderung und Entwicklung. Und damit die beste Voraussetzung für mich, diesen Weg weiterzugehen.

Warum werden Sie das Weingut übernehmen? Wollten Sie schon als Mädchen Winzerin sein?

SL: Ich bin nicht als Kind durch den Weinberg gelaufen und habe gedacht, dass ich später die Arbeit meiner Eltern fortführen würde. Ich bin durch den Weinberg gelaufen und habe gedacht, hier bin ich Zuhause. Trotzdem wollte ich erst mal weg und habe an der Universität Duisburg-Essen einen Magister in Romanistik, Pädagogik und BWL abgeschlossen.

Im Laufe dieser Zeit habe ich gemerkt, wie sehr der Wein zu meinem Leben gehört und bin zurück an die Mosel gegangen.

Wie war das für Sie, als Ihre Tochter Ihnen das mitgeteilt hat?
Vater und Tochter im Interview in Bibliothek

RL: Ich habe vor Glück geheult.

Cornelia Heymann-Löwenstein (CHL): Ich habe mich sehr gefreut, aber mich auch gefragt, ob ihr bewusst ist, auf was sie sich einlässt.

Worauf lässt sie sich denn ein?

CHL: Das Wein-Business wird immer härter. Neben den deutschen und europäischen sowie den Weingütern der Neuen Welt strömen immer mehr Weine auf den Markt. Viele davon sind auch gut. Aber sehr viele sind vor allem billig.

In diesem Markt ein faires Preis-Genuss-Verhältnis zu behaupten, ist nicht leicht. Besonders vor dem Hintergrund unserer arbeitsintensiven Bewirtschaftung auf den Terrassen an den steilen Hängen der Mosel.

Haben Ihre Eltern jemals versucht, Sie zur Weiterführung des Weinguts zu überreden? In anderen Familienunternehmen kommt das vor.

SL: Das haben sie weder bei mir noch bei meiner Schwester getan.

RL: Uns war immer wichtig, dass unsere Töchter ihren eigenen Weg gehen. Als mein Vater mich vor die Wahl gestellt hat, zu studieren oder sein Weingut zu übernehmen, habe ich mich auch für das Studium entschieden.

Danach bin ich nach Kuba gegangen und habe dort die Revolution unterstützt. Zurück in Deutschland wollten meine Frau und ich zuerst einen landwirtschaftlichen Betrieb aufbauen.

Warum haben Sie sich dann doch für die Weinwirtschaft entschieden?
Winzerin im Interview in Bibliothek

CHL: Durch unser Agrarstudium wollten wir ursprünglich in die Landwirtschaft. Ländereien und die dafür nötigen Maschinen waren damals teuer. Das war einer der Gründe, warum wir uns für den Weinbau in den Terrassenlagen mit 100 Prozent Handarbeit entschieden haben.

RL: Seit 1520 macht meine Familie Weine, also seit fast einem halben Jahrtausend.

Wie war es, unter den Vorzeichen einer so langen Tradition etwas Eigenes auf die Beine zu stellen?

RL: Zuerst war es abenteuerlich. In den ersten zwanzig Jahren gab es Zeiten, in denen wir kurz davor waren aufzugeben.

Was hat Sie davor bewahrt? Ihr kubanischer Kämpfergeist?

RL: Wahrscheinlich auch. Aber auch unsere Sparkasse. Sie hat uns vor einem Bankrott gerettet. Sie hat an uns geglaubt und uns im entscheidenden Moment noch einen Kredit gewährt.

CHL: Auch die Solidarität anderer Winzer hat uns geholfen, unseren Weg zu gehen – ihre Kritik genauso wie ihre Tipps.

Man kann Ihr Weingut also als Ihr Lebenswerk bezeichnen. Fällt es Ihnen nach so intensiven Jahren nicht schwer loszulassen?

RL: Noch arbeiten wir im Team. Das werden wir auch in den nächsten Jahren tun und Sarah dabei begleiten, das Ruder zu übernehmen.

Außerdem sind wir davon überzeugt, dass man nur Dinge, die man loslassen kann, auch richtig lieben kann. Das gilt beim Weinmachen genauso wie für den Betrieb unseres Weinguts. Kontrolle und Loslassen lautet unsere Devise.

Bei Unternehmensnachfolgen in Familienbetrieben knirscht es oft gewaltig – wie gelingt es Ihnen, dieses Thema konstruktiv anzugehen?

CHL: Indem wir akzeptieren, dass bei einem solchen Prozess natürlich Konflikte entstehen. Aber wir nutzen sie, um gemeinsam Lösungen zu finden.

Andere Unternehmen folgen einem Fahrplan, um eine geordnete Übergabe hinzubekommen. Oftmals lassen sie sich von externen Experten helfen. Wie machen Sie das?

RL: Natürlich haben wir einen roten Faden. Daran halten wir uns aber nicht sklavisch. Und wenn nötig, machen wir Supervision. Das hilft, uns in diesem Prozess immer wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Der Winzerberuf ist traditionell männerdominiert. Ist es für Sie als Frau schwerer, das Weingut zu übernehmen?

SL: Für mich persönlich macht das Geschlecht keinen Unterschied. Manche Leute haben mich tatsächlich schon mal gefragt, ob ich mir das als Frau wirklich zutraue. Oder ob ich nicht einen Bruder habe, der das Weingut übernehmen könnte.

Andere finden es besonders toll, dass eine Frau das Ruder übernimmt. Auch wenn letzteres oft nett gemeint ist, ist es meines Erachtens nicht weniger diskriminierend.

Was wünschen Sie sich von Ihren Eltern in diesem Übergabeprozess am meisten?
Winzerin im Weinkeller

SL: Dass wir weiterhin so gut zusammenarbeiten, ich meine eigenen Erfahrungen machen kann und dennoch von ihren Erfahrungen profitieren darf.

Haben Sie Angst zu scheitern?

SL: Es kommt darauf an, was wir unter Scheitern verstehen. Wenn ich die Offenheit habe, mich und den Betrieb weiterzuentwickeln und gegebenenfalls anzupassen, kann ich persönlich gar nicht scheitern.

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