Branchenausblick 2022 – Zuversicht bei Unternehmen und Verbänden dominiert

Fachkräftemangel, Cyberkriminalität und Nachhaltigkeit zählen zu den größten Herausforderungen

Die Aussicht auf mehr Jobs, gute Produktionsperspektiven, überwundene Investitionsschwäche: Der Branchenausblick für 2022 erscheint trotz anhaltender Corona-Pandemie, Lieferengpässen und Rohstoffmangel optimistisch wie nie. Wie Unternehmen und Verbände auf das laufende Jahr schauen und welche Herausforderungen und Risiken es für Firmen bereithält.

Mann mit Schutzhelm in einer Lagerhalle

Das Wichtigste in Kürze

  • Trotz anhaltender Corona-Pandemie und weiteren Virusmutationen blicken Unternehmen und Branchenverbände äußerst optimistisch auf das Jahr 2022.
  • Der Arbeitsmarkt scheint robust zu bleiben, Produktionsrückgänge werden kaum vermutet und die Investitionsschwäche scheint in vielen Branchen überwunden.
  • Dennoch gibt es auch in diesem Jahr Herausforderungen zu meistern – unter anderem die Gefahr vor sich häufenden Cyberangriffen, Einschränkungen durch Umweltkatastrophen oder hohe Investitionen in Nachhaltigkeit.

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) fängt zum Jahreswechsel die Stimmung und die Aussicht auf die Geschäftslage der zentralen deutschen Industrien und Dienstleistungsbranchen für das kommende Jahr ein und analysiert diese. Für 2022 haben 48 Wirtschaftsverbände  und über 2.800 Unternehmen  an den Befragungen teilgenommen.

Einheitliches Bild wie selten: Für 2022 viel Optimismus zu spüren

Trotz der anhaltenden Corona-Pandemie, bestehender Lieferengpässe und dem Mangel verschiedenster Materialien wie Holz, Halbleitern, Aluminium und Kunststoffen, schauen die meisten Wirtschaftsverbände für ihre Unternehmen laut IW-Umfrage äußerst optimistisch auf das Jahr 2022.

Dieser Optimismus fußt vor allem auf drei Faktoren: „Nachholeffekte, denn das Vorkrisenniveau ist immer noch nicht erreicht. Ein Aufholen angesichts des Materialmangels samt großer Lieferverzögerungen. Historisch hohe Auftragsbestände“, so IW-Chef Michael Hüther im „Handelsblatt“.

Lediglich 6 der 48 befragten Branchenverbände gaben an, schlechter aufgestellt zu sein als zum Jahreswechsel 2020/2021. Dabei handele es sich laut Hüther um die am stärksten von der Pandemie betroffenen Branchen. Dazu zählen die Messewirtschaft (Ausfall von Veranstaltungen), der Schiffbau (schlechte Perspektiven für Kreuzfahrten) sowie Industriebranchen wie die Gummiverarbeitung, Glas- und Lederindustrie sowie die Papierbranche (Rohstoff- und Materialmangel).

Grafik Bewertungen 2022

Gute Produktionsaussichten und kaum Rückgang

Keiner der befragten 48 Verbände rechnet im laufenden Jahr mit einem Produktionsrückgang für seine Branche. In 39 Verbänden erwarten die Unternehmen sogar, dass sie mehr produzieren beziehungsweise einen höheren Umsatz erzielen werden als 2021. Dazu gehören die zentralen Branchen aus den Bereichen der Chemie-, Pharma-, Elektro- und Automobilindustrie, der Luftfahrt, dem Baugewerbe, der Handwerks- und Immobilienbranche sowie dem Einzelhandel und Tourismus.

Vier der Verbände rechnen überdies mit einer deutlich höheren Produktion – darunter sind die Industriesparten Maschinenbau sowie die Stahl- und Metallverarbeitung.

Auch die vom IW im November 2021 befragten Unternehmen selbst sind für das Jahr 2022 zuversichtlich. Fast die Hälfte erwartet für das laufende Jahr eine höhere Produktion oder Geschäftstätigkeit. Nur 15 Prozent gehen von einem Produktionsrückgang aus.

Hälfte der Verbände für Zunahme der Investitionstätigkeit

Die guten Produktionsperspektiven lassen sich unter anderem mit dem wieder anziehenden globalen Investitionszyklus und den damit verbundenen verbesserten Exporterwartungen erklären, so das IW.

Knapp 50 Prozent der vom IW befragten Wirtschaftsverbände rechnet im Jahr 2022 auch selbst mit einer Zunahme der Investitionstätigkeit in ihrem Wirtschaftszweig – darunter sind Branchen, die im Vergleich zur Industrie und den Dienstleistungsbereichen während der Pandemie weniger oder gar nicht gelitten haben wie die Bauwirtschaft und die Baustoffindustrie. „In vielen Branchen stehen hohe und steigende Investitionen an, wenn es um neue Geschäftsprozesse, Klimaneutralität, Strukturwandel und digitale Transformation geht“, sagt IW-Chef Hüther dem „Handelsblatt“.

So sind die Perspektiven für den Arbeitsmarkt

Was den Arbeitsmarkt betrifft, ist Deutschland bislang noch recht gut durch die Krise gekommen. Hüther sieht den Grund dafür eindeutig beim „Kurzarbeitergeld“. So konnten viele Menschen vor Arbeitslosigkeit bewahrt werden. Laut der IW-Verbandsumfrage könnte der Arbeitsmarkt weiterhin robust bleiben.

Hier sollen neue Arbeitsplätze geschaffen werden

44 Prozent der teilnehmenden Verbände sehen für ihre Branchen im Jahr 2022 die Möglichkeiten für mehr Jobangebote. Vor allem Industriesparten wie die Metall- und Elektroindustrie oder die Pharmaindustrie zählen hierzu. Die Bauwirtschaft und die Handwerksbranche haben ohnehin einen Fachkräftemangel zu verzeichnen. Auch einige Verbände des Dienstleistungssektors – etwa in den Bereichen Spedition, Investment und Leasing –, die Informations- und Werbewirtschaft sowie das Gastgewerbe gaben an, im laufenden Jahr zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen zu wollen.

Hier bleibt alles beim Alten

Rund 40 Prozent der Verbände hingegen gehen von einem gleichbleibenden Bestand des Personals in ihren Unternehmen gegenüber 2021 aus. Dazu gehören unter anderem die Automobilindustrie, der Einzelhandel und der Tourismus.

Hier wird Stellenabbau erwartet

Mit voraussichtlichem Stellenabbau wird in acht Wirtschaftsbereichen gerechnet. Vor allem die Branchen, für die im Jahr 2022 unter anderem eine rückläufige Investitionstätigkeit zu erwarten ist, gaben für das laufende Jahr geringere Beschäftigtenzahlen an. Dazu gehören unter anderem der Bergbau, der Schiffbau- und die Meerestechnik, die Papier- und Keramikindustrie, die Gummiverarbeitung sowie die Landwirtschaft.

Auch im Finanzwesen wird davon ausgegangen – etwa durch die zunehmende Nutzung von Online-Banking und die damit verbundene Schließung von Filialen –, dass Arbeitsplätze wegfallen werden.

Darüber hinaus wird die Corona-Pandemie und die damit verbundene Beschleunigung digitalisierter Prozesse sowie die Veränderung ganzer Geschäftsmodelle in diversen Bereichen Entlassungen zur Folge haben, so das IW.

Drei große Herausforderungen im Jahr 2022

Die Mehrheit der Unternehmen schätzt sich selbst zwar inzwischen angemessen vorbereitet für weitere pandemiebedingte Herausforderungen ein. Dennoch werden auch im Jahr 2022 diverse Risiken für Unternehmen im Vordergrund stehen.

1. Die Arbeit steht still

Die Furcht vor Betriebsunterbrechungen steht an erster Stelle unter den Top 10 der Geschäftsrisiken bei Unternehmerinnen und Unternehmen. Das zeigt die aktuelle Umfrage „Allianz Risk Barometer 2022“  von Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS).

Im Jahr 2021 kam es bei vielen Unternehmen durch unterschiedliche Auslöser zu massiven Unterbrechungen, IT-Ausfällen und Stillständen in der Produktion. Vor allem Cyberangriffe , zahlreiche Extremwetterereignisse mit Auswirkungen auf Lieferketten sowie pandemiebedingte Produktionsprobleme und Transportengpässe sorgten teils für verheerende wirtschaftliche Folgen.

„Störungen des Betriebs werden wahrscheinlich auch 2022 das wichtigste Risikothema bleiben.  … Der Aufbau von Widerstandsfähigkeit gegen die zahlreichen Ursachen von Betriebsunterbrechungen wird zunehmend zu einem Wettbewerbsvorteil für Unternehmen“, fasst AGCS-CEO Joachim Müller die Ergebnisse zusammen.

2. Fachkräftemangel

Besonders vom Fachkräftemangel betroffen sind die ansonsten boomende Bauwirtschaft, die Metall- und Elektroindustrie sowie Berufe im MINT-Bereich. Auch einige Gesundheitsberufe, wie beispielsweise die Altenpflege, gehören schon lange zu den Engpassberufen, heißt es auf den Seiten des Ministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK).

Auch Deutschlands Maschinen- und Anlagenbauer sind besonders stark davon betroffen. 67 Prozent der Unternehmen wollen laut Umfrage des Branchenverbands VDMA  im Jahr 2022 ihre Stammbelegschaft ausweiten. Gleichzeitig spricht die Mehrheit der 356 im November vom Verband aus dieser Branche befragten Personalverantwortlichen von Engpässen in allen Beschäftigungsgruppen. Dies treffe insbesondere auf Akademiker (81 Prozent) und Fachkräfte (90 Prozent) zu: „Wenn ab 2025 das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft, stellt sich das Fachkräftemangelproblem noch sehr viel mehr als 2022,“ so IW-Chef Hüthers Prognose im „Handelsblatt“.

3. Investitionen in Nachhaltigkeit und Digitalisierung

Vor allem für die Handelsbranche von Gütern des täglichen Bedarfs wird der Wettbewerbsdruck in Sachen Nachhaltigkeit – aber auch bei der Digitalisierung – im Jahr 2022 weiter steigen. Die neue Bundesregierung treibt das Thema Nachhaltigkeit mit immer mehr Auflagen voran. Durch die Corona-Pandemie wurden zudem viele Verbraucherinnen und Verbraucher stärker für nachhaltige und regionale Produkte sensibilisiert – die Nachfrage nach klima- und tierfreundlichen Alternativen steigt stetig. Die Corona-Einschränkungen haben zudem das Einkaufsverhalten in Richtung Online-Kauf stark verändert.

Auch wenn nachhaltig wirtschaftende und handelnde sowie gut digital aufgestellte Unternehmen  langfristig ihre Kosten senken können und mit der richtigen Strategie erfolgreicher und krisensicherer sind,  können Investitionen, zum Beispiel in grünere Verpackungen, Produkte, nachhaltigeren Anbau oder in den Ausbau von Onlinekanälen erst einmal hohe Kosten für Hersteller und Händler bedeuten.

Konjunkturprognose der Sparkassen-Finanzgruppe 2022

Die Chefvolkswirtinnen und Chefvolkswirte der Sparkassen-Finanzgruppe sagen in ihrer aktuellen Konjunkturprognose der deutschen Wirtschaft für 2022 ein Wachstum von 3,5 Prozent voraus. Demnach wäre das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Laufe des Jahres wieder auf das Niveau vor der Coronakrise gestiegen Für das Jahr 2023 erwarten sie in Deutschland ein Wirtschaftswachstum von 2,6 Prozent.

„Die Konjunktur in Deutschland und Europa springt an, wenn auch in den ersten Monaten des Jahres 2022 durch die Omikron-Variante noch stotternd. Im Großen und Ganzen entwickelt sich die Wirtschaftsleistung aber zunehmend unabhängig von Infektionszahlen und Corona-Maßnahmen“, so Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV).

Den Ausblick auf die wirtschaftliche Entwicklung der Jahre 2022 und 2023 fasst Schleweis in drei Botschaften zusammen:

  1. Die gute Nachricht: Die wirtschaftliche Erholung kommt.
  2. Die mittelprächtige Nachricht: Wir werden auch 2022 noch Rückschläge und konjunkturelle Dellen erleben.
  3. Die schlechte Nachricht: Die Inflation ist zurück.

(Stand: 04.02.2022)


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