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Eine Hand hält wenige Euromünzen über einer offenen roten Geldbörse, was Armut oder knappe Finanzen symbolisiert.

Was Armutsgefährdung wirklich bedeutet und wo Sie Hilfe finden

Wenn das Geld nicht reicht
In Deutschland gelten rund 13,3 Millionen Menschen als armutsgefährdet. Das heißt: Ihr Einkommen liegt deutlich unter dem mittleren Einkommensniveau. Viele Betroffene können unerwartete Ausgaben nur schwer auffangen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Verbraucherinsolvenzen. Umso wichtiger sind eine frühe Beratung und konkrete Hilfe, bevor finanzielle Probleme außer Kontrolle geraten.
Stand:17. Juni 2026
Das Wichtigste in Kürze
  • 13,3 Millionen Menschen in Deutschland galten zuletzt als armutsgefährdet, so viele wie nie seit 2020. Auch die Zahl der Privatinsolvenzen stieg.

  • Fehlende finanzielle Reserven erhöhen das Risiko, bei unerwarteten Ausgaben in die Schuldenfalle zu geraten.

  • Wer früh Hilfe sucht und Ansprüche auf Unterstützung prüfen lässt, kann finanzielle Probleme häufig rechtzeitig abfedern.

Warum viele Haushalte unter Druck geraten

Rund 13,3 Millionen Menschen in Deutschland gelten allein aufgrund ihres Einkommens als armutsgefährdet. Das entspricht 16,1 Prozent der Bevölkerung. Diese Zahl beschreibt Menschen, deren Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt. Ein Jahr zuvor lag die Quote noch bei 15,5 Prozent. Sozialverbände wie der Paritätische Wohlfahrtsverband warnen deshalb vor einer zunehmend angespannten sozialen Lage.

Doch armutsgefährdet zu sein, bedeutet nicht automatisch, verschuldet zu sein. Viele Betroffene verfügen über ein regelmäßiges Einkommen und können ihren Alltag bewältigen. Das Problem: Am Monatsende bleibt oft kaum Geld übrig. Rücklagen für eine kaputte Waschmaschine, eine hohe Nebenkostenabrechnung oder eine Autoreparatur fehlen häufig.

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Genau hier beginnt der Druck. Wer keine finanziellen Reserven hat, muss unerwartete Ausgaben oft über Dispokredite, Ratenzahlungen oder geliehenes Geld finanzieren. Steigen gleichzeitig Mieten, Energiepreise oder Lebenshaltungskosten, geraten Haushalte schnell an ihre Grenzen. Aus einem vorübergehenden Engpass können so langfristige Schulden werden.

Wenn am Monatsende nichts übrigbleibt

Die Statistik zur Armutsgefährdung (Statistisches Bundesamt 2026) macht deshalb vor allem sichtbar, wie viele Menschen nur über einen geringen finanziellen Spielraum verfügen. Denn genau dieser fehlende Puffer erhöht das Risiko, bei unvorhergesehenen Belastungen in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten. Die Armutsgefährdungsquote zeigt damit auch, wie verletzlich Haushalte werden, wenn kaum finanzieller Puffer vorhanden ist.

Armutsgefährdung
Ab wann gilt man als arm?

Armutsgefährdung bedeutet nicht automatisch, dass jemand gar kein Geld mehr hat oder obdachlos ist. Gemeint ist eine statistische Schwelle: Die Armutsgefährdungsquote zeigt vor allem, wie viele Menschen in Deutschland kaum finanzielle Reserven haben. Fehlt dieses Polster, können schon unerwartete Ausgaben oder steigende Lebenshaltungskosten die Haushaltskasse aus dem Gleichgewicht.

1. Als armutsgefährdet gilt nach der Definition der Europäischen Union, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung zur Verfügung hat.

  • Für Alleinlebende in Deutschland lag diese Grenze 2025 bei 1.446 Euro netto im Monat.
  • Für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren betrug sie 3.036 Euro netto.

2. Daneben betrachtet die Statistik materielle und soziale Entbehrung. Sie zeigt, ob Menschen auf Dinge verzichten müssen, die für viele selbstverständlich sind – etwa eine unerwartete Ausgabe zu bezahlen, die Wohnung ausreichend zu heizen oder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

3. Hinzu kommt die Erwerbsintensität eines Haushalts. Sie zeigt, wie viel die erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder tatsächlich arbeiten. Eine sehr niedrige Erwerbsintensität gilt als Risikofaktor für Armut und soziale Ausgrenzung.

Bereits eines der drei Merkmale reicht aus, um statistisch als gefährdet zu gelten.


Jeder Fünfte in Deutschland unter Druck 

Auf europäischer Ebene fließen diese Kennzahlen in den sogenannten AROPE-Indikator (At Risk Of Poverty or social Exclusion) ein. Werden nun alle 3 Risikofaktoren betrachtet (also nicht nur Menschen mit geringem Einkommen), sind sogar 21,2 Prozent der Bevölkerung in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht – rund 17,6 Millionen Menschen, bei denen spürbare Entbehrungen im Alltag oder sehr wenig Erwerbsarbeit im Haushalt hinzukommen. Damit ist mehr als jede fünfte Person betroffen.

Besonders betroffen: Alleinlebende, Alleinerziehende, Kinder, Arbeitslose und Ältere

Armutsgefährdung trifft nicht alle Menschen gleichermaßen.

  • Besonders hoch ist das Risiko bei Arbeitslosen – hier lag die Quote bei 64,9 Prozent.
  • Überdurchschnittlich häufig betroffen sind auch Menschen, die allein leben: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lag ihre Armutsgefährdungsquote zuletzt bei 30,9 Prozent.
  • Bei Alleinerziehenden und ihren Kindern lag die Quote bei 28,7 Prozent.
  • Knapp 2,9 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland gelten als armutsgefährdet. Rund eine Million von ihnen erlebt nach Angaben des Paritätischen Wohlfahrtsverbands besonders gravierende materielle Einschränkungen im Alltag.
  • Auch Menschen im Ruhestand sind häufiger armutsgefährdet.  

Der Paritätische Wohlfahrtsverband weist in seinem Armutsbericht 2026 zudem darauf hin, dass rund

0Prozent

Prozent der armutsgefährdeten Menschen die eine deutsche Staatsangehörigkeit haben.

Das ist eine wichtige Einordnung: Armutsgefährdung ist kein Randphänomen einzelner Gruppen. Sie betrifft Menschen in sehr unterschiedlichen Lebenslagen – etwa im Alter, nach Jobverlust, bei Krankheit, nach einer Trennung oder wenn nur ein Einkommen für eine Familie reichen muss.

Auch regional gibt es große Unterschiede: Laut Paritätischem Bericht sind

  • die Quoten in Bayern (12,6 Prozent) und Baden-Württemberg (13,2 Prozent) vergleichsweise niedrig;
  • besonders hoch dagegen in Bremen mit 27,5 Prozent und Sachsen-Anhalt mit 21,3 Prozent.

Wie viel Geld haben Haushalte im Schnitt?

Wie sieht eigentlich die finanzielle Realität im Durchschnitt aus? Die Daten zum Haushaltsnettoeinkommen zeigen, welche Rolle Arbeit, Rente, staatliche Leistungen und Vermögen im Alltag tatsächlich spielen.

Wenn aus knappen Einkommen Schulden werden

Armutsgefährdung und Überschuldung sind nicht dasselbe. Aber sie können eng zusammenhängen. Wer dauerhaft wenig Einkommen hat, kann unerwartete Ausgaben schlechter auffangen: eine hohe Nebenkostennachzahlung, eine kaputte Waschmaschine, steigende Mieten, medizinische Zuzahlungen oder der Verlust eines Jobs. Wenn dann Rechnungen liegen bleiben, Mahngebühren dazukommen und Dispokredite ausgeschöpft sind, kann aus Geldknappheit schnell eine Schuldenspirale werden.

Verbraucherinsolvenzen nehmen wieder zu

Die aktuellen Insolvenzzahlen zeigen, dass viele private Haushalte finanziell unter Druck stehen. Im März 2026 meldeten die Amtsgerichte 7.462 Privatinsolvenzen – 18,9 Prozent mehr als im März des Vorjahres. Im gesamten 1. Quartal 2026 waren es 19.679 Fälle. Das entspricht einem Anstieg von 6,0 Prozent gegenüber dem 1. Quartal 2025.

Schuldnerberatung: wichtig, aber nicht leicht zugänglich

Private Überschuldung entsteht selten über Nacht. Sie entwickelt sich oft über Monate oder Jahre. Wer Schulden hat, wartet oft zu lange, bevor er Hilfe sucht. Aus Scham, aus Angst vor Briefen, aus Überforderung. Dabei ist frühe Beratung entscheidend. Schuldnerberatungen können helfen, Forderungen zu ordnen, Gläubiger zu kontaktieren, Ratenzahlungen zu prüfen und gegebenenfalls eine Verbraucherinsolvenz vorzubereiten.

Gesetzesvorhaben zur Schuldnerberatung
Der Anspruch ist klar, die Finanzierung nicht

Politisch ist das Thema Schuldnerberatung in Bewegung – allerdings mit ungewissem Ausgang. Das Bundeskabinett hat 2025 einen Gesetzentwurf beschlossen, der den Zugang zu unabhängigen Schuldnerberatungsstellen sichern soll. Vorgesehen ist ein flächendeckendes, grundsätzlich kostenfreies Angebot für Verbraucherinnen und Verbraucher. Grundlage sind auch EU-Vorgaben, die ab dem 20. November 2026 gelten. Der Bundesrat verweigerte dem Vorhaben jedoch am 8. Mai 2026 die Zustimmung. Streitpunkt ist vor allem die Finanzierung, weil die Länder zusätzliche Kosten befürchten. Die Bundesregierung hat deshalb den Vermittlungsausschuss angerufen. Ob die Reform rechtzeitig kommt, ist offen.

Für Betroffene ist aber vor allem entscheidend, was jetzt erreichbar ist. In vielen Kommunen gibt es gemeinnützige Schuldnerberatungen – etwa bei Wohlfahrtsverbänden, Verbraucherzentralen, kommunalen Stellen oder Beratungsdiensten. Die Wartezeiten können allerdings lang sein.

10 zentrale Punkte: Was Betroffene jetzt tun können

Wer spürt, dass das Geld nicht mehr reicht, sollte möglichst früh handeln.

  1. Überblick verschaffen:

    Alle Einnahmen, festen Ausgaben, offenen Rechnungen, Mahnungen und Kreditraten auflisten. Wichtig ist nicht Perfektion, sondern Klarheit.

  2. Existenzielle Zahlungen priorisieren:

    Miete, Strom, Heizung, Krankenversicherung und Lebensmittel haben Vorrang. Bei Mietrückständen oder drohender Energiesperre sofort Hilfe suchen.

  3. Verträge und Abos kündigen:

    Streamingdienste, Fitnessstudio, Apps, Versicherungen oder alte Mobilfunkverträge können sich summieren. Alles kündigen, was nicht zwingend nötig ist.

  4. Nicht aus Scham schweigen:

    Gläubiger reagieren oft besser auf frühzeitige Kontaktaufnahme als auf Funkstille. Ratenpausen oder Ratenpläne sind manchmal möglich.

  5. Stundung beantragen:

    Wer eine Zahlung nicht leisten kann, sollte sie nicht einfach ausfallen lassen. Besser ist es, frühzeitig um Aufschub/Stundung zu bitten. So lassen sich Raten oder Forderungen vorübergehend verschieben – manchmal allerdings mit zusätzlichen Zinsen oder Gebühren.

  6. Mahnungen nicht ignorieren:

    Gelbe Briefe, Mahnbescheide oder Schreiben vom Inkassobüro sollten sofort geöffnet und geprüft werden. Wer Fristen verpasst, riskiert zusätzliche Kosten oder Vollstreckung.

  7. Kostenlose Schuldnerberatung nutzen:

    Anlaufstellen sind unter anderem kommunale Schuldnerberatungen, Caritas, Diakonie, AWO, Deutsches Rotes Kreuz, Verbraucherzentralen oder andere gemeinnützige Beratungsstellen. Wichtig: Vorsicht bei kommerziellen Angeboten, die hohe Gebühren verlangen.

  8. Sozialleistungen prüfen:

    Je nach Lebenslage können Bürgergeld, Wohngeld, Kinderzuschlag, Grundsicherung im Alter, Unterhaltsvorschuss, BAföG oder Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket helfen. Viele Ansprüche bleiben ungenutzt, weil Menschen sie nicht kennen oder den Antrag scheuen.

  9. Bei akuter Not schnell handeln

    Bei drohendem Wohnungsverlust können Sozialämter, Jobcenter oder Fachstellen für Wohnungsnotfälle helfen. Bei Energiesperren lohnt sich der Kontakt zum Versorger und zur Beratungsstelle sofort.

  10. Kein neues Loch stopfen, indem ein größeres entsteht:

    Kurzfristige Kredite, „Buy now, pay later“-Raten oder Dispo-Ausweitungen können Luft verschaffen, aber auch die Lage verschärfen. Besser: erst beraten lassen, dann entscheiden.

Die wichtigste Botschaft für Betroffene lautet deshalb: Nicht warten. Nicht allein bleiben. Hilfe ist kein Eingeständnis von Scheitern, sondern der erste Schritt zurück zu Kontrolle.

Tipp: Lesen Sie dazu auch unseren Ratgeberteil: Hilfe bei finanziellen Problemen.

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