Liquiditätsmanagement – so geht's

Wie Unternehmen in der Corona-Krise ihre Liquidität sichern können

Die Einnahmen brechen weg, aber die Kosten laufen weiter? Diese Maßnahmen helfen Unternehmen, in Krisenzeiten liquide zu bleiben.

Liquiditätsschwierigkeiten sind häufiger die Ursache einer Insolvenz als eine Überschuldung. Insofern ist die Verschuldung das kleinere Übel.
Dr. Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Helaba

Engpass in der Krise

In manchen Branchen sind die Umsätze wegen der Corona-Pandemie komplett weggebrochen, andere Branchen kämpfen mit einer stark verringerten Nachfrage. Doch davon nahezu unbeeindruckt laufen die Kosten auf: Gehälter, Mieten und Leasingraten, Rechnungen von Lieferanten oder Nebenkosten, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Können diese Verpflichtungen nicht beglichen werden, droht die Zahlungsunfähigkeit.

Abwarten, bis der Corona-Spuk vorbei ist – das ist für betroffene Unternehmen keine Option. Stattdessen ist entschlossenes Liquiditätsmanagement gefragt. Ziel sollte sein, schnell Maßnahmen zur Liquiditätssicherung zu ergreifen.

Schild am Geschäft zeigt "Closed"

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9 Tipps zur ersten Hilfe

1. Verschaffen Sie sich einen Überblick

Als Basis für alle weiteren Schritte zur Liquiditätssicherung braucht es zunächst eine belastbare Darstellung über die aktuelle Lage: Wie sieht der Cash Flow aus? Welche Forderungen sind offen? Welche Reserven gibt es?

Machen Sie eine realistische und eine vorsichtige Planung für die restlichen Monate des Jahres, zum Beispiel über Szenarien wie „Rückkehr zu Normalzustand im zweiten Halbjahr“ versus „Anhaltender Krisenmodus“. Dabei sind die saisonalen Schwankungen von Ausgaben und Einnahmen zu beachten.

Die wirtschaftlichen Indikatoren zeigen bisher einen Tiefpunkt der Krise im April 2020. Für das zweite Halbjahr zeichnet sich eine deutliche Erholung ab. Die Branchen sind unterschiedlich betroffen. Risiken ergeben sich insbesondere aus einer zweiten Welle.

2. Prüfen Sie Möglichkeiten von längerer Kurzarbeit

Prüfen Sie regelmäßig die Möglichkeiten der Kurzarbeit für ihre Mitarbeitenden. Anpassungen sind auch jetzt noch nach der Krise möglich.

Grundsätzlich gilt: Kurzarbeitergeld kann für 12 Monate bezogen werden.
Unterbrechungen der Kurzarbeit von mindestens 1 Monat können die Bezugsfrist verlängern.

Gelangt ein Unternehmen in die glückliche Situation, dass es die Kurzarbeit für mehr als drei Monate unterbrechen kann, beginnen die Fristen von vorne. Steht also für vier Monate Kurzarbeit an, auf die dann drei Monate Vollbeschäftigung folgen, können bei einem Auftragseinbruch wieder die vollen 12 Monate der Kurzarbeit in Anspruch genommen werden.

Voraussetzung ist allerdings, dass die Kurzarbeit für alle Mitarbeiter gilt. Was Kurzarbeit für Ihre Mitarbeiter bedeutet, lesen Sie in diesem Artikel.

3. Nutzen Sie Förderkredite und Überbrückungshilfen

Neben einer kurzfristigen Erhöhung Ihres Kreditrahmens können Sie Förderkredite der KfW  und/oder Soforthilfen von Bund und Ländern  nutzen, um Liquiditätsengpässe zu überbrücken und die Zahlungsfähigkeit zu sichern.

Für den KfW-Schnellkredit  werden keine Risikoprüfung und keine Prognose zur Zukunft des Kreditnehmers verlangt. Um andere KfW-Kredite zur Corona-Hilfe zu beantragen, ist unter anderem eine Liquiditätsplanung für die kommenden zwölf Monate Voraussetzung.

Die Bundesregierung stellte außerdem weitere 25 Milliarden Euro bereit, um KMU mit Überbrückungshilfen zu unterstützen. Voraussetzung ist, dass der Geschäftsbetrieb aufgrund der Corona-Krise ganz oder zu wesentlichen Teilen eingestellt werden muss. Wenn der Umsatz in den Monaten April bis Mai 2020 zusammengenommen um mindestens 60 Prozent gegenüber April und Mai 2019 eingebrochen ist, gilt diese Bedingung als erfüllt.

Die Höhe der individuellen Erstattung hängt neben den Einnahmeausfällen maßgeblich von der Anzahl der Beschäftigten ab.Lassen Sie sich bei Ihrer Sparkasse oder Hausbank beraten.

Frau sitzt am Steuer und blickt kritisch

4. Streichen Sie verzichtbare Ausgaben

Prüfen Sie außer den Personalkosten weitere Ausgaben: Welche lassen sich kurzfristig reduzieren oder komplett streichen?

Nutzen Sie die Azubi-Prämie: Bei vielen liegt sicher der Gedanke nahe, in Zeiten knapper Kassen und unsicherer Perspektiven an der Ausbildung zu sparen. Um genau dies, um eine verlorene Generation oder auch den sogenannten Corona-Jahrgang zu verhindern, erhalten Unternehmen eine Ausbildungs-Prämie von 2.000 Euro, wenn sie die Zahl ihrer Auszubildenden trotz der Virus-Krise nicht reduzieren. So beantragen Sie die Azubi-Prämie.

5. Vereinbaren Sie Teilzahlungen

Auch mit Lieferanten, Vermietern oder anderen Gläubigern lässt sich vielleicht ein späterer Zahlungstermin beziehungweise eine Teilzahlungen vereinbaren. Wer üblicherweise ein verlässlicher Geschäftspartner ist, kann auf ein Entgegenkommen hoffen.

Können Sie Ihre Aufträge aufgrund von Lieferengpässen oder Ähnlichem nicht termingerecht erfüllen, ist auch hier eine transparente Kommunikation wichtig. Informieren Sie Ihre Kunden über Verzögerungen, damit Ihnen keine Zusatzkosten entstehen.

Was ist Cash Management?

Darunter fasst man sämtliche Maßnahmen der kurzfristigen Finanzdisposition im Unternehmen. Zum Cash Management zählen alle Aufgaben und Maßnahmen, die zur Sicherung der Liquidität und zur Erreichung möglichst hoher Effizienz im Liquiditätsmanagement ergriffen werden. Für ihre Firmenkunden bietet die Sparkasse Cash-Management-Lösungen  an.

6. Verkaufen Sie Forderungen

Optimieren Sie Ihr Forderungsmanagement: Verkaufen Sie fällige Rechnungen, deren Begleichung auf sich warten lässt, an spezialisierte Dienstleister wie die Deutsche Factoring Bank. Sie können die offenen Posten sofort faktorieren und so ihre Liquidität erhöhen. Diese Form des Forderungsverkaufs wird auch Factoring genannt.

Beim Factoring gibt es eine Reihe von verschiedenen Varianten mit unterschiedlichen Graden des Outsourcings der Forderungen selbst und der damit verbundenen buchhalterischen Funktionen. Der Factor übernimmt eine Finanzierungsfunktion – für das Vorstrecken des Forderungsbetrages werden Zinsen fällig – und gebührenpflichtige Servicefunktionen.

7. Schieben Sie Steuerzahlungen auf

Auf Antrag beim zuständigen Finanzamt können Ihre Steuerzahlungen für eine gewisse Zeit zinsfrei gestundet werden. Bis 31. Dezember 2020 können Sie diese Stundung beantragen.

Verrechnen Sie außerdem die durch Corona bedingten Verluste: Unternehmen, die in Corona-Zeiten Verluste erleiden, erhalten Geld vom Finanzamt zurück. Sie können die bereits für 2020 geleisteten Vorauszahlungen auf Antrag zurückerstattet  bekommen – dies geschieht auf Grundlage von Prüfungen, die die pauschal ermittelten Verluste für das aktuelle Jahr beinhalten. Auch die Erstattung von Beiträgen, die für das Jahr 2019 gezahlten wurden, soll möglich sein.

Zinsfrei Stunden lassen konnten Sie bis Mai auch Sozialversicherungsbeiträge für Arbeiter und Angestellte. Das ging sehr schlank über ein vereinfachtes Verfahren. Diese aufgeschobenen Zahlungen mussten im Juni nachgeholt werden. Es gibt aber auf Antrag neue Erleichterungen bis September. Die Bedingungen sind etwas verschärft. Es sind Sicherheiten zu stellen und es fallen Stundungszinsen an, deren Höhe von bestimmten Kriterien, wie der Zuverlässigkeit der Zahlungen in der Vergangenheit abhängen.

8. Profitieren Sie von der befristeten Wiedereinführung der degressiven Abschreibung

Die degressive Absetzung für Abnutzung (AfA) wird für die Jahre 2020 und 2021 mit 25 Prozent pro Jahr wiedereingeführt. Sie betrifft sogenannte bewegliche Wirtschaftsgüter wie beispielsweise Maschinen, Fuhrpark, Betriebs- und Geschäftsausstattung und viele weitere Investitionsgüter, die nicht mit Grund und Boden fest verankert sind.

Für Unternehmen bedeutet die Wiedereinführung der degressiven Abschreibung, dass
Investitionen in den Jahren 2020 und 2021 deutlich effizienter abgeschrieben werden können, da der Abschreibungsbetrag zu Anfang besonders hoch ist.

9. Prüfen Sie Investitionen

Geplante Investitionen gehören im Rahmen des Liquiditätsmanagements auf den Prüfstand. Was lässt sich verschieben? Was sollte trotz des Liquiditätsengpasses nach Möglichkeit weiterlaufen? Wo geht Leasing statt Eigentum? Wer jetzt zum Beispiel sämtliche Digitalisierungsvorhaben einfriert, setzt die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit seines Unternehmens aufs Spiel.

Die Corona-Krise ändert das Konsumverhalten der Menschen. Neue digitale Kanäle, Prozesse oder Services können dabei helfen, während und nach der Krise neue Kunden zu gewinnen oder in neue Märkte vorzustoßen. Lesen Sie mehr zu den Chancen der Digitalisierung.

Prüfen Sie die Möglichkeiten und Anreize aus dem Konjunkturpaket der Bundesregierung. Prüfen Sie auch Möglichkeiten von Desinvestitionen/Verkäufen. Gibt es in Ihrem Unternehmen eventuell nicht betriebsnotwendiges Vermögen, das veräußert werden kann? Wo befindet sich mein Lager? Muss ich es selbst betreiben? Brauche ich eigene Distributionsstrukturen oder kann ich diese Funktion auslagern?

Gut aufgestellt für die Zukunft

Setzen Sie auf Leasing statt Eigentum

Als weiteren, eher mittel- bis langfristig wirksamen Schritt in Ihrem Liquiditätsmanagement sollten Sie schauen, welche Güter Ihr Unternehmen tatsächlich besitzen und welche es besser leasen sollte. Bei „Sale and lease back” verkauft ein Unternehmen Investitionsgüter an eine Leasinggesellschaft und least sie dann zurück.

Der Vorteil: Wer Fahrzeuge, Maschinen oder IT nicht kauft, sondern least, reduziert seine Verbindlichkeiten und stärkt die Eigenkapitalquote. Eine Anzahlung ist nicht nötig, nur die monatliche Leasingrate fällt an. Weitere Informationen und Beratung zum Thema bietet die Deutsche Leasing.

Entwicklen Sie Szenarien

Zu einem professionellen Liquiditätsmanagement gehört, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Nach der Corona-Krise wird das umso wichtiger sein. Die Planung von Szenarien, das sogenannte Contingency Planning, hilft, auf veränderte Rahmenbedingungen schnell reagieren zu können. Der Fokus liegt dabei auf der Liquidität, um die Handlungsfähigkeit jederzeit zu erhalten.

Hinterfragen Sie Ihr Geschäftsmodell

Nach Corona wird vieles anders sein als vor der Krise: Die Kunden sind über Nacht digital geworden, neue Märkte entstehen, Wettbewerber holen auf. Zeit, das eigene Geschäftsmodell ehrlich zu hinterfragen. Erfahren Sie, welche Chancen eine Restrukturierung Unternehmen bieten kann.


Interview

Liquiditätsmanagement
Im Gespräch mit
Dr. Gertrud Traud
Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen Girozentrale (Helaba)
„Betriebe haben zahlreiche Möglichkeiten, vorhandenes Vermögen zu monetarisieren“

Um kurzfristig Liquiditätsengpässe zu überbrücken, stoppen betroffene Unternehmen in der Krise Investitionen. Ist das ratsam?

Ja, wenn es bei den Investitionen darum geht, in Erwartung eines steigenden Geschäftsvolumens die Kapazitäten zu erweitern oder neue Märkte zu erschließen. Im Angesicht der Rezession wäre der Return on Invest sonst gefährdet. Investitionen in prozessuale Verbesserungen, Modernisierungen oder Automatisierung dürfen aber nicht allzu lange hinausgeschoben werden. Fehlende Wettbewerbsfähigkeit führt heute sehr schnell zu Auftragsverlusten und einer nachhaltigen Gewinnerosion.

Sind Förderkredite eine nachhaltigere Lösung? Die Unternehmen verschulden sich doch dabei.

Für Unternehmen, die bereits vor der Krise eine angespannte Bilanz mit hohen Verbindlichkeiten aufwiesen, kann das tatsächlich sehr problematisch werden. Aus gutem Grund hat der Bund solche Betriebe von der Förderung ausgeschlossen. Bisher gesunde Gesellschaften kommen mit dem wirtschaftlichen Stillstand jedoch ebenfalls zunehmend in Liquiditätsschwierigkeiten. Diese sind wesentlich häufiger Ursache von Insolvenzen als eine Überschuldung. Insofern ist die Verschuldung das kleinere Übel.

Was empfehlen Sie Betrieben noch, um ihre Liquidität in der Krise zu sichern?

Da gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, aus denen Unternehmen mit ihrem Sparkassen-Berater ein Konzept für ihre spezifische Situation entwickeln sollten. Naheliegend sind zunächst einmal der Ausschüttungsverzicht, der Antrag auf Kurzarbeitergeld und der Rückgriff auf bestehende freie Kreditlinien, was ja bereits hinlänglich praktiziert wird. Darüber hinaus können sich kleine und mittelständische Unternehmen um die Einrichtung neuer Darlehen bemühen. Als Injektionen von außen kommen auch frisches Eigenkapital oder nachrangiges Fremdkapital von Eigentümern oder auch Beteiligungsgesellschaften in Frage.

Welche innerbetrieblichen Optimierungsoptionen gibt es?

Betriebe haben zahlreiche Möglichkeiten, vorhandenes Vermögen zu monetarisieren, ohne einen innerbetrieblichen Shutdown zu riskieren. Man kann Sachanlagen mieten statt kaufen. Mit Hilfe von Leasinggesellschaften lassen sich auch bereits vorhandene Anlagen verkaufen und zurückmieten, das sogenannte „Sale and lease back“. Moderne Instrumente wären die Fremdvergabe von Fuhrpark- oder Lagermanagement beziehungsweise Betreibermodelle, bei denen beispielsweise die Maschinennutzung nach Arbeitsstunden oder Ausstoß bezahlt wird. Das nennt man „Pay per Use“.

Liquiditätssicherer fährt auch der durch die Krise, der über einen Factoring- oder Reverse-Factoring-Rahmenvertrag verfügt. Damit lassen sich Forderungen schnell zu Geld machen und eigene Zahlungsfristen mit Hilfe von Zwischenfinanzierern verlängern. Natürlich kann auch ein Gespräch mit Lieferanten oder Vermietern über eine vorübergehende Änderung der Zahlungsmodalitäten helfen. Und, als Ultimo Ratio, die Einbindung der Belegschaft in die gemeinsame Krisenbewältigung.

Frist für Insolvenzanzeige verlängert

Grundsätzlich müssen zahlungsunfähige Betriebe innerhalb von 21 Tagen Insolvenz beantragen. Diese Pflicht hat die Bundesregierung mit Koalitionsbeschluss jedoch bis zum Ende 2020 ausgesetzt – zumindest für jene Unternehmen, die vor dem 31. Dezember 2019 gesund waren. 

In Bedrängnis geratenen Unternehmen soll so „die nötige Luft“ verschafft werden, „um staatliche Hilfen zu beantragen und Sanierungsbemühungen voranzutreiben“, erklärt Bundesjustizministerin Christine Lambrecht. Die Frist kann per Rechtsverordnung bis 31. März 2021 verlängert werden.

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