Heimat mit Zukunft

Mittel gegen Landflucht – wie sich das Bleiben lohnt

Viele Regionen in Deutschland leiden unter der Landflucht ihrer jungen Bevölkerung – nicht nur im Osten. Um den Menschen eine bessere Zukunft zu ermöglichen, haben Bürgerinnen und Bürger im westfälischen Rödinghausen vor acht Jahren eine Werbe-und Aktionsgemeinschaft gegründet. Mit nachhaltigem Erfolg.

Deutschlandkarte, in der Rödinghausen verzeichnet ist

Am Südhang des Wiehengebirges in Westfalen im sanft hügeligen Ravensberger Land liegt die Gemeinde Rödinghausen. Schon im Mittelalter wurde der heutige Luftkurort das erste Mal urkundlich erwähnt. Seit vielen Jahrzehnten ist Rödinghausen weit über die Region hinaus für seine Landschaft und die Herzlichkeit der Menschen bekannt. Selbst aus dem Ausland kommen Urlauber zu Besuch.

Trotzdem litt der Ort noch vor einigen Jahren unter einer massiven Abwanderung. „Viele junge Menschen hatten hier keine berufliche Zukunft“, erinnert sich Siegfried Lux. „Also zogen sie weg.“

Heimat mit Zukunft
Im Gespräch mit
Siegfried Lux
Mitarbeiter der Sparkasse Herford

Der Mitarbeiter der Sparkasse Herford konnte und wollte etwas bewegen und den Ort unterstützen. Daher gründete er 2011 zusammen mit anderen Bürgerinnen und Bürgern eine Werbe-und Aktionsgemeinschaft: die WAGE Rödinghausen.

Stabilisierung und Verjüngung

„Unser Ziel war klar: Wir brauchten Zukunftskonzepte, um wieder attraktiver zu werden. Stabilisierung und Verjüngung hießen die wichtigsten Stichworte“, erklärt Lux. „Dabei waren wir überzeugt, dass das nur gelingt, wenn wir gemeinsam etwas tun.“

Also brachte die WAGE sie alle zusammen: die Rödinghausener Unternehmen und das Gewerbe, die Bürger und die Vereine. „Wir machten zuerst nichts anderes, als die Menschen miteinander zu vernetzen“, betont Lux. „Wir führten sie, aber auch ihre Kompetenzen, zusammen.“

Eine Versammlung der Aktionsgemeinschaft WAGE Rödinghausen

Nachhaltiger Erfolg

Viel Arbeit war das in den ersten Jahren, oft auch Überzeugungsarbeit. Aber dank ihres Einsatzes und der Zusammenarbeit mit der kommunalen Verwaltung hatte die WAGE bald Erfolg – nachhaltig: Es gelang ihr zuerst, einen Betreiber für einen Frischemarkt im Ort zu finden. Der einzige Lebensmittelmarkt in Rödinghausen hatte einige Jahre zuvor geschlossen.

„Nach dem Frischemarkt siedelten sich mit unserer Unterstützung zuerst acht Existenzgründer hier an“, erzählt Lux. Die kamen aus den unterschiedlichsten Branchen: von IT über Sanitär/Heizung bis hin zu Garten- und Landschaftstechnik. „Später folgten weitere Unternehmen.“

Im Internet genauso präsent wie in der realen Welt

Mit der Stärkung der Wirtschaft vor Ort stieg auch die Anzahl der Einwohner wieder. „Mit 10.000 Einwohnern sind wir zwar immer noch die kleinste Gemeinde im Kreis Herford. Aber wir haben den Tiefstand überwunden: Viele junge Familien sind in den vergangenen Jahren hergezogen“, freut sich Lux.

Die Stärkung der Wirtschaftskraft ist wesentlich – aber nur ein Eckpfeiler des Engagements. Ein weiterer wichtiger Punkt ist ein Ort des Miteinanders, an dem sich die Menschen, Vereine und Unternehmen treffen, vorstellen und austauschen können.

„Das gilt für die reale genauso wie für die virtuelle Welt“, sagt Lux. „Auf unserer Internetseite  sind alle versammelt: von den Vereinen und Veranstaltern über die Presse bis hin zu Handel und Handwerk. Wer etwas über Rödinghausen wissen möchte, wird bei uns fündig. Das bindet Anbieter genauso wie Suchende.“

Pflicht und Kür

Doch ein weiterer, oft unterschätzter Aspekt sei mindestens ebenso wichtig wie Wirtschaft und gemeinsame Räume: die Lebensqualität, betont der WAGE-Mitbegründer.

„Wir haben von Anfang an viel Wert darauf gelegt, unseren Ort für Einheimische, Menschen aus dem Umland und unsere Kurgäste interessant und abwechslungsreich zu gestalten.“

Dieses Konzept ist aufgegangen. Mit Konzerten und Kino, Märkten und Vortragsreihen finden auch dank der WAGE das ganze Jahr über Veranstaltungen in Rödinghausen statt. Neue Cafés und Restaurants haben eröffnet, und die Menschen genießen das Leben in ihrer kleinen Gemeinde.

Stadtfest in Rödinghausen

Starke Helfer

Ein wichtiger Faktor für den Erfolg der WAGE ist die Hilfe treuer Unterstützer: „Von Anfang an konnten wir auf die Sparkasse Herford zählen. Viele unserer Veranstaltungen finden statt, weil sie uns fördert“, betont Lux.

Dabei beschränke sich die Unterstützung nicht allein auf die finanzielle Hilfe des Instituts. „Einige meiner Kolleginnen und Kollegen möchten sich ehrenamtlich engagieren. Das tun sie, indem sie der WAGE in ihrer Freizeit helfen.“

Dieser Einsatz ist wesentlich: „Wir brauchen Menschen, die sich engagieren, und wir brauchen ihre Ideen“, so Lux. Das gelte auch und besonders für die junge Generation.

Daher freut er sich, dass immer mehr jüngere Menschen bei der WAGE mitmachen: Fast achtzig aktive Mitglieder zählt sie nun. „Die junge Generation hat erkannt, dass unsere Heimat erst dann eine Zukunft hat, wenn alle dazu beitragen, dass sich das Bleiben lohnt.“

Was können Kommunen für ihre Zukunft tun?

Der Erfolg hat auch über die Grenzen Rödinghausens Schule gemacht: Andere Gemeinden fragen nach den Konzepten der WAGE und haben einige ihrer Ideen übernommen. Siegfried Lux nennt sieben wichtige Punkte, die die WAGE in den vergangenen Jahren umgesetzt hat:

  1. Über den Zaun schauen“ – Es hilft immer, sich bei anderen Kommunen über erfolgreiche Konzepte zu informieren. Man muss das Rad nicht immer wieder neu erfinden!
  2. „Gemeinsam gestalten“ – Egal, ob es um Veranstaltungen, Infrastruktur oder das Internet geht: Mit dem Knowhow jedes Einzelnen entsteht eine starke Gemeinschaft.
  3. Digital und analog“ – Gemeinsames Engagement braucht gemeinsame Räume. Und: Das Angebot einer Aktionsgemeinschaft muss leicht zu finden sein, im Idealfall mit einem Klick.
  4. Kurze Wege“ – Das gilt für Unternehmen und Gewerbe genauso wie für die Verwaltung und die Menschen. Je einfacher man etwas umsetzen oder erreichen kann, desto besser.
  5. Leute abholen, wo sie sind“ – Will man Menschen integrieren, muss man ihnen manchmal erst einmal entgegengehen.
  6. Einmal ist keinmal“ – Nicht aufgeben: Viele Dinge benötigen mehr als einen Anlauf, damit sie funktionieren!
  7. „Starke Helfer“ – Für einen nachhaltigen Erfolg braucht es die Unterstützung verlässlicher Partner. Ein ganz wichtiger ist die Sparkasse!  

„Lebenswerte Kommunen – Was Menschen wollen und Sparkassen beitragen“

Die Zukunft der Kommunen interessiert Sie? Dann schauen Sie sich doch die Ergebnisse des Workshops Lebenswerte Kommunen – Was Menschen wollen und Sparkassen beitragen“ vom Sparkassentag 2019 in Hamburg an. 

Dort haben Expertinnen und Experten der deutschen Kommunen, Landkreise und der Finanzwirtschaft über dieses Thema gesprochen und spannende Lösungen diskutiert.

Lesen Sie auch diese Inhalte: