Typisch Millionär! Typisch? Gelüftet: Die Finanzgeheimnisse der Superreichen

Bestätigt, was viele ahnten: Lücke zwischen Arm und Reich ist weit größer als gedacht

Gierig, überheblich und ein Leben in Saus und Braus. Klischees über die Reichsten der Reichen gibt es viele. Jenseits davon ist aber fast nichts über ihre Lebenswelt bekannt. Die reiche Oberschicht ist schlecht erforscht. Diese Datenlücke hat eine aktuelle Studie nun schließen können. Die Ergebnisse sind nicht nur interessant, sondern auch wirtschaftspolitisch relevant.

Ein Mann im Anzug mit Cricketschläger
Bisher wurde unterschätzt, wie groß die Vermögen der Deutschen sind – und wie ungleich verteilt.
Marcel Fratzscher, DIW

Die Blackbox wurde geöffnet

Das Leben von Millionärinnen und Millionären liegt für die meisten Normalverdienenden im Verborgenen. Auch die Forschung wusste bis vor Kurzem wenig über diese kleine Gruppe von Menschen mit dem extrem hohen Anteil an Privatvermögen. Die Reichsten der Reichen in Deutschland sind nicht dafür bekannt, mit ihrem Wohlstand hausieren zu gehen. Sie leben diskret und nehmen selten an Vermögensstudien teil, die vorwiegend auf Umfragen beruhen.

Bisher gab es zu ihrem Leben und Vermögen größtenteils Schätzungen oder Zusammenstellungen der berühmten Reichenlisten von „Forbes“ oder dem „Manager Magazin“. Diese sind aber mit Vorsicht zu interpretieren, da hier das Gesamtvermögen häufig überschätzt wird.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) konnte diese Datenlücke nun durch eine umfangreiche Studie schließen. Erstmals ist es gelungen, eine hinreichend große Zahl an reichen Menschen in Deutschland für eine repräsentative Umfrage zu gewinnen. Wie gingen die DIW-Ökonomen vor?

Erstmals verlässliche Datenerhebung

Da große Vermögen seit Aussetzung der Vermögensteuer im Jahr 1997 in Deutschland statistisch kaum erfasst sind, wusste man so gut wie nichts über die Menschen am oberen Rand der Gesellschaft.

In anderen Ländern ist die Datenlage zu großen Vermögen zum Teil besser. So schauten die Forscherinnen und Forscher beispielsweise in die USA, nach Norwegen oder Schweden. Was die Superreichen dort überwiegend gemeinsam haben: Sie halten häufig hohe Anteile an Unternehmen – nicht selten aus steuerlichen Gründen.

Es haben genug Hochvermögende mitgemacht, um erstmals ein repräsentatives Bild der privaten Vermögen in Deutschland zu erhalten.
Marcel Fratzscher, DIW

Also filterten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die weltweit größte Datenbank für Unternehmensbesitz, „Orbis“, nach Menschen mit nennenswerten Firmenanteilen und Wohnsitz in Deutschland. Knapp 2.000 zufällig ausgewählte Haushalte wurden anschließend befragt.

Die Kernfragen der Studie waren: Wer sind diese Menschen, wie viel besitzen sie und woher kommt der Reichtum, wo leben sie, was machen sie mit ihrem Vermögen? Verglichen wurden vier Vermögenssegmente innerhalb der Bevölkerung:

  • Die untere Hälfte der Vermögensverteilung: durchschnittliches Nettovermögen von weniger als 22.800 Euro
  • Die obere Mittelschicht: Nettovermögen zwischen 22.800 bis 126.000 Euro
  • Wohlhabende: Nettovermögen 126.000 Euro bis eine Million Euro
  • Millionärinnen und Millionäre: ab eine Million Euro

Vermögensverteilung in Deutschland: noch ungleicher als vermutet

Das wichtigste Ergebnis der Untersuchung: Die Verteilung des privaten Nettovermögens (Finanzvermögen, Betriebsvermögen, Immobilien, Lebensversicherungen und langfristige Konsumgüter wie Fahrzeuge. Schulden und Kredite bereits abgezogen) ist in Deutschland noch ungleicher als bisher angenommen.

Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt rund 35 Prozent des Gesamtvermögens. Bisher, schreiben die DIW-Autoren, ging man von 22 Prozent aus. Etwa 1,5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland hat ein Nettovermögen von mindestens einer Million Euro.

Demgegenüber besitzt die untere Hälfte der deutschen Bevölkerung weniger als 22.800 Euro. Mehr als jeder vierte Mensch in Deutschland hat kaum Nettovermögen oder ist sogar verschuldet.

Infografik: Vermögensverteilung in Deutschland ist ungleicher als gedacht

Ältere, westdeutsche, gut gebildete Männer ohne Migrationshintergrund

Wer sind die Superreichen dieses Landes? Anders als es das Klischee vielleicht vermuten lässt, geben sich Millionärinnen und Millionäre in Deutschland nicht den ganzen Tag lang dem Jetset hin, liegen auf ihrer Jacht oder schlürfen nonstop Champagner. Tatsächlich arbeiten die meisten von ihnen überdurchschnittlich viel. Nur fünf Prozent arbeiten gar nicht.

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Die Erwerbstätigen unter ihnen haben eine Arbeitsbelastung von durchschnittlich 47 Stunden pro Woche – zehn Stunden mehr, als bei Erwerbstätigen in den übrigen Vermögenssegmenten.

73 Prozent der Reichen sind selbstständig oder unternehmerisch tätig. Ihre Unternehmen bilden den wichtigen deutschen Mittelstand. 46 Prozent der Millionärinnen und Millionäre beschäftigen zehn oder mehr Menschen in ihrer Firma.

Der typische Millionär ist im Schnitt relativ alt, männlich, hat keinen Migrationshintergrund und lebt fast ausschließlich in Westdeutschland. Frauen sind stark unterrepräsentiert, ihr Anteil liegt lediglich bei 31 Prozent.

Infografik: Soziodemografische Merkmale von Millionären

Geld macht nicht immer glücklich, aber überdurchschnittlich zufrieden

Die Forscher der Studie wollten auch wissen, wie zufrieden die Millionärinnen und Millionäre mit ihrem Leben sind. Fazit: Wer mehr Vermögen hat, ist zufriedener.

Die befragte Oberschicht gab ihre Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 bis 10 mit 8,2 an und ist somit – trotz des vergleichsweise hohen Arbeitspensums – überdurchschnittlich zufrieden mit ihrem Leben.

Das Ergebnis ist nicht allzu überraschend und zeigt, dass Vermögen und Zufriedenheit durchaus positiv korrelieren, so die Studie.

Infografik: Lebenzufriedenheit nach Vermögensgruppen
Infografik: Zufriedenheit in verschiedenen Lebensaspekten

Millionäre legen Vermögen anders an als Normalverdiener

Woraus setzt sich das Vermögen der Superreichen zusammen und wie legen sie das viele Geld an?

Hier helfen Zahlen: Das durchschnittliche Bruttovermögen der Millionärinnen und Millionäre in Deutschland beträgt drei Millionen Euro.

Davon dominiert mit 40 Prozent klar das Betriebsvermögen mit rund 1,26 Millionen Euro. Da der überwiegende Teil der deutschen Millionärinnen und Millionäre selbstständig ist, ein eigenes Unternehmen leitet oder signifikante Unternehmensanteile besitzt, überrascht dieser Befund nicht.

Wenig Luxusgüter, viele Immobilien

Auch Immobilien spielen bei der Betrachtung ihres Vermögens eine wichtige Rolle. Neben den betrieblich genutzten Immobilien, die zum Betriebsvermögen gehören, belegt ein Viertel des Bruttovermögens die Kategorie „sonstige Immobilien“.Dazu gehören Mietwohnungen, Ferienhäuser sowie sonstige an Dritte vermietete Immobilien.

Hieraus werden Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung generiert, im Durchschnitt mit einem Vermögensanteil von etwa 792.000 Euro. Vermögen wird durch den Kauf von Immobilien investiert, um durch Vermietung daraus noch mehr Vermögen zu machen.

Selbstgenutzter Wohnraum in Villen und Appartements fließt mit einem Anteil von 18 Prozent, circa 575.000 Euro, in das Vermögen ein.

Infografik: Vermögensverteilung der Vermögensgruppen

Geldanlagen spielen nur untergeordnete Rolle

In der Vermögensgruppe der Millionärinnen und Millionäre spielen Geldanlagen – beispielsweise Sparguthaben, Geld auf Girokonten oder Wertpapiere - nur eine untergeordnete Rolle. Lediglich rund zehn Prozent des Vermögens deutscher Superreicher setzt sich aus diesen Anlageformen zusammen. Nicht verwunderlich: Ein großer Teil ihres Vermögens ist an Betriebsvermögen gebunden und kommt für diverse Formen der Geldanlage nicht infrage.

Luxusgüter wie schnelle Autos, große Jachten und teurer Schmuck spielen hinsichtlich des Gesamtvermögens nur eine sehr untergeordnete Rolle. Gerade einmal 1,1 Prozent des Vermögens entfallen beispielsweise auf Fahrzeuge.

Im Vergleich: Bei der ärmeren Hälfte der deutschen Bevölkerung schlägt das eigene Auto im Schnitt mit rund 29 Prozent des Gesamtvermögens zu Buche.

Gerecht oder nicht? Lösungsansätze, um Ungleichverteilung zu minimieren

Wie könnte die ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland reduziert werden? Die Wirtschaftsforscherinnen und -forscher vom DIW plädieren für eine politische Diskussion darüber, wie auch ärmere Menschen ein Vermögen aufbauen könnten.

Vermögensteuer

Sie sprechen sich allerdings – anders als häufig im politischen Diskurs gefordert – gegen ein mögliches Comeback der Vermögenssteuer aus. Diese könne langfristige Konsequenzen für den Wohlstand aller haben. Nicht nur, dass Vermögen als Ausweichreaktion ins Ausland verschoben wird. Auch Investitionen, die Arbeitsplätze geschaffen hätten, würden möglicherweise weniger bis gar nicht mehr getätigt.

„Die aktuelle Rezession verdeutlicht das Problem einer Vermögensteuer, da diese ertragsunabhängig bemessen wird und in einer Krisensituation wie derzeit die Rezession noch zusätzlich verschärfen kann“, so das DIW.

Eine andere Ansicht vertritt der Paritätische Wohlfahrtsverband in einer Pressemeldung vom 15.07.2020. Die starke Ungleichverteilung sei „geradezu absurd“. In Reaktion auf die Ergebnisse der Studie fordert der Verband eine höhere Besteuerung der Reichen – konkret eine stärkere Besteuerung sehr hoher Vermögen, Einkommen und Erbschaften.

Reform privater Alterssicherung und Immobilienkauf bei geringem finanziellem Spielraum

Eine andere Möglichkeit, den Vermögensaufbau in der Breite der Bevölkerung zu fördern, sei die Reform der staatlich geförderten privaten Alterssicherung, wie das DIW vorschlägt. Riester- oder Rürup-Renten werden von Geringverdienern viel zu wenig genutzt.

Ein drittes Instrument zur Verringerung der großen Vermögensunterschiede, so das DIW, könnten Vermögenskonten sein, auf die der Staat miteinzahlt, um auch ärmeren Menschen Immobilienkäufe zu ermöglichen.

Erbschaftsteuer

Da ein großer Teil des Vermögens vererbt wird, schlägt das DIW vor, unter anderem die Zehnjahresfrist für Freibeträge beim Vererben zu überdenken, sodass diese nur einmal im Leben in Anspruch genommen werden könnten.

In Europa gehört Deutschland zu den Ländern mit der ungleichsten Verteilung von Vermögen überhaupt, wie DIW-Leiter Marcel Fratzscher schreibt. Deutschland liegt mit den Ergebnissen der Ungleichverteilung von privaten Vermögen auch im internationalen Vergleich ungewöhnlich hoch.

Handlungsvorschläge, um dies zu ändern, sind reichlich vorhanden. Es gibt in Zukunft einiges zu tun.

(Stand: 27.08.2020)


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