
Europa erlebt eine Zeitenwende: Russlands Krieg gegen die Ukraine, vermehrte Cyberangriffe und andere globale Unsicherheiten treiben den Kontinent zu einem massiven Ausbau seiner Widerstandsfähigkeit. Diese historische Investitionswelle reicht von Verteidigung über Digitalisierung bis hin zu kritischer Infrastruktur. Sie ist weit mehr als eine Reaktion auf akute Krisen: Sie ist ein fundamentaler Strategiewechsel mit weitreichenden ökonomischen Folgen.
Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, beleuchtet, wie diese Transformation Europas Wirtschaft ankurbelt, neue Arbeitsplätze schafft und welche Branchen besonders daran beteiligt sind. Außerdem erfahren Sie, wie Sie diese Entwicklung für Ihre Geldanlage nutzen können.

3 Fragen zu Geld an
Dr. Ulrich Kater
Herr Dr. Kater, wenn die Menschen hören, dass der Kontinent in seine Widerstandsfähigkeit investiert, denken sie vor allem an Militärausgaben. Welche anderen Sektoren sind außerdem wichtig für die europäische Resilienz und wie sehen die notwendigen Veränderungen konkret aus?
Resilienz ist ein deutlich umfassenderes Konzept als nur Verteidigung. Es bedeutet die Fähigkeit einer Volkswirtschaft und Gesellschaft, Krisen zu bewältigen, sich an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen und langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Dafür sind Investitionen in zahlreiche Bereiche erforderlich: Energieversorgung wie etwa erneuerbare Energien, moderne Stromnetze, Energiespeicher sowie Wasserstoff-Infrastruktur. Weitere zentrale Themen sind die digitale Infrastruktur, technologische Innovationsfähigkeit, sichere Lieferketten und industrielle Kapazitäten. Aber eigentlich sind alle Infrastrukturthemen betroffen: Straßen, Schienen, Häfen bis hin zum Gesundheitssektors.
Über die genannten Sektoren hinaus: Welche langfristigen Investmenttrends zeichnen sich durch diese Strategie ab?
Eine Reihe von neuen Strukturtrends wird dadurch angestoßen: Zunächst natürlich die mittlerweile schon klassischen Resilienzthemen wie Verteidigung, Infrastruktur, Gesundheit. Dann geht es aber um absehbare Strukturveränderungen, die von langer Dauer sein werden: Etwa eine Neu-Industrialisierung in ganz Europa, oder die Elektrifizierung der Wirtschaft, der digitale Aufbau Europas einschließlich der Cybersicherheit ebenso wie Sicherung und Ausbau des Rohstoffsektors.
Wie können Privatanlegerinnen und -anleger diese Entwicklung für ihr eigenes Portfolio nutzen?
Für Privatanleger haben diese Entwicklungen zwei Arten von Vorteilen: Zunächst die Investition in den betroffenen Sektoren selber, dann aber auch die Anschubeffekte, die durch die vielen Investitionen auf die gesamte Volkswirtschaft und damit wiederum auf den Aktienmarkt ausgehen. Dabei muss aber betont werden, dass langfristige Trends zwar attraktive Chancen bieten, aber niemals die Grundprinzipien der Vermögensanlage ersetzen: Breite Streuung, langfristiges Denken und ein ausgewogenes Risikomanagement bleiben entscheidend.
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Stand: 8. Juni 2026



