Goldene 20er – Gedanken einer neuen Generation

"Eine eigene Immobilie? Können die meisten knicken."

Ich bin in meinen Zwanzigern, wir leben in den Zwanzigern und vor hundert Jahren waren die Zwanziger golden. Heute sieht das ein wenig anders aus. In meiner Generation der goldenen Zwanziger geht es nicht immer nur bergauf. Es geht steil rauf und mindestens genauso steil wieder runter. Wie ich das meine? Erfahrt ihr hier.

Von Katrin Sonja Dirscherl

G20-Eigenheim

Katrin Sonja Dirscherl wurde 1997 in einer Kleinstadt in Bayern geboren und lebt seit 2015 in ihrer Wahlheimat Berlin. Neben aktuellen Themen, Romanen und der täglichen Frage, ob sie sich nicht doch eine Katze anschaffen möchte, beschäftigt sich unsere Jung-Kolumnistin mit den Gedanken ihrer Generation – den Problemen der Arbeitswelt, Klimaschutz, Gender Equality und mehr. 


Vor kurzem habe ich einen Artikel über zwei Schwestern entdeckt, die es geschafft haben, im zarten Alter von 30 Jahren ein Haus zu besitzen. Klingt erstmal wahnsinnig faszinierend und inspirierend. Bei näherer Betrachtung fällt jedoch auf: Der Text suggeriert, dass jede und jeder es schaffen könne. Dabei entspricht das nicht der Wahrheit.

Schon gleich oben geht es los – mit Sparsamkeit und Geduld hätten die Frauen ihr Häuschen finanziert. Die elterlichen Bürgen, das Kaufdatum von vor sieben Jahren und die Größe sowie Lage des Hauses tauchen erst im Text auf. Steckt da etwa Clickbait dahinter?

Das Sozialforschungsinstitut Forsa stellte in einer Umfrage aus dem Jahr 2021 fest, dass fast 73 Prozent der Mieterinnen und Mieter in Deutschland gerne Wohneigentum besäßen. Bei den 18- bis 25-Jährigen sind es sogar 95 Prozent. Natürlich ist da das Thema Eigenheim für hohe Klickzahlen und pseudo-motivierende Artikel wie gemacht – auch wenn der Wunsch für viele vermutlich niemals Realität wird. 

Seien wir mal ehrlich

Chancengleichheit existiert nicht. Auch wenn ich genügend Menschen kenne, die das nicht wahrhaben wollen. Man kann die Welt noch so dolle biegen und brechen, daran wird sich vermutlich nie etwas ändern. Vor nur zehn Jahren sah es anders aus: Verkäuferinnen und Verkäufer suchten hängeringend nach Kaufinteressenten – hier stand es um die Chancengleichheit besser. Seit gut fünf Jahren hingegen knallt es die Preise Jahr für Jahr weiter nach oben.

Werfen wir einen Blick auf das ländliche Falkensee in Brandenburg: Vor uns liegt ein leerer Baugrund – ein wenig mit Gras und Gestrüpp überwuchert. Knapp 1000 Quadratmeter für eine halbe Million Euro. Standortwechsel nach Pankow. Randbezirk in Berlin. Hier gibt es einen ausbaubaren Dachrohling – etwa 220 Quadratmeter für eine halbe Million Euro. 

Millennials und Gen Z sind die Loser auf dem Immobilienmarkt

Die Eigentumsquote sinkt und Deutschland landet im europäischen Vergleich auf einem der hinteren Plätze. Nur knapp 50 Prozent der Bevölkerung wohnen in wirklich eigenen vier Wänden. Spitzenreiter ist Rumänien mit 95,8 Prozent. Frankreich und Großbritannien schaffen es auf über 65 Prozent.

Eigentum bei Millennials und Gen Z nimmt ab – und das liegt nicht an fehlendem Interesse. Wer weder Milliönchen noch Baugrund erbt und auch den Jackpot nicht knackt, wird sich schwer tun, irgendwann ein Häusle zu bauen oder eine Wohnung zu kaufen. In Deutschland kommt das durchschnittliche Eigenheim mit 140 Quadratmetern inklusive aller Nebenkosten und kleinem Gärtchen auf 376.000 Euro – eine stolze Summe.

Auf dem Land ist es nicht mehr wirklich günstiger. Allein in meinem Heimatort mit 2.000 Einwohnerinnen und Einwohnern kostet ein schmuddeliges Häuschen an der Dorfhauptstraße schon 280.000 Euro – ohne Garten und renovierungsbedürftig. 

Die Zukunft bleibt düster

Wer jetzt aufmunternde Schlussworte erwartet, wird leider enttäuscht. Ich halte nichts von scheinbar vielversprechenden Motivationsreden. Vielleicht fallen die Immobilienpreise irgendwann wieder – wenn die Sterne günstig stehen, die Sonne anfängt, sich um die Erde zu drehen, oder die Politik tatsächlich einmal handelt. Die ein oder andere Lösung gäbe es bestimmt. Doch deren Umsetzung scheint unrealistischer als die Aufhebung physikalischer Gesetze.

(Stand: 27.04.2022)