„Wer auf Crowdfunding setzt, muss wirbeln“

Gründerin Milena Glimbovski über den Erfolg von Original Unverpackt und warum Crowdfunding harte Arbeit ist

Ihr Supermarkt steht für das Lebensgefühl einer ganzen Generation: Milena Glimbovski ist Gründerin und Geschäftsführerin von Original Unverpackt. Der Laden im Stadtteil Kreuzberg in Berlin kommt ganz ohne Einwegverpackungen aus. Müll verringern, nachhaltig leben: Das Konzept mobilisiert Öko-Vordenker weltweit. Wir sprechen mit der Unternehmerin.

Die Idee hinter Crowdfunding: Viele Anleger stemmen mit kleinen Summen große Projekte – und profitieren bei Erfolg. Doch wie gut klappt die Finanzierung? Worauf müssen Investoren achten? Im zweiten Teil unserer Serie „Hype oder Chance?“ gehen wir der Frage nach, wie Crowdfunding-Projekte erfolgreich umgesetzt werden können.

Frau Glimbovski, um Ihren Laden Original Unverpackt eröffnen zu können, starteten Sie eine Crowdfunding-Kampagne. Sie haben es geschafft, mehr als 100.000 Euro Startkapital zu sammeln. Woher kam die große Community zu diesem Zeitpunkt?

Wir haben uns online stark vernetzt, schon bevor wir mit dem Crowdfunding gestartet sind. Wir waren viel auf Veranstaltungen, haben gebloggt und geschaut, wie sich die Dinge entwickeln. Mit dem Thema Verpackungsmüll konnte jeder etwas anfangen und wir konnten viele dafür begeistern.

Wir hatten außerdem das Glück, dass Social Media damals noch anders funktionierte. Facebook war wichtiger und größer. Die Leute waren eher bereit, Posts zu teilen. Heute nutzen sie eher andere Kanäle wie Instagram, wo das Teilen von Links nur großen Accounts vorbehalten ist. 

Der Supermarkt Original Unverpackt von außem

Sie sind 29 Jahre alt. Als sie beschlossen zu gründen, waren Sie 22. Hatten Sie Angst?

Ja, große. Die größte Angst hatte ich davor, einen Kredit aufzunehmen. Aber ich habe es trotzdem gemacht. Weil ich daran glaubte und es unbedingt machen wollte. 

Was treibt Sie an?

Ich weiß, dass wir sehr viel daran ändern müssen, wie wir heute konsumieren und leben. Und irgendwann muss man es eben angehen. Das treibt mich an.

Sie haben keine schrille Werbung für Markenprodukte im Laden. Was bedeutet das für das Kaufverhalten Ihrer Kunden?

Angaben über die Hersteller und Inhaltstoffe stehen auf dem Etikett der Ware. Menschen kaufen hauptsächlich bei uns ein, weil sie Müll vermeiden wollen. Kürzlich erzählte mir eine Kundin, sie merke nicht nur, dass sie weniger Abfall produziert, auch ihre Müllabrechnung habe sich deutlich reduziert. Wer bei uns einkauft, stellt schnell fest, dass er viel, viel weniger Müll hat. Das ist sehr befriedigend. 

Wie wird bei Ihnen die Ware angeliefert, bevor sie in den Verkauf kommt?

Wir haben einige Produkte, die im Mehrweg-System funktionieren. Früher waren das nur Kaffee und Tofu, inzwischen sind das aber auch Müslis, Öle und andere Produkte. Die meisten Lebensmittel erhalten wir in 25-Kilogramm-Säcken. Das sind große Gebinde, meist aus Papier. Manches kommt aber auch in Plastikverpackungen. Bei einigen Produkten gibt es schon eine Zero-Waste-Lieferkette. Das ist natürlich das langfristige Ziel für alle Produkte.

Der Innenraum des Supermarktes Original Unverpackt

Ein großes Problem unserer Zeit sind die Verpackungen des Versandhandels. Sie bieten Ihre Ware auch online an – wie passt das zusammen?

Wir bieten nur Non-Food online an. Das ist leicht zu verpacken. Wir nehmen dazu alte Kartons aus dem Laden oder von woanders. Wenn wir zu viele Bestellungen haben, was immer öfter passiert, verwenden wir recycelte Kartons. Wir schreiben unseren Kunden auch, dass sie unsere Kartons so lange wiederverwenden sollen, bis sie auseinanderfallen.

Wenn Sie an den Anfang zurückdenken: Was hat Ihnen in Ihrer Gründungsphase besonders geholfen?

Mir persönlich haben Bücher geholfen. Ich bin schon immer in die Bibliothek gegangen, wenn ich eine Frage hatte. Heute laufe ich in eine Buchhandlung und schaue, wo ich die Antwort finde.

Die größte und wichtigste Hilfe aber war der Business-Plan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg. Ohne diese Existenzgründungsinitiative gäbe es Original Unverpackt nicht. Wir hatten ja keine Ahnung von Businessplänen oder Betriebswirtschaft. Der Wettbewerb hat uns Schritt für Schritt herangeführt, er war der wichtigste Katalysator.

Haben Sie Fehler gemacht?

Ja, sehr viele. Mein größter Fehler war, einen tollen Businessplan und Finanzplan zu erstellen, aber mich nicht dran zu halten. Also kein Controlling. Der zweite Fehler: Ich habe zu schnell zu viele Leute eingestellt. Letztlich konnte das die Firma nicht stemmen, wir kamen stark ins Schlingern.

Und: Ich habe schlecht geführt. Ich war eine schlechte Chefin. Weil ich nicht wusste, was wichtig ist, wie ich Anweisungen gebe und sicherstelle, dass Sachen gemacht werden. Ich habe auch immer wieder falsche Leute ausgewählt. Das lag an meiner mangelnden Führungserfahrung. Das hat sich alles gelegt.

Fehler müssen sein, weil man viel lernt. Manchmal braucht es das kalte Wasser, in das man geschubst wird.

Mein größter Fehler war, einen tollen Businessplan und Finanzplan zu erstellen, aber mich nicht dran zu halten.

Wie gehen Sie mit Rückschlägen oder Enttäuschungen um?

Ich ärgere mich nicht sehr lange. Wenn ich merke, dass es Sachen sind, die ich nicht ändern kann, konzentriere ich mich auf Dinge, die ich ändern kann. Ich verschwende meine Zeit nicht damit.

Gibt es Dinge, auf die Sie bei Ihrer Führung besonders Wert legen?

Ja, auf jeden Fall. Mein erster Anspruch ist, entsprechend unserer Firmenphilosophie zu handeln: Was wir machen, muss gut für den Menschen und die Umwelt sein. Das lässt sich auch auf Führung übertragen. Die Regel ist: Gesundheit geht vor. Heute zum Beispiel kam eine Mitarbeiterin rein, die krank ist. Weil sie neu ist, wusste sie nicht, dass sie in so einem Fall auch wirklich zu Hause bleiben soll. Wir haben sie direkt wieder nach Hause geschickt,

Zweitens: Arbeit ist nicht alles, was einen erfüllen muss. Ganz wichtig sind Ruhezeiten und achtsames Arbeiten. Nach Feierabend muss niemand E-Mails checken oder schreiben. Wenn ich am Sonntag eine E-Mail von meiner Buchhalterin bekomme, dann spreche ich sie darauf an, ob es einen Anlass dafür gab.

Drittens: Jeder muss selbst wissen, wann er wie produktiv ist und bekommt das nicht vorgeschrieben. Es ist bei uns ein sehr autarkes Arbeiten. Jeder kann seine Zeiten selbst gestalten. Wir sind ja alle selbständige Menschen, die mitdenken können. Wenn meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das nicht könnten, hätte ich sie nicht eingestellt.

Behälter, aus denen die Waren entnommen werden können

In Deutschland gründen weniger Frauen als Männer. Aktuell liegt der Anteil bei circa 15 Prozent. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe?

Frauen fehlt Selbstbewusstsein. Auf Veranstaltungen für Gründerinnen höre ich von den Teilnehmerinnen immer wieder, dass sie sich die Gründung nicht zutrauen. Dass sie denken, sie könnten das nicht, sie hätten zu wenig Kontakte, zu wenig Erfahrung, zu wenig Geld. Das ist der größte Fehlschluss.

Frauen denken außerdem oft, dass sie eine andere Person zur Unterstützung brauchen. Also eine Partnerin oder einen Partner. Das ist aber nicht der Fall. Sie könnten es alleine und sich Know-how dazukaufen, zum Beispiel freie Mitarbeitende, Beratende oder Coaches.

Wenn ich mir als Gründerin darüber bewusst bin, mehr zu können, als ich mir zutraue, kann ich es schaffen. Auch zu sehen, dass andere es geschafft haben, wirkt sehr motivierend.

Auf Veranstaltungen für Gründerinnen höre ich von den Teilnehmerinnen immer wieder, dass sie sich die Gründung nicht zutrauen.

Haben Sie als Gründerin Vorurteile erlebt, weil sie weiblich sind?

Eher indirekt. Ich merke das an er Art, wie mit mir umgegangen wird. Dass ich mich erstmal beweisen muss durch Zahlen. Wenn Geldgeber sehen, welche Umsätze und Gewinne ich mache, werde ich ganz anders behandelt. Je älter Männer sind, desto mehr Vorurteile haben sie und desto weniger nehmen sie mich ernst. 

Sie leben in einer Generation, die online lebt und sich selbst darstellt. Widerspricht das nicht dem Gedanken, sich selbst zu reduzieren?

Es widerspricht dem Gedanken, achtsamer zu leben. Wer online ist, ist viel weniger präsent, schneller ablenkbar und kann sich weniger konzentrieren. Da ist bei mir auch tatsächlich der Fall.

Minimalistisch zu leben verstehe ich vor allem in Bezug auf den Konsum. Ich würde zwar auch online gern weniger kommunizieren. Aber ich merke auch, wie viel es mir zurückgibt. Weil ich eine große Community aufgebaut habe, weil ich viele Menschen informiere und zu einer Verhaltensänderung bewege. Ich bekomme auch sehr viel Zuspruch zurück. Es gibt Vor- und Nachteile der digitalen Welt. Im Augenblick überwiegen für mich noch die Vorteile.

Gefäße mit Waren beschriftet mit Etiketten, auf denen die Inhaltsstoffe vermerkt sind

Bei Ihnen hat die Finanzierung über Crowdfunding hervorragend geklappt. Es gibt aber auch sehr viele Kampagnen, die scheitern. Wovon hängt der Erfolg ab?

Da gibt es sehr viele Gründe. Ich habe vor kurzem eine Kampagne gesehen, bei der das Produkt total toll ist. Ich würde das Projekt wahnsinnig gerne unterstützen. Aber ich weiß schon jetzt, dass die Kampagne scheitern wird: Der Initiator hat keine Community, das Produkt ist zu teuer und zu lokal. Gleichzeitig versucht er, eine recht große Summe Geld – 35.000 Euro – von der Community aufzunehmen. Es kommen also ganz viele Faktoren zusammen. Was sehr schade ist, denn ich hätte gern, dass er das Produkt umsetzt. 

Überschätzen Gründende die Möglichkeiten von Crowdfunding?

Ja. Sie überschätzen auch, wie leicht man an sein Geld kommt. Es ist aber sehr viel harte Arbeit. Das Produkt muss perfekt sein, einen guten Preis haben und national gut funktionieren, also auch leicht zu versenden sein. Und noch vieles mehr. Es ist schade, wenn Leute so viel Zeit und Aufwand in Crowdfunding stecken, es aber nicht schaffen, genug Wirbelwind zu machen. Und stattdessen denken, das sei ein Selbstläufer.

Es ist schade, wenn Leute so viel Zeit und Aufwand in Crowdfunding stecken, es aber nicht schaffen, genug Wirbelwind zu machen.

Sie haben sich neben Crowdfunding über Startnext mit einem ERP-Gründerkredit StartGeld von der Sparkasse finanziert. Was hat die Zusammenarbeit für Sie bedeutet?

Die Sparkasse hat mir ganz toll weitergeholfen. Ich habe mit einer Partnerin zusammen gegründet. Diese hat kurz nach der Eröffnung beschlossen auszuwandern. Wir hatten aber gemeinsam den Kredit aufgenommen. Die Sparkasse hat mich in einem sehr langwierigen Prozess unterstützt, eine Lösung zu finden, sodass ich Teile ihres Kredits übernehmen konnte. Die Sparkasse hat sich enorm für mich eingesetzt und war total geduldig. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Wir haben bei der Sparkasse inzwischen sogar zwei Kredite aufgenommen. Ich habe noch eine zweite Firma, „Ein guter Verlag“ . Damit haben wir inzwischen noch ein zweites, viel größeres Crowdfunding-Projekt erfolgreich umgesetzt.

Gibt es bei Ihnen ein Franchise-Angebot?

Nein, momentan nicht. Wir hatten nach der Eröffnung sehr viele Anfragen dazu, aber unser Laden war zum damaligen Zeitpunkt noch nicht rentabel. Wir wollten warten, bis das Konzept sich stabilisiert hat. Das ist jetzt der Fall. Wenn wir demnächst den zweiten Supermarkt eröffnen, können wir unsere Pläne zum Thema Franchise neu angehen.

Wollen Sie auch international expandieren?

Ja, auf jeden Fall. Bundesweit gibt es inzwischen sehr viele Unverpackt-Läden von anderen Gründenden. International ist noch Bedarf. Ich war gerade in Slowenien. In vielen osteuropäischen Läden kommt die Zero-Waste-Welle erst an. Da gibt es noch viel Potenzial. Aber erst einmal bleiben wir in Berlin. Eins nach dem anderen.

Crowdfunding kurz erklärt

Crowdfunding ist eine Finanzierungsform. Der Grundgedanke: Mit vielen kleinen Beiträgen eine große Idee verwirklichen. Dies kann von einem Buch, einem Umweltprojekt bis hin zu einer Immobilie oder einem Film fast alles sein. Jeder kann das Projekt in der Finanzierungsphase unterstützen und Dankeschöns buchen.

Crowdfunding bietet damit eine Alternative für alle, die ihre Vorhaben nicht auf den klassischen Wegen finanzieren konnten. Allerdings: Als Geldanlage ist Crowdfunding für Unterstützer sehr riskant. Im schlimmsten Fall ist das investierte Geld weg, Anspruch auf Entschädigung gibt es nicht.

Für Gründende bietet sich Crowdfunding vor allem in Kombination mit einem Gründungskredit an. Ihr Sparkassen-Berater hilft Ihnen gern weiter – sprechen Sie uns an!

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