„Aufgeben war nie eine Option!“

Nach fünf Jahren Verletzungspech läuft Sprinterin Rebekka Haase vor den Olympischen Spielen wieder zur Höchstform auf


Mehrere Jahre litt die Athletin vom Sprintteam Wetzlar unter schweren Fußproblemen. Aber Rebekka Haase ist zäh und mit einem eisernen Willen ausgestattet. Endlich schmerzfrei kämpft sie nun um die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio – mit der Unterstützung ihres gesamten Teams.

Sprinterin Rebekka Haase verschnauft auf der Laufbahn

Bei einem der letzten Wettkämpfe vor den Olympischen Spielen in Tokio, der Kurpfalz-Gala in Weinheim Ende Mai, hat Rebekka Haase noch einmal bewiesen, dass sie wieder voll da ist: In nur 11,13 Sekunden rannte die 28-Jährige die Distanz über 100 Meter – und knüpfte damit wieder an ihre Bestzeiten an.

Vor allem lief sie diese Zeit „stabil, gesund und schmerzfrei – das ist viel mehr wert, als einmal eine gute Zeit auf die Bahn zu knallen und danach drei Wochen nicht mehr laufen zu können“, sagt sie im Interview mit sparkasse.de.

Die Tragweite dieser Aussage wird deutlich, wenn man weiß, dass die Sprinterin aus Chemnitz erst Ende 2020 eine über fünf Jahre anhaltende Verletzungsgeschichte hinter sich brachte. Jetzt muss sie dieses Niveau noch bei den letzten beiden Rennen Ende Juni und Mitte Juli halten, um sich ihr Ticket für Tokio zu sichern. Denn bei dem Wettkampf in Weinheim verpasste sie wegen zu starken Rückenwindes die Olympia-Norm.

Rebekka Haase ist verhalten optimistisch. Sie kann bereits auf eine lange Sprintkarriere zurückblicken und kennt die Unwägbarkeiten ihres Sports – auch jenseits von Verletzungen. Sie weiß um ihre Stärken, aber kann auch ihre Schwächen realistisch einschätzen.

Frau Haase, Sie wollten schon als sechsjähriges Mädchen bei den Olympischen Spielen antreten. Was beschäftigt Sie zurzeit am meisten, wenn Sie an Tokio denken?

Eine der Fragen, die ich mir immer wieder stelle, lautet: Was muss ich beachten, um nicht noch kurz vor dem Ziel zu scheitern? In den letzten Jahren hatte ich so viel Pech. So oft musste ich auf der Bank sitzen, weil ich verletzungsbedingt außer Gefecht war. Das darf mir jetzt auf gar keinen Fall passieren!

Aber ich frage mich auch, wie es in Tokio sein wird – also das Klima, die Trainingsbedingungen, das Essen. Ich habe gehört, dass es im Olympischen Dorf sehr hektisch zugeht.

Sie haben eben angesprochen, dass sie über längere Zeit von Verletzungen geplagt waren. Aber nun sind sie wieder in Topform.

Das stimmt. Die letzten Wettkämpfe über 100 Meter habe ich meist mit gut elf Sekunden absolviert, knapp oberhalb meiner Bestzeit von 11,07 Sekunden.

Wie ist Ihnen das gelungen?

Ich bin seit einem guten Jahr wieder verletzungsfrei und achte sowohl im Training als auch bei Wettkämpfen darauf, dass das so bleibt. In Weinheim Ende Mai bin ich die 11,13 Sekunden stabil, gesund und schmerzfrei gelaufen – das ist viel mehr wert, als einmal eine gute Zeit auf die Bahn zu knallen und danach drei Wochen nicht mehr laufen zu können.

Dabei hat mich neben meiner Familie mein ganzes Team unterstützt. Also mein Trainer, meine Ärzte und Physiotherapeuten, aber auch meine Sponsoren. Hätte nur einer von ihnen gefehlt, wäre dieses komplexe System zusammengebrochen, das mich trägt.

Wenn etwa die Sponsoren einen Rückzug gemacht hätten, hätte ich die medizinische Betreuung nicht bezahlen können. Und ohne sie hätte ich nicht trainieren können. Aber alle haben zu mir gehalten. Dafür bin ich ihnen unendlich dankbar. Vor allem meiner Familie, die immer wieder meine schlechte Laune aushalten musste (lacht).

Bei der Sparkassen-Gala in Regensburg sind Sie im vergangenen Jahr die 100 Meter in 11,11 Sekunden gelaufen, also noch schneller als in Weinheim. Welches Ziel haben Sie sich für Tokio gesetzt?

Ein konkretes Ziel habe ich noch nicht. Ich weiß bislang nicht einmal, ob ich in Tokio überhaupt antreten werde. Ich will mich auf jeden Fall auf dem Niveau weiterentwickeln, auf dem ich mich gerade befinde.

Aber welche Chancen rechnen Sie sich aus, wenn Sie auf die anderen Teilnehmerinnen schauen?

Mit meinen bisherigen Leistungen gehöre ich schon zur Weltspitze. Nicht zur Elite, aber zur Spitzengruppe. Einige sind besser als ich. Aber ich muss mich vor denen nicht verstecken. Im Gegenteil: Mit ihnen und gegen sie anzutreten, ist für mich eine große Ehre.

Bei einer so hochkarätigen Veranstaltung wie den Olympischen Spielen geht es nicht nur um körperliche, sondern auch um geistige Fitness. Wie motivieren Sie sich? Haben Sie ein Kraftbild, vielleicht ein Tier, das Sie motiviert?

Nein, das alles habe ich nicht. Ich habe einen gehörigen Dickkopf, der mir trotz aller Rückschläge sagt: Jetzt erst recht! Ich kann noch etwas erreichen!

Ich musste 2019 fast vollständig aussetzen. Während meine Kolleginnen und Kollegen Wettkämpfe bestritten, saß ich auf der Bank und musste zuschauen. Da hat sich in mir eine Menge Wut angestaut. Das ist eine sehr kraftvolle Energie – die treibt mich jetzt an.

Hatten Sie nie Zweifel und haben sich die Sinnfrage gestellt bei so viel Pech?

Sprinterin Rebekka Haase hebt beide Arme zur Siegerpose

Nein, Aufgeben war nie eine Option! Ich habe in dieser Zeit vor allem darüber nachgedacht, was ich ändern muss, um wieder in Topform zu kommen.

Wenn Sie an Ihren persönlichen athletischen Werdegang denken, wer oder was hat Sie dabei am meisten unterstützt?

Mein Team – jede und jeder Einzelne von ihnen. Aber der wichtigste von allen ist mein Trainer Jörg Möckel. Er trainiert mich seit 16 Jahren und ist mit mir durch alle Höhen und Tiefen gegangen.

Egal ob Breiten- oder Spitzensport in Deutschland - die Sparkassen sind als Förderer auf vielen Ebenen dabei. Welche Rolle haben sie bei Ihrer Karriere gespielt?

Die Sparkassen waren in all den Jahren so etwas wie ein feiner roter Faden meiner Karriere. Sie haben meine beiden Vereine, zuerst den LV 90 Erzgebirge und nun auch das Sprintteam Wetzlar, immer zuverlässig gefördert. Davon habe ich natürlich profitiert.

Außerdem stellen so viele Sparkassen überall in Deutschland ihre Räume für Pressekonferenzen, Galas oder andere Anlässe zur Verfügung. Auch das hat neben ihrem jahrzehntelangen lokalen und bundesweiten Sponsoring einen riesigen Wert für uns Sportlerinnen und Sportler.

Noch eine letzte Frage zu den Olympischen Spielen: Nehmen wir an, Sie sind dabei. Nun sitzen Sie im Flieger nach Tokio. Was ist Ihr Gedanke, während er abhebt?

Jetzt geht’s richtig los. Blut, Schweiß und Tränen – es hat sich alles gelohnt.