Jahrhundertpianisten und Zusammenhalt

„Jugend musiziert“ prägt das Leben junger Musiker auf ganz eigene Weise

„Jugend musiziert“ ist der größte deutsche Nachwuchswettbewerb der klassischen Musik. Knapp eine Million Kinder und Jugendliche haben bislang daran teilgenommen. Für viele von ihnen war dies der erste Schritt in eine erfolgreiche Musikkarriere. Dabei fördert der Wettbewerb noch ganz andere Werte.

Ein letztes Räuspern, dann ist alles ruhig. Es herrscht absolute Stille, als Cosima Federle die Augen schließt, den Kopf senkt und den Bogen ihres Cellos ansetzt. Ihr Bruder Constantin atmet noch einmal tief durch und legt beide Hände behutsam auf die Tasten des Flügels vor ihm. Dann spielen sie im Duett das 1. Fantasiestück von Robert Schumann.

Zuvor haben Cosima und Constantin schon die dritte Suite von Johann Sebastian Bach gespielt, danach Gabriel Vauvés „Papillon“. Die Luft im Saal vibriert von den Klängen ihrer Instrumente, die Konzentration der Geschwister scheint greifbar. Andächtig lauschen die Zuschauerinnen und Zuschauer. Die Mitglieder der Jury machen aufmerksam Notizen.

Im Bundesentscheid von „Jugend musiziert“ zählt jede Note, jeder Ton. Jeder Handgriff muss sitzen, um die begehrte Höchstbewertung von 25 Punkten zu bekommen.  Cosima und Constantin haben nur noch wenige Minuten, um die Jury von ihrem Können zu überzeugen.

Größter deutscher Musikwettbewerb

"Jugend musiziert"-Logo

Jugend musiziert“ ist der größte deutsche Musikwettbewerb. Seit 57 Jahren gibt es ihn. Fast eine Million Kinder und Jugendliche haben bislang daran teilgenommen. Gegründet wurde er, um den musikalischen Nachwuchs zu fördern.

Der Wettbewerb besteht aus drei Runden: Zunächst startet er auf Regionalebene in etwa 140 Regionen Deutschlands und an rund 30 Deutschen Schulen im europäischen Ausland.

Wer einen „1. Preis auf Regionalebene“ bekommt, qualifiziert sich für den jeweiligen Landeswettbewerb. Die erfolgreichsten Talente der Landeswettbewerbe erhalten dann die Chance zur Teilnahme am Bundeswettbewerb.

Angesichts der Corona-Pandemie fällt der „Jugend musiziert“-Wettbewerb in diesem Jahr aus und findet 2021 wieder statt. Aber die jungen Talente zeigen unter dem Hashtag #JugendMusiziert2020 auf Instagram ihr Können.

Von Hannover an die Carnegie Hall

Einige der renommiertesten Musikerinnen und Musiker Deutschlands haben mithilfe dieses Wettbewerbs den Grundstein beeindruckender Karrieren gelegt. Einer von ihnen ist Igor Levit.

Igor Levit: geboren 1987 in Russland, mit drei Jahren Klavierunterricht bei seiner Mutter, sein erstes Solokonzert mit vier. Als er acht Jahre alt ist, zieht seine Familie nach Hannover.

Zwischen 2000 und 2003 ist Levit Student am Institut für Frühförderung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Später studiert er Künstlerische Ausbildung für Klavier und absolviert 2012 die Soloklasse.

Zu den bisherigen Höhepunkten seiner Karriere zählt die Zusammenarbeit mit dem Israel Philharmonic Orchestra, dem Amsterdamer Royal Concertgebouw Orchestra, den Berliner Philharmonikern, der NDR Radiophilharmonie, der Staatskapelle Dresden sowie Tourneen mit dem Bayerischen Staatsorchester und den Wiener Philharmonikern.

Levit ist auf den renommiertesten Bühnen der Welt zu Hause und hat bei den Salzburger Festspielen, dem Lucerne Festival sowie dem Musikfest Berlin ebenso gespielt wie in der Hamburger Elbphilharmonie, dem Konserthuset Stockholm, der Wigmore Hall in London und der New Yorker Carnegie Hall.

Weltweit Lobeshymnen, die Presse überschlägt sich: „Jahrhundertpianist“ nennt ihn der „Stern“. Die „New York Times“ beschreibt ihn als einen der „bedeutendsten Künstler seiner Generation“, die „Süddeutsche Zeitung“ als „Glücksfall“ für das heutige Konzertgeschehen.

Starker Anstoß durch „Jugend musiziert“

Igor Levit am Piano
Fotocredit: Robbie Lawrence

Am Anfang dieser beeindruckenden Karriere steht Levits Teilnahme bei „Jugend musiziert“: 2001 und 2002 wurde er 1. Preisträger auf Bundesebene. Auch heute, knapp 20 Jahre später, ist der Pianist von der Dimension des Wettbewerbs überzeugt.

„Er hatte eine ungeheuer große Bedeutung für mich!“, sagt Levit. „Es gibt in meinen Augen kaum einen wichtigeren Wettbewerb – mir hat er die wichtigsten Anstöße gegeben!“

Dabei betont Levit, dass „Jugend musiziert“ nicht nur die künstlerische, sondern auch die persönliche Entwicklung der jungen Menschen beeinflusse: „Gemeinsam Musik machen fördert Kreativität, Gestaltungs- und Ausdrucksvermögen ebenso wie soziale Kompetenzen“, erklärt er. „Das kommt der ganzen Gesellschaft zugute.“

Gesellschaft – ein Thema, das Levit wichtig ist. Seit Jahren bezieht der Pianist immer wieder öffentlich Stellung gegen Fremdenhass, Rassismus und Antisemitismus. Aus gutem Grund titelt die „Zeit“, Igor Levit „will nicht nur der Mann sein, der die Tasten drückt“. Trotz Morddrohungen spielt er – unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen –  weiter Konzerte auf öffentlichen Bühnen.

In Socken und mit großem Echo durch die Krise

Dabei braucht Levit nicht unbedingt die großen Säle, um Menschen zu beeindrucken. Während der Corona-Krise gibt er immer wieder in seinem Berliner Wohnzimmer Hauskonzerte auf Twitter.

Pünktlich um 19 Uhr kommt er ins Bild, setzt sich – in Socken – an den Flügel, erzählt etwas zur Musik – und spielt seine Sonaten. Er will mit den Stücken zum Nachdenken anregen, aber auch Trost und Hoffnung spenden. Zehntausende sind begeistert. Eine virtuelle Welle der Dankbarkeit schlägt ihm dafür entgegen.

„Jugend musiziert“ fördert das Miteinander

Ein Ensemble auf der Bühne

Es ist genau diese Haltung, diese Art starker sozialer Persönlichkeit, die „Jugend musiziert“ neben der Musik fördern will. Der Wettbewerb ermöglicht den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vor allem Orientierung und die Bestimmung ihres eigenen Standorts. Besonders das Ensemblespiel steht im Vordergrund.

Denn im gemeinsamen Erarbeiten eines Musikwerks bis hin zur Konzertreife erwerben die jungen Musikerinnen und Musiker Schlüsselqualifikationen, die ihnen nützlich sind, selbst wenn sie nicht Berufsmusiker werden.

Miteinander zu proben bedeutet, sich konstruktiv über die Herangehensweise an das Werk oder die Auffassung darüber auseinanderzusetzen. Jeder hilft jedem und ist zugleich in hohem Maß leistungsbereit.

Preisträger mit Weltruhm

Neben Igor Levit haben noch einige andere Preisträgerinnen und Preisträger bei „Jugend musiziert“ Weltruhm erlangt: Die Bratschistin Tabea Zimmermann nahm 1972 an den Bundeswettbewerben teil und musizierte alleine oder gemeinsam mit ihren Geschwistern als Trio oder Quartett. Heute zählt sie zu den renommiertesten Bratschistinnen der Welt.

Die Geigen-Virtuosin Anne-Sophie Mutter gewann den ersten Preis, noch bevor sie in die Schule kam. Seit mehr als 40 Jahren konzertiert sie weltweit und prägt die Klassikszene. Die viermalige Grammy-Gewinnerin ist der Aufführung traditioneller Kompositionen genauso verpflichtet wie der Zukunft der Musik.

Alle Türen stehen offen

Cosima und Constantin schauen sich kurz an, als sie ihr letztes Stück beendet haben. Sie ahnen, dass es ihnen gelungen ist, die Jury von ihrem Können zu überzeugen.

Tatsächlich: Sie haben sogar die Höchstpunktzahl erreicht und sind nun Bundessieger. Als sie die Ehrung entgegennehmen, strahlen sie über das ganze Gesicht. Cosima weiß jetzt schon, dass sie später Berufsmusikerin werden möchte. Ihr Bruder hat sich für ein Jurastudium entschieden. Er möchte der Musik in seiner Freizeit treu bleiben.

Wie es für die beiden und viele andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Wettbewerbs später weitergeht, wird sich zeigen. Sicher ist, dass „Jugend musiziert“ ein wichtiger Teil ihres Lebens und ihres Lebenslaufs geworden ist.

Sparkassen: Von Anfang an einer der wichtigsten Förderer

Das Gesangsquartett Vier gewinnt beim Auftritt

Die Sparkassen-Finanzgruppe unterstützt „Jugend musiziert“  seit dem Entstehen des Wettbewerbs im Jahr 1964 auf allen Wettbewerbsebenen. Seit 1991 ist sie Hauptsponsor neben dem Bundesfamilienministerium. Mehr als 70 Prozent aller Regionalwettbewerbe kooperieren eng mit den Sparkassen vor Ort.

Drei Viertel der Regionalverbände der Sparkassen-Finanzgruppe fördern die Landeswettbewerbe. Im Rahmen des Bundeswettbewerbs wird jährlich der „Sparkassen-Sonderpreis für besonders förderungswürdige Leistungen eines Familienensembles“ verliehen.

„Meisterschüler – Meister“

Der Traum vieler Nachwuchstalente ist es, einmal mit einem großen Star auf der Bühne zu stehen. Daher haben der Sparkassen-Kulturfonds und das Schleswig-Holstein Musik Festival im Jahr 2009 die Konzertreihe „Meisterschüler – Meister“ ins Leben gerufen. Dabei treffen Preisträger von „Jugend musiziert“ auf international bekannte Klassikstars.

Der Erfolg spricht für sich: Andere Klassikfestivals wie das Rheingau Musik Festival haben das Konzept übernommen. Auch auf Schloss Neuhardenberg in Brandenburg finden jährlich mehrere Konzerte dieses Formats statt.

Dafür erarbeiten internationale Stars gemeinsam mit den jungen Talenten ein Konzertprogramm, das sie anschließend zusammen auf die Bühne bringen.