Inklusion Impossible?

Auf dem Weg zum großen Ganzen: keine Unterschiede beim Sport

Inklusion funktioniert am besten im Verein und im Sportunterricht. Darum sind die Sparkassen Nationaler Förderer des Team Deutschland Paralympics und unterstützen bundesweit Inklusionsprojekte. Auf diese Weise möchten sie mehr Bewusstsein in der Gesellschaft für dieses Thema schaffen. Prominentes Gesicht der Paralympics ist Johannes Floors – einer der schnellsten Sprinter der Welt.

Ella atmet tief durch und schließt die Augen. Langsam und leise, kaum hörbar, zählt sie von drei rückwärts. Dann öffnet sie die Augen wieder und nimmt Anlauf. Zehn, elf, zwölf Schritte, mit jedem Schritt wird sie schneller, dann noch drei, noch zwei, beim letzten Schritt setzt sie ihren rechten Fuß kurz vor dem Holzbalken auf der roten Tartanbahn ab, reißt beide Arme nach oben – und springt ab. In hohem Bogen fliegt die Elfjährige durch die Luft. Schließlich kommt sie mit beiden Füßen gleichzeitig im Sand auf und wirft sich mit letztem Schwung nach vorne.

Stille. Unsicher schaut Ella hinter sich. Ist sie übergetreten? Aber da ruft ihr Sportlehrer schon: „Fünf Meter, dreiundzwanzig Zentimeter. Unfassbar!“ Über fünf Meter?! Ella kann es selbst kaum glauben.

Für einen Augenblick steht die Welt um sie herum still. Wie in Trance steht sie auf, klopft sich den Sand von den Beinen und geht zu den anderen Kindern ihrer Klasse zurück. Die lachen ihr freudig zu. Ella, das Mädchen mit den blonden Zöpfen und einem verkürzten Arm, ist gerade eben zur Heldin geworden.

Sportabzeichen: für alle

Es ist Samstagvormittag in Coesfeld. Der Sportplatz der Stadt im nordrhein-westfälischen Münsterland ist voll mit Menschen. Es ist der Tag des Deutschen Sportabzeichens. Von der Corona-Pandemie, die im Jahr 2020 das Leben überall auf der Welt einschränkt, besondere Verhaltensregeln sowie Mindestabstände nötig macht und den Start des Sportabzeichen-Wettbewerbs um Monate verzögert, kann noch niemand etwas ahnen.

Neue Termine aufgrund der Corona-Krise

Der überraschende Ausbruch des Coronavirus hat in diesem Jahr auch zu vielen Änderungen beim Wettstreit um das Deutsche Sportabzeichen geführt: Um eine weitere Ausbreitung zu verhindern, mussten monatelang Sporthallen und -plätze geschlossen bleiben. Der Sportabzeichen-Wettbewerb startet erst am 1.Juli, und die Sportabzeichen-Tour musste für 2020 abgesagt werden.

Zum besseren Umgang mit der aktuellen Situation hat der DOSB auf der Startseite des Sportabzeichens seine zehn Leitplanken sowie Übergangsregelungen zu den vier Hauptsportarten des Sportabzeichens verlinkt.

Nicht nur Ella und ihre Klassenkameraden, auch andere Kinder ihrer Schule und viele Eltern sind gekommen, obwohl Wochenende ist. Rund 1.000 Menschen laufen, springen, werfen – und feuern andere an.

Ella ist nicht die Einzige hier mit einer körperlichen Einschränkung. Simon, ein Junge aus ihrer Parallelklasse, sitzt im Rollstuhl, und Maya aus der dritten Klasse hat das Down-Syndrom. Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Menschen mit und ohne Behinderung, haben auf dem Sportplatz und im benachbarten Schwimmbad gemeinsam ihren Spaß.

Die Teilhabe von Menschen mit Behinderung ist im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) schon lange ein großes Thema. Gemeinsam mit dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) wurden und werden eine Vielzahl von Sportangeboten, Konzepten und Maßnahmen entwickelt, die in den Sportvereinen und -verbänden verankert sind. Beim Deutschen Sportabzeichen wird dieser Leitgedanke schon seit 1952 gemeinsam mit dem DBS umgesetzt.

Sparkassenmitarbeiter und Sportler
(c) DOSB/Treudis Nass

Weltrekordler und Paralympics-Sieger aus Leverkusen

Bei den einzelnen Prüfungen erhalten die Coesfelderinnen und Coesfelder prominente Unterstützung von gleich drei Olympia- und Paralympics-Helden: Beachvolleyballer Julius Brink, Zehnkämpfer Frank Busemann und Johannes Floors.

Floors ist paralympischer Goldmedaillengewinner im Sprint. Neben seinem Titel in Rio de Janeiro 2016 mit der Staffel über 4-mal-100-Meter hat der Paralympics-Sprintstar unzählige weitere Medaillen und Auszeichnungen erzielt.

Zuletzt gewann Floors den Weltmeistertitel 2019 über 100 und 400 Meter bei den Weltmeisterschaften der paralympischen Leichtathletik in Dubai. Auf beiden Strecken stellte er zudem einen neuen Weltrekord auf. Der 25-Jährige vom TSV Bayer 04 Leverkusen, der an beiden Beinen am Unterschenkel amputiert ist, lief die 100 Meter in nur 10,54 Sekunden. Er ist nun der schnellste Sprinter der Welt auf Prothesen.

Bei den Paralympics in Rio, drei Jahre zuvor, lief Floors die 100 Meter noch in 11,34 Sekunden. Er selbst bezeichnet seine Entwicklung als „gigantisch“.

Die beste Entscheidung seines Lebens

Ein Blick zurück vergegenwärtigt, warum dieser Begriff nicht einmal übertrieben ist. Vor zehn Jahren waren die Beine von Johannes Floors noch nicht amputiert. Er war mit dem sogenannten Fibula-Gendefekt auf die Welt gekommen. Das heißt, er hatte keine Wadenbeine und deformierte Füße mit jeweils drei Zehen.

„Sobald ich zehn Minuten zu Fuß unterwegs war, bekam ich Schmerzen“, erinnert er sich. Weder Schulausflüge noch ein kleiner Stadtbummel seien für ihn möglich gewesen.

Insgesamt war Floors‘ Alltag so eingeschränkt, dass die Ärzte ihn mit 16 Jahren vor die Wahl stellten: Amputation oder ein rollstuhlunterstütztes Leben. Die Entscheidung fiel ihm schwer. Aber schon kurz nach der Operation erkannte er, dass es die richtige war: „Es war ein Gefühl von Freiheit“, sagt er. „Nachdem ich mich an die Prothesen gewöhnt hatte, konnte ich mich endlich bewegen, ohne Schmerzen zu haben.“

In den Jahren vor der Operation war Floors nur 1,60 Meter groß, obwohl sein Oberkörper für eine Größe von 1,80 Meter ausgelegt ist. Er sei verspottet und beleidigt worden. „Ich musste immer zu allen hochschauen“, erinnert er sich. „Vielleicht war das neben meinen ungleichmäßigen Körperproportionen einer der Gründe, warum ich mir dumme Sprüche anhören musste.“

Noch im Krankenhaus entschied er sich, das Sportabitur zu machen. „Ich habe mich so stark gefühlt und dachte, jetzt zeige ich den Leuten, was ich mit Prothesen alles kann.“ Zwei Triathlon-Wettkämpfe absolvierte er in seiner Oberstufenzeit im Rahmen des Leistungssportkurses und der Abiturprüfung – und fühlte sich zum ersten Mal ausnahmslos integriert.

Kinder beim Sport
(c) DOSB/Treudis Nass

Inklusion im Verein und in der Schule

Beim Sport ist die Integration, genauer gesagt die Inklusion, von Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen mittlerweile vielerorts selbstverständlich.

Der Begriff Inklusion leitet sich von dem lateinischen „inclusio“ ab. Er bedeutet Einschluss im Sinne von Einbeziehung oder Dazugehörigkeit.

Im pädagogischen Sinne bedeutet Inklusion: die Verschiedenartigkeit als selbstverständlich zu akzeptieren. Viele Schulen und Vereine legen großen Wert auf ein inklusives Angebot – gerade im Sport. Um das respektvolle Miteinander unter Kindern und Jugendlichen zu etablieren, sei kaum ein Feld besser geeignet, begründen das Lehrerinnen und Lehrer.

Der DOSB, der Deutsche Behindertensportverband (DBS) und das Deutsche Sportabzeichen unterstützen die Schulen mit vielen Initiativen. Eine davon ist das sogenannte „Buddy-Sportabzeichen“: Sportlerinnen und Sportler mit und ohne Behinderung trainieren gemeinsam und legen das Sportabzeichen ebenfalls gemeinsam ab.

Auch die Sparkassen machen sich für die Inklusion im Sport stark – bundesweit an vielen Schulen und in Vereinen. Als Nationaler Förderer unterstützen sie außerdem seit 2013 das Team Deutschland Paralympics.

Inklusion im Breitensport

Johannes Floors profitiert ebenfalls von dem Engagement der öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute: Die Sparkasse Leverkusen fördert seinen Verein, den TSV Bayer 04 Leverkusen, schon seit vielen Jahren.

Er selbst macht sich für die Inklusion im Breitensport stark: „Im Spitzensport gibt es noch keine Inklusion, obwohl wir Para-Athleten ebenso leistungsstark sind und immer wieder genauso über unsere Grenzen hinausgehen wie die Sportlerinnen und Sportler ohne körperliche Einschränkung“, betont er.

Dabei verweist er auch auf die besondere Herausforderung dieses Themas: Ab einem gewissen Niveau, wie etwa bei Meisterschaften, werde ein gemeinsamer Antritt weder den olympischen, noch den paralympischen Athleten gerecht: „Die Vergleichbarkeit ist schwierig“, erklärt er. Gemeinsame Wettkämpfe wie das integrative Sportfest in Leverkusen seien jedoch „ein fantastischer Schritt in die richtige Richtung“.

Umso wichtiger sei es, die Inklusion im Breitensport zu unterstützen. Deswegen beteiligt sich der Athlet am Sportabzeichen-Wettbewerb und verbringt viel Zeit mit den Schülerinnen und Schülern. In Coesfeld hat er mit ihnen vor ihren Prüfungen Aufwärm- und Motivationsübungen gemacht und ihnen wertvolle Tipps gegeben.

Gold in Tokio: Ein Sieg für alle

Nach dem Abitur absolvierte Floors zunächst eine Ausbildung zum Orthopädietechnikmechaniker und kann daher seine Prothesen selbst bauen. Nun studiert er Maschinenbau in Köln. Seit 2013 startet er für den TSV Bayer 04 Leverkusen.

„Meine Zeit verteilt sich auf Studium und Sport ungefähr zehn zu 90 Prozent. Aber meine Hochschule hat Verständnis und geht mit meinen vielen Abwesenheiten großzügig um“, sagt er lachend.

Dieser Freiraum ist gerade bei der Vorbereitung auf die Paralympics wichtig: Die Spiele in Tokio wurden zwar ebenso auf den Sommer 2021 verschoben wie die Olympischen Spiele. Aber dann will er wieder Gold holen, diesmal im Einzel. Nach seinen herausragenden Erfolgen der vergangenen Jahre scheinen die Chancen dafür sehr gut zu stehen.

„Vor allem bei meinem Weltrekord in Dubai habe ich gezeigt, was ich kann“, sagt der Athlet selbstbewusst. Er will diesen Sieg. Für sich – aber auch, um noch mehr Bewusstsein für die Bedeutung der Inklusion zu schaffen.