Brot und Spiele?

Sieg und Niederlage lernen an den Eliteschulen des Sports

Die Olympischen Spiele beweisen ein ums andere Mal den Wert der Eliteschulen des Sports: Etwa drei Viertel der deutschen Medaillengewinnerinnen und -gewinner gehen aus ihnen hervor. Wie das gelingt und was außerdem wichtig ist für den Erfolg junger Athleten, erklärt die Leiterin der Potsdamer Sportschule „Friedrich Ludwig Jahn“ im Interview.

Weltmeister werden und ein bestmöglicher Schulabschluss – unter diesem Leitsatz bereiten die Eliteschulen des Sports junge Athleten auf den Hochleistungssport und die Zeit danach vor. Ihr Verbundsystem aus Schule, Sport und Wohnheim gibt es seit 1997. Über 11.500 Jugendliche besuchen die 43 deutschen Eliteschulen.

Dr. Iris Gerloff leitet die Sportschule „Friedrich Ludwig Jahn" in Potsdam. Sie erklärt, wie und warum ihre Schule so erfolgreich arbeitet, weshalb die jungen Leistungssportler in jeder Hinsicht von ihrer Schulzeit profitieren, und welche Rolle die Sparkassen dabei spielen.

Eliteschulen des Sports
Interview mit
Dr. Iris Gerloff
Schulleiterin der Eliteschule des Sports „Friedrich Ludwig Jahn" in Potsdam

Frau Dr. Gerloff, viele Menschen fiebern bei Olympischen Spielen und anderen Meisterschaften mit und freuen sich über jede Medaille. Aber die entscheidende Rolle, die die Eliteschulen des Sports an dem Erfolg unserer Athleten haben, ist ihnen gar nicht bewusst. Wie schaffen Sie es, aus Sportlern Medaillenträger zu machen?

Dr. Iris Gerloff: Wir helfen den jungen Athleten dabei, aus ihrer sportlichen Begabung systematisch und strukturiert Höchstleistungen zu entwickeln. Ziel unserer Arbeit mit ihnen ist, ihren Traum von der olympischen Goldmedaille zu verwirklichen. Am Ende gehört auch ein bisschen Glück dazu!

Dabei geht es nicht nur um die sportliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler, sondern auch um ihre Entwicklung zu einer mündigen, eigenständig handelnden Persönlichkeit. Die Ausbildung an der Eliteschule des Sports verlangt ihnen eine Menge Einsatz und Verantwortungsbewusstsein ab.

Sie müssen sich an klare Regeln halten und ein hohes Maß an Disziplin und Selbstverantwortung aufbringen, um die Doppelbelastung von Schule und Sport zu bewältigen.

Wie sieht diese Doppelbelastung, wie sieht der Alltag an einer Sporteliteschule genau aus?

Doppelbelastung heißt, dass die Schülerinnen und Schüler bei uns in ihrer Sportart zu Spitzenathleten ausgebildet werden – ohne dabei die Herausforderungen ihrer schulischen Ausbildung zu vernachlässigen.

Dafür sind Schule und Training aufeinander abgestimmt und greifen ineinander. Im Alltag bedeutet das: Ab 7.30 Uhr haben die Jugendlichen eineinhalb Stunden Training, dann Schulunterricht, im Anschluss wieder Training bis zum späten Nachmittag oder frühen Abend, Mittagessen ist inklusive.

Eliteschulen des Sports
Schülerinnen und Schüler

wohnen im „Haus der Athleten“ der Potsdamer Eliteschule

Im Rahmen der Ganztagsschule haben sie mittags zudem die Möglichkeit, Hausaufgaben zu erledigen, Arbeiten nachzuschreiben, Förderunterricht zu erhalten oder entsprechend der schulischen Angebote individuell zu planen, was sie tun möchten.

Ob Musik, Tischtennis, Nähen, Entspannen – sie entscheiden selbst. An den Wochenenden kommen weitere Trainingseinheiten und Wettkämpfe hinzu. Einmal in der Woche ist ein trainingsfreier Nachmittag. Den nutzen sie für Hausaufgaben, Lernen und zur Erholung.

Welche Kriterien gibt es, um bei Ihnen aufgenommen zu werden?

Ruderer beim Training

Aus dem gesamten Bundesgebiet einschließlich Brandenburg sind circa 400 junge Menschen an unserer Schule und wohnen im „Haus der Athleten“. Aus der Landeshauptstadt Potsdam und der umliegenden Region pendeln täglich rund 280 zu Unterricht und Training.

Die Einschulungen beginnen bei uns mit der siebten Klasse. Daher werden die Kinder jährlich, in der Regel in der sechsten Jahrgangsstufe, in Schulen und Vereinen gesichtet. Sie sind dann meist elf Jahre alt. Dabei schauen sich Trainer und Lehrer hunderte von Kindern an. Sie erstellen ein Ranking der 20 bis 30 besten und entscheiden dann, wen sie den Eliteschulen des Sports empfehlen.

Unser Aufnahmeverfahren folgt einem Ziel: Wir möchten möglichst sicher herausfinden, wer der Doppelbelastung gewachsen ist, die unseren Schulalltag bestimmt.

Bestandteile unseres Aufnahmeverfahrens sind neben sportlichen Tests die Feststellung der sportfachlichen, medizinischen, psychologischen sowie der schulischen Eignung.

Dieser komplexe Prozess folgt einem Ziel: Wir möchten möglichst sicher herausfinden, wer der Doppelbelastung gewachsen ist, die unseren Schulalltag bestimmt. Und es geht darum, sie über den Spitzensport hinaus bestmöglich auf das Leben vorzubereiten.

Zudem soll bei aller Leistung die Lust und die Freude im Alltag nicht verloren gehen. Eine einzigartige Schulzeit zu ermöglichen, das ist unser kollektiver Anspruch.

Nicht nur Ihre Schüler, auch Ihre Schule muss sich immer wieder prüfen lassen. Sie ist erneut als Eliteschule ausgezeichnet worden. Welche Kriterien waren dafür relevant?

„Eliteschule des Sports“ ist ein Prädikat, das der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) vergibt. Die Schulen müssen in der Lage sein, die sportlichen Talente zuverlässig zu fördern.

Um das zu leisten, müssen sie einige zentrale Qualitätskriterien erfüllen. Dazu gehören, neben der sportlichen Ausbildung, Koordination und Management des Zeitbudgets, regionale und überregionale Wirkungsmöglichkeiten, pädagogische Gesamtkonzeptionen unter leistungssportlichen Gesichtspunkten sowie sportliche und schulische Erfolge.

Die Voraussetzungen dafür werden durch unser Bundesland geschaffen. Die Eltern zahlen kein Schulgeld für ihre Kinder. Es gibt aber auch keine Stipendien.

Eliteschulen des Sports
Mal

konnte die Potsdamer Eliteschule 2019 die Abiturnote 1,0 vergeben

„Eliteschule des Sports“ ist ein Prädikat, das der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) vergibt. Die Schulen müssen in der Lage sein, die sportlichen Talente zuverlässig zu fördern.

Um das zu leisten, müssen sie einige zentrale Qualitätskriterien erfüllen. Dazu gehören, neben der sportlichen Ausbildung, Koordination und Management des Zeitbudgets, regionale und überregionale Wirkungsmöglichkeiten, pädagogische Gesamtkonzeptionen unter leistungssportlichen Gesichtspunkten sowie sportliche und schulische Erfolge.

Die Voraussetzungen dafür werden durch unser Bundesland geschaffen. Die Eltern zahlen kein Schulgeld für ihre Kinder. Es gibt aber auch keine Stipendien.

Das klingt sehr überzeugend. Aber jedes System hat seine Grenzen. Welche Konzepte gibt es, um die Schüler auf ihrem Weg mit all seinen Aufs und Abs zu begleiten? Und welche anderen Formen der Unterstützung nutzen Sie?

Lehrer mit Schülerinnen und Schülern

Zum Sieg gehört auch die Niederlage. Das wissen und erleben unsere Schülerinnen und Schüler vom ersten Tag an. Unsere Lehrer und Trainer begleiten sie bei beidem und fangen sie auf, wenn das nötig ist. Sie helfen ihnen dabei, ihre Grenzen zu überschreiten und zu erweitern.

Wir bereiten sie gemeinsam auf ihre Herausforderungen vor und stehen ihnen mit Rat und Tat zur Seite, wenn es nicht läuft wie erwartet. Natürlich sind die Eltern ein ganz wichtiger Partner dabei.

Auch jenseits ihrer Wettkämpfe müssen unsere Schülerinnen und Schüler mit vielen Belastungen und Herausforderungen umgehen, wenn sie zur Weltspitze gehören wollen. Dazu gehört so etwas scheinbar Banales wie ausreichender Schlaf und eine gesunde Ernährung.

Um ihnen bei all dem zu helfen, vertrauen wir auf unsere Lehrer und Lehrertrainer, Erzieher, Psychologen sowie die Schulsozialarbeiterin genauso wie auf unser Netzwerk im Schule-Leistungssport-Verbundsystem. Wir entwickeln unsere Konzepte ständig weiter und stimmen unseren Schuljahresplan im Team der Pädagogen ab.

Sportfachlich gibt es eine konstruktive Zusammenarbeit mit Spitzenverbänden, dem Landessportbund, dem Olympiastützpunkt, den Sportfachverbänden und dem DOSB. Im Bereich der Sportmedizin und Sportpsychologie unterstützt uns die Universität Potsdam.

Auch die Sparkassen sind für unsere Arbeit sehr wichtig: Sie stellen uns schon seit Jahren zuverlässig Eliteschulgelder zur Verfügung. Diese können wir für die individuelle Förderung unserer Athleten ebenso verwenden wie für den Unterricht oder andere Dinge.

Das deutsche Team bei den Olympischen Jugendwinterspielen 2020 in Lausanne

Wie gelingt es, neben dem Traum von Olympia die anderen Fächer – und die Zeit nach dem Sport – nicht aus den Augen zu verlieren?

Unser Auftrag ist, den jungen Athleten – neben der schulischen Ausbildung – das tägliche Zeitfenster für das Training freizuhalten. Wenn nötig strecken wir die Schulzeit um ein Jahr, damit sie sich auf ihren Sport und die anderen Fächer konzentrieren können.

Das Additive Abitur hat sich dabei als Erfolgsgarant erwiesen. So können die talentiertesten Schülerinnen und Schüler in den Jahrgangsstufen 12 bis 14 ihren Stundenplan individuell zusammenstellen und Prüfungen Schritt für Schritt modulhaft ablegen. Das hält die Gesamtbelastung in einem verträglichen Rahmen, um optimal zu lernen und zu trainieren.

Für die Zeit nach dem Leistungssport bieten wir Laufbahnberatungen an. Sie können ihrem Sport auch anders treu bleiben – egal ob beruflich oder ehrenamtlich als Übungsleiter und Trainer in unseren Vereinen.

Für die Zeit nach dem Ende des Leistungssports bieten wir Laufbahnberatungen an. Wir zeigen ihnen, wie sie ihrem Sport auch anders treu bleiben können – egal ob beruflich oder ehrenamtlich als Übungsleiter und Trainer in unseren Vereinen.

Ohnehin ist Berufsorientierung ein elementarer Standard an unserer Schule: Alle Schüler machen Betriebspraktika und nehmen an Berufsberatungen teil. Darüber hinaus arbeiten die Laufbahnberater des Olympiastützpunktes mit einer Vielzahl von Universitäten und Fachhochschulen zusammen. Sie nehmen unsere Absolventinnen und Absolventen aufgrund ihrer einzigartigen Persönlichkeitskompetenzen und ihrer hohen Leistungsbereitschaft gerne an.

Viele unserer Abgänger studieren, ob Medizin, Naturwissenschaften, Lehramt oder andere Fächer jenseits des Sports, in Deutschland oder im Ausland. Es gibt aber auch den Weg in eine erfolgreiche Berufsausbildung. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass alle ihren Weg gehen und gehen werden.


Eliteschulen des Sports

Eliteschulen des Sports
Euro

setzt sich die Sparkassen-Finanzgruppe für den Sport in Deutschland ein und ist damit Deutschlands nicht-staatlicher Sportförderer Nummer 1.

Seit 1997 unterstützt die Sparkassen-Finanzgruppe die Eliteschulen des Sports. Sie ebnet jungen Talenten den Weg zu sportlichen Spitzenleistungen und einem qualifizierten Bildungsabschluss. Die Vereinbarkeit von Sport und Ausbildung beziehungsweise Studium stehen im Fokus der Förderung.

Doch auch der zielgerichtete Ausbau von Trainings- und Wettkampfmaßnahmen wird durch die finanzielle Unterstützung durch die Finanzgruppe gewährleistet. In den vergangenen Jahren konnte zum Beispiel die Vereinbarkeit von Schule und Sport verbessert, Trainingsmaterialien, Sportausstattungen und Laptops angeschafft und die Mobilität von Athleteninnen und Athleten optimiert werden. Davon profitieren derzeit mehr als 11.500 Schülerinnen und Schüler der insgesamt 43 Eliteschulen.

Es lohnt sich, junge Talente zu fördern: Bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang waren 78 Prozent der Medaillengewinner aktuelle oder ehemalige Eliteschüler. Ähnlich erfolgreich waren sie auch bei den Youth Olympic Games im September 2018 in Buenos Aires: Sieben der neun Medaillen gewannen (ehemalige) Athletinnen und Athleten von den Eliteschulen des Sports.

Diese Erfolge bestätigen, dass die frühe Förderung zukünftiger Leistungsträger genauso wichtig ist wie das Engagement für das Team Deutschland und das Team Deutschland Paralympics.

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