„Trump überschätzt die Relevanz der USA“

Wie der neue US-Präsident die Weltwirtschaft beeinflusst – und wie Europa reagieren sollte

Kein Plan, keine Perspektive? Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank und USA-Experte, erklärt, warum deutsche Mittelständler auf eine gute Diversifizierung achten sollten.

Internationalisierung USA

Herr Hellmeyer, in der Stahlindustrie setzt Donald Trump seine vollmundig angekündigten Abschottungspläne bereits um. Müssen wir nun eine Flaute in der Weltwirtschaft fürchten?

Folker Hellmeyer: In der Stahlindustrie soll es Strafzölle gegen Unternehmen aus sieben Ländern – darunter Deutschland – geben. In der gesamtwirtschaftlichen Breite wird er seine Forderungen aber nicht durchsetzen können, da den Vereinigten Staaten wichtige Schlüsseltechnologien fehlen.

Auf welchen Wirtschaftspartner können die USA denn auf keinen Fall verzichten?

Hellmeyer: Zum Beispiel auf Deutschland. Deutsche Unternehmen mit ihren „Hidden Champions“ liefern umfassende Schlüsseltechnologien, beispielsweise für die Automobilindustrie. Russland versorgt die Vereinigten Staaten mit Titan, das im Flugzeugbau, in der Medizin, der Architektur und anderen Branchen benötigt wird.

Was schlussfolgern Sie daraus?

Hellmeyer: Die Trump-Regierung überschätzt ihre Relevanz für die Weltwirtschaft. Der US-Anteil an der Weltwirtschaft sinkt seit Dekaden und steht jetzt bei nur noch 16 Prozent. Für den internationalen Handel sind aufstrebende Länder wie China, Indien und deren Nachbarstaaten sowie die Regionen Nordafrika und die Arabische Halbinsel längst wichtiger. Auch die Eurozone bietet perspektivisch Wachstumspotenzial.

Die wichtigsten Kennzahlen der Vereinigten Staaten von Amerika

Internationalisierung USA

Wie unterstützen die Sparkassen-Finanzgruppe und die Landesbanken Mittelständler, die mit US-Firmen handeln wollen?

Hellmeyer: Wir haben jahrelange Erfahrung in den USA, sowohl in der Beratung vor Ort als auch von Deutschland aus. Mittelständler erhalten bei uns zum Beispiel Informationen über Firmengründungen in den USA, juristische und steuerliche Unterstützung und Tipps für die Standortwahl. Aber natürlich helfen wir ihnen auch dabei, Geschäftspartner zu finden, Bonitätsauskünfte einzuholen und ihre Auslandsgeschäfte zu finanzieren bzw. sich gegen Zahlungs- oder Lieferausfälle abzusichern.

Nach Trumps Drohung, Strafzölle gegen Unternehmen zu verhängen, die nicht in den USA produzieren, sind deren Aktienkurse eingebrochen, auch die von einigen deutschen Autobauern. Manche Firmen haben sogar angekündigt, ihre Produktion in die USA zu verlagern. Was halten Sie davon?

Hellmeyer: Ich denke nicht, dass sich deutsche Unternehmen davon verunsichern lassen werden. Sie haben schon große Produktionsstandorte in den Vereinigten Staaten und werden vor diesem Hintergrund keine zusätzlichen Arbeitsplätze aus Deutschland in die USA verlegen. Es sind eher asiatische Firmen, die aus solchen Drohungen Konsequenzen ziehen müssen. Sie haben deutlich weniger Produktionsstätten in den USA.

Dennoch: Sollte Europa über einen eigenen Protektionismus nachdenken?

Hellmeyer: Nein. Auge um Auge, Zahn um Zahn darf nicht das Motto sein. Stattdessen sollten Brüssel und Washington ihre Gespräche über eine gute wirtschaftliche Zusammenarbeit vertiefen, ohne dabei einen Kotau zu machen.

Wie schon Obama erklärte nun auch Trump die Reindustrialisierung des Landes zum Ziel. Was bedeutet das für deutsche Mittelständler?

Hellmeyer: Einzelne Branchen wie die Stahlindustrie müssen sich auf Veränderungen einstellen. Aber das Potenzial für Wachstum in den USA ist ohnehin begrenzt. Die Konsumverschuldung ist historisch hoch und strukturelle Defizite begrenzen das nachhaltige Wachstum. Der US-Markt ist derzeit tendenziell mehr ein Bestands- als ein Wachstumsmarkt. Zudem ist die Trump-Regierung schwer berechenbar. Ich empfehle deutschen Unternehmen, den Handel in der Eurozone und in den bereits genannten aufstrebenden Regionen auszubauen.

Trump wirft Deutschland vor, den Euro bewusst niedrig zu halten. Welche Auswirkungen kann das haben?

Hellmeyer: Dafür trägt nicht Deutschland, sondern in erster Linie die Europäische Zentralbank die Verantwortung. Deshalb glaube ich nicht, dass es Auswirkungen haben wird. Deutsche Produkte werden nicht wegen des Preises nachgefragt, sondern wegen der Qualität.

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Internationalisierung USA

Inwiefern unterscheidet sich die Mentalität der Amerikaner von der der Deutschen? Und wie beeinflusst das die Wirtschaft?

Hellmeyer: Der größte Unterschied ist, dass unsere Wirtschaft von einem starken Mittelstand getragen wird. Über 99 Prozent der hiesigen Unternehmen gehören zum Mittelstand. In den USA herrscht das Modell der Großkonzerne. Das hat auch Vorteile, siehe Apple, Facebook und Co. Aber die Wirtschaft ist abhängig von wenigen großen Akteuren. Das ist problematisch. Auch die Art zu wirtschaften ist eine andere: Viele US-Manager denken von Quartal zu Quartal, während im deutschen Mittelstand Nachhaltigkeit wichtiger ist als kurzfristiger Erfolg.

Abschließend die Frage: Was denken Sie, wie lange Donald Trump im Amt bleibt?

Hellmeyer: Vier Jahre.