„Russlands Wirtschaft hat sich erholt“

Die Sanktionen waren dabei nicht das größte Problem

Russland hat schwierige Jahre hinter sich – es kommt nun langsam aus der Rezession.


Seit 2008 hat die Helaba eine Repräsentanz in Moskau; der Leiter ist Heinrich Steinhauer. Er arbeitet seit 1999 in Russland und erzählt, wie die Sanktionen die russische Wirtschaft verändern. Für einen Standort in Russland muss es nicht immer Moskau sein. Was Sparkassen leisten, um deutschen Unternehmen in Russland zu helfen, lesen Sie im Interview:

Herr Steinhauer, seit 2014 sind infolge der Krimkrise verschiedene Sanktionen gegen Russland in Kraft. Spürt man die Auswirkungen davon bis heute?

Es wird Stück für Stück besser. Noch 2016 war das Wirtschaftswachstum mit minus 0,2 Prozent leicht negativ. Dieses Jahr erwarten die meisten Beobachter eine Trendwende und rund ein Prozent Wachstum. Manche halten sogar zwei Prozent für möglich.

Wie erklären Sie sich die Trendwende?

Zum einen hat Russland nach den Sanktionen etwas umgesetzt, was das Land schon seit vielen Jahren angekündigt hat: Es hat begonnen, seine Wirtschaft zu diversifizieren. Bislang waren das eher Lippenbekenntnisse. Importsubstitution und Lokalisierung sind jetzt nicht mehr nur Bestandteil von Sonntagsreden, sondern werden mehr und mehr gelebt. 

Gibt es weitere Faktoren, die zum Aufblühen der Wirtschaft beitragen?

Die Rubelschwäche, die Importe erheblich verteuert hat. 2014 näherte sie sich der 100-Rubel-Grenze je Euro. Das war enorm hoch und führte zu „gefühlten“ Preisverdoppelungen. In der Folge wurden russische Waren oder Güter verstärkt nachgefragt. Die Produzenten haben das natürlich gemerkt und ihre Preise erhöhen können. So löste eine Abwertung des Rubels mittelfristig eine Preiserhöhung für inländische Produkte aus. Das trug mit zur Erholung bei.

Sanktionen, Währungsschwankungen, die politischen Dissonanzen: Sind deutsche Unternehmen zögerlicher geworden durch die unsichere Lage?

Schon, ja. Die etwa 6.000 mit deutschem Kapital tätigen Unternehmen haben zunächst eine Art Überwinterungsstrategie gewählt. Wer den Sprung erwogen hat, kämpfte vor allem mit einem Werteproblem: Verlässlichkeit und Vertrauen sind unheimlich wichtig – und diese Werte sind ein Stück weit angekratzt. Ein russischer Importeur fragt sich eben, bevor er eine Maschine kauft: Bekomme ich in Zukunft Ersatzteile? Oder kann ich sie bei Bedarf erweitern? Das gilt insbesondere dann, wenn man davon ausgeht, dass sich die politische Großwetterlage möglicherweise noch verschlechtert. 

Lässt sich diese Zurückhaltung auch mit Zahlen belegen?

Wir beobachten schon seit Längerem einen Rückgang im bilateralen Handel, nicht erst seit den Sanktionen. Der deutsche Außenhandel mit Russland betrug 2016 37 Milliarden Euro. 2015 waren es 41 Milliarden Euro; 2012 sogar noch 58 Milliarden Euro.

Die Sanktionen sind aber nicht der ausschlaggebende Grund. Sie betreffen nur wenige Waren, zum Beispiel Güter mit doppeltem Verwendungszweck (Dual-Use-Güter) oder den Energiesektor. Das Gros, das die deutsche Wirtschaft produziert, war nicht betroffen. Der deutsche Export leidet stärker an der Rubelschwäche als an den Sanktionen, weil er die Waren stark verteuert.

Die wichtigsten Kennzahlen Russlands

Internationalisierung Russland

Was liefern deutsche Unternehmen denn nach Russland?

In erster Linie sind das Maschinen und Anlagen, die Russland für die Diversifizierung und Modernisierung seiner Wirtschaft benötigt. Ein Beispiel aus der Holzindustrie: Hier werden nicht mehr nur Hölzer gefällt, gerundet und dann exportiert, sodass der wichtigste Teil der Wertschöpfungskette im Ausland liegt. Stattdessen produzieren russische Unternehmen heute selbst die Endprodukte und erhöhen so die Fertigungstiefe. Die Maschinen dafür können deutsche Firmen liefern. Beim Vertrieb kämpfen sie aber mit dem skizzierten Währungsproblem.

Wie gestalten deutsche Unternehmen ihre Präsenz in Russland?

Unterschiedlich – mal über eine Vertriebsgesellschaft, mal über ein Beratungsbüro und mal über eine Produktionsstätte. Die deutschen Direktinvestitionen lagen im Jahr 2016 über zwei Milliarden Euro, hauptsächlich getrieben durch Gewinne, die deutsche Unternehmen direkt in Russland realisieren. Der Wert liegt deutlich über dem der Vorjahre. Ein weiteres Anzeichen dafür, dass das Abwarten vorbei ist.

Was ist das Motiv für Unternehmen, Russland als Markt oder Produktionsstandort auszuwählen?

Als Markt ist Russland allein durch seine Größe interessant: Das Land hat 146 Millionen Einwohner. Zudem kann man von hier aus gut weitere Länder erreichen, die früher zur Sowjetunion gehörten. Das vergrößert die Absatzmöglichkeiten noch einmal. Um das weiter zu erleichtern haben Russland, Weißrussland, Kasachstan, Armenien und Kirgisien 2016 die Eurasische Wirtschaftsunion gegründet, was zollfreien Handel zwischen den Ländern ermöglicht.

Dazu erleichtert das Engagement, dass es hier ein ähnliches Rechtssystem gibt – gerade im Vergleich zu China beispielsweise. Auch die Sprache ist in Deutschland immer noch verbreitet. 

In welchen Regionen Russlands ist der deutsche Mittelstand tätig? Wahrscheinlich vor allem westlich des Urals, in Moskau und Sankt Petersburg?

Das ist ein Schwerpunkt, aber er ist nicht ausschließlich dort. Nowosibirsk in Sibirien zum Beispiel ist die drittgrößte Stadt Russlands. Dort gibt es sehr viele gut ausgebildete Menschen, weil das ein wichtiger Wissenschaftsstandort mit Forschungsinstituten und Universitäten ist. Es gibt dort auch viele deutsche Unternehmen, die in der Bauwirtschaft tätig und auf Isolierungen oder besondere Fensterprofile spezialisiert sind – Dinge, die man dort wegen der großen Kälte braucht. Aber klar, erste Anlaufstelle ist Moskau, das ist gut erreichbar. Hier findet man viele international orientierte und hoch qualifizierte Menschen. Zweiter Schwerpunkt ist Sankt Petersburg und auch die Region Ural/Jekaterinburg ist bedeutend.

Sie sprechen die gute Ausbildung der Menschen in Russland an. Kann man dort also für alle Aufgaben die passenden Mitarbeiter rekrutieren?

Da muss man unterscheiden. Es gibt eine sehr gute Ausbildung im technischen Bereich, Ingenieure beispielsweise. Bei Facharbeitern aber sieht es weniger gut aus, die fehlen in der Breite. Das ist ein großes Manko. Das russische Arbeitsrecht ist in dieser Beziehung ein weiteres Hindernis: Die Kündigungsfrist beträgt nur drei Wochen. Das heißt, bei Kündigung ist ein Arbeitnehmer fast von einem Tag auf den anderen weg. Fachkräfte wissen das und können das auch ausspielen.

Was muss man noch wissen, um als Unternehmen in Russland keine bösen Überraschungen zu erleben?

Es braucht hier einen langen Atem. Man bespricht Dinge, glaubt, alles sei klar – und dann passiert lange nichts. Wenn allerdings dann wirklich die finale Entscheidung getroffen ist, muss alles vorgestern fertig sein. Das ist manchmal anstrengend.

Außerdem darf man sich nicht davon irritieren lassen, dass es hier manchmal die Neigung gibt, etwas großspurig aufzutreten. Davon darf man sich nicht täuschen lassen und sollte wiederum selbst nicht zu bescheiden auftreten. Ich zum Beispiel war bei einer anderen Bank als stellvertretender Leiter der Repräsentanz tätig. Da wunderte ich mich, dass Geschäftspartner nicht mit mir, sondern mit meinen Mitarbeitern, die in der Hierarchie unter mir standen, sprechen wollten. Irgendwann fand ich dann heraus, dass mein Understatement fehl am Platz war. Als ich mein Verhalten geändert habe, ging es sofort besser. 

Was tun die Sparkassen konkret, um deutschen Unternehmen in Russland zu helfen?

Das hat mehrere Ebenen. Zum einen das Thema Finanzierung: Wir haben ein sehr großes Netzwerk an russischen Banken. Das hilft, wenn ein deutsches Unternehmen mit einem russischen Unternehmen Verhandlungen aufnimmt. Wenn wir früh eingebunden sind, können wir so beispielsweise prüfen, wie das Unternehmen von seiner Hausbank bewertet wird. Auch wenn nicht bekannt ist, welche Hausbank das russische Unternehmen hat, können wir über unsere Datenbanken prüfen, ob es solch ein Unternehmen überhaupt gibt. Denn Visitenkarten sind schnell gedruckt. Wenn sich herausstellt, dass es ein Unternehmen gar nicht gibt oder es als Partner aus finanziellen Gründen nicht infrage kommt, kann man viel Geld sparen.

Und wenn sich ein Partner als seriös herausstellt?

Kommt ein Geschäft zustande, können wir das finanziell absichern. Über eine Risikoübernahme für ein deutsches Unternehmen in Form einer Garantie oder durch ein Akkreditiv. So kann das Unternehmen getrost seine Waren und Dienstleistungen vertreiben – und notfalls würden wir zahlen.

Zusätzlich können wir auch für den russischen Importeur versuchen, eine Finanzierung hinzubekommen. Wir als Helaba stellen dann zwar nicht den Kredit zur Verfügung, aber wir schalten eine russische Bank ein, die das ermöglicht. Das ist auch gut für den Anbieter: Denn wenn ein deutscher Exporteur zusätzlich zu seinen Waren noch die Möglichkeit einer Finanzierung anbietet, ist das ein Wettbewerbsvorteil.

Was bieten Sie abseits von Banken- und Finanzierungsfragen?

Wenn Bedarf an Rechtsanwälten, Steuerberatern oder Gutachtern besteht, vermitteln wir Kontakte. Dazu bieten wir Informationen aller Art. Es gibt Unternehmen, die rufen hier an oder melden sich über die Sparkassen: Wie ist es denn in der Eurasischen Wirtschaftsunion mit dem Zoll? Oder wie sieht es in Bezug auf eine bestimmte Branche aus? Hier helfen wir, wo wir können.