„Wir beamen den Professor in die Region“

Warum die Bayerische Sparkassenstiftung seit 20 Jahren Projekte für Telemedizin fördert


In Ostbayern sind Kindernotärzte neuerdings via App im Rettungswagen dabei. Auch die ärztliche Versorgung von Schlaganfall-Patienten wird im Freistaat per Video unterstützt. Gefördert werden diese Projekte von der Bayerischen Sparkassenstiftung. Was dahinter steckt, erzählt Dr. Ingo Krüger, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Stiftung.

Förderung Wissenschaft
Im Interview zu diesem Thema:
Dr. Ingo Krüger
Geschäftsführender Vorstand Bayerische Sparkassenstiftung, Fotocredit: Christine Bergmann

Warum macht sich die Bayerische Sparkassenstiftung seit zwanzig Jahren für Telemedizin stark?

Dr. Ingo Krüger: Eine gute medizinische Versorgung in der Fläche ist wichtig, damit ländliche Regionen lebenswert bleiben. Es gehört zum Auftrag der Sparkassen, die Regionen zu fördern. Wir als Stiftung wollen für gleichwertige Lebensbedingungen in allen Landesteilen Bayerns sorgen. Es sollte keinen Unterschied machen, ob man einen Schlaganfall in München oder in Gunzenhausen hat – Hilfe von Spezialisten sollte überall gleich schnell verfügbar sein.

Wie setzen Sie sich konkret dafür ein?

Unsere Stiftung hat gemeinsam mit den Sparkassen in Bayern Geld für ein Schlaganfall-Erstversorgungsnetz bereitgestellt. Die Spezial-Kliniken in den Städten sind nun mit den Krankenhäusern in der Fläche verbunden. 

Was passiert, wenn jemand in einer ländlichen Region einen Schlaganfall erleidet?

Überspitzt gesagt beamen wir den Professor in die Region. Erleidet ein Mensch in Gunzenhausen einen Schlaganfall, kümmert sich ein Arzt vor Ort um die Erstversorgung. Dabei wird er per Video zum Beispiel von einem Spezialisten vom Uniklinikum Erlangen unterstützt.

Dieser Spezialist macht Koordinationsübungen mit dem Patienten, um rasch herauszufinden, welche Hirnbereiche betroffen sind und wie die weitere Behandlung aussehen soll. In einem leichteren Fall kann der Patient in Gunzenhausen bleiben, in einem schwereren Fall wird er beispielsweise nach Erlangen geflogen. Die Telediagnose hilft ungemein, schnell die passende Therapie zu ermitteln.

Eine Ärztin schaut auf einen Computer mit MRT-Ergebnissen
Auch Patienten in ländlichen Regionen sollen vom Fachwissen der großen Unikliniken profitieren – dabei hilft Telemedizin. Fotocredit: Uni-Klinikum Erlangen

Warum brauchen solche Projekte eine Förderung?

Die Krankenkassen beteiligen sich häufig erst, wenn ein telemedizinisches Verfahren nachgewiesen gut funktioniert und dabei hilft, Kosten zu sparen. Wir als Stiftung steigen viel früher ein. Die Wirtschaftlichkeit interessiert uns dabei weniger als die Frage, ob das neue Verfahren einen Mehrwert für die Patienten bieten könnte. Dann helfen wir mit einer Startfinanzierung dabei, den Nachweis zu erbringen, dass das neue Telemedizin-Projekt in der Praxis funktioniert. 

Und wenn dieser Nachweis gelingt?

Dann übernehmen hoffentlich die Krankenkassen oder der Staat die komplette Finanzierung und wir können uns auf die Suche nach neuen telemedizinischen Projekten machen, die eine Starthilfe benötigen.

Im Jahr 2000 haben wir mit der Ferndiagnose und Behandlung von Netzhauterkrankungen bei Frühchen begonnen. Je schneller eine sogenannte Retinopathie erkannt wird, desto höher ist die Chance, ein Erblinden des Kindes zu verhindern. Inzwischen ist diese Untersuchung vorgeschrieben und dank mobiler Laser kann vielen Frühchen ohne belastende Transporte rechtzeitig geholfen werden.

Ein Arzt untersucht ein lächelndes Mädchen mit dem Stetoskop
Schnelle Hilfe für die Kleinsten: Per App sind Rettungskräfte schon auf dem Weg ins Krankenhaus mit Spezialisten in der Klinik verbunden. Fotocredit: Uni-Klinikum Erlangen

Welche telemedizinischen Projekte haben Sie noch mit auf den Weg gebracht?

Zum Beispiel ein Kindernotrufsystem in Ostbayern. Dabei werden zwei Apps genutzt. Eine dieser Apps verbindet die Eltern des erkrankten Kindes per Smartphone mit der Notrufzentrale. Die Leute dort halten den Kontakt mit den Eltern, holen Informationen ein und beruhigen sie.

Über die zweite App kommunizieren derweil die Rettungskräfte mit einem Spezialisten für Kinderheilkunde in der Klinik. Der Spezialist unterstützt zum Beispiel bei der richtigen Dosierung von Medikamenten nach Alter und Gewicht des Kindes. Und wenn der Rettungswagen in der Klinik ankommt, sind schon alle wichtigen Daten übermittelt. 

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Menschen

in Bayern werden von der Behandlung mit dem logopädischen Telesystem profitieren.

Stehen in den Förderprojekten immer medizinische Notfälle im Fokus?

Nein, es gibt auch andere Projekte. Wir haben zum Beispiel ein System gefördert, das Logopäden bei der Diagnose und Therapie von organisch bedingten Sprachstörungen hilft, wie sie etwa als Folge von Schlaganfällen auftreten. Dieses System, das an der Ludwig-Maximilians-Universität München steht, analysiert über eine Tonverbindung, welche Sprachprobleme ein Patient hat. Der Logopäde kann die Therapie darauf abstimmen und den Patienten aus der Ferne behandeln. Von dieser telemedizinischen Betreuung werden etwa 15.000 Menschen in Bayern profitieren können.


Bildungsförderung als Standortförderung

22,9 Millionen Euro entfielen 2019 auf Bildung, Ausbildung und Wirtschaft. Rund die Hälfte der Sparkassen fördert Einrichtungen der Wissenschaft und Forschung. Sie beteiligen sich an der Finanzierung von Stiftungslehrstühlen an Hochschulen und vergeben Förder- und Wissenschaftspreise. Von dieser Unterstützung profitieren nicht nur die Bildungseinrichtungen, sondern mit ihnen auch ihre Standorte.

Durch Zuschüsse und Stipendien fördern Institute der Sparkassen-Finanzgruppe zudem Abschlussarbeiten, Dissertationen und Habilitationen sowie die finanzielle Bildung der Menschen in Deutschland. Eine wesentliche Brücke zwischen der Sparkassenwelt und der Wissenschaft schlägt die Wissenschaftsförderung der Sparkassen-Finanzgruppe e.V. Seit 1955 sichert der Verein damit den Wissenstransfer von der Wissenschaft in die Praxis.

Stiftung für die Wissenschaft: Forschung zu Finanzthemen

Nicht nur in Bayern erhalten Projekte aus Forschung und Entwicklung finanzielle Unterstützung aus der Sparkassen-Finanzgruppe. Rund die Hälfte der Sparkassen fördert Einrichtungen der Wissenschaft und Forschung. Sie beteiligen sich zum Beispiel an der Finanzierung von Hochschul-Lehrstühlen oder vergeben Wissenschaftspreise.

Eine wichtige Brücke zwischen der Sparkassenwelt und der Wissenschaft schlägt die Stiftung für die Wissenschaft mit Sitz in Bonn. Sie fördert bundesweit Forschungsprojekte zu aktuellen Themen der Geld- und Finanzwirtschaft sowie des Sparkassenwesens. Drei Beispiele:

1. Welche Chancen bietet Crowdfunding?

Das partizipative Finanzierungsinstrument Crowdfunding und die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten und Kooperationschancen für Banken und Sparkassen haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Zentrums für Internationales Management und Wissensökonomie sowie der TH Darmstadt untersucht. Die Ergebnisse finden sich in dieser Studie.

2. Wie gelingt Finanzbildung?

Prof. Dr. Lukas Menkhoff, Leiter der Abteilung Weltwirtschaft am DIW Berlin, hat sich mit der Frage befasst, ob finanzielle Bildung tatsächlich etwas bringt. Für die Sparkassen-Finanzgruppe mit dem Auftrag, Finanzbildung zu fördern, ist das ein wichtiges Thema. Das Ergebnis der Studie: Finanzbildung wirkt, und das Engagement der Sparkassen in diesem Bereich führt zu Wissenszuwächsen.

3. Was sollte Europa von Japan lernen?

Prof. Dr. Gunther Schnabl von der Universität Leipzig untersucht die Niedrigzinspolitik und Sparkultur in Japan. Daraus will er Empfehlungen für die zukünftige Ausgestaltung der europäischen Geldpolitik ableiten.