Das bedeutet Trumps Sieg für den Mittelstand

Ein Interview mit dem Chefvolkswirt Dr. Michael Wolgast

Welches Signal geht vom Ergebnis der US-Wahl aus?

Die Wahl Trumps kam doch überraschend und stellt einen Schock dar. Aufgrund der letzten Umfragewerte rechneten die Finanzmärkte mit einer Wahl Hillary Clintons, deshalb sind jetzt mit der Wahl von Trump starke Unsicherheiten und eine erhöhte Volatilität auf den Märkten zu erwarten. Die Märkte haben jetzt eine Überraschung erlebt. „Safe-Haven“-Währungen und sichere Anlagen, wie beispielsweise der Schweizer Franken oder Bundesanleihen, dürfen daher nun stärker nachgefragt werden.

Wie werden zukünftig die Schwerpunkte in der Wirtschaftspolitik gesetzt?

Mit Trump wird die US-Verschuldung weiter ansteigen. Die versprochenen großzügigen Steuererleichterungen würden zu einer weiter ansteigenden Staatsverschuldung führen. Konzepte zur Finanzierung dieser Ausgabenlücke hat Trump bisher noch nicht vorgelegt. Das wirft Fragen der Nachhaltigkeit auf, auch wenn Trump auf einen Boom und damit auf einen Selbstfinanzierungseffekt seiner Wirtschaftspolitik setzt.

Auch die wahrscheinlich zurückhaltende Außenhandelspolitik von Trump bereitet Sorgen. Die Zuwanderung soll begrenzt werden, und es bleibt offen, wie und ob überhaupt noch der weltweite Handel verfolgt werden soll. Die Befürchtung des IWF, man stünde vor einer „Globalisierungspause“, erhält damit noch mehr Nährboden. Insbesondere für die Verflechtung des deutschen Exports mit den USA ist das keine gute Entwicklung.

Wolgast Interview US-Wahl

Welche Branchen werden durch die Wahl von Trump unter Druck geraten und welche profitieren?

Die Vereinigten Staaten sind das erste Ziel für deutsche Exporte. Die USA war mit einem Volumen von 70,8 Mrd. Euro von Januar bis August 2016 der deutsche Exportpartner Nummer 1. Das mit Abstand wichtigste Exportgut waren 2015 Autos und Autoteile, zweitwichtigste Kategorie sind Maschinen und Anlagen, gefolgt von Pharmaprodukten, Datenverarbeitungsgeräten wie Computern, Fernsehern und Telefonen sowie chemischen Erzeugnissen und elektrischen Ausrüstungen. Unter dem Strich ergibt sich dabei 2015 im Außenhandel mit Amerika ein Exportüberschuss von 53, 5 Mrd. Euro – so viel wie mit keinem anderen Land. Insgesamt ist also zu erwarten, dass die deutsche Exportindustrie deutlich getroffen wird, sollte Präsident Trump den US-amerikanischen Handel beschränken, denn gerade die (mittelständische) Industrie ist stark mit den USA verbunden.

Wie schätzen Sie die Auswirkungen auf den US-Arbeitsmarkt ein?

Im Gegensatz zu Clinton wird Trump den Mindestlohn nicht erhöhen. Von daher dürfte sich an der aktuell sehr hohen Beschäftigung mit einer Arbeitslosequote von 4,9 % erst einmal nichts ändern. Sollte Trump seine angekündigten Steuersenkungen durchsetzen könnte sich dies sogar kurzfristig positiv auf die Beschäftigung auswirken, da diese Maßnahmen die US-Konjunktur zunächst tendenziell stützen.

Welche Chancen hat jetzt das Freihandelsabkommen TTIP?

Trump setzte im Wahlkampf einen klaren Fokus auf den Anstieg des Wirtschaftswachstums. Die angestrebte „booming economy“ mit einer aus ökonomischer Sicht kaum nachhaltigen Wachstumsrate von annährend 4 % pro Jahr soll – laut seiner Aussagen – den amerikanischen Binnenhandel wieder an die Weltspitze führen. Daraus geht hervor, dass Trump vorrangig Wirtschaftsaktivität innerhalb der USA fördern möchte und dabei der Welthandel aus dem Blickfeld gerät. Die erwartete „Globalisierungspause“ befördert die Weiterverhandlung und den Abschluss weiterer Freihandelsabkommen nicht.

Was bedeutet der Ausgang der Wahl für den Dollarkurs und wie beeinflusst das das US-Geschäft?

Schon im Vorfeld der Wahl haben sich große Bankhäuser und Zentralbanken auf einen Sieg Trumps vorbereitet. Dabei rechneten Experten mit Ausschlägen auf den US-amerikanischen Aktienmärkten von bis zu 2 Prozent. Kommt es wie erwartet zu dieser starken Unsicherheit auf den Märkten, werden Investoren ihre Anlagen in US-Dollar zurückziehen und sogenannte stabile „Safe Haven“-Währungen stärker nachfragen. Insbesondere der Schweizer Franken bietet sich hierfür an. Um nicht – ähnlich der Situation nach dem Brexit-Votum – von einer starken Aufwertung des Franken überrascht zu werden, hat die Schweizer Nationalbank bereits gestern angekündigt, intervenieren zu können. Schließlich ist insbesondere infolge der Unsicherheiten über Trumps Wirtschaftspolitik mit einer Abwertung des US-Dollar zu rechnen. Für das US-Geschäft bedeutet dies eine Erschwernis, da die Importgüter aus Deutschland und Europa relativ teurer werden.

Auch für die Geldpolitik ist ein Wahlsieg Trumps nicht unerheblich. Insgesamt ziehen aktuell die Preise wieder an, und mit den angekündigten starken Steuererleichterungen ist im Boom eine weitere Beschleunigung des US-Preisauftriebs zu erwarten. Die Fiskalpolitik von Donald Trump erhöht damit den Druck auf die Fed, endlich die Zinsen zu erhöhen. Zudem hat Trump im Wahlkampf schon deutlich gemacht, dass er die Amtszeit von Yellen, die Anfang 2018 endet, nicht verlängern will. Trump plädierte im Wahlkampf für eine Zinserhöhung der Fed.

Welchen Rat würden Sie einem deutschen Mittelständler geben, der Geschäfte mit den USA macht?

Der deutsche Mittelstand sollte sich nicht verunsichern lassen. Allerdings muss nach den Wahlen in den USA nun seine erhöhte politische Aufmerksamkeit stehen. Der heute gewählte Trump wird ohnehin erst im Januar 2017 vereidigt. Zudem kann er seine Gesetze und Initiativen dann nur in Zusammenarbeit mit dem Kongress durchsetzen. Insofern bleibt abzuwarten, wie viele der Wahlversprechen auch tatsächlich in die Tat umgesetzt werden können. Denn bereits vor der Wahl ist deutlich geworden, dass einige republikanische Abgeordnete den Vorschlägen Trumps kritisch gegenüberstehen. So könnte Trump selbst mit einer republikanischen Mehrheit in beiden Kammern gezwungen sein, anders zu handeln als ursprünglich gedacht.