Trump gegen Biden – was will die Wall Street?

Warum sich immer mehr Investoren im US-Wahlkampf von Trump abwenden

Dem Finanzsektor ging es unter US-Präsident Donald Trump wirklich gut. Anfangs. Inzwischen hat sich die Stimmung in den USA gedreht. Welchen Einfluss hat die Wall Street auf den US-Wahlkampf? Gruselt sich die Börse nicht vor jedem Demokraten? Was würde ein Sieg des Herausforderers Joe Biden für die Weltwirtschaft bedeuten? Antworten von Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank.

Händler an der Wall Street jubeln
Dr. Kater
3 Fragen zu Geld an
Dr. Ulrich Kater
Chefvolkswirt der Deka

Herr Kater, lange hat die Wall Street US-Präsident Trump die Treue gehalten – und von seiner Politik profitiert. Inzwischen wenden sich immer mehr große Spender von ihm ab. Wie viel Macht hat die Wall Street im US-Wahlkampf?

Das politische System in den USA begünstigt die privaten Finanzierungen wesentlich mehr als in Deutschland. Damit ist auch der private Einfluss höher. Doch auch die Wall Street kann sich nicht einen Präsidenten nach ihrem Geschmack kaufen. Dazu sind noch viele andere Interessenten mit tiefen Taschen in den USA unterwegs. Das System verhindert wohl eher, dass Kandidaten ohne ausreichende Aussichten auf Erfolg gekürt werden.

Seit Trump im Weißen Haus sitzt, stieg der Dow-Jones-Index um 60 Prozent. Trump hatte als einer der ersten Amtshandlungen die Bankenregulierung zurückgedreht, die sein Vorgänger Barack Obama infolge der Finanzkrise von 2008 eingeführt hatte. Gruselt sich die Wall Street nicht vor jedem Demokraten?

Auch ohne den Einfluss der Wall Street wird in den USA wohl kaum eine Regierung zustande kommen, die den Finanzsektor hart anfasst. Der US-Wohlstand beruht auch auf einem deregulierten Finanzsystem. Dagegen gibt es im politischen Spektrum kaum nennenswerte Opposition. Die Aktienmärkte können daher gelassen sein, wer die Wahl gewinnt.

Biden will sich mehr um die Familien des Landes kümmern und nicht so sehr um die Wall Street. Was würde ein Sieg des Demokraten Biden für die Weltwirtschaft bedeuten?

Biden will eine halbe Rolle rückwärts machen: Er will Teile der Steuersenkungen für Unternehmen und Vermögende, die Trump durchgesetzt hat, wieder zurücknehmen. Dazu mehr Gesundheitsleistungen für die breite Bevölkerung einführen, mehr Leistungen für die Familien, mehr Infrastruktur. 

Wichtig zu wissen ist, dass Wirtschaftspolitik in den USA dem Kongress obliegt – zumindest wenn es um den staatlichen Haushalt geht. Sofern Biden keine demokratische Mehrheit in beiden Kongresskammern hat, wird sich deshalb an den Steuersätzen nicht viel ändern. Selbst im Fall einer „blauen Welle“, also einem deutlichen Sieg der Demokraten, könnte er nicht alle Pläne umsetzen. Für manche Änderungen ist sogar eine sogenannte Supermehrheit von 60 Prozent notwendig. Im besten Fall wird er also höchstens die Hälfte seiner Vorhaben durchsetzen können – und selbst das wird dauern. 

Zu China wäre er verbindlicher im Ton, aber ähnlich hart in der Sache wie Trump. Für die Weltwirtschaft ändert sich also mit einem Präsidentschaftswechsel nicht so viel, wie manche befürchten - oder andere hoffen. 


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