Fahren die Amerikaner jetzt weniger Mercedes?

Alles Wichtige zu den Strafzöllen der USA und was diese für den deutschen Mittelstand bedeuten

US-Präsident Donald Trump verhängt Strafzölle und sorgt bei deutschen Unternehmen für immer größere Sorgenfalten. Mehr als 90 Prozent der Mittelständler erwarten negative Folgen durch eine Verschärfung des Handelskriegs. Warum sich Investitionen in den USA trotzdem lohnen, darüber spricht Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka, im Interview. 

Grafik: Strafzölle der USA beeinflussen die Bewertung von Absatzmärkten und Produktionsstandorten

Die USA verlieren für den deutschen Mittelstand stark an Attraktivität. Das ergab der Mittelstandsradar der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Unter allen untersuchten Exportmärkten ergibt sich für die USA die deutlichste Verschlechterung.

Das liegt vor allem an der Sprunghaftigkeit des US-Präsidenten Donald Trump. Die große Verunsicherung rund um den globalen Handelsstreit schlägt sich direkt in der Einschätzung der Mittelständler zum Standort USA nieder.

Infografik: Wie beurteilen Unternehmen die wirtschaftliche Entwicklung und die politischen Rahmenbedingungen?

Das Urteil der Unternehmer zu den politischen Rahmenbedingungen fällt ebenfalls negativ aus. Hier teilen sich die USA mit dem Vereinigten Königreich den letzten Rang. Als Absatzmarkt und Produktionsstandort werden die USA deutlich schlechter eingeschätzt als noch vor gut einem Jahr.

Symbolbild: 25 % Strafzölle auf Stahl

Trump verordnete 2018 Strafzölle auf Stahl- und Aluminium-Importe. Für Waren aus der EU gab es einen Aufschub, doch inzwischen gilt hier ebenso: 25 Prozent auf Stahl und zehn Prozent auf Aluminium

Auch auf europäische Autos will Washington Zölle erheben, 20 oder sogar 25 Prozent. Die Verhandlungen zu diesem Thema zwischen EU-Kommission und Washington dauern an. Die EU reagierte auf Trumps Zölle mit EU-Gegenzöllen auf US-Produkte wie Whiskey, Orangensaft, Erdnussbutter und Motorräder der Marke Harley-Davidson.

Symbolbild: 25 % Strafzölle auf Aluminium

Düstere Aussichten für die deutschen Unternehmen – oder kein Grund, den Mut zu verlieren? Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka klärt auf.

Strafzölle USA
Im Gespräch mit
Dr. Ulrich Kater
Chefvolkswirt der Deka

Herr Dr. Kater, Trump hat Strafzölle erheben lassen, und das in einem Ausmaß, wie es die Welt seit den Dreißigerjahren nicht mehr erlebt hat. Zum Beispiel auf Aluminium und Stahl. Lohnt es sich für deutsche Firmen noch, Außenhandel mit den USA zu betreiben?

Ja. Dass es sich lohnt, sieht man am Volumen von180 Milliarden Euro jährlichen Exporten und Importen, die die Unternehmen von Deutschland aus mit den USA austauschen. Die höchsten Zollmauern der USA stehen in Richtung China – und selbst dort geht der Handel weiter. Aber zweifellos: Zölle sind Sand im Getriebe der Weltwirtschaft.

Symbolbild: Summe der Importe und Exporte zwischen USA und Deutschland

Was sind Strafzölle überhaupt und warum gibt es sie?

Zölle waren einmal als Einnahmequelle für Staaten gedacht. Das ist lange vorbei. Heute werden Zölle eingesetzt, wenn ein Land sich von einem anderen wirtschaftlich unfair behandelt fühlt. Insofern ist der Ausdruck Strafzoll ganz angemessen. Natürlich bestraft sich das zollerhebende Land auch selbst, denn Zölle sind für die eigene Volkswirtschaft nachteilig. Am Ende verlieren alle, insbesondere die Konsumenten. Denn die neuen Produktionsketten, um die Zollmauern herum, sind oftmals ineffizienter als die jetzigen.

Trump erklärt die Reindustrialisierung seines Landes zum Ziel. Was bedeutet das für deutsche Unternehmen?

Die Weltwirtschaft steht generell vor einer Neusortierung. Die Welt als eine einzige Fabrikhalle zu begreifen, ist vorbei. Das bedeutet, dass Produktionen, die bislang im Ausland angesiedelt waren, zurückkommen könnten: in die US-amerikanische Industrie, aber auch in die deutsche. 

Die Gründe sind vielfältig. Sei es, weil Zölle die Kalkulationsbasis ändern. Sei es, weil technischer Fortschritt die heimische Produktion wieder attraktiver macht. Sei es, weil technologisch sensible Branchen gezwungen werden, auf den internationalen Austausch zu verzichten. Dies alles passiert nicht von heute auf morgen. Aber die Unternehmen werden diese sich andeutenden Trends genau beobachten.

Was müssen deutsche Unternehmen beachten, wenn sie den Markteintritt in die USA planen?

Das oberste Prinzip ist Flexibilität. Sie sollten Produktionsketten so gestalteten, dass einzelne Glieder auch vor Ort in der US-Wirtschaft angesiedelt werden könnten. Diese Flexibilität gilt zunehmend auch für andere Länder.

Fahren die Amerikaner jetzt weniger Mercedes?

Sollte es zu US-Strafzöllen auf deutsche Autos kommen, dann würde die Nachfrage nach allen deutschen Auto-Marken sinken. Allerdings nur auf diejenigen, die nicht in den USA gebaut würden und weniger stark als viele befürchten. Denn solange die Zölle maßvoll bleiben, sind die US-Konsumenten bereit, etwas mehr für deutsche Autos zu zahlen. Trotz aller Diskussion um die Zukunftsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie ist ihre Beliebtheit in den USA weiterhin hoch.

Symbolbild: Richtungspfleile

Jeder zehnte deutsche Arbeitsplatz hängt an der Autoindustrie. Was passiert, wenn sich der Handelsstreit weiter zuspitzt?

Die deutsche Volkswirtschaft ist stark auf die Weltmärkte ausgerichtet. Automobilzölle würden tendenziell die Produktion in die USA verlagern. Das ginge zulasten der deutschen Arbeitsplätze. Insbesondere mit der gegenwärtigen konjunkturellen Abschwächung käme dies zur Unzeit und würde diese Abschwächung weiter verstärken.

Welche Branchen trifft die Kraft der US-Strafzölle besonders hart – und für wen ändert sich kaum etwas?

Generell ist von Zöllen hauptsächlich der Industriesektor betroffen. Besonders die Branchen, in denen die Zölle erhoben werden und deren Zulieferer.

Noch sind die Zölle zu gering, um messbare makroökonomische Konsequenzen zu haben.

Wie beeinflussen die Strafzölle den Euro?

Noch sind die Zölle zu gering, um messbare makroökonomische Konsequenzen zu haben. Die größten Auswirkungen auf den Wechselkurs ergeben sich dort, wo ein Schwerpunkt der neuen Zölle liegt: im Handel zwischen den USA und China. Hier hat die Abwertung der chinesischen Währung einen Teil der Zollwirkungen ausgeglichen.

Ein Mann betrachtet ein Stahlrohr

Auf welchen Wirtschaftspartner können die USA auf keinen Fall verzichten?

Die US-Wirtschaft ist insbesondere durch die Entwicklung einer eigenen Erdölindustrie in den vergangenen Jahren sehr viel unabhängiger vom Weltmarkt geworden. Es gibt wenige Sektoren, bei denen die US-Wirtschaft physisch auf Importe angewiesen wäre, am meisten noch der Bereich von seltenen Erden, also besondere Metalle, ohne die es keine Smartphones und viele andere technische Geräte gäbe.

Das Ausmaß der möglichen Abschottung hängt davon ab, inwieweit Verbraucher bereit wären, mehr für Importe zu bezahlen. Denn Protektionismus zieht immer Einbußen beim Wohlstand nach sich.

Sollte Europa über einen eigenen Protektionismus nachdenken?

Abschottungsmaßnahmen anderer Länder können nicht unbeantwortet bleiben. Alles andere würde eine Einladung bedeuten, auf Kosten europäischer Unternehmen den Protektionismus immer weiter zu treiben. Der freie Welthandel beruht auf Gegenseitigkeit.

Solange die EU zusammenbleibt, ist der sie als Markt von gleicher Größe wie der US-Markt ein sehr mächtiger Handelsgegner, mit dem man nicht umspringen kann wie mit einem kleinen Staat. Der europäische Binnenmarkt kann jeden Handelskrieg bestehen.

Inwiefern unterscheidet sich die Mentalität der Amerikaner von der der Deutschen? Und wie beeinflusst das die Wirtschaft?

Die Grundmentalität in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen ist zwischen Deutschland und den USA sehr ähnlich. Ähnlicher jedenfalls, als im Vergleich zu den meisten anderen Regionen der Welt. Abweichende Meinungen ergeben sich eher in der tieferen Debatte. Etwa darin, wie stark man den Finanzsektor und die Geldpolitik einspannen kann, um Wachstum zu erzeugen.

Wahrscheinlicher ist für 2019 ein Szenario mit flachem Wachstum, aber ohne Rückgang der Wirtschaft. Wenn man so will, nicht Fisch, nicht Fleisch.

Weltweit trübt sich die Lage ein. Als Hauptbelastung sehen knapp 91 Prozent der mittelständischen Unternehmen den Handelskrieg mit den USA. Stehen wir am Beginn eines Abschwungs?

Der Abschwung ist im Jahr 2018 bereits eingetreten. An den Börsen wird sogar eine leichte Rezession gespielt. Das ist wohl übertrieben, denn anders als in der Vergangenheit sind die Notenbanken nicht gezwungen, mit hohen Zinsen eine starke Inflation zu bekämpfen. Das hat in der Vergangenheit am meisten zu den Rezessionen beigetragen.

Wahrscheinlicher ist für 2019 ein Szenario mit flachem Wachstum, aber ohne Rückgang der Wirtschaft. Wenn man so will, nicht Fisch, nicht Fleisch.

Was denken Sie: Wie lange wird Donald Trump im Amt bleiben?

Trump ist nicht die Ursache für eine neue Politik, sondern er ist ein Symptom neuer Bedürfnisse von Wählern. Diese Bedürfnisse werden sich so schnell nicht ändern. Sofern die US-Regierung keine sichtbaren großen  Fehler macht und die US-Wirtschaft auch im kommenden Jahr stabil bleibt, stehen die Chancen des US-Präsident auf eine zweite Amtszeit gut.

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