Türkei: Geschäft in wirtschaftlich schwierigen Zeiten

Darauf müssen Mittelständler jetzt achten

Die Türkei ist in den vergangenen Jahren immer tiefer in eine Wirtschaftskrise gestürzt. Für Unternehmen wird die schwache türkische Währung zu einem immer größer werdenden Risiko. Wie wichtig ist das Türkei-Geschäft für die deutschen Unternehmen? Wie können diese weiterhin sicher investieren und sich vor Zahlungsausfällen und dem Lira-Verfall schützen?

Porträt von Sofie Quast
10 Fragen an
Sofie Quast
Relationship Manager im S-Country Desk und Länderverantwortliche unter anderem für die Türkei im internationalen Kundengeschäft der Frankfurter Sparkasse

1. Die Wirtschaft in der Türkei befindet sich in der Krise. Was sind aktuell die größten Probleme?

Sofie Quast: Die politischen Unsicherheiten belasten nach wie vor die Wirtschaft. Aktuell ist das vor allem die Annullierung der Bürgermeisterwahl in Istanbul durch die staatliche Wahlkommission. Wichtige Exportländer der Türkei befinden sich wirtschaftlich gesehen in schwierigen Anpassungsprozessen. Dazu gehören Russland, Länder in Zentralasien und im Nahen Osten.

Hinzu kommen der Verfall der türkischen Lira, die anhaltend hohe Inflation und die steigende Arbeitslosigkeit. Diese Unsicherheiten sorgen dafür, dass die Verantwortlichen in der Wirtschaft derzeit verhalten agieren. Viele neue Projektinvestitionen werden in Frage gestellt, ein mangelndes Vertrauen in die türkische Wirtschaft macht sich breit.

2. Gibt es auch Positives?

Ja, absolut. Die türkische Wirtschaft wächst wieder. Weniger dynamisch als vorgesehen, aber sie wächst. Wirtschaftlich gesehen müssen wir den Osten und Westen der Türkei differenziert betrachten. Osten und Südosten sind landwirtschaftlich geprägt, es mangelt an qualifizierten Arbeitsplätzen in der Industrie.

Der Westen dagegen blüht auf. Es gibt zwanzig städtische Zentren mit mehr als einer Million Einwohnern. Viele Branchen boomen: Die Bereiche Textil, Maschinenbau, die Automobilindustrie und ihre Zulieferer, Elektro, Chemie und Energie sowie erneuerbare Energien. Auch die Touristen kehren wieder zurück – die Tourismus-Branche schöpft Hoffnung wie seit drei Jahren nicht mehr.

Ein Arbeiter schweißt ein Rohr

3. Die türkische Lira hat stark an Wert verloren. Was bedeutet das für türkische Unternehmen?

Nicht nur türkische Unternehmen leiden unter dem Wertverlust der Lira. Auch Investoren und Anleger sind verunsichert. Die innenpolitische Lage nach den Kommunalwahlen und auch die Geldpolitik der Zentralbank spielen dabei eine Rolle. Der Wertverlust der türkischen Lira spiegelt das mangelnde Vertrauen wider.

Insbesondere Spannungen zwischen Ankara und Washington, die auch Auswirkungen auf die EU haben, leisten ihren Beitrag zum Wertverlust. Seit Beginn 2019 macht er bereits 11 Prozent aus. Im Vorjahr war die türkische Lira bereits um 29 Prozent gefallen.

Türkische Unternehmen verspüren deutlich höhere Belastungen aus Kreditfinanzierungen auf Devisenbasis. Entsprechend ist die Nachfrage nach Unternehmenskrediten in ausländischer Währung eingebrochen. 

4. Wie wichtig ist das Türkeigeschäft für die deutsche Wirtschaft?

Wir sind Handelspartner Nummer Eins für die Türkei. Deutschland ist der größte Lieferant von Vorprodukten für die türkische Exportindustrie. Deutsche Technologie erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Das wird auch am neu errichteten Istanbuler Flughafen ersichtlich, an dessen Bau viele deutsche Unternehmen beteiligt waren.

Gleichzeitig ist die Bundesrepublik der größte Importeur von türkischen Produkten, allen voran Nahrungsmittel und Textilien. Zehn Prozent der türkischen Exporte gehen nach Deutschland.

Aus deutscher Sicht sind türkische Unternehmen verlässliche Partner, bei denen Nachhaltigkeit großgeschrieben wird. Die Lieferanten sind logistisch gut aufgestellt, die Waren schnell, zuverlässig und in hoher Qualität verfügbar.

Infografik: Anzahl ausländischer Firmen in der Türkei

5. Sollten sich deutsche Unternehmen jetzt aus der Türkei zurückziehen?

Auf keinen Fall. 

6. Womit müssen deutsche Unternehmen jetzt rechnen?

Die schwache türkische Lira verteuert für türkische Unternehmen importierte Waren und Dienstleistungsprodukte, die auf Devisenbasis eingekauft werden. Werden die gefertigten Produkte ausschließlich in der Türkei verkauft, erhöht das die Preise. Der Inlandskonsum hat bereits nachgegeben. Das wirkt sich negativ auf die lokalen Absatzchancen aus, zumindest temporär.

Etwa 7.300 deutsche Unternehmen haben Niederlassungen in der Türkei. Der Wettbewerb um qualifiziertes Fachpersonal ist hoch. Die deutschen Unternehmen bleiben erfreulicherweise dem Markt treu, sie setzen weiterhin auf das Potenzial der Türkei.

Infografik: Außenhandel mit Deutschland

7. Lohnen sich Investitionen in der Türkei noch?

Definitiv ja. Schon aufgrund ihrer geografischen Lage ist und bleibt die Türkei eine zentrale Drehscheibe. Der Standort ist ein hervorragender Ausgangspunkt für Exporte in die umliegenden Länder. Infrastruktur, Flughäfen und Seewege garantieren schnelle Lieferzeiten.

Außerdem stehen circa 82 Millionen Einwohner für einen attraktiven Absatzmarkt. In geographischer Nähe öffnet die Türkei das Tor zu weiteren Märkten wie Afrika, GUS und den Nahen Osten.

Jeder ausländische Unternehmer sollte sich jetzt die Frage stellen, ob er unter den aktuell günstigen Umständen in die Türkei expandieren möchte. Die Rahmenbedingungen sind gut. Zum Beispiel kann kostengünstig und schnell eine Gesellschaft wie die Limited Sirket, ähnlich einer deutschen GmbH, gegründet werden.

Die Sparkassen unterstützen aktiv bei der Suche nach Geschäftspartnern. Beim EuropaService können sich deutsche Unternehmen über Geschäftsmöglichkeiten informieren und Kontakte knüpfen.

Infografik: BIP Wachstumsrate

8. Worauf müssen deutsche Unternehmen achten?

Man sollte berücksichtigen, dass Unternehmen in der Türkei derzeit höhere Risiken haben. Bedingt durch den Lira-Verfall mussten viele Unternehmen ihre Kredite neu strukturieren. Trotzdem ist das kein Grund, Geschäfte zurückzustellen.

Unternehmen sollten auf traditionelle Instrumente zurückgreifen, um ihre Risiken abzusichern. Ein durch die Hausbank bestätigtes Exportakkreditiv ist das probate Mittel, sich gegen Zahlungsverzögerungen oder -ausfälle selbst langjähriger Kunden abzusichern.

Bei Neuinvestitionen in der Türkei gilt: Niemals ohne qualifizierte Beratung einen neuen Markt erschließen. Die Sparkassen-Finanzgruppe unterstützt deutsche Unternehmen dabei.

Fremde Märkte bedeuten fremde Sprachen, andere Mentalitäten. Bei Investitionen müssen neue Finanzstrukturen aufgebaut, Bankbeziehungen etabliert, zuverlässige Steuer- und Rechnungsprüfer gefunden werden. Für uns steht weiterhin der Kunde im Mittelpunkt.  Wir haben ein Interesse an der Reduzierung von Risiken.

9. Welche Branchen und Regionen eignen sich besonders für Investitionen, welche nicht?

Die Marmara-Region und der Großraum der Ägäis mit den Großstädten Istanbul, Bursa und Izmir sind bereits bevorzugte Standorte mit exzellenter Infrastruktur. Die flächendeckende Versorgung mit Stromnetz, Telekommunikation und gut ausgebildete Arbeitskräften funktioniert.

In der Zentraltürkei und Südostanatolien sind weitere attraktive Industriezentren entstanden. Hier gibt es vor allem Chancen für Exporte und Investitionen im Bereich Textil, Maschinenbau, Lebensmittel und Fahrzeugbau. Die Infrastruktur entwickelt sich schnell, die Anbindung an Verkehrsnetze wird optimiert. Außerdem locken staatliche Förderungen, die regional unterschiedliche Anreize bieten.

Abhängig vom Geschäftsmodel bietet die Türkei auch Freihandelszonen, die zusätzliche, regionale Investitionsanreize setzen wie der Erlass der Mehrwertsteuer auf Grundstückserwerb, geringe Strom-, Erdgas- und Telekommunikationskosten.

10. Wo können sich Unternehmen informieren?

Symbole des S-CountryDesks

Das internationale Netzwerk der Sparkassen-Finanzgruppe S-CountryDesk“ ist dafür der richtige Ansprechpartner. Vom allgemeinen Beratungsunternehmen bis zur spezifischen interkulturellen Beratung, von der Bankdienstleistung bis zur steuerlichen Servicedienstleistung: Der S-CountryDesk ist ein etabliertes, internationales Netzwerk und profitiert von sehr erfahrenen Kooperationspartnern. Mit diesen Kompetenzen wird jede Investition planbar.

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