„Corona ist wie ein soziales Brennglas“

Digitale Podiumsdiskussion beleuchtet die Chancen der Krise

„Vertrauen ist der Kitt unserer Gesellschaft. Aber ohne Chancengleichheit und Solidarität bröckelt der Zusammenhalt.“ Mit diesen starken Worten eröffnete die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), Professor Jutta Allmendinger, die digitale Podiumsdiskussion „Gesellschaft neu denken  – Welche Chancen wir jetzt ergreifen müssen“ der Sparkassen-Finanzgruppe und des Wochenmagazins „Der Spiegel“ Mitte September 2020.

„Gerade die Corona-Krise zeigt uns auf sehr eindrückliche Weise die Chancen aber auch die Herausforderungen, mit denen unser Land zurzeit konfrontiert ist“, betonte die Soziologin. Im Rahmen der Pandemie sei offensichtlich geworden, wie sehr die Gesellschaft in Deutschland gespalten sei.

„Einerseits haben wir die Schicht der Bildungsbürger, die sich ins Homeoffice zurückziehen und dort vor potenziell drohenden Gefahren schützen konnte“, so Allmendinger. Andererseits gebe es die arbeitende Klasse der Busfahrer, Kassiererinnen und des Krankenhauspersonals, die nicht von zu Hause arbeiten könne.

Sie alle seien der Pandemie ganz anders ausgesetzt gewesen. „Solche Verhältnisse zeigen den Riss in unserer Gesellschaft und müssen adressiert werden“, betonte die Wissenschaftlerin während ihres Impulsvortrages.

„Corona ist wie ein soziales Brennglas“

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Diskussion

Zugeschaltet waren dabei neben der Soziologin Vertreterinnen und Vertreter aus dem Kultur- und Sportbereich sowie eines Unternehmens mit Nachhaltigkeitsschwerpunkt:

  • Die freie Kulturproduzentin und ehemalige Tänzerin Iyabo Kaczmarek leitet die Integrationsinitiative „Unter einem Dach“ in Hannover.
  • Gyde Opitz ist als Leiterin Gesellschaftliches Engagement des Sparkassen- und Giroverbands Schleswig-Holstein in Kiel für die Unterstützung von Kunst, Kultur und Sport zuständig. Zu den großen Förderprojekten des Verbandes gehört das Schleswig-Holstein Musik Festival.
  • Der Olympiasieger und Europameister im Speerwurf Thomas Röhler aus Jena setzt sich neben seiner Karriere als Profisportler für die Förderung des Nachwuchses ein.
  • Philip Siefer ist Gründer und CEO der Berliner Firma Einhorn, die Kondome aus Naturkautschuk und umweltfreundliche Hygieneartikel herstellt.

Über CHALLENGE

CHALLENGE ist die Zukunftsinitiative der SPIEGEL-Verlagsgruppe und der manager-Verlagsgruppe. Sie möchte den Austausch über zentrale gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Themen und Herausforderungen anstoßen und vorantreiben. Unter der Überschrift CHALLENGE wird, zusammen mit Sponsoren und Partnern aus Gesellschaft und Wirtschaft, eine Plattform für grundlegende Zukunftsfragen geschaffen.

Vertrauen entsteht durch Interaktion

Auf die Frage, was nun zu tun sei, um dieses Vertrauen wieder zu verbessern, antwortete die Professorin, dass gerade die aktuelle Krise gezeigt habe, wie wichtig die direkte Interaktion zwischen den Menschen sei, um verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen.

„Wir sind soziale Wesen. Deswegen ist der Kontakt die Basis für gegenseitiges Vertrauen“, so Allmendinger. Das könne ein kurzer Austausch im Supermarkt sein, das Training im Sportverein, aber auch ein Abend im Theater oder im Restaurant.

Die Kraft des „kleinen Wir“

„Corona ist wie ein soziales Brennglas“

„All diese eigentlich tagtäglichen Begegnungen tragen dazu bei, das Wir in unserer Gesellschaft zu festigen“, betonte sie. Die Krise habe aber auch gezeigt, dass das Vertrauen in das „kleine Wir“ gut ausgeprägt sei: „Die Menschen haben sehr viel Solidarität gelebt, zum Beispiel indem sie füreinander einkaufen gegangen sind“, fügte sie hinzu.

Gyde Opitz vom Sparkassen- und Giroverband Schleswig-Holstein, bestätigte diesen Punkt. Neben der partnerschaftlichen Bewältigung vieler Herausforderungen in der Pandemie hob sie die kreative Kraft hervor, die vielerorts in der Corona-Krise entstanden sei.

„Bedauerlicherweise mussten zwar die meisten kulturellen Veranstaltungen abgesagt werden“, so Opitz, „aber ich habe auch viel Kooperation und Flexibilität erlebt, um in dieser schweren Zeit gemeinsam neue Wege zu gehen.“

Dabei verwies sie auf Konzerte und andere Veranstaltungen, die anstatt in den Theatern und auf Festivals digital stattgefunden hätten. „Das waren zwar Notlösungen. Aber es sind auch komplett neue Projekte aus dem Boden gestampft worden“, betonte sie.

Nichtsdestotrotz hätte die Krise gezeigt, wie wichtig es sei, der Kultur mehr Augenmerk zu schenken: „Die Kraft der Musik und anderen darstellenden Künste liegt besonders im persönlichen Erlebnis – das darf nicht verloren gehen“, fügte sie hinzu.

Kultur muss Bestand haben – für alle

„Corona ist wie ein soziales Brennglas“

„Diese Zeit ist ein Brennglas: Sie zeigt uns, dass wir Gesellschaft neu denken müssen“, bestätigte die Kulturproduzentin Iyabo Kaczmarek, „sonst geht uns die Kultur verloren. Sie muss aber Bestand haben – für alle“, betonte Kaczmarek und regte an, nun umso mehr „neue Wege des Ausdrucks“ zu schaffen. Denn Kultur trage zur Integration in der Gesellschaft bei.

Kaczmarek konzipiert und produziert seit vielen Jahren freie Theater und Tanzveranstaltungen im urbanen Raum und verbindet dabei Stadtkultur mit kultureller Jugendarbeit.

„In früheren Zeiten fand Kultur auf den Straßen und Plätzen statt“, sagte sie. Das sei heute nicht mehr möglich. „Aber viele Orte eignen sich für Tanz und Theater, die allen Menschen zugänglich sind. Gemeinsam mit ihnen können wir als Kulturschaffende Lösungen finden.“

Corona richtet Augenmerk auf strukturelle Probleme im Sport

„Corona ist wie ein soziales Brennglas“

Den Aspekt der gesellschaftlichen Integration hob auch Olympiasieger Thomas Röhler hervor, besonders mit Blick auf Kinder und Jugendliche. „Sport ist ein soziales Konstrukt für Begegnung und damit für eine faire und respektvolle Gesellschaft“, erklärte er. „Sport kann aber schlecht digital stattfinden. Dafür braucht es die persönliche Begegnung in den Vereinen.“

Auch viele Profisportler hätten in der Zeit des Lockdowns zum Teil massive Probleme gehabt. „Vielen von ihnen sind Einnahmen weggebrochen“, erklärte Röhler. Ohnehin sei ihre wirtschaftliche Situation oft schwierig – selbst wenn sie nationale und internationale Titel erkämpft haben.

„Olympiasportler gilt in Deutschland nun mal nicht als Beruf und bietet vielen keine ausreichende wirtschaftliche Basis. Oft ist nicht einmal ihre versicherungsrechtliche Situation geklärt“, betonte er. Das habe die Corona-Situation nun umso deutlicher gemacht.

„So gesehen legt Corona den Finger in Wunden, die es schon vorher gab“, fügte der Olympionik hinzu. Umso wichtiger sei nun, funktionierende Lösungen zu finden – für den Breiten- ebenso wie für den Spitzensport.

Röhler selbst, der neben dem Profisport Wirtschaft studiert hat, hat damit bereits begonnen. Er erarbeitet Finanzkonzepte für Sportvereine.

Mehr Freiheit durch digitale Optimierung der Arbeitswelt

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Einen gänzlich anderen Aspekt beleuchtete Einhorn-CEO Philip Siefer in der virtuellen Diskussionsrunde. Er verwies darauf, wie viel flexibler die Arbeitswelt während der Corona-Krise geworden sei. „Vor der Pandemie waren es circa drei Prozent, nun arbeiten 50 bis 70 Prozent der Menschen im Homeoffice“, sagte er. Dieses Selbstverständnis in der Nutzung digitaler Kanäle sei vorher nicht denkbar gewesen.

„In unserem Unternehmen haben wir zwar auch vor Corona sehr flexibel gearbeitet“, so Siefer. „Aber nun haben wir via Slack, Viroboard und Zoom sogar eine ganz neue Produktlinie ins Leben gerufen.“

Studien zufolge habe es noch nie so viel individuelle Freiheit in der Berufswelt gegeben, betonte er. Sicherlich seien die Menschen mithilfe der digitalen Instrumente kontrollierbarer geworden, da ihre Arbeit nun sehr viel besser gemessen werden könne, fügte Siefer einschränkend hinzu. „Aber unterm Strich ist es eine Frage der Unternehmenskultur, ob man die Leistungen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so genau tracken will. Bei uns gilt immer das Vertrauensprinzip.“

Insgesamt sehe er nun umso mehr die Möglichkeit, so Siefer, sinnvolle Tätigkeit zu maximieren. „Mithilfe der digitalen Möglichkeiten verlieren die Menschen nicht mehr so viel Zeit, wie etwa auf dem Weg zur Arbeit, und können sich auf das Wesentliche konzentrieren.“

Optimistischer Blick in die Zukunft

Nicht nur Siefer, auch die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer schlossen die virtuelle Gesprächsrunde trotz Corona-Krise und aller anderen gesellschaftlichen Herausforderungen mit einem optimistischen Blick in die Zukunft: Gerade Umfragen, wonach in der Pandemie die Solidarität unter den Menschen deutlich zugenommen hat, stimme sie positiv, betonten sie.

„Wir konnten feststellen, dass bei uns genauso wie bei unseren Partnern mehr Kreativität und neue Wege entstanden sind, sehr viel Spannendes“, sagte Gyde Opitz vom Sparkassen- und Giroverband Schleswig-Holstein. „Zugleich haben wir gezeigt, dass wir zuverlässig zu unseren Partnern stehen und sie in der Krise nicht alleine lassen. Diesen Zusammenhalt wünschen wir uns für die gesamte Gesellschaft.“

Iyabo Kaczmarek betonte, dass die digitalen Kanäle das authentische Kulturerlebnis zwar nicht ersetzen könnten. Aber sie seien zu einer hilfreichen Ergänzung für die Kulturszene geworden.

Einen besonderen Stellenwert maß Professorin Allmendinger der Entschleunigung bei, die sie während des Lockdowns erlebt habe. „Wir haben gesehen, dass wir nicht immer durch die Welt jetten müssen, sondern unser Leben auch in unseren Heimatstädten genießen können“, hob sie hervor. „Das sollten wir uns ebenso bewahren wie die gegenseitige Unterstützung, die es vielerorts gegeben hat.“

Über das Engagement der Sparkassen

Die Sparkassen-Finanzgruppe hat im vergangenen Jahr mehr als 432 Millionen Euro für gemeinwohlorientierte Projekte ausgegeben.

Warum tun wir das? Weil neben der wirtschaftlichen auch die soziale Teilhabe der Menschen in Deutschland zentraler Bestandteil der Sparkassen-Idee ist. Das unterscheidet uns von den meisten anderen Kreditinstituten. Bildung, wirtschaftliche, wissenschaftliche, soziale und Umweltprojekte liegen uns genauso am Herzen wie Sport, Kunst und Kultur.