Der Krieg ums Kornfeld: Weizen wird knapp und teuer

Die Auswirkungen des Russland-Ukraine-Krieges sind weltweit zu spüren. Drohen in Deutschland Versorgungslücken?

Russlands Krieg gegen die Ukraine betrifft die ganze Welt. Unter anderem, weil er mittelbar oder unmittelbar die Lebensmittelversorgung beeinflusst. Denn Russland und die Ukraine sind nicht nur für Mais und Ölsaaten wie Raps wichtige Exporteure, sondern gerade auch für Weizen. Immerhin fast ein Drittel der weltweiten Weizenexporte kommt aus diesen beiden Ländern. Drohen jetzt Nahrungsmittelengpässe? Nicht überall.

Weizenpreis

Das Wichtigste in Kürze:

  • Der Preis für Weizen ist extrem gestiegen – und derzeit so hoch wie nie zuvor
  • So ist die Versorgungslage in der Welt – und in Deutschland
  • Getreide ist mehr als Korn – was alles daraus gemacht wird 

Das goldene Getreide, wertvoll wie nie: Die Weizenpreise explodieren

Weizenpreis

Der globale Handel ist gestört. Agrarexporte aus der Ukraine und aus Russland fallen jetzt in einem großen Umfang aus. Weil in der Ukraine Krieg ist. Und weil Russland bis Ende Juni 2022 einen Exportstopp verhängt hat – dieser gilt auch für Weizen. So blockiert die russische Marine seit dem 12. März ukrainische Häfen, in denen derzeit 5 Millionen Tonnen Getreide bereitstehen, darunter viel Weizen, der nicht verschifft werden kann. Analysten schätzen, dass insgesamt mehr als 13 Millionen Tonnen Schwarzmeer-Weizen (also aus der Ukraine und Russland) nicht exportiert wurden. All das führt dazu, dass immer weniger Weizen verfügbar ist.

Doch Weizen gehört für die Menschen zum Grundnahrungsmittel und wird, etwa als Brotgetreide, immer und überall benötigt. Aufgrund der riesigen Nachfrage und des verknappten Angebots steigen die Preise derzeit sehr stark. Zwischenzeitlich haben sie sich im Vergleich zum Vorjahr sogar nahezu verdoppelt.

Warum sind in manchen deutschen Lebensmittelmärkten die Mehlregale leer?

Das lässt sich einfach erklären: In Deutschland wird wieder – es ist wie ein Reflex – kräftig gehortet. Nicht nur Sonnenblumenöl, sondern eben auch Mehlprodukte. Die Psychologie des Hamsterns erklärt sich mit dem individuellen Gefühl der Bedrohung. Zum Kauf lassen sich die Menschen also oft aus emotionalen Gründen leiten, nicht aus rationalen.

Was ist der Unterschied zwischen Hamsterkäufen und Notvorrat?

Ein Hamsterkauf ist eine impulsive Reaktion auf vermeintlich knapp werdende Güter. Das Kaufverhalten wird panisch und führt dazu, mehr Artikel zu kaufen als für den eigenen Gebrauch nötig sind. Schätzungen zufolge hat etwa jeder Vierte eine Neigung zum Horten. Dieses Verhalten wird als unsolidarisch gesehen, unter anderem, weil es künstlich die Verknappung anschürt.

Ein Notvorrat wird mit Bedacht angelegt, um seinen Haushalt für Krisensituationen mit wichtigen Gütern zu bevorraten. Hierbei geht es um das Nötigste, mit dem etwa zehn Tage überbrückt werden können. Notvorräte anzulegen, das gilt als solidarisch und gut für die Gemeinschaft. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe gibt Tipps für die Zusammenstellung und empfiehlt jedem, sich in sicheren Zeiten einen Notvorrat anzulegen, damit im Ernstfall Engpässe reduziert werden können – bis staatliche Maßnahmen greifen.

Tipp: Mit dem Vorratskalkulator des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft lässt sich der persönliche Bedarf errechnen.

Erfahren Sie hier, welche Lebensmittel sich für den Vorratsschrank eignen.

Wer leidet am meisten unter der Kornknappheit?

Besonders betroffen sind zahlreiche Staaten in Afrika. Gerade für Entwicklungs- und Schwellenländer wird Weizen unbezahlbar. So beziehen Benin und Somalia ihren Weizen zu 100 Prozent aus der Ukraine und/oder Russland. Ebenfalls stark abhängig sind Ägypten, Sudan, Kongo, Senegal und Tansania. Aber auch in Südostasien importieren Länder wie Laos, Indonesien und die Philippinen sehr viel Weizen aus der „Kornkammer Europas“. Und schließlich kamen allein für das World Food Programme der Vereinten Nationen bis vor kurzem 50 Prozent des Getreides aus der Ukraine. Die ausbleibenden Lieferungen können nun in den betroffenen Ländern dramatische Folgen haben, bis hin zu schweren Hungersnöten oder gar sozialen Unruhen.

Wer hilft den anderen? Wer backt seine eigenen Brötchen?

Im Westen wird die Notwendigkeit zu helfen klar gesehen: Gerade hat die Europäische Union eine Initiative zur Ernährungssicherheit vorgelegt, um die Versorgung weltweit zu sichern.

Deutschland gab am 1.4.2022 bekannt, bis zu 200 Millionen Euro zusätzlich für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen bereitzustellen. Beim Welternährungsprogramm ist Deutschland – nach den USA – der zweitgrößte Zahler.

Ungarn dagegen hat am 4. März 2022 Getreideexporte verboten, eine Handelsbeschränkung in eigener Sache. Der deutsche Landwirtschaftsminister Cem Özdemir sagte dazu: „Wer seine Märkte schließt, handelt wie ein Brandbeschleuniger. Wenn das alle machen, fahren wir gegen die Wand.“

Und China importiert mehr denn je – aus Russland. Zwar ist die Volksrepublik der größte Weizenproduzent der Welt, dennoch reicht die Eigenproduktion nicht aus, um alle Chinesen zu versorgen. So vereinbarte die chinesische Regierung offenbar schon im Februar 2022 mit Russland, die bis dahin geltenden Einfuhrbeschränkungen aus Russland aufzuheben.

Wer könnte profitieren?

Indien will als zweitgrößter Weizenproduzent der Welt die Krise nutzen, um noch mehr Anteile auf dem Weizen-Markt zu gewinnen. Dabei hatte das Land bisher – trotz einer Überproduktion – viele Qualitätsprobleme und auch logistische Schwierigkeiten, größere Mengen auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Nun sollen in den kommenden Wochen 213 Labore die Qualität des Getreides überwachen, zusätzlicher Schienentransport bereitgestellt werden und in den Häfen der Weizenexport Vorrang erhalten. 

Drohen in Deutschland Versorgungslücken?

Balkendiagramm in welchen Ländern Importe nötig sein könnten

Nein, das versichert der Präsident des Deutschen Bauernverbandes Joachim Rukwied, und das geht auch aus der Getreidebilanz der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung hervor. „Die Lebensmittelversorgung in Deutschland ist sicher“, betonte ferner Landwirtschaftsminister Özdemir. Zumindest beim Weizen ist Deutschland sozusagen Selbstversorger, denn die Produktion liegt bei 125 Prozent: Das ist sehr hoch. In Europa produziert nur Frankreich noch mehr. Mehr als 100 Prozent produziert Deutschland übrigens auch bei Gerste, Kartoffeln, Käse, Schweinefleisch und Milch.

Anders sieht es hierzulande bei der Selbstversorgung mit Roggen, Triticale (einer Kreuzung aus Roggen und Weizen), Hafer und Körnermais sowie Obst und Gemüse aus – hier liegt die Selbstversorgung deutlich unter 100 Prozent. Dafür sind also Importe aus dem Ausland notwendig. 

Hat Europa genug Weizen?

Bulgarien gilt auch als starker Weizenexporteur der Europäischen Union. Auch aus Frankreich, Rumänien, Deutschland sowie Polen, Ungarn und den baltischen Ländern könnten theoretisch Ersatzlieferungen kommen. Aber das reicht nicht, um das Defizit im Ausland auszugleichen, denn praktisch sind die Lager leer. Zu viele zusätzliche Mengen wurden bis heute schon ausgeführt. 

Müssen wir mehr anbauen?

Da scheiden sich die Geister. Einerseits geht es darum, autark und unabhängig die eigene Getreideproduktion zu betreiben und somit mindestens die Selbstversorgung zu sichern. Andererseits werden Gefahren wie Klimakrise und Artensterben damit nicht bekämpft. In Anbetracht dessen, dass auf mehr als der Hälfte aller Ackerflächen nur Tierfutter angebaut wird und auch der Mensch immer noch viele Lebensmittel verschwendet, bleiben die Fragen: Ob mehr Flächen dauerhaft eine Lösung sind? Und: Ob sie überhaupt sinnvoll sind?

Sollte weniger Getreide an Tiere verfüttert werden?

Wenn es nach Greenpeace ginge: Ja. Fast 60 Prozent aller Getreidearten (vor allem Mais) sind pures Tierfutter. Getreide aber sollte mehr als Nahrungsmittel statt als Tierfutter verwendet werden, so Martin Hofstetter, Experte für Landwirtschaft bei der Umweltschutzorganisation. Er sagt, Europa könne die ausfallenden Getreideexporte aus der Ukraine bereits in diesem Jahr vollständig ersetzen: Denn die EU produziert 160 Millionen Tonnen Getreide, die als Futtermittel eingesetzt werden. 10 Prozent davon sind 16 Millionen Tonnen – genau so viel Getreide exportiert die Ukraine derzeit in die Welt.

Hofstetters Rechnung: „Wenn wir zehn Prozent weniger Tiere hätten, stünde uns automatisch so viel Weizen zur Verfügung, dass wir die gesamten Getreide-Exportausfälle der Ukraine ersetzen könnten.“ Und aus diesem Greenpeace-Gedanken erklärt sich schließlich die in den vergangenen Wochen oft wiederholte Aufforderung: „Weniger Fleisch essen – schadet Putin.“

Welche Getreidesorten sind wichtig?

Zu den wichtigsten Getreidesorten zählen Gerste, Hafer, Roggen, Reis, Hirse und Dinkel. Das wichtigste Getreide weltweit ist Mais, dann folgt Weizen. Weltweit wird Weizen in mehr als 80 Ländern angebaut und deckt mehr als 20 (!) Prozent des Kalorienbedarfs der Weltbevölkerung.

In Deutschland wird Weizen am häufigsten angebaut, der Pro-Kopf-Verbrauch liegt hier jährlich bei mehr als 70 Kilogramm.

Was wird alles aus Weizen hergestellt?

Der genügend vorhandene Weichweizen steckt im Brot, in der Pizza, in Frühstücksflocken, Salzstangen, im Kuchen und vielen Gebäcksorten. Rarer dagegen ist der Hartweizen, der etwa in Nudeln ist. Das Weizenkeimöl, das bei der Mehlgewinnung entsteht, kommt in Brühwürfeln, Würzsaucen, Suppen, sogar in Medikamenten oder Kosmetika wie Shampoo, Creme, Zahnpasta oder Lippenbalsam vor. Das macht den Weizen am Ende für einen selbst auf besondere Weise noch wertvoller, als er ohnehin schon an der Börse gehandelt wird.

(Stand: 6.04.2022)


Mit mehr Abstand als gewohnt. Aber genauso nah. Erreichen Sie jetzt Ihre Sparkasse vor Ort.