Konjunkturaussichten in Deutschland trüben sich ein

Das sind die Folgen des Krieges in der Ukraine für Menschen und Unternehmen

Der Krieg in der Ukraine dauert nun seit fast zwei Monaten an, ein Ende ist nicht abzusehen. Die wirtschaftlichen Konsequenzen sind deutlich spürbar: Die Inflation hat im März mit 7,3 Prozent drastisch zugelegt und die Konjunkturprognosen für das laufende Jahr fallen deutlich schlechter aus als noch vor einigen Wochen. Die Konsequenzen zeichnen sich nun deutlich ab.

Eine Café-Besitzerin arbeitet in ihrem Café Unterlagen durch

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes in diesem Jahr deutlich gesenkt. Sie gehen nur noch von einem Wachstum von 2,7 Prozent aus, nachdem sie im Herbst noch mit einem Anstieg von 4,8 Prozent gerechnet hatten.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) rechnet in seiner Frühjahrsprojektion für 2022 mit einer preisbereinigten Zunahme des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 2,2 Prozent. Das sind 1,4 Prozentpunkte weniger als im Januar im Jahreswirtschaftsbericht angenommen.

Was ist das Bruttoinlandsprodukt?

Das Bruttoinlandsprodukt spiegelt die Wirtschaftskraft eines Landes wider. Es errechnet sich aus allen Waren und Dienstleistungen, die über einen bestimmten Zeitraum innerhalb der Landesgrenzen erbracht wurden. Egal ob Schraube, Brot, Stuhl, Auto, Beratung beim Anwalt oder Besuch beim Frisör. Wichtig ist, dass kein Posten doppelt in der Berechnung auftaucht.

So müssen zum Beispiel von einem Stuhl sogenannte Vorleistungen abgezogen werden. Also etwa der Wert der Schrauben, des Leims und des genutzten Stroms. Um die Berechnung abzuschließen, kommen dann Steuern und Subventionen für einzelne Güter auf den Gesamtwert obendrauf.

Dr. Kater Portrait
3 Fragen zu Geld an
Dr. Ulrich Kater
Chefvolkswirt der Deka

Herr Dr. Kater, die russische Invasion in die Ukraine hat mittlerweile wirtschaftliche Konsequenzen für viele Länder weltweit – auch und ganz besonders für Deutschland. Ein Einbruch der Konjunktur scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein. Auf welche kurz- bis mittelfristigen Folgen müssen wir uns einstellen?

Der Krieg wirkt über mehrere Kanäle auf die deutsche Konjunktur. Sehr schnell machen sich die enormen Preissteigerungen für Energie und Rohstoffe bemerkbar. Diese treiben die Kosten der Unternehmen in die Höhe, weshalb sie versuchen, diese auf ihre Kunden abzuwälzen. Am Ende gelangen sie in Form stark gestiegener Güter- und Dienstleistungspreise zu den Konsumenten. Ihnen wird auf diese Weise Kaufkraft entzogen, und der Konsum leidet.

Selbst wenn nicht die kompletten Kostensteigerungen an die Kunden abgewälzt werden, leidet die Konjunktur. Denn die nicht abgewälzten Kosten schmälern die Investitionsmöglichkeiten der Unternehmen. Beide Effekte dämpfen die Nachfrage zeitnah. Das bedeutet kurz- und mittelfristig geringeres Wachstum in Deutschland.

Die Bundesregierung hat angekündigt, dass sie die Konsequenzen des wirtschaftlichen Einbruchs abfedern werde. Wie realistisch ist das?

Alle Effekte kann keine Finanzpolitik auf Dauer ausgleichen. Die Politik sollte sich darauf konzentrieren, die Kaufkraftverluste da aufzufangen, wo sie am wenigsten getragen werden können, nämlich bei den einkommensschwachen Haushalten. Ansonsten ist es zielführender, die Investitionsbedingungen für die Unternehmen zu verbessern. Denn diese haben einen enormen Umbaubedarf in den kommenden Jahren.

Des Weiteren heißt es, dass wir die Folgen dieses Krieges auch in Deutschland noch viele Jahre spüren würden. Was genau bedeutet das? Und worauf müssen wir uns einstellen?

Wirtschaftliche Sanktionen in diesem Umfang empfindet jeder als gerechtfertigt gegen einen staatlichen Aggressor, der am Ende die eigene Freiheit bedroht. Aber jeder muss sich dabei bewusst sein, dass solche Maßnahmen nicht zum Nulltarif kommen. Lieferengpässe, hohe Energiepreise und der Umbau der eigenen Wirtschaft sind der Preis, den die westlichen Gesellschaften tragen müssen.

Dieser Preis lässt sich auch durch Lohnerhöhungen oder Finanzhilfen nicht vermeiden: In beiden Fällen würde nur die nächste Inflationswelle ausgelöst werden. Wir müssen auf hohem Niveau auf ein wenig Wohlstand verzichten, denn die Welt ist nicht mehr so friedlich wie in den vergangenen Jahrzehnten.

(Stand 25.04.2022)


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