Goldene 20er – Gedanken einer neuen Generation

Seuchen, Krieg und sich wiederholende Geschichte: „Was kommt danach?“

Ich bin in meinen Zwanzigern, wir leben in den Zwanzigern und vor hundert Jahren waren die Zwanziger golden. Heute sieht das ein wenig anders aus. In meiner Generation der goldenen Zwanziger geht es nicht immer nur bergauf. Es geht steil rauf und mindestens genauso steil wieder runter. Wie ich das meine? Erfahrt ihr hier.

Von Katrin Sonja Dirscherl

G20 Ukraine Krieg

Katrin Sonja Dirscherl wurde 1997 in einer Kleinstadt in Bayern geboren und lebt seit 2015 in ihrer Wahlheimat Berlin. Neben aktuellen Themen, Romanen und der täglichen Frage, ob sie sich nicht doch eine Katze anschaffen möchte, beschäftigt sich unsere Jung-Kolumnistin mit den Gedanken ihrer Generation – den Problemen der Arbeitswelt, Klimaschutz, Gender Equality und mehr. 


In Europa passiert das bestimmt nicht nochmal

Meine Großeltern sind Jahrgang 1902, 1922, 1926 und 1930. Krieg war Thema zu Tisch – auch in meiner Kindheit. Ich war neugierig, wollte viel darüber wissen; konnte mir schließlich nichts darunter vorstellen – unter einem Leben zwischen Fliegeralarm und Lebensmittelmarken. Zwischen Propaganda und Widerstand.

Jetzt ist es hautnah.

Es scheint, als würde sich Geschichte wiederholen: spanische Grippe, Inflation, Weltwirtschaftskrise, Krieg. Irgendwo ist immer Krieg, damit sind schon meine Eltern groß geworden. Krieg woanders und ganz weit weg. In Europa passiert das bestimmt nicht nochmal. Naives Wunschdenken. Nun ist es fast vor der eigenen Haustür. Zwei Flugstunden von Berlin entfernt erstreckt sich eine andere Welt. Und während man ungläubig und trotz aller Hilfen machtlos dabei zusieht, wie ein ganzes Land unter Beschuss steht und Menschen ihr Leben lassen, fragt man sich: Wie endet dieser Krieg? Und – was kommt danach?

Sicher kein Wirtschaftswunder, wie damals in den 1950ern. Sicher keine boomende Industrie. Sicher kein steigender Wohlstand. Die Zukunft meiner Generation fühlt sich ein wenig an wie Birmingham 1920 in der Serie Peaky Blinders, als Thomas Shelby gerade erst mit den Pferdewetten anfing. Düster und verraucht.  

„Ich schaue gar keine Nachrichten mehr“

Eine Umfrage von Deloitte aus dem Jahr 2019 ergab, dass wir Millennials und Gen Z beim Blick in die Zukunft meist von Pessimismus geplagt sind. Ja, schon 2019. Vor der Pandemie. Als die Welt wie durch Kindesaugen noch in Ordnung zu sein schien.

Vor kurzem war ich mit einer Freundin in einem Café. Das Weltgeschehen stand als Gesprächsthema Nummer eins an der Tagesordnung. Sie hat geseufzt, lustlos in ihrem Kuchen herumgestochert und gesagt, sie würde gar keine Nachrichten mehr schauen. Ihre Angststörung sei schlimmer geworden. Ich frage mich: Kann das die Lösung sein? Einfach wegignorieren? Ein wenig schwankt man zwischen Nachrichten meiden und Nachrichten in sich aufsaugen. Seit Jahren jagt eine Katastrophe die nächste – und seit 2020 gibt’s kein Durchatmen mehr. Good News bleiben weitgehendst aus. 

Mit dem Alter kommt die Gelassenheit

Beim ersten Krisencall zur Ukraine im Februar fiel in der Redaktion das böse W-Wort. Das Wort, das Biden als erster wagte auszusprechen. Das, was niemand hören will: Weltkrieg. Ein Kollege meinte daraufhin: „Wenn mein Leben jetzt vorbei wäre, würde ich es zwar schade finden, aber immerhin hätte ich mehr als 50 gute Jahre gehabt.“

Hat er recht. Er sieht das gelassener. Jüngeren fehlt diese Gelassenheit. Auch mir.

Ich versuche mich nicht von reißerischen Headlines und spekulativer Panik anstecken zu lassen – obwohl mein erster Blick morgens aufs Handy zu den Nachrichten wandert. Der Realist und Pessimist in mir streiten sich. Der Optimist hat schon lange nichts mehr zu melden.

Zwischendurch würde ich gerne wissen, was meine Großeltern wohl damals über ihre Zukunft dachten. Ich meine, sie haben sich darauf gefreut – auf das Ende der Wut und Zerstörung. Auf den Beginn besserer Zeiten. Fragen kann ich sie das nicht mehr. Nur hoffen; hoffen, dass sich zumindest dieser Teil der Geschichte wiederholt. Der gute Teil, das happy end.

(Stand: 21.03.2022)