Überraschender Börsen-Boom nach Trump-Triumph

Deka-Chefvolkswirt Dr. Ulrich Kater über die Auswirkungen der US-Wahl für Anleger und Sparer.

Aus dem befürchteten Einbruch der Aktienmärkte ist eine Rallye geworden. Wie erklären Sie sich das?

Eine Folge des „postfaktischen“ Wahlkampfes von Donald Trump ist eben, dass man ihm nicht alles glaubt, auch nicht seine extremen Politikvisionen. Betrachtet man sein Programm aus realpolitischer Perspektive, ist zumindest für 2017 und 2018 sogar eine Stärkung der US-Konjunktur möglich. 

Welche Reaktion der Märkte erwarten Sie, wenn Trump erstmals konkrete Pläne vorstellt?

Die ersten Initiativen werden Deregulierung, Einschnitte ins Sozialsystem und Infrastrukturprogramme sein. Das wird die Märkte nicht schrecken. Die Finanzmärkte haben ein ganz anderes Problem, das sich langsam aufbaut: Langfristig wirkt das Trump-Programm inflationär, und das in einer Wirtschaft, die ohnehin bereits an der Schwelle zur Inflation steht. Daraus resultieren bereits heute steigende Zinsen. Die Frage ist nur, wie viel Inflationserwartungen und Zinssteigerungen die Finanzmärkte aushalten.

Trump will zurück zu fossilen Energien wie Öl und Gas. Was bedeutet das für den Rohstoffmarkt?

Auch hier ergibt sich eine Verstärkung von Preiserwartungen, was wieder auf das Konto der Inflationserwartungen einzahlt. Allerdings ist beim Ölpreis eine Bremse eingebaut, weil die US-Vorkommen relativ schnell wieder aktiviert werden können, wenn der Ölpreis ausreichend gestiegen ist.

Entwicklung des Ölpreises (Brent) in US-Dollar

Börsen-Boom Wahl Trump

Die EZB hat bereits angekündigt, bei Turbulenzen an den Finanzmärkten nach dem überraschenden Sieg von Donald Trump notfalls eingreifen zu wollen. Wie könnte dieses Eingreifen aussehen, und was bedeutet es für die Zinsentwicklung in Europa und den USA?

Im Notfall hätte die Europäische Zentralbank (EZB) versuchen können, innerhalb ihres Ankaufsprogramms negative Preisentwicklungen zu unterbrechen. Das hätte allerdings nicht den Aktienmarkt umfasst. Der spielt in Europa aber auch nicht die gleiche Rolle wie etwa in den USA. Die Zinsentwicklung in Europa wird zwar nicht eins zu eins mitlaufen mit den US-Zinsen, weil hierzulande die Inflationserwartungen geringer sind. Der Zinsabstand wird weiter steigen, aber ganz von der Versteilerung der Kurve wird sich Euroland nicht abschotten können.

Was bedeutet es für Deutschland und Europa, wenn Trump die angekündigte Abschottungspolitik tatsächlich umsetzt?

Eine Politik der Ent-Globalisierung wäre nicht gut für die deutsche Wirtschaft. Allerdings sind das Entwicklungen, die über viele Jahre hinweg stattfinden würden. Es ist zu früh, das Ausmaß der nationalen Abschottung abzuschätzen. Und dann ist da ja noch der europäische Binnenmarkt. Solange dieser existiert, ist Deutschland Teil des größten Marktes der Welt. Das sollte eine Stütze sein, wenngleich Europa auch nicht alles kompensieren kann. 

Welche Veränderungen des Welthandels insgesamt erwarten Sie?

Der Welthandel hat auch vor Präsident Trump eine Pause eingelegt, wie man an der seit längerem zu beobachtenden Dramatik beim Schiffstransport sehen kann. Das liegt daran, dass der Umbau der weltweiten Industriestrukturen in Richtung Schwellenländer bereits vor der Finanzkrise vollzogen war. Jetzt müssen sich viele Schwellenländer auf ihre Binnenwirtschaft konzentrieren, das deutet weiter auf eine Stagnation des Welthandels hin.

Entwicklung des Dollarkurses

Börsen-Boom Wahl Trump

Wie wird sich der Dollarkurs unter Trump entwickeln?

Der Dollar bleibt eine starke Währung in einer Welt, der die Finanzkrise noch weit mehr in den Knochen steckt als der US-Wirtschaft. In zwei oder drei Jahren könnte allerdings das Risikoszenario einer US-Rezession greifen, dann bekämen wir auch wieder einen schwächeren Dollar, aber zurzeit ist das noch die unwahrscheinlichere Variante.

Welche Folgen hat die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten für deutsche Anleger und Sparer?

Tendenziell werden auch die langfristigen Zinsen von einem leichten Auftrieb erfasst, wir bekommen also eine steilere Zinskurve. Das ist gut für die Banken. Für die Sparer wird das allerdings nicht ausreichen, um gegen steigende Inflation anzukämpfen. Zwar könnte Trump mit seinen Ideen auch für Volatilität am Aktienmarkt sorgen, allerdings müssen sich Wertpapieranleger immer bewusst sein, dass ihre Anlagen auch einmal für ein oder zwei Jahre nach unten schwanken können, ohne dass dies einen Verkaufsgrund darstellt.

Entwicklung des DAX

Börsen-Boom Wahl Trump

Welchen Rat würden Sie Anlegern derzeit geben?

Sich nicht so sehr von der Tagespolitik ablenken zu lassen. Die Obamas und Trumps kommen und gehen. Wichtig sind die langfristigen Trends in Wirtschaft und Finanzen. Und die deuten darauf hin, dass man in den kommenden Jahrzehnten jedes Zehntel Rendite in seinem Geldvermögen gebrauchen kann. Selbst wenn Wertpapierrenditen stärker schwanken als die Rendite der Spareinlage, sollten die Privaten Haushalte in Deutschland sich ein wenig stärker den Wertpapieren zuwenden als in der Vergangenheit.