Eskalation: Wie sich die Russland-Ukraine-Krise auf Börsen und Preise auswirkt

Ereignisse bringen die Wirtschaft bislang nur kurz aus dem Tritt

Unter großem internationalem Protest hat Russlands Präsident Wladimir Putin die Separatisten-Gebiete anerkannt und russische Truppen in die Ostukraine geschickt. Daraufhin brachen zeitweise die Börsenkurse weltweit ein – so auch der wichtigste deutsche Aktienindex Dax. Zugleich kletterte der Ölpreis in Richtung 100 US-Dollar. Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung für die Anlegerinnen und Anleger?

Landkarte: Ukraine

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die russische Regierung hat zwei ostukrainische Separatistengebiete als Staaten anerkannt und weitere Soldaten dorthin entsandt.
  • Die befürchtete Invasion der Ukraine hat bislang noch nicht stattgefunden.
  • Weltweit reagieren Finanz- und Rohstoffmärkte vorübergehend mit starken Ausschlägen – die Preise pendeln sich aber wieder ein.

Russland-Ukraine-Konflikt spitzt sich zu

Der russische Präsident Putin hat in der Nacht zum Dienstag zuerst die selbsternannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk als Staaten anerkannt. Unmittelbar darauf ordnete er die Entsendung von Einheiten der russischen Armee als angebliche „Friedenstruppen“ in die Ostukraine an.

Konfliktverschärfung löst Kurseinbrüche aus - vorübergehend

Die Eskalation führte zeitweise zu einer Fortsetzung der Verluste an den Aktienmärkten. Der Abverkauf beschleunigte sich, als Russland der Ukraine den Beschuss eines Grenzpostens vorwarf. Westliche Vertreter werfen Putin seit Tagen vor, nach einem Vorwand für einen Angriff auf das Nachbarland zu suchen.

Der Dax fiel auf ein weiteres Tief: Kurz nach dem Handelsstart büßte der Index 2,23 Prozent auf knapp 14.403 Punkte ein – der tiefste Stand seit März vergangenen Jahres. Zum Mittag notierte er aber nur noch 0,17 Prozent im Minus bei gut 14.705 Zählern. Zeitweise drehte der Dax sogar in die Gewinnzone.

An den europaweiten Börsen verhielten sich die Kursverläufe ähnlich. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 gab zeitweise um 2,12 Prozent auf 3.901 Punkte nach. Auch der Einbruch der russischen Börse setzte sich fort: Der RTS-Index sackte am Dienstagmorgen um fast 9 Prozent auf 1.101 Punkte ab. Damit steuert der Moskauer Leitindex auf den vierten Verlusttag in Folge zu und verbucht einen Gesamtverlust in diesem Zeitraum von mehr als einem Viertel.

Bundesregierung stoppt Gas-Pipeline Nordstream 2

Zugleich hat der Konflikt die Ölpreise angetrieben. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete mit 97,63 US-Dollar 2,24 Dollar mehr als am Vortag (Stand: 22.2.2022). Zwischenzeitlich erreichte der Preis für diese Sorte den höchsten Stand seit 2014. Der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte WTI zog um 3,60 Dollar auf 94,67 Dollar an.

Die Bundesregierung stoppte unterdessen das Genehmigungsverfahren für die russisch-deutsche Erdgasleitung Nord Stream 2 bis auf Weiteres. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) habe das Bundeswirtschaftsministerium gebeten, den bestehenden Bericht zur Analyse der Versorgungssicherheit zurückzuziehen. Da die Lage nun eine grundlegend andere sei, werde die zuständige Abteilung des Ministeriums eine neue Bewertung der Versorgungssicherheit vornehmen.

EU und USA kündigen Sanktionen an

Unterdessen verkündeten die EU und die US-Regierung umgehend Strafmaßnahmen. Sie sollten auf jene abzielen, die an der russischen Anerkennung der Gebiete als unabhängige Staaten beteiligt seien, erklärten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident Charles Michel. Um welche Sanktionen es sich handelt, blieb zunächst offen.

Nach früheren Angaben umfasst das vorbereitete Maßnahmenpaket der EU unter anderem Vermögenssperren und EU-Einreiseverbote gegen Personen sowie finanzielle und wirtschaftliche Sanktionen. So könnten Ausfuhrverbote für wichtige High-Tech-Komponenten erlassen werden und Russlands Zugang zu internationalen Finanzmärkten behindert werden.

US-Präsident Joe Biden verbot neue Investitionen sowie Import-, Export- und Finanzgeschäfte in und mit den separatistischen Regionen. Zudem erweitern die USA die Liste jener Personen, die in den selbsternannten Volksrepubliken Geschäfte betreiben oder sich an deren Unabhängigkeitsbestrebungen beteiligen, und frieren ihre Vermögen ein.

Trotzdem noch Hoffnung auf diplomatische Lösung – Kurse stabilisieren sich

Im Handelsverlauf erholten sich der Dax und andere Börsenindizes wieder und notierten zeitweise sogar im Plus. Marktbeobachterinnen und -beobachter begründeten die Stabilisierung mit der Hoffnung auf eine diplomatische Lösung des Konflikts. Es scheine sich keine Eskalation zwischen der Nato und Russland abzuzeichnen, hieß es.

Laut Kreml hält der russische Außenminister Sergej Lawrow weiterhin an einem Treffen mit seinem US-Kollegen Antony Blinken in Genf fest. Noch ist aber unklar, ob Blinken bereit ist zu dem Treffen.

Aktien: Zeit für Käufe oder Verkäufe?

Die aktuelle Entwicklung an den Aktienmärkten scheint ein klassisches Phänomen zu sein: In ihrem Buch „Sell in may and go away“ hat die Autorin Jessica Schwarzer Börsenweisheiten untersucht. So etwa die des Bankiers Carl Mayer von Rothschild vom Anfang des 19. Jahrhunderts „Kaufen, wenn die Kanonen donnern – verkaufen, wenn die Violinen spielen“.

Schwarzer kommt zu dem Ergebnis, dass diese Weisheiten einen hohen Wahrheitsgehalt haben: Politische Ereignisse bringen die Märkte nur kurz aus dem Tritt, resümiert sie.

Auch in der jüngeren Geschichte gibt es wichtige Beispiele, die das belegen: Als 1991 die ersten Gerüchte über einen bewaffneten Aufstand gegen den Präsidenten der damaligen UdSSR, Michail Gorbatschow, aufkamen, stürzten weltweit die Börsenkurse ab. Aber nur einige Tage später erholten sie sich wieder.

Ein ähnliches Beispiel ist der 11. September 2001, als islamistische Terroristen Anschläge auf die USA verübten: Innerhalb von Stunden brach der deutsche Börsenindex Dax um 8,5 Prozent ein – um innerhalb von acht Wochen wieder sein vorheriges Niveau zu erreichen.


Welche Konsequenzen hat die Russland-Ukraine-Krise?

Die Eskalation des Konflikts kann nicht nur weitere militärische, sondern auch wirtschaftliche Folgen haben – auch für Deutschland

Dr. Kater Portrait
3 Fragen zu Geld an
Dr. Ulrich Kater
Chefvolkswirt der Deka

Herr Dr. Kater, Russlands Vorgehen in der Ukraine sorgt schon seit Jahren für Aufsehen. Dennoch haben die westlichen Staaten bislang weitestgehend auf diplomatische Lösungen gesetzt. Erst jetzt drohen die EU und die USA mit wirtschaftlichen Sanktionen – wohlwissend, dass Putin Gleiches mit Gleichem beantworten könnte. Welche Konsequenzen könnte das für Europa und insbesondere für Deutschland haben?

Die Bedeutung Russlands insbesondere für Europa erwächst aus seinem großen Schatz an Rohstoffen, insbesondere aufgrund der Erdgaslieferungen. Mehr als die Hälfte der deutschen Erdgasimporte über Pipelines stammt aus Russland. Die Situation ist auch deshalb brisant, weil die Erdgaspreise europaweit im Winterhalbjahr auf konjunkturbedrohliche Niveaus angestiegen sind. Zwar hat der bislang milde Winter den Erdgasverbrauch geschont, aber trotzdem treibt jegliche Eskalation die Energiepreise weiter nach oben. Damit würde die Inflationsrate in Deutschland noch länger auf einem sehr hohen Niveau verharren.

Hohe Preise und insbesondere Lieferunterbrechungen würden die Konjunktur bremsen, die Klimaziele wären durch einen Rückgriff auf Kohle gefährdet. Auch mit Blick auf andere Rohstoffe wie Aluminium oder Palladium spielt Russland eine bedeutende Rolle. Sanktionen und Gegensanktionen könnten deutsche Schlüsselbranchen wie die Automobilindustrie oder den Maschinenbau über die Rohstoffseite in Bedrängnis bringen.

Zwar würden wir im militärischen Eskalationsfall für das zweite Quartal 2022 noch ein Wachstum für die deutsche Volkswirtschaft erwarten, die Konjunktur wäre jedoch mindestens bis zur Jahresmitte deutlich eingebremst. Danach würden – ähnlich wie bei den Corona-Einschränkungen – Gewöhnungseffekte eintreten, und die Unternehmen könnten ihre Gewinne perspektivisch wieder steigern.

Kann sich Russland eine Invasion in der Ukraine – perspektivisch betrachtet – überhaupt leisten?

Unserer Einschätzung zufolge wäre eine groß angelegte Invasion in der Ukraine für Russland sowohl international aufgrund der harten westlichen Sanktionen als auch im Inland aufgrund der zu befürchtenden Verluste in den eigenen Reihen mit sehr hohen Kosten verbunden. Dies bleibt für uns das unwahrscheinlichere Negativ-Szenario. Vorerst haben die USA nur die Finanzierung der Separatistengebiete mit Sanktionen belegt, weitere Maßnahmen dürften im Verlauf der Woche folgen.

Aus dem in den USA und der EU diskutierten Sanktionskatalog erscheinen in der aktuellen Konfliktphase vor allem einige persönliche Sanktionen gegen die russische Führungs- und Wirtschaftselite sowie ein Verbot von Transaktionen mit neu begebenen russischen Staatsanleihen wahrscheinlich. Auch Exportverbote im Technologiebereich könnten schon eingesetzt werden.

Die systemischen Sanktionen gegen russische Finanzinstitute, die deren Zugang zu Transaktionen in US-Dollar oder Euro deutlich einschränken würden, dürften für weitere Eskalationsstufen vorbehalten bleiben. Die russische Exporttätigkeit dürfte durch die westlichen Sanktionen vorerst nicht zum Erliegen kommen, sodass eine physische Rohstoffknappheit zunächst unwahrscheinlich erscheint. Insgesamt wird durch die westlichen Sanktionen der Zugang Russlands zum internationalen Finanzmarkt erschwert, und die Konjunktur des Landes wird geschwächt. Die Zahlungsfähigkeit Russlands dürfte aufgrund der soliden Ausstattung mit Devisen- und Fiskalreserven allerdings erhalten bleiben.

Welches Szenario ist mittel- bis langfristig für die Finanzmärkte zu erwarten?

Die Entscheidung Russlands, die Unabhängigkeit der selbsternacannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk anzuerkennen und Truppen dorthin zu entsenden, hat zu einem erneuten Kursrutsch am russischen Aktien- und Anleihemarkt sowie zu einer Abwertung des russischen Rubels geführt. Je konkreter das Szenario einer militärischen Eskalation wird, desto stärker reagieren auch die Aktienmärkte in Deutschland, Europa und den USA. Doch selbst bei tatsächlichen militärischen Auseinandersetzungen an der russisch-ukrainischen Grenze wären die Auswirkungen auf die Finanzmärkte zeitlich wie vom Ausmaß her wohl überschaubar.

Die gravierendsten längerfristigen Auswirkungen ergäben sich für russische Assets und die russische Wirtschaft. Hierzulande nähmen die Belastungen der Konjunktur zu, etwa über weiter steigende Energierohstoffpreise. Insgesamt würden diese Einschränkungen und die Energierisiken nicht ausreichen, um im Euroraum oder in den USA einen langfristigen konjunkturellen Abschwung auszulösen.

(Stand: 22.02.2022)


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