Ernte gut, alles gut?

Wie die diesjährige Ernte lief und was das für die Lebensmittelpreise heißt

Trotz Dürre und Krieg: Die hiesigen Bäuerinnen und Bauern haben eine solide Ernte eingefahren. Für die Lebensmittelversorgung sind das gute Nachrichten.

Mähdrescher erntet Getreide und lädt die Körner auf danebenfahrenden Traktor

2022 war für die Landwirtschaft ein aufwühlendes Jahr. Durch Russlands Krieg gegen die Ukraine waren erhebliche Teile der globalen Getreideversorgung in Gefahr. Immerhin gehören beide Länder zu den weltweit wichtigsten Weizenexporteuren. Die Ukraine, „Kornkammer Europas“ genannt, konnte nicht liefern; Russland schränkte seine Getreideexporte ein oder stoppte diese in einige Länder sogar ganz. Zudem wurden ukrainische Äcker durch Kampfhandlungen beeinträchtigt, die russische Marine blockierte lange Zeit ukrainische Häfen und einige riesige Lagerstätten wurden zerstört.

Viele befürchteten eine instabile Lebensmittelversorgung. Sonnenblumenöl war zeitweilig ausverkauft, die Preise für Weizen, Raps, Mais und Co. stiegen rasant an im ersten Halbjahr. Auch Dünger wurde sehr teuer durch den Mangel an Gas und anderen Rohstoffen sowie die Sanktionen gegen große Hersteller aus Russland und Belarus.

Extreme Trockenheit

Hinzu kam ein sehr warmes und in Teilen extrem trockenes Jahr in West- und Mitteleuropa. Einige Flüsse verzeichneten Pegelstände, die so tief waren wie seit vielen Jahrzehnten nicht.

Umso erfreulicher, dass die Ernte in Deutschland trotzdem insgesamt durchschnittlich ausgefallen ist. Mit etwa 43 Millionen Tonnen Getreide wurde der 10-Jahres-Durchschnitt von 45 Millionen Tonnen zwar etwas verfehlt. Das Dürrejahr 2018 mit knapp 38 Millionen Tonnen wurde jedoch deutlich übertroffen.


Wie das Ergebnis einzuschätzen ist, und was das für die Lebensmittelpreise bedeutet, haben wir mit Guido Seedler besprochen. Er ist Getreidemarktexperte beim Deutschen Raiffeisenverband e.V.

Wir haben mehr geerntet, als wir wahrscheinlich nutzen werden.
Guido Seedler
Im Interview mit
Guido Seedler
Marktexperte für Getreide und Ölsaaten beim Deutschen Raiffeisenverband

Guido Seedler ist studierter Landwirt und Jurist, er arbeitet als Marktexperte für Getreide- und Ölsaaten beim Deutschen Raiffeisenverband in Berlin.

Herr Seedler, wie bewerten Sie die Ernte in diesem Jahr?

Wir hatten im Winter eine gute Feuchtigkeit, das hat den Kulturen geholfen, die früh geerntet werden. Beim Raps und der Gerste sehen wir überdurchschnittliche Ergebnisse. Beim Weizen, der später reif wird, gibt es durchaus Defizite. Groß sind die Einbußen beim Mais, da es in der Hauptwachstumsphase im Mai und Juni besonders trocken war. Die Mengen beim Mais waren ähnlich enttäuschend wie 2018.

2018 war extrem trocken – wie auch 2022. Wie kam dennoch in der Summe ein besseres Ergebnis zustande? Wurde sich hier erfolgreich an den Klimawandel angepasst?

Neben der hohen Winterfeuchte kam die erste große Hitzewelle mit Temperaturen weit über 30 Grad erst Mitte/Ende Juni. Selbst beim Weizen reichte das lokal noch für durchschnittliche Erträge.

Mais wird vor allem als Tierfutter und Biogas verwendet. Erwarten Sie hier einen Engpass?

Die Ergebnisse waren von Ort zu Ort sehr unterschiedlich, je nachdem, wo zumindest etwas Regen niederging. Wer wenig Mais ernten und wenig Gras vom Grünland einfahren konnte, hat ein Problem bei der Fütterung, wenn keine Lagerbestände vorhanden sind. In der Breite ist die Lage aber in Ordnung, gerade beim Biogas, da die Erntemengen im Vorjahr sehr gut waren.

Die Preise für Getreide waren in diesem Jahr hoch wie nie. Das galt allerdings auch für Dünger und Kraftstoff. Wie viel blieb da für die Bäuerinnen und Bauern unter dem Strich übrig?

Zwischenzeitlich gab es an den Märkten regelrechte Fantasiepreise, die mit der Realität wenig zu tun hatten. Mittlerweile sind die Preisexplosionen zwar schon wieder ein Stück weit verstummt und Ölsaaten wie Raps liegen sogar unter dem Vorjahresniveau. Wer genügend Regen abbekam und eine ordentliche Ernte einfuhr, hatte aber auf jeden Fall die Chance, ein gutes betriebswirtschaftliches Ergebnis zu erzielen. Jedoch hängt dieser Erfolg maßgeblich davon ab, zu welchem Zeitpunkt und zu welchem Preis ich meine Ernte verkaufe – und auch, wann ich meine Betriebsmittel einkaufe.

Besonders Lebensmittel haben sich verteuert. Sie kosteten im Oktober 20 Prozent mehr als vor einem Jahr. Mit Beginn des Krieges gegen die Ukraine haben wir zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren zeitweise leere Regale in den Supermärkten gesehen. Wie steht es um die Versorgung angesichts der soliden Ernte?

Die deutsche Versorgungsbilanz ist in der Summe positiv. Wir haben mehr geerntet, als wir wahrscheinlich nutzen werden. Auch europaweit ist das Ergebnis positiv. Die Märkte hat lange Zeit nervös gemacht, wie viel der auch im Vorjahr geernteten Mengen tatsächlich zur Verfügung stehen werden. Russland und die Ukraine sind zusammen für etwa 15 bis 20 Prozent der weltweiten Getreideexporte verantwortlich. Die Erntemengen in Russland waren in diesem Sommer sehr gut aufgrund der günstigen Witterung. Auch die ukrainischen Landwirte haben trotz allem ein gutes Ergebnis erzielt.

Wichtig war, dass das Getreide aus der Ukraine auch ausgeführt werden konnte dank des in der Türkei vermittelten Abkommens. Zudem wurde deutlich mehr über die Schiene transportiert. Ob es auch künftig keinen ernsthaften Mangel gibt, hängt wesentlich davon ab, ob der Transportkorridor durch das Schwarze Meer bestehen bleibt. Hier sind in den vergangenen Tagen dunkle Wolken aufgezogen.

(Stand: 04.11.2022)


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