Am Ende wird das Leben langsam und leise – Humor ist trotzdem erlaubt

Still leben

Der Tod kennt keine Grenzen. Er ereilt nicht nur die Alten. Manchmal kann die Medizin auch den Jungen nicht mehr helfen. Aber es gibt Menschen, die die letzten Schritte mit den Sterbenden gemeinsam gehen und sie mit Zeit, Respekt und Freude pflegen. Ein Besuch im Hospiz am Klinikum Südstadt in Rostock.

Haben die Menschen in Rostock einmal die letzte Stufe ihres Lebenswegs erreicht, können sie in einem roten Klinkerbau im Süden der Hansestadt Aufnahme finden. Er beherbergt das Hospiz am Klinikum Südstadt. Die Wände im Flur sind orange und lindgrün gestrichen. Auf Hüfthöhe geben Handlaufe aus hellem Holz den Sterbenden Halt.

Hospize sind Orte für Menschen, die noch ein paar Wochen oder Monate haben, manchmal nur noch ein paar Tage. Das Wort stammt aus dem Lateinischen – für Herberge oder Gastfreundschaft.

Vor allem geht es hier darum, die Menschen zu begleiten und ihnen ein Ende zu ermöglichen, das nicht von der geschäftigen Routine eines Krankenhauses dominiert ist. Dennoch erhalten sie all die ärztliche und pflegerische Betreuung, die sie benötigen.

Hospiz Rostock
Nicht Patient oder Pflegefall

Im Gemeinschaftsraum am Ende des Flurs frühstücken zwei Bewohnerinnen des Hospizes, beide jenseits der Achtzig. Bewohnerinnen? „Richtig. Wir bezeichnen die Menschen, die zu uns kommen, nicht als Patienten oder Pflegefälle“, bestätigt Hospizleiterin Ivonne Fischer die erstaunte Frage ihres Besuchs.

„Schließlich bringen sie nicht nur ihre Erkrankung, sondern auch ihr Leben mit sich – ihre Erfahrungen und Erinnerungen, ihre Freundlichkeit und ihre Eigenheiten“, erklärt sie. „Wir wollen den Menschen ihre Würde erhalten.“ Das bedeute vor allem, ihnen soweit möglich die Schmerzen und andere Symptome zu nehmen. Viele der Bewohner sind Krebspatienten im Endstadium. Für sie hat das Hospiz extra geschultes Personal.

Hospiz Rostock
In Frieden sterben

Zugleich sollen die Bewohner ihr Leben in Frieden beschließen können. „Wir alle tragen dazu bei: neben Pflegepersonal und Ärzten auch unsere ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer. Wir kümmern uns um sie mit Feingefühl und Humor“, betont Ivonne Fischer.

Sie sagt wirklich Humor. „Humor macht es allen leichter – unseren Bewohnern genauso wie ihren Angehörigen“, antwortet sie auf die zweite erstaunte Frage mit einem Lächeln. Und tatsächlich: Wer das Hospiz besucht, hört immer wieder ein Lachen.

Es gibt hier noch einiges, das man am Ende des Lebens nicht erwarten würde: „Zigaretten, ein Gläschen Sekt oder im Sommer ein Grillabend, all das ist möglich“, sagt die Hospizleiterin.

Besonders beliebt ist auch der Sinnesgarten. Den Bewohnern macht es Freude, hier in der Sonne zu sitzen, die Steine anzufassen, die Blumen zu riechen oder den Klang des Wasserspiels zu hören. Finanzieren konnte ihn das Hospiz mit Spenden – unter anderem von der Nord-Ostsee Sparkasse. „Sie hat uns mit einem wesentlichen Betrag geholfen“, freut sich Ivonne Fischer.

Hospiz Rostock
Butler für die letzten Tage

Wenn Angehörige über Nacht bleiben möchten, kümmern sich die Pfleger auch um sie. Einer von ihnen ist Samuel Feilcke. Seit gut zwei Jahren arbeitet der 28-Jährige hier. Warum konfrontiert sich ein so junger Mensch tagtäglich mit dem Tod? „Schon bei meinem ersten Besuch habe ich erkannt, dass ich mir hier die Zeit nehmen kann, um die Menschen angemessen zu begleiten.“

Feilcke ist wichtig, dabei für sie „in Ganzheit“ da zu sein: „Ich sehe mich als ihr Butler“, erklärt er. Das Waschen, die Mahlzeiten und die Medikamentenausgabe seien nur ein Teil seiner Arbeit.

„Ich unterstütze auch, wenn der Umgang mit ihren Angehörigen nicht ganz einfach ist. Manchmal auch im Moment des Abschieds.“ Dabei, so betont der Pfleger, halte er sich aber möglichst im Hintergrund.

Hospiz Rostock
Zum Abschied ein Licht und ein Gebet

Auch am Ende hört die Pflege in Ganzheit nicht auf: Samuel Feilcke und seine Kollegen ziehen den Toten ihre Lieblingskleidung an und legen ihre Hände ineinander – wie ein Kreis, der sich schließt.

Ein letztes Ritual ist das Entzünden einer Kerze im Gemeinschaftsraum: „So wissen alle, dass wieder jemand gestorben ist“, erklärt er. „Wir lassen sie solange brennen, bis der Bestatter die Verstorbenen abgeholt hat.“

Der Pfleger verabschiedet sich von denen, die er zuvor betreut hat, noch mit einem Gebet: „Ich stelle mich an ihr Bett und reflektiere über die Zeit, die sie bei uns verbracht haben. Zum Schluss bitte ich Gott, sich ihrer Seele anzunehmen.“

So kann er ganz loslassen. Und er schafft Raum in sich für die neuen Bewohnerinnen und Bewohner, die bald in dem roten Klinkerbau im Rostocker Süden die letzte Stufe ihres Lebenswegs nehmen werden.

Hospiz Rostock

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