Mehr als eine WG: WohnSinn gehört allen

So haben wir uns ein gemeinsames Zuhause gebaut

Die Bewohner des ersten Mehrgenerationenhauses in Darmstadt wissen, worauf es ankommt. Sie haben gemeinsam eine Immobilie finanziert und gestaltet. Was die Stärken und Herausforderungen eines solch facettenreichen Projekts sind, zeigt sich im gemeinsamen Alltag.

„Kannst du kurz runterkommen?“ Bernd Müller seufzt. „Ich bekomme das alleine nicht hin.“ Über eine halbe Stunde hat er versucht, sein Fahrrad zu reparieren, doch es wollte nicht so recht gelingen. Nun steht der ehemalige Berufsschullehrer vor der Tür seines Nachbarn Christian Röder. Eigentlich wollte er gerade etwas kochen. Dennoch nimmt er sich die Zeit, zu helfen.

Nachbarschaftshilfe ist nicht nur ihm wichtig, sondern jedem Bewohner in WohnSinn1 und WohnSinn2 – zwei Hausgemeinschaften in Darmstadt-Kranichstein. Sie gehört zu den entscheidenden Voraussetzungen, um in eins der beiden Mehrgenerationenhäuser einziehen zu können. Denn die Menschen hier wollen nicht nur nebeneinander, sondern auch miteinander leben.

Der Plan hinter „WohnSinn“

„Wir haben uns schon 1998 zusammengetan, um Alternativen zum üblichen Wohnalltag zu schaffen“, erzählt Conny Müller, als sie kurz in einem der Gemeinschaftsräume nach dem Rechten sieht. Sie ist Mitglied im Vorstand des Mehrgenerationenprojekts und gehört zu dessen Gründergeneration. „Um diese Idee zu verwirklichen, haben wir unsere Genossenschaft WohnSinn gegründet.“

Aus dieser Initiative entstand fünf Jahre später WohnSinn1, das erste Mehrgenerationenhaus in Darmstadt. Aber nicht nur der soziale Aspekt, sondern auch ökologisches Bewusstsein war den Menschen von Anfang an ein großes Anliegen. „Unser Gebäude ist auch das erste Mehrfamilien-Passivhaus in unserer Stadt“, erzählt Conny Müller stolz.

Inzwischen leben 160 Menschen in den 73 Sozial-, Miet- und eigentumsähnlichen Wohnungen, in denen alle Dauernutzungsrecht haben. In beiden Hausgemeinschaften haben Singles, Familien sowie Alleinerziehende und Paare aller Altersgruppen ihr Zuhause.

„Uns ist Vielfalt wichtig“, betont Müller. „Deswegen gehören Ältere ebenso zu unserer Gemeinschaft wie Jüngere, Haushalte mit weniger und mit mehr Geld, Menschen mit in- und ausländischen Wurzeln sowie mit und ohne Behinderung.“ Sie alle führen in diesem Projekt natürlich ihr eigenes Leben in ihren eigenen vier Wänden, fügt sie hinzu. Aber dennoch gebe es zugleich das Miteinander. 

Gemeinschaft braucht Raum und Organisation

Wichtig sind gemeinsame Räume: „Außer unserem Multifunktionsraum, dem Mufu, haben wir bei WohnSinn1 noch Gästezimmer, eine Werkstatt, einen Jugendraum, eine Dachterrasse und eine Sauna“, erklärt Conny Müller.

Der Mufu ist Treffpunkt für alle. „Hier schauen wir manchmal Filme oder feiern gemeinsam. Aber die Mitbewohner können ihn auch für private Feste oder Verabredungen mit Freunden nutzen. Und einmal im Monat trifft sich hier regelmäßig unsere Hausversammlung – das Plenum.“

Basis für das Zusammenleben ist eine gemeinsam erstellte Satzung. Als Bindeglied zwischen der Genossenschaft und den Hausgemeinschaften mit ihren Arbeitsgemeinschaften fungieren die Bewohnerräte.

Bei großen Treffen der gesamten Hausgemeinschaft WohnSinn1 im Mufu berichten der Bewohnerrat sowie die einzelnen Arbeitsgruppen allen Anwesenden, dem Plenum. Hier werden anstehende Entscheidungen diskutiert und abgestimmt.

Alle wirken mit

Conny Müller legt Wert darauf, dass sich alle Mitbewohner von WohnSinn1 an einer der Arbeitsgruppen beteiligen oder eine Aufgabe übernehmen. „Manche interessiert das nicht so sehr. Aber das ist die Möglichkeit, zu unserer Selbstverwaltung beizutragen“, betont sie.

Außerdem fördere diese Form der Beteiligung nicht nur die Gemeinschaft. Sie reduziere auch die Nebenkosten für Hausmeister-, Gärtner- und Hausverwaltungsarbeiten ganz beträchtlich.

Eine Hand wäscht die andere

Während Christian Röder in der Werkstatt seinem Nachbarn mit dem Fahrrad hilft, fahren Luis und Aaron mit ihren Inlineskates. Die beiden 11-jährigen Jungen wohnen in der Nachbarschaft und verbringen viele Nachmittage im Innenhof des u-förmigen Gebäudes.

„Es ist ein Vorteil für die Familien, dass hier auch ältere Menschen leben, die nicht mehr arbeiten“, sagt Conny Müller. „Sie finden bei Bedarf leicht einen Babysitter. Und es sind vor allem ‚die jungen Alten‘, die viele Aufgaben im Haus und in der Organisation übernehmen.“

Aber auch für die älteren Menschen ist diese Form des Zusammenlebens eine große Hilfe: Eine alleinstehende Seniorin musste für längere Zeit ins Krankenhaus. Da fand sich sehr schnell eine Gruppe von Menschen aus dem Haus zusammen, die ihre Katze versorgte und sie immer wieder besuchte, um ihr Kleidung zu bringen.

Gemeinsames Wohnen finanzieren

Aufgrund dieser Vorteile – und weil Initiativgruppen für gemeinschaftliches Wohnen oft aufgrund der Umsetzungsprobleme scheitern – hat die Genossenschaft WohnSinn vor Kurzem entschieden, weiter zu expandieren: Gemeinsam mit einer neuen Projektgruppe plant sie einen Neubau mit 44 Mietwohnungen im Darmstädter Stadtteil Lincoln.

Die Kosten finanzieren sich über Kredite, Privatdarlehen externer Förderer, die den Gemeinschaftsgedanken unterstützen wollen, und die Einlagen der Genossenschaftsmitglieder. Auch die Sparkasse Darmstadt hat Bereitschaft signalisiert, die Baufinanzierung wohlwollend zu prüfen.

Aber es gibt noch eine weitere Finanzierungsvariante: Mitglieder, die eine höhere Baukostenbeteiligung übernehmen, können praktisch mietfrei wohnen. Dagegen müssen die Mitglieder, die weniger Geld einbringen, höhere Mieten zahlen, um die Zinskosten zu decken.

Gemeinschaft wertet das Leben auf

Als das Fahrrad repariert ist, gehen die beiden Männer wieder in ihre Wohnungen. Beide haben schmutzige Hände von der Arbeit. Christian Röder möchte nun schnell essen. Aber er war sich solcher Situationen von Anfang an bewusst, noch bevor er in das Haus in Kranichstein eingezogen war.

„Wir müssen offen füreinander sein“, sagt er. „Wenn alle immer nur ihre eigenen Interessen im Blick haben, wird das Leben schnell einsam. Für jeden von uns.“ Außerdem könne es auch jeden Tag passieren, dass er Hilfe brauche. „Dann bin ich auch froh, dass ich bei meinen Nachbarn klingeln kann.“