„Das Konto ist die Eintrittskarte für das alltägliche Leben“

Seit dem 19. Juni 2016 muss jedes Kreditinstitut in Deutschland seinen Kunden ein Guthabenkonto (auch Bürgerkonto oder Jedermann-Konto genannt) anbieten. Für die Meisten ist ein Konto eine der selbstverständlichsten Sachen. Aber es gibt immer noch Menschen, die ohne Konto auskommen müssen: Immerhin, knapp 700.000 Erwachsene in Deutschland haben keines.

Wer als Erwachsener kein Konto hat, hat in der Regel ein großes Problem: Er ist vom bargeldlosen Zahlungsverkehr abgeschnitten. Wie können die Sparkassen helfen, das zu ändern? Das haben wir Pamela Wellmann gefragt. Sie arbeitet bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen als Juristin im Fachbereich Kredit und Entschuldung.

Frau Wellmann, warum ist ein eigenes Konto so wichtig? Das Girokonto ist die Eintrittskarte, um in Deutschland am alltäglichen Leben teilzunehmen. Ohne diese Eintrittskarte können Sie in der Regel weder eine Wohnung mieten, noch einen Vertrag mit einem Telefon- oder Stromanbieter abschließen. Gehälter werden üblicherweise überwiesen. Ohne Konto bekommen Sie oft keinen Job.

Trotzdem leben auch in Deutschland noch Erwachsene ohne Konto. Wieso? Laut Hochrechnungen der EU haben 670.000 Erwachsene in Deutschland kein Konto. Die Gründe sind verschieden: Wer sich verschuldet, dem pfänden Gläubiger schnell das Konto. Auch Banken kündigen Konten, wenn Kunden in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Ein neues Konto bei einem anderen Kreditinstitut zu eröffnen, ist aufgrund der SCHUFA-Einträge dann sehr schwer.1995 gab die Deutsche Kreditwirtschaft eine Empfehlung an ihre Kreditinstitute ab, sogenannte Jedermann-Konten anzubieten.

„Das Konto ist die Eintrittskarte für das alltägliche Leben“
Juristin Pamela Wellmann arbeitet bei der Verbraucherzentrale NRW.

Wie gut funktioniert diese Art Selbstverpflichtung? Schlecht. Viele Kreditinstitute halten die Empfehlung schlicht nicht ein, weil sie diese gegenüber Kunden am Schalter verschweigen. Oft erfahren die Menschen erst von uns oder von anderen Beratungsstellen, dass es diese Empfehlung überhaupt gibt. Es war richtig, dass die EU eine Richtlinie verabschiedet, nach der bis 2016 alle Bürger einen Anspruch darauf haben, ein Girokonto eröffnen zu können.

Die Sparkassen sind bereits 2012 der Empfehlung nachgekommen und haben das Bürgerkonto ins Leben gerufen, um jedem Privatmenschen die Teilnahme am bargeldlosen Zahlungsverkehr zu ermöglichen. Geht das auf? In zehn Bundesländern sind die Sparkassen aufgrund der Gesetzeslage verpflichtet, jedem ein Girokonto zu ermöglichen. Das Bürgerkonto ergänzt dies bundesweit und geht zudem noch einen Schritt weiter als die Empfehlung der Kreditwirtschaft, indem man sich öffentlich selbst verpflichtet hat. Allerdings lehnen auch die Sparkassen mitunter Anträge auf ein Bürgerkonto ab.

Unter welchen Umständen werden Anträge abgelehnt? Ein Bürgerkonto darf nur abgelehnt oder gekündigt werden, wenn es wichtige Gründe gibt – etwa, wenn Dienstleistungen missbraucht wurden. Der Betroffene kann in dem Fall einen neutralen Ombudsmann anrufen. Die Sparkassen akzeptieren dessen Entscheidung und gehen damit über die Empfehlung der Kreditwirtschaft hinaus. Das ist hilfreich. Die Sparkassen sollten in den persönlichen Gesprächen mit den Betroffenen aber noch stärker über diese Möglichkeit informieren.