Fleisch gegen Autos: Flutet bald südamerikanisches Rindfleisch unsere Supermärkte?

EU und Mercosur einigen sich auf größte Freihandelszone der Welt

Jeden Monat neu: Drei Fragen zu Geld, drei Antworten. Inmitten des Handelsstreits zwischen USA und China schließen Europa und der südamerikanische Staatenbund Mercosur das umfassendste EU-Abkommen aller Zeiten. Entstehen soll die größte Freihandelszone der Welt. Wer profitiert von dem Abkommen? Was bedeutet der Freihandel für die deutsche Wirtschaft? Überflutet bald südamerikanisches Rindfleisch unsere Supermärkte? Dr. Ulrich Kater, Chef-Volkswirt bei der Deka, klärt auf.

3 Fragen zu Geld
3 Fragen zu Geld an
Dr. Ulrich Kater
Chefvolkswirt der Deka

Der Mercosur umfasst die Länder Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Mit einer Bevölkerung von mehr als 260 Millionen Menschen ist er einer der größten Wirtschaftsräume der Welt. Wer profitiert von dem Abkommen?

Dr. Ulrich Kater: Das Abkommen hilft beiden Wirtschaftsräumen. Schon bisher exportierten die Mercosur-Länder überwiegend Agrarprodukte nach Europa, und die Europäische Union vor allem Industriegüter in den Mercosur. Der Freihandel wird diese Warenströme weiter stärken.

In den Mercosur-Staaten sollen Zölle auf Produkte der Industriezweige Automobile, Maschinen, Chemikalien, Arzneimittel oder Kleidung und Schuhe mehrheitlich entfallen, in der EU vor allem im Agrar- und Lebensmittelsektor. Die Parteien wollen bestehende Standards harmonisieren und gemeinsame Standards fördern.

Insgesamt führt das Abkommen zu mehr Wettbewerb in diesen Branchen. So machen sich nicht nur die Automobilindustrie im Mercosur Sorgen, sondern auch die Landwirte in Europa wegen der neuen Konkurrenz. 

Deutsche Konzerne sind schon jetzt führend beim Verkauf von Pestiziden. Brasilien setzt so viele Agrarchemikalien ein wie kaum ein anderes Land. Präsident Bolsonaro hat seit Jahresbeginn mehr als 200 neue Pestizide zugelassen - auch solche, die in der EU als giftig eingestuft werden und längst verboten sind. Was bedeutet der Freihandel für die deutsche Wirtschaft?

Für Deutschland sind offene Märkte und freier Handel von zentraler Bedeutung. Solange unser Wirtschaftsmodell auf dem Export technologisch anspruchsvoller Güter basiert, ist der freie Zugang zu den Abnehmermärkten unerlässlich.

Angesichts des immer stärker werdenden Trends zu Bioprodukten könnte auch der Druck der Nachfrager in Europa zu einem Umdenken in der Landwirtschaft Brasiliens und damit zu einem verantwortungsbewussteren Einsatz von Pestiziden führen.

Umweltverbände kritisieren, dass mehr Fleischexport zu mehr Kahlschlag im Amazonas führe. Vor allem die Landwirte in Deutschland und Frankreich fürchten den Wettbewerb mit den Agrarriesen in Südamerika. Überflutet bald südamerikanisches Rindfleisch unsere Supermärkte?

Es ist recht eindeutig zu erkennen, welche Region wo ihre Stärken und Schwächen hat. Deshalb wird das angedachte Freihandelsabkommen auch oftmals scherzhaft als der Austausch von Fleisch gegen Autos genannt. Denn klar ist, dass die südamerikanischen Länder hauptsächlich Agrarprodukte exportieren.

Die Einfuhr von Fleisch aus den Mercosur-Staaten in die EU wird also zunehmen. Dies wird das Angebot an Produkten in Europa deutlich erhöhen und somit auf die Preise drücken. Das freut zwar die Verbraucher, aber die Konkurrenz wird die europäischen Landwirte spürbar unter Druck setzen.

Wenn die verhandelnden Länder das Abkommen beurteilen, müssen sie deshalb auch abwägen, inwieweit die Produktionsbedingungen und Standards miteinander vergleichbar sind. Dies gilt insbesondere auch, wenn sie Nachhaltigkeitsaspekte beurteilen.

Die Mitgliedstaaten der EU müssen das Abkommen noch ratifizieren, bevor es in Kraft tritt. Es werden genau diese Themen sein, die jetzt auf nationaler Ebene stärker ins Zentrum der Diskussion rücken. Gerade beim Thema Agrarprodukte dürfte die nationale Ratifizierung des geplanten Abkommens nicht ohne Schwierigkeiten verlaufen.

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