Brexit oder Exit?

Was der ungeordnete Austritt aus der EU bedeutet

Jeden Monat neu: Drei Fragen zu Geld, drei Antworten. Diesmal: Die Wahrscheinlichkeit eines harten Brexit steigt. Wie weit treiben die Parteien den Konflikt noch? Kommt jetzt ein neues Referendum? Wie schlimm wäre der harte Brexit wirklich? Dr. Ulrich Kater, Chef-Volkswirt der DekaBank, klärt auf.

3 Fragen zu Geld
3 Fragen zu Geld an
Dr. Ulrich Kater
Chefvolkswirt der Deka

Der EU-Deal ist gescheitert, ebenso der Misstrauensantrag gegen Theresa May: Wie weit treiben die Parteien den Konflikt noch?

Dr. Ulrich Kater:  Man kann davon ausgehen, dass in allen Lagern bis zuletzt gekämpft wird. Viele Politiker, insbesondere aus der hard-brexit-Fraktion, haben die Entscheidung bewusst so weit wie möglich herausgezögert. Sie meinten, auf den letzten Metern durch den Zeitdruck das Ergebnis in die von ihnen gewünschte Richtung lenken zu können.

Das wird wohl nicht aufgehen. Denn die Regierung will eine Einigung. Notfalls auch über den 29. März hinaus. Es ist die Frage, ob der berühmte britische Pragmatismus noch gilt, oder ob das politische System im Vereinigten Königreich zu Lösungen nicht mehr in der Lage ist. Der nächste Anlauf besteht wohl in einem weicheren Brexit mit der Hoffnung auf eine parteiübergreifende Mehrheit im Parlament.

Wir bei der Deka schreiben der Lösung über einen Austrittsvertrag immer noch die eindeutig höhere Wahrscheinlichkeit zu. Aber der harte ungeregelte Brexit kann nicht als so unwahrscheinlich abgetan werden, dass sich nicht jedes Unternehmen auf dieses Ereignis vorbereiten muss.

Der EuGH hat grünes Licht für eine neue Abstimmung gegeben. Wünschen Sie den Briten ein neues Referendum?

Ich denke, ein neues Referendum führt nicht weiter. Das Vereinigte Königreich will mehr Freiheiten, insbesondere bei der Zuwanderung, aber gleichzeitig die Binnenmarktvorteile zumindest in der Industrie genießen sowie keine harte Grenze mit Irland.

Die einzige Form, dies zu ermöglichen ist ein Status in etwa wie Norwegen ihn hat. Für einen härteren Brexit, auch noch ohne Austrittsabkommen, sehe ich als außenstehender Beobachter keine Mehrheit im Vereinigten Königreich. Es ist den Versuch wert, auf dieser Basis eine Einigung zu erreichen.

Dr. Kater im Gespräch

Großbritannien geht es gut. Die Wirtschaft wächst seit mehr als sechs Jahren, die Kreditvergabe funktioniert, die Arbeitslosenquote beträgt lediglich vier Prozent – Tendenz: fallend. Mal ehrlich: Wie schlimm wäre der harte Brexit wirklich?

Europapolitisch betrachtet wäre der harte Brexit eine Katastrophe. Er würde in Europa viel böses Blut schaffen. Wirtschaftlich gäbe es Chaos: Wegen der geschlossenen Grenzen wären Güter – auch wichtige wie Medikamente – nicht verfügbar, Reisepläne wären nicht einzuhalten, in Grenznähe würden chaotische Verkehrslagen auftreten. Deutsche Unternehmen sollten sich spätestens jetzt in ihrer Geschäftsplanung auf die Möglichkeit eines ungeregelten Brexit einstellen.

Ein harter Brexit setzt sicher die europäischen Aktien- und Rentenmärkte spürbar unter Druck. Die Marktschwankungen wären beträchtlich. Die Aktienkurse wie auch der Außenwert des britischen Pfunds könnten in der Größenordnung von zehn Prozent fallen. Renditen von Bundesanleihen würden nochmals sinken, ebenso der Euro-Dollar-Kurs. Der Goldpreis würde steigen.

Allerdings wären alle diese Reaktionen nur vorübergehend.  Nach einigen Quartalen dürften sich die britischen und die europäischen Unternehmen und Verbraucher mehr und mehr mit der neuen Situation arrangieren. Das anfängliche Chaos würde zunächst geringer, dann verschwände es.

Da Großbritannien nur einen Anteil von zwei Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung beisteuert, bleiben die Dinge im größten Teil der Welt so, wie sie bisher waren. Und somit wäre der harte Brexit für eine diversifizierte, auf lange Sicht ausgerichtete Vermögensanlage nicht von grundlegender Bedeutung. Die Marktreaktionen können schon nach einigen Wochen wieder korrigiert sein.

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