Renten Gap – das sollten Sie wissen

In Deutschland erhalten Frauen im Schnitt nur halb so hohe Rentenzahlungen wie Männer

Der sogenannte Renten Gap, also die Rentenlücke zwischen Frauen und Männern über 65 Jahren, liegt im bundesweiten Durchschnitt bei 53 Prozent. Wir erklären, was hinter dieser Rentenlücke, dem sogenannten Renten Gap, steckt. Außerdem werfen wir einen Blick auf die Länder, in denen Männer und Frauen ein ähnliches Rentenniveau haben.

Symbolbild: Münzstapel
Prozent

So hoch ist der Renten Gap zwischen Männer und Frauen in Deutschland

Noch fehlt das Bewusstsein fürs Thema

 „Die ungleichen Einkommen von Frauen und Männern sind zum Glück inzwischen ein Thema für die Öffentlichkeit geworden. Was dieser Gender Pay Gap für die Altersvorsorge bedeutet, dafür fehlt in Deutschland hingegen noch das Bewusstsein“, sagt Dr. Gabriele Widmann.

Dabei ist der Zusammenhang eindeutig: Wer mehr verdient, zahlt mehr in die Gesetzliche Rentenversicherung ein und wird schlussendlich eine höhere Rente erhalten. Außerdem verfügen Besserverdiener über mehr Geld, das sie in die berufliche oder private Altersvorsorge stecken können. Frauen verdienten 2018 im Schnitt 21 Prozent weniger als Männer, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat.

Rund drei Viertel dieses Unterschieds beim Einkommen lassen sich dadurch erklären, dass Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten oder geringfügig beschäftigt sind als Männer, dass sie öfter in schlechter bezahlten Branchen arbeiten oder seltener Führungskräfte werden. Doch auch mit einer vergleichbaren Qualifikation oder bei einer vergleichbaren Tätigkeit verdienen Frauen in Deutschland immer noch etwa sechs Prozent weniger als Männer. Das Geschlecht führt also zu einer unterschiedlich hohen Bezahlung für die gleiche Arbeit.

Der Renten Gap ist im Westen deutlich höher als im Osten

Im Berufsleben der Rentnerinnen und Rentner von heute war die Lohnlücke zwischen Mann und Frau sogar noch größer. Hinzu kommt, dass vor allem in Westdeutschland das Modell des männlichen Familienernährers verbreitet war. Dort sind Frauen erst in den vergangenen Jahrzehnten stärker ins Berufsleben eingestiegen, während in Ostdeutschland Frauen traditionell weit häufiger erwerbstätig sind.

Die Folge für die aktuellen Renten beschreibt ein Report der Hans-Böckler-Stiftung: 2015 lag der Renten Gap in Westdeutschland bei 58 Prozent, in Ostdeutschland bei 28 Prozent.

„Wer in einer Partnerschaft lebt, findet Einkommensunterschiede zwischen Mann und Frau oft nicht so wichtig, weil der Lebensstandard von der Summe aller Einkünfte in einem Haushalt abhängt“, erklärt Frau Dr. Widmann. „Wichtig werden niedrigere Gehälter und Renten von Frauen oft erst dann, wenn die Beziehung auseinandergeht.“ 

Wie wird der Renten Gap berechnet?

Um den Renten Gap zu berechnen, setzt man die persönlichen Alterssicherungseinkommen aller Frauen in einer Region oder in einer Altersgruppe zu denen aller Männer derselben Region oder derselben Altersgruppe in Beziehung. Die relative Differenz wird als Prozentzahl angegeben. 

In Deutschland fließen neben den Bezügen aus der Gesetzlichen Rentenversicherung in der Regel auch Einkünfte aus Betriebsrenten und der Privaten Vorsorge in die Berechnung ein.

Illustration: Rechner

Die Erwerbsbiografien von Männern werden unsteter

Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin zeigt: In den nächsten Jahrzehnten wird der Renten Gap kleiner werden. Bei Frauen und Männern, die zwischen 1966 und 1970 geboren wurden, wird der Renten Gap etwa 15 Prozentpunkte geringer ausfallen als bei Frauen und Männern der Kriegsgeneration (Jahrgang 1936 bis 1945).

Es gibt jedoch ein großes Aber: Die Lücke wird den Forschern zufolge nicht nur dadurch kleiner, dass Frauen höhere Renten erhalten, sondern auch dadurch, dass Männer niedrigere Renten ausgezahlt bekommen.

„Mitverantwortlich für diesen Trend sind häufigere Erwerbsunterbrechungen mit längeren Phasen von Arbeitslosigkeit, längeren Ausbildungszeiten sowie die zunehmende Bedeutung von Teilzeittätigkeit“, beschreibt der DIW-Bericht die Situation der jüngeren Männer.

Bei Frauen im Osten zeigt sich der Studie zufolge eine Annäherung an die Erwerbsmuster im Westen, da auch sie mittlerweile häufiger in Teilzeit arbeiten, um Beruf und Kinderbetreuung zu vereinbaren. Damit sinken ihre Ansprüche an die Gesetzliche Rentenversicherung.


EU-Vergleich: In Deutschland ist der Renten Gap am größten

Im EU-Vergleich landen wir bei der Rentengleichheit gemeinsam mit Luxemburg auf dem letzten Platz. Und das, obwohl die Studie des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE) nicht einmal von 53 Prozent ausgeht, sondern mit einem Wert von 45 Prozent rechnet. Nirgendwo sonst ist diese Lücke größer.

Den mit fünf Prozent kleinsten Renten Gap hat Estland. Dänemark liegt mit acht Prozent auf Platz zwei. Auch wenn die Lücke dort viel kleiner ist als in Deutschland: Auch estnische und dänische Frauen erhalten also geringere Renten als ihre Landsmänner. Rentengleichheit herrscht in Europa nirgendwo.

Im europaweiten Durchschnitt beträgt der Renten Gap übrigens 38 Prozent. Das bedeutet auch, dass EU-Bürgerinnen grundsätzlich stärker von Altersarmut bedroht sind als EU-Bürger.

Illustration: Europavergleich Renten Gap

Estinnen waren häufiger berufstätig als westdeutsche Frauen

Schauen wir zunächst nach Estland: Dort waren Frauen, die heute Rente beziehen, überwiegend in Vollzeit beschäftigt – so wie es auch in anderen osteuropäischen Ländern und im Osten Deutschlands üblich war. In Westdeutschland hingegen war das Modell des männlichen Familienernährers und der nichtberufstätigen Hausfrau weit verbreitet – mit der Folge, dass die Rentenansprüche von Frauen in den alten Bundesländern heute deutlich geringer ausfallen.

Was beim Vergleich von Deutschland und Estland jedoch grundsätzlich nicht außer Acht gelassen werden darf: Das Rentenniveau in Estland ist bereits im Durchschnitt viel niedriger als das in Deutschland. Zahlen aus dem Jahr 2012: Die durchschnittliche Rente von estnischen Frauen lag bei 316 Euro, die von estnischen Männer bei 332 Euro. In Deutschland bezogen Rentnerinnen im Schnitt 1.035 Euro und Rentner 1.871 Euro.

Die Dänen erhalten eine steuerfinanzierte Basisrente

Ganz anders in Dänemark: Hier erhielten im Jahr 2012 Frauen 1.962 Euro und Männer 2.126 Euro. Damit liegen nicht nur die Rentenzahlungen höher als in Deutschland, sondern auch Frauen und Männer näher beieinander. Das war nicht immer so. Die Dänen reduzierten ihren Renten Gap jedoch zwischen 2010 und 2012 von 19 auf acht Prozent. Sie hoben die Renten für Frauen um 17 Prozent an und senkten die der Männer um durchschnittlich drei Prozent.

Diese Anpassung war auch deshalb möglich, weil das Rentensystem in Dänemark anders funktioniert als in Deutschland: Dort gibt es eine steuerfinanzierte Basisrente für alle, die nur davon abhängt, wie lange jemand schon im Land lebt, nicht aber von der Höhe seines oder ihres Einkommens. Weitere Bausteine, wie eine verpflichtende Betriebsrente ab einem gewissen Einkommen und Steuervorteile für die private Vorsorge, kommen hinzu.

Illustration: Liegestuhl

Frauen sollten bei der Vorsorge an sich denken

Auch wenn inzwischen immer mehr Frauen erwerbstätig sind und damit höhere Rentenansprüche erwerben, rät Deka-Volkswirtin Dr. Gabriele Widmann: „Frauen jeden Alters sollten sich unbedingt mit dem Thema Vorsorge auseinandersetzen“. Die Expertin empfiehlt jeder Frau, ob Single oder in einer Partnerschaft, sich um die eigene Altersvorsorge zu kümmern, damit keine Versorgungslücke entsteht. „Viele Frauen neigen dazu, zuerst für alle anderen zu sorgen, bevor sie an sich denken. Auf dem Gebiet der Altersvorsorge rate ich zu einer gesunden Portion Egoismus, um die persönliche Zukunft abzusichern.“

Bei der gesetzlichen Rente werden Kindererziehungszeiten inzwischen berücksichtigt. Das verringert den Renten Gap jedoch kaum. Zum einen, weil viele Mütter länger im Beruf aussetzen, als es die zusätzlichen Rentenpunkte ausgleichen könnten. Und zum anderen zahlen die Väter, die während dieser Zeit arbeiten, ja auch weiter in die Rentenversicherung ein. Der Abstand zwischen den Partnern wird also dadurch nicht kleiner.

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