Wohnen 4.0: Form folgt Funktion

Das Bauhaus als Baustein der Zukunft

Wohnraum in den Städten wird überall auf der Welt knapper, die Preise steigen. Die Gesellschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Die Situation erinnert an die Zeit vor einhundert Jahren, als die Bauhaus-Bewegung das Wohnen revolutionierte. Die Kunstmuseen Krefeld und das Bauhaus-Museum Weimar befassen sich in neuen Ausstellungen mit diesem Thema. Eine der Kernaussagen: Die Ideen der damaligen Vordenker können heute wieder Vorbild für ein neues Wohnen sein.

Vor einhundert Jahren entstand im idyllischen Weimar eine radikale künstlerische Utopie: das Bauhaus. Radikal deswegen, weil sie auf damals einzigartig experimentelle Art Kunst, Gestaltung, Handwerk und Architektur miteinander verband.

Professoren und Studierende diskutierten gemeinsam darüber, wie Menschen in einer modernen und sozialen Welt leben können.

Haus Esters, Krefeld Gartentür (von außen, Detail) - Foto: Volker Döhne

Furcht und Faszination

„Die Welt jener Zeit durchlief einen drastischen Wandel“, erklärt Katia Baudin, Direktorin der Kunstmuseen Krefeld. Sie beherbergen die beiden Bauhaus-Villen Haus Lange und Haus Esters. Anfang Mai hat dort anlässlich des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums die Ausstellung Anders Wohnen eröffnet.

„Nach dem Ersten Weltkrieg stellten die Menschen ihre Vergangenheit in Frage, suchten Lösungen für die Zukunft – und begegneten den neuen Entwicklungen mit einer Mischung aus Furcht und Faszination. Allen voran der Maschine.“

Die Protagonisten der Bauhaus-Bewegung griffen diese Situation auf: „Sie stellten die Maschine in den Dienst der Menschen“, so die Direktorin. „Es sollten Objekte realisiert werden, die durch industrielle Herstellung nicht nur der Elite vorbehalten waren, sondern den Alltag aller Bürger bereicherten – aber dennoch ästhetisch und aus hochwertigen Materialien wie Glas, Metall, Textilien und Töpferton.“

Licht, Luft und Rationalität

Walter Gropius, Mies van der Rohe, Marcel Breuer und Marianne Brandt gestalteten Gebäude und Objekte entsprechend ihrer Funktion mittels einfacher, aber eleganter Formen. „Ornamente galten als Verbrechen“, betont Katia Baudin. „Vor diesem Hintergrund entstand auch das Bauhaus-Grundprinzip: Die Form folgt der Funktion.“

Die Zimmer wurden kleiner, aber die Fenster größer, Tapeten und Vorhänge verschwanden. Alles wurde heller, praktischer und orientierte sich an den Bedürfnissen der Menschen. Durch den Einsatz edler Materialien war das neue Wohnen sinnlich. Aber der Anspruch, mit dem Zuhause gesellschaftlichen Status zu repräsentieren, verschwand.

Mies van der Rohe während der Arbeit am Haus Esters, ca. 1927/28 - (c) VG Bild-Kunst Bonn, 2019

Haus Lange und Haus Esters

Diese Aspekte zeigen sich sehr anschaulich in Haus Esters und Haus Lange in Krefeld. Das Ensemble gilt als beispielhaft für das Bauhaus: „Stararchitekt Mies van der Rohe hatte die benachbarten Gebäude entworfen. Sie zeugen von seiner Bestrebung, eine neue Raumauffassung mit der Alltagstauglichkeit von Wohnhäusern zu vereinen. Klare rechtwinklige Formen treffen dabei auf offene Raumfolgen und große Fenster, die das Innere mit den Gartenanlagen verbinden – so können sie zu Recht als Ikonen des Neuen Bauens bezeichnet werden“, so die Direktorin der Kunstmuseen Krefeld.

Zahlreiche Stahlträger unterstützen die Konstruktion der Villen, die äußeren Backsteine haben keine tragende Funktion. So gab das Stahlträgergerüst dem Architekten die Möglichkeit, Wände relativ frei zu setzen und große Fensteröffnungen zu schaffen. Van der Rohe war selbst gelernter Maurer, und die Außenfassade nimmt Bezug auf das traditionelle Handwerk.

Jedes Schlafzimmer hat ein eigenes Badezimmer. „Selbst die Kinderzimmer“, betont die Direktorin. „Dieser Hygieneaspekt war neu und ein wesentlicher Fortschritt jener Zeit.“

Renaissance von Furcht und Faszination

Die Situation heute ist in vielfacher Hinsicht vergleichbar mit der vor einhundert Jahren: Die Menschen haben zwar ein Dach über dem Kopf. Dennoch fragen sich viele, wie sie in Zukunft leben wollen und können. Denn Wohnraum wird immer teurer und knapper.

Während 1950 rund 25 Prozent der weltweiten Bevölkerung in Großstädten lebten, wird dieser Prozentsatz nach Schätzung der Vereinten Nationen bis 2050 auf 70 Prozent anwachsen. Das sind 6,4 Milliarden Menschen. Architekten, Zukunftsforscher und Stadtplaner sind sich einig: Landflucht, Digitalisierung und Globalisierung werden das Leben der Zukunft prägen.

So wie die Maschine vor einhundert Jahren Furcht und Faszination auslöste, gilt das heute vor allem für die Digitalisierung. Einerseits nutzen die Menschen sie begeistert. Andererseits haben viele von ihnen Angst, dass die Neuerungen ihnen die Arbeit streitig machen. So erlebt die Mischung aus Furcht und Faszination des frühen 20. Jahrhunderts eine Renaissance.

Bauhaus 4.0

Haus Lange, Krefeld, Esszimmer - Foto: Volker Döhne, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Auf der Suche nach Lösungen bietet sich daher der Blick zurück in die Vergangenheit an. „Vom Bauhaus zu lernen heißt zwar nicht, die Bauhaus-Formen zu kopieren“, betont Baudin. „Aber so wie die Protagonisten des Bauhauses vor einhundert Jahren auf die gesellschaftlichen Entwicklungen reagierten, empfiehlt es sich auch heute wieder.“

Die Gebäude orientierten sich damals an einem Gesellschaftssystem, das auf der traditionellen Familie basierte: Eltern, Kinder und Großeltern lebten oft ein Leben lang zusammen in derselben Wohnung. Dieses Modell ist überholt. Heute leben viele Menschen allein, die Familie besteht maximal aus Eltern und Kindern. Die wenigsten verbringen ihr ganzes Leben in nur einer Wohnung. Umzüge gehören zur Biografie des modernen Menschen.

Es ist wichtig, dieser Mobilität gerecht zu werden: „Die Anzahl der Arbeitsnomaden hat sich vervielfacht“, so Katia Baudin. „Spannend sind daher die Wohnmodelle, die ihnen die Chance auf ein Zuhause ganz ihrem Lebensstil entsprechend bieten, im Idealfall aus nachhaltigen Ressourcen.“ Auch hierbei sollte die Form der Funktionalität folgen.

Anders Wohnen und Der neue Alltag

Das thematisiert auch das Bauhaus-Museum Weimar: Dort haben sich die Sparkasse Mittelthüringen, die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und die SV SparkassenVersicherung im Rahmen der Eröffnung die Einrichtung des neuen Ausstellungskapitels Der neue Alltag engagiert. Dies bezieht auch das Haus am Horn ein, das erste Gebäude im Bauhausstil.

Die Ausstellung Anders Wohnen, die die Kunstmuseen Krefeld anlässlich des Bauhaus-Jubiläums initiiert haben, hat die Frage nach dem Wohnen der Zukunft aufgegriffen. Internationale Künstler, Architekten und Designer haben dazu neue Werke geschaffen.

„Mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen haben sie alternative, teils utopische, teils dystopische Wohn- und Lebensmodelle entwickelt“, so Katia Baudin. „Unsere Gesellschaft bietet reichlich Nahrung für eine kritisch-reflektierende Haltung: von der Ausbeutung der Ressourcen über den Klimawandel bis hin zu Überbevölkerung, Wohnungsnot und Digitalisierung.“

Möglich wurde diese Ausstellung durch die Sparkassen-Kulturstiftung Krefeld und die Sparkassen-Kulturstiftung Rheinland. „Die beiden Stiftungen haben das Programm Anders Wohnen wesentlich unterstützt. So können wir mit Kunstschaffenden aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA und Brasilien zusammenarbeiten.“

Diese Bandbreite ermöglicht, alle Bürgerinnen und Bürger anzusprechen. „Das war unsere Absicht. Nur so werden wir diesem Thema gerecht“, betont die Direktorin. „Denn das Wohnen von Morgen geht alle Menschen an.“

„Stadt, Land, Haus – So wohnen wir morgen“

Neue Wohnmodelle wie Mehrgenerationenhäuser, Passivhäuser und kooperatives Bauen interessieren Sie? Dann schauen Sie sich doch die Ergebnisse des Workshops „Stadt, Land, Haus – So wohnen wir morgen“ vom Sparkassentag 2019 in Hamburg an.

Dort haben Expertinnen und Experten über die Herkulesaufgabe für Kommunen und Sparkassen gesprochen und spannende Lösungen diskutiert.

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